Treitschke heißt jetzt Münch, sonst ändert sich nüscht

Kein bürgerliches Presseorgan hat in Deutschland mehr dazu beigetragen, Israel zu diskreditieren, als die Süddeutsche Zeitung. Nachdem sich der SZ-Journalist Thorsten Schmitz 10 Jahre lang einseitig am Thema vergehen durfte, ist heute Peter Münch sein Nachfolger. Der lässt den alten Treitschke wieder aufleben.

Peter Münch veröffentlichte seit seinem Antritt als Israelkorrespondent der Süddeutschen Zeitung eine ganze Reihe mitunter schäumender Beiträge zu Lasten Israels. Häufig sind gleich zwei Artikel in einer Ausgabe der Tageszeitung: ein leidlich „neutraler“ Artikel und ein Kommentar. Münch spricht in seinen Texten Israel das Existenzrecht zwar nicht vordergründig ab, aber stellt es konkludent in Frage, indem er mit dem Existenzrecht verbundene Selbstverteidigungsbemühungen Israels ausnahmslos als überzogen und maßlos zu kritisieren weiß. Gegenstand seiner Kritik sind nicht nur Israels Militäraktionen oder Grenzziehungen. Selbst Israelis auf Reisen macht er verdächtig, einem „Volk von Botschaftern“ anzugehören, das im Ausland die Informationsseiten der israelischen Regierung nachbete.

Münch möchte zu einer „Normalisierung“ im Bezug auf Israel beitragen, hat er in seinem ersten Beitrag in neuer Funktion auf der Meinungsseite der SZ verlautbart. Das ist ihm gelungen. In Deutschland und anderen Orts war es immer wiederkehrende Normalität, die Nachkommen der Jüdinnen und Juden, nicht trotz, sondern wegen der Verbrechen an ihren Vorfahren, besonders kritisch in Augenschein zu nehmen. Lion Feuchtwanger spielte darauf an, als er in seinem Roman „Jud Süß“ dem Juden Landauer, bezugnehmend auf die Pogrome in Ravensburg, in den Mund legte:

Aber wenn man solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass man weiter gegen den [dem Unrecht widerfahren ist] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.

Die Wahrheit wieder unverkrampf aussprechen dürfen
Münchs Ankündigkung, für eine „Normalisierung“ zu sorgen, hätte auch sein können, den kleinen Staat mit Desinteresse zu strafen, gerade so, wie es die SZ-Redaktion für gewöhnlich mit kleinen Staaten in Asien oder Afrika hält. Unter „Normalisierung“ versteht Münch aber etwas anderes: Eben das aussprechen, was Millionen Deutsche über den Judenstaat denken (wollen) und bislang angeblich nicht zu sagen wagten. Wie die peinvolle Anomalie der deutschen Presseorgane – bevor Münch erschien und die langersehnte „Normalisierung“ vorantrieb – beschaffen gewesen sein soll, muss Münch nicht weiter ausführen. Im Bewusstsein der Leserinnen und Leser bahnt sich mit den Schlagworten „Israel“ und „Normalisierung“ sogleich ein Eindruck den Weg. Nämlich der, über den Judenstaat würde aufgrund der Geschichte in Deutschland viel zu nachsichtig berichtet. Und: damit müsse nun endlich Schluss sein.

Die Ansicht, mit Jüdischem würde nicht hart genug ins Gericht gegangen, wird seit Jahrhunderten widerlegt, von Antisemitinnen und Antisemiten aber regelmäßig aktualisiert. Umso größer das vergangene Verbrechen an Jüdinnen und Juden war, umso hartnäckiger schien der Verdacht, mit Jüdischem deshalb im Nachgang zu milde umzuspringen. Als früher Beleg könnte Luther dienen, der sich seinerzeit schon über eine angebliche Nachsichtigkeit mokierte: Einem Dieb wird die Hand abgeschnitten, aber ein jüdischer Wucherer kommt davon, kritisierte der Religionsreformer. Ein besseres Beispiel gibt der nationalliberale Politiker Heinrich von Treitschke im Rahmen des sogenannten „Berliner Antisemitismusstreits“ (1870-1872). Treitschke bekräftigt in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“, seit vielen Jahren würde auch in der „feinen Gesellschaft“ immer leidenschaftlicher, ohne Unterschied der Partei, der „Übermut des Judenthums“ erörtert. Viele trügen aber Bedenken in sich, die „Wahrheit“ über das Judentum in der Öffentlichkeit anzusprechen. Sie befürchten laut Treitschke in die Nähe der „radicalen Parteien“ gerückt zu werden, oder mit dem Erinnern an die Hep-Hep-Pogrome (1819) von „Synagogenverein“ und „jüdischer Presse“ mundtot gemacht.

Perpetuum Mobile Funktion im Antisemitismus: der Vorwurf „Überempfindlichkeit“
Wie es sich für die feine (SZ-)Gesellschaft gehört, erörtert auch Münch in seinem Artikel „Israel hat jedes Maß verloren“ den Übermut – zwar nicht des Judenthums –, aber der israelischen Politik. Münch beschreibt Israel als ein Land, das sich seit seinem Bestehen immer starker Anfeindung ausgesetzt sah. Aus diesem Umstand sei die „israelische Staatsräson“ erwachsen, alles aus dem „Blickwinkel der Bedrohung“ zu betrachten, was Münch einen „Tunnelblick“ nennt. Münch, das große Ganze hingegen fest im Blick, legt damit nahe, die israelische Politik sei – aufgrund der historischen Anfeindung – gewissermaßen überempfindlich und diese Überempfindlichkeit Teil des Problems, wenn nicht gar die allgemeine Konfliktursache.

Treitschke bescheinigt den deutschen Jüdinnen und Juden in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“ etwas Ähnliches. Auch Treitschke möchte eine „übertriebene Empfindlichkeit“ deutscher Jüdinnen und Juden festgestellt haben. Eine Erklärung liefert der Historiker an anderer Stelle: Die deutschen Israeliten hätten Narben, die durch „vielhundertjährige christliche Tyrannei sehr tief eingeprägt“ seien und sie stünden den Deutschen demzufolge fremd gegenüber. Treitschke unterstellt den lebenden Jüdinnen und Juden ein angebliches Fehlverhalten, indem er die Verbrechen an ihren Vorfahren heranzieht. Er wendet somit die historischen Verbrechen an Jüdinnen und Juden argumentativ gegen sie selbst. Ein Perpetuum Mobile Funktion könnte man sagen, eine beliebte Spielart des Antisemitismus ist es jedenfalls.

Kein „richtiges“ Volk
Münch setzt in seinem Artikel, „Israel hat jedes Maß verloren“ noch einen drauf. Weil es eben die (übertrieben empfindliche) „israelische Staatsräson“ gäbe, so Münch, müsse Israel insbesondere „verantwortungsbewusst“ und mit „Fingerspitzengefühl“ agieren. Diese Aussage ergibt auf den ersten Blick wenig Sinn. Warum sollte gerade Israel Fingerspitzengefühl beweisen und nicht beispielsweise vielmehr jene Staaten, die das junge Israel gleich nach der Staatsgründung 1948 angriffen – btw. nicht nur um Israel ungeschehen zu machen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich die „Judenfrage in Palästina“ zu lösen? (Und warum assoziiere ich mit Verantwortungsbewusstsein vor allem, dass sich ein Israel-Korrespondent einer großen deutschen Tagszeitung mit den Grundzügen des Neuen Antisemitismus vertraut macht?)

Nachvollzogen kann der widersprüchliche Sinn erst nach teilweiser Rekonstruktion des von Münch verinnerlichten Israelbildes. Münch schreibt in seinem Artikel „Macht der Mauern“, dass sich Israel im Kern als „Heimatstätte eines leidgeplagten Volkes“ begreife und zusammengehalten würde, die israelische Gesellschaft aber ohne dieses Axiom „wohl in ihre ausgesprochen heterogenen Einzelteile zerfallen“ würde. Münchs Formulierung „ausgesprochen heterogenen Einzelteile“ ist hierbei interessant. Es ist ein weit verbreiteter Topos, das israelische Staatsvolk sei kein „natürlicher“ Zusammenhang, sondern eigentlich „künstlich“ in die Region „reingepflanzt“, während Menschen der meisten anderen Staaten quasi wie Eichen, Palmen oder Olivenbäume im Einklang mit ihrem angestammten Boden leben würden, es also etwas Homogenisierendes gäbe, das Menschen ansonsten „natürlich“ in einem Staat zusammenhält. Die historische Kontinuität dieser Ansicht ist nicht nur eine Schwundstufe der nach Entindividualisung strebenden Volk-Nation-Blut-Boden Ideologie, sondern auch die Übertragung des historischen antisemitischen Bildes von Jüdinnen und Juden auf den Staat Israel.

Betrachtet man Israel aber durch diese verschrobene Brille, so erscheint jede Anfeindung gegen Israel als gewissermaßen „natürliche Reaktion“ auf einen „unnatürlichen Staat“. Umso heftiger die Reaktionen auf die israelische Politik dann sind, umso heftiger muss das Versagen der israelischen Politik wohl sein, hat sich Israel nicht genug angepasst, oder war wieder „überempfindlich“. Umgekehrt, sollten die jüdischen Israelis vielmehr dankbar dafür sein, einen Judenstaat „bekommen“ zu haben, wohingegen der deutsche, russische, türkische u.s.w Staat als selbstverständlich angesehen wird. Auch letzteres Argumentationsmuster ist im Bezug auf Jüdinnen und Juden schon bei Treitschke zu finden. In Reaktion auf die sogenannte „Judenemancipation“, womit Jüdinnen und Juden im 19. Jahrhundert teilweise Bürgerrechte erlangten, schreibt Treitschke:

„die Juden sind dem neuen Deutschland etwas schuldig für das Werk der Befreiuung; denn die Teilnahme an der Leitung des Staates ist keineswegs ein natürliches Recht aller Einwohner [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile unseres Judentums ein Geist des Hochmuts aufwuchern“.

Es bedarf nur kleiner Änderungen, um Treitschkes Passage zu aktualisieren und damit einer oft vertretenen – wenn auch in dieser Deutlichkeit selten ausgesprochenen – Annahme nahe zu kommen:

„die israelischen Juden sind ihren Freunden etwas schuldig für das Werk der Staatsgründung; denn ein eigener Staat ist keineswegs ein natürliches Recht aller Völker [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile der israelischen Politik Verantwortungslosigkeit und fehlendes Fingerspitzengefühl aufwuchern“.

Literaturhinweise:

Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten
Heinrich von Treitschke: Herr Gaetz und sein Judenthum
Heinrich von Treitschke: Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage