Archiv für Juni 2010

Metropolis – die Rehabilitation eines deutschen Propagandastreifens

Wenn in Deutschland ein kulturelles Großereignis ansteht, das Alt und Jung, Links und Rechts, sowie Oben und Unten hinter sich bringt, dann ist da etwas faul. Und einer langen Suche bedarf es beim „Jahrhundertfilm“ Metropolis wenig. Die Drehbuchautorin Thea von Harbou hat für ihre Arbeiten während der NS-Herrschaft stets das Prädikat „Staatspolitisch und künstlerisch wertvoll“ erhalten. Goebbels wollte den Regisseur Fritz Lang zum Leiter des Deutschen Films machen, traf er doch schon mit seiner Nibelungen Saga Verfilmung exakt den Geschmack des Propagandamininsters. Lang lehnte zwar ab, aber überrascht hat ihn das Angebot sicher nicht. Auch mit „Metropolis“ haben Harbou und Lang einen Film abgeliefert, der sich perfekt in nationalsozialistische Propaganda einpassen lässt. Wenn es sich nicht gar um einen Film vor seiner Zeit handelt.

Der Jude Rotwang
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Finkelstein sagt Deutschlandreise ab

Der amerikanische Autor G. Finkelstein, bekannt durch seine Werke „Die Holocaust Industrie“ und „Antisemitismus als politische Waffe“, ist beliebt bei Neo-Nazis und anderen antisemitischen Gruppen. Diese Woche sollte er Prag, München, Berlin und Kosice besuchen um seinen Vortrag: „Ein Jahr nach dem israelischen Überfall auf Gaza – die Verantwortung der deutschen Regierung an der fortgesetzten Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung“ vorzustellen.

Finkelstein Europa Tour

Nachdem die Trinitatis-Kirche in Berlin über den Charakter der anstehende Veranstaltung in ihrem Hause aufgeklärt wurde, sagte sie ab. Den Veranstaltern wurden ersatzweise Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung versprochen, aber auch diese lud Finkelstein wieder aus. Daraufhin bot die „Junge Welt“ Räume an.

In Kosice (Slowenien) stellte sich heraus, dass die Einlader einem Kreis handfester Neo-Nazis angehören und Finkelstein stornierte seinen Auftritt selbst. Das wusste man in München für sich zu nutzen. Die Gruppe „Salam Shalom“ buchte Finkelstein daraufhin gleich für zwei Tage, den 24. und 25. Februar. Doch auch in München konnten die Betreiber der Veranstaltungsorte über ihren kommenden Gast in Kenntnis gesetzt werden. Sowohl das Kulturhaus Milbertshofen, als auch das Amerika-Haus chancelten kurzfristig ihre Zusage. Schlussendlich hatte Finkelstein selbst genug und stornierte seinen Flug nach Deutschland.

[Nachtrag] Aktivisten vom Münchner Friedensbündnis ließen es sich aber nicht nehmen, den Finkelstein-Vortrag in Prag mitzuschneiden und am 29.04.2010 im „Eine Welt Haus“ aufzuführen.

Die Stadt zeigt Ilan Pappé die rote Karte

Die Protagonisten um Eckhard Lenner und Christoph Steinbrink haben es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, der „Israel-Lobby“ und einer halluzinierten „Medienverschwörung“ die „Wahrheit“ entgegenzuhalten. Diese, ihre „Wahrheit“, ist schnell zusammengefasst: Israel ist ein Völkermörder, Kriegstreiber, Weltvergifter, und Israels Genese folgte einem strengen Vernichtungs- und Vertreibungsplan, der bis ins Heute hinein nachwirkt, über den man aber eben – vor allem als Deutscher – zu schweigen hat.

Steinbrink ist aber guten Mutes, denn, so Steinbrink, trotz des Antisemitismusvorwurfs entscheiden sich „immer mehr Deutsche“ nicht zu schweigen. Charlotte Knobloch entschied sich ebenso nicht zu schweigen und prüfte schon 2002, ob die Summe der antisemitischen Ausfälle Steinbrinks den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllen könnte. Sein Mitstreiter, Lenner, steht ihm dabei in Nichts nach. Erst vor einigen Wochen zog Lenner auf einer Parteiveranstaltung von DIE.LINKE mit Norman Paech vom Leder. Die Deutschen hätten die „israelische Sichtweise“ mit der Muttermilch aufgesogen, und „der Müll“ müsse wieder aus den Köpfen. Israel sei „wirklich das ganz Andere und Fremde“ und es könne erst Frieden sein, wenn es keinen Zionismus mehr gäbe.

Steinbrink und Lenner sind treibende Kräfte des Arbeitskreises „Salam Shalom – Arbeitskreis Palästina/Israel“. Die Rezeptur der Veranstaltungen des entschlossenen Duos ist immer ähnlich. Es werden möglichst radikale Antizionisten als Redner geladen, vorzugsweise Juden, keine Gegenstimmen, und die Mitglieder von „Salam Shalom“ hetzen das Publikum vom Zuschauerraum aus gegen Israel auf. Die Grenzen vom verdeckten zum offenen Antisemitismus überspringen die Agitatoren dabei mühelos.

Am Wochenende vom 23. bis 25.10 terminierte „Salam Shalom“ erneut eine Veranstaltung. Der Titel „Israel Mythos und Wirklichkeit“ versprach zumindest, dem Wortlaut nach, eine differenzierte Betrachtung. Doch schon ein Blick auf die Gästeliste ließ diese Hoffnungen wieder schwinden: Ilan Pappe und keine Gegenstimme. Ilan Pappe zählt zum Umfeld der Neuen israelischen Historiker. Sein radikales Verhältnis zu Fakten, nämlich aus wenigen Fakten viele (immer einseitige) Interpretation abzuleiten, hat ihn schon für die Universität Haifa schwer tragbar gemacht. Man legte Ilan Pappe den Rücktritt nahe. Dem Arbeitskreis „Salam Shalom“ hingegen kommt Ilan Pappes Buch, Die ethnische Säuberung Palästinas, gerade recht. Das wäre bis dahin, der Rezeptur nach, business as usual. Doch mit der Erlaubnis, diese Veranstaltung im Pädagogischen Institut des Schul- und Kultusreferats der Landeshauptstadt München abzuhalten, ist der Gruppe ein großer Wurf gelungen. Dieser offizielle Rahmen impliziert, es handle sich um eine von Objektivität geprägte Zusammenkunft, die gar einer Schulveranstaltung entsprechen könnte.

Der Plan ging aber nicht auf. Das Schulreferat verwehrte „Salam Shalom“ in letzter Minute den Zugang in die städtischen Räumlichkeiten. Die Referats-Sprecherin Eva-Maria Volland erklärte gegenüber dem Münchner Merkur, man habe „Informationen bekommen, die Sicherheitsbedenken ausgelöst“ hätten. Das Pädagogische Institut sei ein „besonders sensibler Ort“. Für diese Sensibilität könnte unter anderem auch die „Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG München“ gesorgt haben. Der stellvertretende Vorsitzende, Stefan Stautner, verfasste Dienstag Nacht nämlich ein E-Mail an etliche Stadträte. Die „Deutsch-Israelische Gesellschaft“ befürchtete nicht unbegründet, dass von Seiten der Veranstalter „keine Objektivität zu erwarten“ sei. Die Veranstalter erhielten einen Platzverweis und zogen in die Räume der „InitiativGruppe“ in der Karlstraße um.

Pulverfass München-West

Selbst innerhalb der Linkspartei gilt Norman Paech als umstritten. Das liegt daran, weil der außenpolitische Sprecher sich traut,„unangenehme Wahrheiten” auszusprechen. Auf der parlamentarischen Bühne wird der Israelhasser zukünftig zwar seltener zu sehen sein, aber auf Parteiveranstaltungen nimmt Paech nach wie vor den Mund voll.

Die Linkspartei München-West-Mitte hat am 03. September geladen. Thema: “Pulverfass Nahost – wie ist Frieden möglich?” Am Eingang prangt ein Schild, das wissen lässt: “Rassisten und Antisemiten sind hier nicht willkommen”. Denn gegen Juden haben die Genossen nichts. Als Ausdruck dessen gibt “Michaela” zur Begrüßung den jüdischen Hit “Masel tov” auf dem Akkordeon zum besten.

Der erste Referent ist Rolf-Henning Hintze

Nicole Gohlke ist auf Platz 5 der Wahlkreisliste und moderiert den Abend. Das Thema Nahost sei zwar im Wahlkampf kein “typisches Thema”, aber “letztendlich immer virulent”, so die Kommunikationswissenschaftlerin. Der erste Referent, Rolf-Henning Hintze, kommt ohne Umwege zur Sache. Der Journalist eröffnet sein Referat mit der Klage, man könne in Deutschland nicht so schreiben, wie man wolle, obwohl die Deutschen doch “gerade aufgrund ihrer Geschichte” die Pflicht hätten, “bei Verletzung von Menschenrechten” diese “schlimmen Dinge auf die Tagesordnung” zu bringen. Das sagt Hintze mit einer Selbstverständlichkeit, so als ob doch jeder wisse, dass der Vergewaltiger, im weiteren Fortgang, der beste Erzieher seiner Opfer sei. Hintze lobt Angela Merkel, die Siedlungspolitik Israels kritisiert zu haben, findet es aber “deprimierend”, dass die Kanzlerin dies erst im Kielwasser Obamas gewagt habe. Die Israelis sollten Wiedergutmachungszahlungen leisten, für die internationalen Einrichtungen, die sie in Gaza zerstört haben. Wenn Israel so weitermache, zitiert Hintze das Mitglied einer “Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe”, wird es Israel in 50 Jahren nicht mehr geben. “Sehr gut, sehr gut” tönt es aus dem Publikum. Hinze fährt mit einem Boykottaufruf israelischer Produkte fort.

Here he comes, Norman the German

Norman Paech schickt seinem Vortrag einen Lobgesang auf Bayern voraus und wünscht allen Gästen guten Appetit bei Bier und Steak. Das kommt an. Seiner Lieblings-Disziplin, dem Israel-Bashing, oder wie er es nennt, dem “Israelproblem”, nähert er sich langsam aber bestimmt. Zuvor nennt er Afghanistan das neue Vietnam, Obama “eingekauft” und die Bundesregierung auf einer “Schleimspur” unterwegs. Paech ist geübt darin, Fettnäpfchen zu umschiffen. Er hangelt sich von einem Zitat zum nächsten, immer im Schutze der Urheber.

Rothschilds koloniale Republik

Es folgt ein “historischer Exkurs” zum Zionismus, ein “kolonialer Auswuchs”, den kein Geringerer als Rothschild himself zu verantworten habe. Laut Paech befürchtete Rothschild, dass die gelungende Assimilation der Juden in Frankreich durch flüchtende Juden aus Russland gefährdet gewesen sei. Rothschild kaufte Land in Palästina, die dortige Bevölkerung wurde vertrieben und damit, das weiß Paech, begann “die Eingrabung der israelisch-jüdischen Gesellschaft in fremdes Gelände” und auch “der Widerstand”. Einmal in Fahrt ist der Israel-Hasser dann nicht mehr aufzuhalten und gewährt tiefe Einblicke. Die Tunnel zwischen Gaza und Ägypten, beispielsweise, seien entgegen der “Propaganda”, “im Wesentlichen dafür da”, nötiges Essen nach Gaza zu schmuggeln.

Raketen auf Israel sind “kontraproduktiv”

Die Raketen auf Israel nennt Paech “kontraproduktiv”, aber immerhin “Widerstand”, dessen Verantwortung Peach gänzlich den Israelis, bzw. den jüdischen Israelis anlastet. Die Palästinenser seien, so zitiert er wieder, die “Verdammten dieser Erde”, “Ohnmächtige”, die “in eine Situation manövriert wurden”, die sie dazu zwinge sich selbst umzubringen. Um den Begriff “ethnische Säuberung” kommt Paech nicht herum. Damit ist die Täter-Opfer-Umkehr dann perfekt. Antisemitismus 2.0: Lauter Applaus.

Paech äußert mit gespielter Verzweiflung den Wunsch, über Ahmadinedschad auch einmal sprechen “zu dürfen”, ohne vorweg erwähnen “zu müssen”, dass Ahmadinedschad ein “Antisemit” sei. Er möchte nicht immer “den Kopf in den Topf” stecken bevor er aufs Völkerrecht zu sprechen komme. Das Völkerrecht sei nämlich als “einzige Moral” an die Stelle der “ominösen internationalen Morale” (sic) getreten. Er könnte nicht an “jeden Stammtisch gehen, um dessen Moral zu diskutieren” wo doch die Staaten ihre eigenen “Geschichten und Ideologien” hätten. Selbstredend spricht sich Paech auch gegen Sanktionen gegen Iran aus, da “der Iran keine Bananenrepublik” sei.

Das Volk kommt zu Wort – Eckhard Lenner von Salam Shalom

Umso später der Abend umso unverhohlener die Parolen. Zeit für den Genossen “Eckhart”. Der Mann mit dem Infostand tritt ans Mikrophon und fordert lautstark eine “Gegenöffentlichkeit” zu schaffen. Die “Wahrheit soll sich verbreiten”, auch wenn “Zentralrat und die ganze Lobby alles dafür tut, dass da nix anbrennt”. Die Deutschen hätten – nicht etwa den Antisemitismus sondern – die “israelische Sichtweise, gewissermaßen mit der Muttermilch” aufgenommen. Wir sollten uns anstrengen, diesen “Müll aus unseren Köpfen heraus zu kriegen”. Großer Applaus. “Wer wirklich wissen will, wie es zum Holocaust gekommen ist … das fängt nicht erst 1940 an”, deutet “Eckhart” nebulös an. “Denn Faschismus fällt nicht vom Himmel” geht es nicht weniger nebulös weiter. Nur weil die Deutschen ein “verheerendes Stück abgeliefert” hätten, dürften sie heute “gegen Israel” nix sagen, echauffiert sich der Genosse und ist selbst der beste Beweis dafür, dass man gegen Israel wohl alles sagen kann, und dafür nicht einmal rot anlaufen muss. Weiter schwadroniert “Eckhart” von den “Apologeten Israels”, und dass erst Frieden sein werde, wenn es keinen Zionismus mehr gäbe. Großer Applaus. “Israel ist nicht wie wir. Das ist wirklich das ganz Andere, Fremde”.

Wie stark sind die Antideutschen?

Die harten Brocken reissen nicht ab. Ein “Gründer” der bereits erwähnten “Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe” meldet sich zu Wort und startet gleich zu Beginn mit dem alten Witz, warum Israel nicht in Deutschland gründen? Das fragt er aber gar nicht scherzhaft. Allein das Klima in diesem Raum, “Zum goldenen Hirschen”, ist ihm scheinbar nicht Antwort genug. “Warum müssen wir Palästinenser den jüdischen Staat dulden?” fragt der “Friedensaktivist” wieder und wieder. “Leben Sie einmal ein halbes Jahr im Gaza Streifen, Sie werden auch Lust bekommen, Bomben zu werfen”. Abschließend richtet er an Paech die Frage, wie stark “die Antideutschen” in der Linkspartei denn aufgestellt seien. “Wenn Sie mir versichern, dass die Antideutschen kein Gewicht haben, werde ich die Linke wählen”. Er habe nämlich, so der Nachsatz, “keine Lust, Faschisten zu wählen”. Aha. Lust, Bomben auf Juden zu werfen kann man schon kriegen, aber um sich Kritik am eigenen Jargon anzuhören, da ist die “Lust” dann nicht so groß.

In diesem Stile geht es munter weiter. Für die BDS-Kampagne (Boykott, Investitionsstop, Sanktionen) wird geworben, das Magazin “Semit” hochgehalten und gegen “Berufsjuden” gewettert. “Israel vergiftet die Welt und alles fällt auf uns zurück”, mahnt ein Vorstand des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ im Stile Treitschkes (“die Juden sind unser Unglück”). “Warum tun wir nichts?” fragt er – “Beiß-Hemmung!” – schreit es aus dem Publikum.

Showdown und Resümee

Paech beantwortet alle Fragen, umrandet mit seinem Altherren-Humor und gibt den Affen Zucker. Paech schließt mit einem Sprüchlein ab: “Sei kühl wie eine Gurke und ziehe nicht am Schwanz des Löwen, wenn er schläft”. Großes Hahaha. Das ist genau das Niveau, das der Herren-Runde im “Goldenen Hirschen” gut in den Kram passt. Die Veranstaltung “Pulverfass Nahost – wie ist Frieden möglich?” mit Norman Paech zeigt sich als Messestand des modernen Antisemitismus und linker Kleinbürgerlichkeit. Das ist keine Überraschung. Schon aber, dass die Kritik daran so leise ausfällt.

50 Jahre Treitschkestraße

Im 19. Jahrhundert begann für die europäischen Juden eine vergleichsweise gute Zeit. Zumindest hatten sie durch die jüdische Emanzipation die Bürgerrechte erlangt und damit bessere Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch auch diese Phase war von krassen Rückschlägen gekennzeichnet. Bei den „Hep Hep“ Pogromen von 1819 kam es in zahlreichen Städten zu folgenschweren Übergriffen auf Juden und ihr Eigentum. Auch die Wirren der Revolution von 1848/49 waren Antisemiten ein willkommener Anlass, ihre Gesinnung in die Tat umzusetzen. Ab den 70er Jahren erstarkte dann im kleinbürgerlichen Lager erneut eine antisemitische Bewegung, die sich gegen die jüdische Emanzipation richtete. Herausragend war der Einfluss des Hofpredigers Adolf Stoecker. Der Theologe hetzte mit Petitionen, Magazinen und flammenden Reden den kleinbürgerlichen Mittelstand gegen die Juden auf. Der Journalist Wilhelm Marr gründete 1879 die „Antisemitenliga“. Das akademische und politische Milieu hingegen versuchte von erklärten Antisemiten mehrheitlich Abstand zu halten. In einer Reihe mit Marr und Stoecker, wollte man sich nicht sehen.

Treitschkestraße in Moosach

„Die Juden sind unser Unglück“

Gerade deshalb provozierte Treitschkes Schrift „Unsere Aussichten“ (1879) eine heftige Kontroverse. Treitschke war ein prominenter Historiker, Abgeordneter des Reichstages und sicher keine Person, die zu den antisemitischen Stammtischlern und religiösen Eiferern zählte. In „Unsere Aussichten“ jedoch umschreibt Treitschke die antisemitische Bewegung ausgesprochen blumig, als eine „wunderbare, mächtige Erregung“, in den „Tiefen unseres Volkslebens“, die sich „gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters“ richte. Der „Instinkt der Massen“ habe im Juden eine „schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt“. Treitschke versichert den möglichen Bedenkenträgern unter den Lesern zuvorkommend, die antisemitische Agitation sei heute gewiss nicht „hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1818“, sondern eine „natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat“. Vertreter unterschiedlichster Couleur, „bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf“ tönten heute wie aus einem Munde: „die Juden sind unser Unglück“.

Der „Berliner Antisemitismusstreit“

Die höchsten Kreise der Bildung, vor allem die Juden unter ihnen, reagierten prompt. In zahlreichen Zeitschriften erschienen Verrisse vom Text „Unsere Aussichten“ und das akademische Milieu veröffentlichte Gegendarstellungen. Eine weitreichende Maßnahme war die Erklärung gegen Antisemitismus, die von 75 Vertretern des politischen, wirtschaftlichen und akademischen Berlins unterzeichnet wurde (u.a. Oberbürgermeister Forckenbeck, Werner von Siemens, Max Weber Senior). Treitschke erreichten dutzende Beschwerdebriefe. Um mit seinen Worten zu sprechen: „Das ganze Füllhorn deutscher Entrüstungssuperlative wurde über mich hinab geschüttet“.

Vater des modernen Antisemitismus

Die Einschätzung Treitschkes, dass man ihn nicht mit „den beliebten Schlagworten ‘unduldsamer Pfaff’ oder ‘der Jude wird verbrannt’ abfertigen“ könne, sollte sich leider als richtig erweisen. Treitschke genoss die Rolle des Tabubrechers sichtlich. Und Antisemiten konnten mit seiner Person auf einen prominenten Fürsprecher im bürgerlichen Lager verweisen. Vertreter unterschiedlichster Fraktionen erkannten diese Gefahr ohne Mühe. Der Freihändler Oppenheim stellte schnell fest, nur die „vornehmere Motivierung“ unterscheide Treitschke von radikalen Antisemiten. Der konservative Historiker Breßlau warf Treitschke gar vor „das Böse zu schaffen“. Der Theologe Classen hieß Treitschkes Thesen weitsichtig „die Feuerzünder von jeglichem Fanatismus, der sich heute gegen Juden, morgen auf andere Gesellschaftsklassen, bald auf die Kirche und den Staat werfen kann“. Der damalige Althistoriker Theodor Mommsen – der erste Deutsche mit Literaturnobelpreis übrigens – nannte Treitschkes Schriften das „Evangelium der Intoleranz“, das den „Kappzaum der Scham“ von der antisemitischen Bewegung genommen habe und „jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum“. Mommsen brachte die Sache auf den Punkt: „Treitschke ist der Vater des modernen Antisemitismus“.

Held der Nationalsozialisten

Die Antisemiten teilten Mommsens Einschätzung. Lehnhardts merkte in seinem Werk zur antisemitischen Bewegung (1884) volles Lob an, Treitschkes Schrift sei die „Proklamierung der Salonfähigkeit des Antisemitismus“ gewesen. Auszeichnungen dieser Art rissen unter den Nationalsozialisten – wie man sich denken kann – nicht ab. In der Treitschke-Biographie aus dem Jahre 1935 werden Treitschke und Stoecker als „die beiden Männer“ beschrieben, die „entscheidend für den Fortgang der antisemitischen Bewegung“ wurden, weil sie im „Brennpunkt des Kampfes“ standen. Treitschke stieg zum Helden der Nationalsozialisten auf und erlebte unter ihnen post mortem eine publizistische Renaissance. Nicht nur seine politischen Aufsätze, auch sein Hauptwerk, „Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ wurde von der „Reichstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ in die Liste der „100 wichtigsten Schriften unserer Zeit“ aufgenommen. Alfred Rosenberg selbst lieferte 1933 das Vorwort und pries die Lektüre für „neue deutsche Vorbilder und Führer“ an. In Treitschkes Texten ist tatsächlich auch wenig zu finden, was einem Nationalsozialisten den Tag vergählen könnte, hingegen umso mehr, was den Nazis als Begründung ihrer Politik dienlich war. Ein Beispiel aus dem Aufsatz Treitschkes zum „Deutschen Ordensland Preußen“:

„Bei dem unseligen Zusammenprallen tödlich verfeindeter Rassen ist die blutige Wildheit eines raschen Vernichtungskrieges menschlich minder empörend als jene falsche Mildheit der Trägheit, welche die Unterworfenen im Zustande der Thierheit zurückhält, die Sieger entweder im Herzen verhärtet oder sie hinabdrückt zu der Stumpfheit der Besiegten.“

Ein Radikaler in der Mitte der Gesellschaft

In seinen Vorlesungen und Aufsätzen hetzte Treitschke nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen fast alle Länder rund ums Reich und in Reichweite. Die Deutschen verkörperten für Treitschke „das Element der Gesittung in jenem Völkerchaos“. Die „Gesittung“ müsse durch Kriege herbeigeführt werden, denn Krieg galt Treitschke „bei aller Härte und Rohheit“ auch als das „Band der Liebe zwischen den Menschen“. Ein gebildetes Volk drohe in Friedenszeiten dem Hedonismus zu verfallen. Treitschke sprach sich gegen den Freiheitsentzug und ersatzweise für die Wiedereinführung von Prügel, Pranger und Todesstrafe aus. Er war ein Rassist ersten Ranges und selbstverständlich das erste prominente Mitglied der Berliner Ortsgruppe des „Deutschen Kolonialvereins“. Carl Peters, die „blutige Hand“ der deutschen Kolonien in Afrika, war sein Schüler. Der Sozialdemokratie galt Treitschkes gesonderte Abneigung. Sie war ihm „die Eiterbeule am Laibe unseres Volkes“, die „Schule des Verbrechens“, der mit der „Sprache der Gewalt“ entgegenzutreten sei. Die Sozialdemokraten hielten von Treitschke auch nicht viel. Seine Haltung und auch seine Arbeit als Historiker war Ziel ihres Spotts. Der sozialdemokratische Historiker Mehring charakterisierte Treitschkes Hauptwerk „Die Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ so zynisch wie treffend: „Wenn d a s Bildung von Charakteren sein soll, so ist der erste beste Biertisch eine Charakterschule ersten Ranges“.

Wie kam die Treitschkestraße nach München?

Anfang des 20. Jahrhunderts und vermehrt unter den Nationalsozialisten schossen in ganz Deutschland die Treitschkestraßen aus dem Boden. Doch erst seit einigen Jahren entwickelt sich ein kritisches Verhältnis. In Nürnberg gelang es einer Parteien-Initiative in den 90er Jahren, die Treitschkestraße nach der jüdischen Sozialdemokratin Anna Steuerwald-Landmann zu benennen. Der Bezirksbeiräte in Stuttgart-Sillenbuch stimmten Ende 2009 mehrheitlich für eine Namensänderung. Im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorft streitet die SPD deswegen seit knapp einer Dekade mit der CDU. Im rot-grün regierten München aber blieb die kleine Seitenstraße mit dem prominenten Namen bislang weitestgehend unbemerkt. Das liegt vor allem daran, weil die Münchner Treitschkestraße ein spezieller Fall ist. Die Sozialdemokraten haben sie nämlich selbst mit beschlossen. Zwar wollten ihnen die Nationalsozialisten schon 1939 zuvorkommen und die Paul-Heyse-Straße am Hauptbahnhof in Treitschkestraße umtaufen. Doch das Vorhaben wurde damals „zurückgestellt“, weil die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Namen Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“. 20 Jahre später schien der Münchner Volksmund aber trainiert genug. Im Jahre 1960 – vor 50 Jahren genau – wurde die Treitschkestraße unter einem SPD-Bürgermeister eingeweiht.

Münchens schöner Sinn für das Gerechte und Wahre

Deshalb lehnte auch die Münchner Stadtverwaltung im Dezember 2009, versehen mit der elektronischen Unterschrift des Oberbürgermeisters, die Forderung „Treitschkestraße umbenennen“ entschieden ab. Das ging ihr zudem leicht von der Hand, da die Forderung der 39 Teilnehmer nur auf einem kleinen Münchner Bürgerportal laut wurde, kein Ort also, der einen gestandenen Verwaltungsapparat aus dem Konzept bringen könnte. Aber die Antwort der Stadtverwaltung lässt doch aufmerken. Ganz so, als hätte vor 130 Jahren noch niemand Treitschke den „Vater des modernen Antisemitismus“ genannt, erklärt die Stadtverwaltung Treitschke zum Antisemiten aus „heutiger Sicht“. Im „historischen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts“ gesehen aber, sollten dessen Äußerungen anders bewertet werden. Außerdem habe der Historiker Treitschke zwar keine „eigene Schule begründet“, aber „ seine fünfbändige ‘Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert’ der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gegeben“. Der „fragwürdigen Haltung gegenüber Juden“ hält die Stadtverwaltung kurzer Hand ein Zitat von Golo Mann entgegen:

„Dieser große Schriftsteller [Treitschke] gilt gemeinhin als Antisemit, und das war er auch; dennoch hätten etwa die Nazis mit seinem Antisemitismus durchaus nichts anfangen können. Treitschke war ein leidenschaftlicher, zorniger Patriot, sehr entschieden in seinem Urteil, aber mit einem schönen Sinn für das Gerechte und Wahre; etwas Unwahres, etwas Gemeines wäre nie aus seiner Feder gekommen …“

Golo Mann und der Antisemitismus

Das Zitat entstammt ursprünglich einer Ansprache, namentlich „Zum Antisemitismus“, die Mann im Jahre 1960 vor dem Rhein-Ruhr-Club zu Düsseldorf gehalten hat. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie verquast sich einige deutsche Intellektuelle im Schatten des Holocausts anfänglich herumdrückten. Mann entfaltet in seiner Rede einen unheimlichen Horizont angeblicher Formen des Antisemitismus. Die Bandbreite erstreckt sich von „antisemitischen Lausbübereien“ bis hin zum Antisemitismus „im niederträchtigsten Sinne unseres Zeitalters. Der „milde Durchschnittsantisemit“ sowie ähnlich verharmloste Identitäten, wären laut Mann jederzeit „auszuhalten gewesen“. Zur „schandvollen Katastrophe“ geführt habe nur der „echte Antisemit, der Fanatiker“. Keineswegs fanatisch will ihm dabei Treitschkes Text „Unsere Aussichten“ vorkommen, im Gegenteil. Denn es hätte doch tatsächlich nicht-angepasste „jüdischen Typen“ aus Polen gegeben. Auch von deutsch-jüdischen Intellektuellen wüsste man, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden. Gegen Ende seines Vortrages lässt sich Mann dann, im Hinblick auf die junge Bonner Republik, zu einer krassen Aussage hinreißen:

„Wenn die Bundesrepublik heute mehr Glück hat, […] einer Mehrheit von Deutschen viel mehr als ihr eigenes Heim gilt als die Weimarer Republik es je tat, so liegt es zweifellos zu einem guten Teil daran, dass es in der Bundesrepublik praktisch keinen Juden mehr gibt. […] Man könnte den Akt des Massenmordes insofern als erfolgreich bezeichnen.“

Diese Rede sollte für Mann 1962 unangenehme Folgen haben. Nach seiner Berufung an die Frankfurter Universität intervenierten die dort aufgestellten Professoren Adorno und Horkheimer. Mit einem Verweis auf die Rede „Zum Antisemitismus“ und dem empörten American Jewish Committee im Rücken, drängten Adorno und Horkheimer den damaligen Kultusminister Hessens dahingehend, Mann den Lehrstuhl unmöglich zu machen. Die Intervention war erfolgreich. Mann durfte die Stelle nicht antreten. Dieser Hintergrund scheint der Münchner Stadtverwaltung aber kein Anlass, aus Manns Rede nicht noch im Jahre 2009 Fragmente zu zitieren.

50 Jahre und kein Ende

Auch wenn nicht eine gerade Linie von Treitschke zum Holocaust führt, ist unstrittig, dass Treitschke einen federführenden Anteil zur Rehabilitierung des Antisemitismus und zum Erstarken der antisemitischen Bewegung beigetragen hat. Diesen Zusammenhang erkannten viele, vor allem (!) seiner Zeit. Treitschkes Lebenswerk, die „Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“, stellt diesen Beitrag nicht in den Schatten. Anders als bei Luther oder Wagner hinterließ Treitschke kein Kulturerbe für Millionen, sondern eine radikale und vergessene Geschichtsinterpretation. Seine Schriften verstauben heute in den Kellern der Bibliotheken. Eines meiner Exemplare aus der Münchner Bibliothek am Gasteig war gar noch mit dem Stempel „Adolf Hitler Schule Chiemsee“ versehen, eine Eliteakademie für zukünftige Nazi-Kader. Dass Treitschke der Geschichtswissenschaft „wichtige Impulse“ gegeben hat, ist demnach nur schwer von der Hand zu weisen. Ein Straßenfest legt das 50-jährige Bestehen der Münchner Treitschkestraße allerdings nicht nahe.

Weiterführende Links:
Stellungnahme der Jusos München
Audiovortrag zum „Berliner Antisemitismusstreit“