Archiv für September 2010

Die Hermann-Göring-Gedächtnishalle im Jagd- und Fischereimuseum zu München

Die Liste seiner Vergehen ist ellenlang und ohne Beispiel. Der Chef der Gestapo hat die ersten Konzentrationslager und die „Endlösung der Judenfrage“ offiziell in Auftrag gegeben. Hermann Göring war ein ausgemachter Nazi und ein Menschenjäger. Doch nicht nur Menschen, so manch einem Hirschen hat er auch nachgestellt – wofür Göring noch heute im Münchner Jagd- und Fischereimuseum geehrt wird.


Hirsch „Odin“ mit Görings Wappen: geschossen vom „Reichsjägermeister“ selbst

Ein prunkvolles Jagdmuseum soll es sein, befahl der Reichsforstmeister und Reichsjägermeister und Oberste Beauftragte für Naturschutz, Hermann Göring. Im Idealfall ein Schloss, ein geeigneter Platz eben, um seine eigene Jagdbeute würdig zu rahmen. Und so eröffnete der passionierte Jäger 1938 das Reichsjagdmuseum im Schloss Nymphenburg. Nach Kriegsende zog das Jagdmuseum um, in das Gebäude der ehemaligen Augustinerkirche im Zentrum Münchens – mitsamt Görings Trophäensammlung.


Die Hermann Göring Gedächtnishalle. Göring zog es angeblich vor, den Hirschen nicht nur an die Wand zu schrauben, sondern auch mit dem Speer – auf „germanische Art“ – zu stellen.

Der Museumsdirektor des Deutschen Jagd- und Fischereimuseums hat vor einigen Jahren eine Stellungnahme abgegeben: Man müsse „Göring in seiner Zeit sehen“, heißt es da, so als wäre über Göring nicht schon „seiner Zeit“ gerichtet worden – mit einem Todesurteil nämlich. Und Göring ist „halt auch ein Bestandteil der Jagdgeschichte“, fährt der Museumsdirektor fort. (Der Verweis auf eine „andere Zeit“ ist im Übrigen eine sich wiederholende Münchner Redensart. Erst kürzlich rechtfertigte Oberbürgermeister Christian Ude die Münchner Treitschkestraße damit, dass Treitschke im historischen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts zu sehen sei und lobte dessen Verdienste in Sachen Geschichtsschreibung über den grünen Klee.)


„Bestandteil der Jagdgeschichte“: der Hirsch „Matador“, von Göring erlegt und der nationalsozialistischen Propaganda nachhaltig ausgeschlachtet

Neben Göring ist noch ein weiterer Nazi in den Hallen des heutigen Jagd- und Fischereimuseums prominent vertreten. Es sind Exponate von Walter Frevert ausgestellt, dessen schriftstellerischen Elaborate von NS-Propaganda nur so triefen. Frevert war ein SA Scherge, der sich vor allem als Befehlshaber um die Massaker in Bialowies hervortat. Er leitete die „Kampftruppe Hermann Göring“ und ließ damals über hundert Dörfer niederbrennen, um das „Reichsjagdgebiet“ zu erweitern. Alle männlichen Juden dieser Dörfer wurden – auf seinen Befehl hin – sogleich erschossen. Die Überlebenden schickte er in die Vernichtungslager. Der Museumsdirektor findet aber auch im Schatten dieser Ereignisse einen guten Grund, Frevert im Museum kommentarlos auszustellen: „Herr Frevert hat wertvolle Verdienste in Sachen Hundezüchtung vorzuweisen“, so der Direktor.


Von Frevert erlegt: der Hirsch „Leutnant“.

Bildnachweise:


Ein Wappen Görings


Tischlein deck dich im „Reichsjägerhof Rominten“, die Schaltzentrale Görings an der Ostfront

Veranstaltungshinweis: „Fremd, frei und faul“

Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), geriet kürzlich in die Schlagzeilen mit einem streitbaren Antisemtismus-‘Islamophobie‘ Vergleich und schon zuvor, weil er Treitschke hingegen keinen Antisemiten nennen mochte. Markus End ist ebenfalls vom ZfA. Er gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Antiziganismusforschung. Das ist – im Gegensatz zu seinem Kollegen – unbestritten. Und Markus End kommt nach München.


Antiziganistische Narren: Gesehen 2008 bei einem Faschingsumzug in Uffing

Der Arbeitstitel der Dissertation von Markus End trug den schönen Titel: Fremd, frei und faul. Struktur und Funktionsweise des modernen Antiziganismus. Seine Beiträge, Adorno und die ‚Zigeuner‘ und Defizite in der Kritik im Buch Antiziganistische Zustände – Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments, fühlen dem Antiziganismus aus dem Blickwinkel der Kritischen Theorie auf den Zahn.

Im Vortrag am 07. Oktober wird Markus End auf die lange Geschichte und die gewalttätige Gegenwart des Antiziganismus in Europa eingehen. In einem zweiten theoretischen Teil werden Ansätze zu einer Theorie des Antiziganismus auf der Basis Kritischer Theorie vorgestellt. Dabei wird insbesondere die Bedeutung der Kategorien ‚Arbeit‘, ‚Nation‘ und ‚Geschlecht‘ für die antiziganistischen Projektionen vertieft.

Leseprobe: Ein geschichtliches Panorama des Antiziganismus

Datum: 7. Oktober 2010
Ort: Kafe Marat | Thalkirchner Str. 104
Uhrzeit: 21:00

Die Antifa will Sarrazin nicht in der Stadt haben. Das ist gut so.

Am 29. September soll Sarrazin in München auftreten. Der Veranstaltungsort, das Literaturhaus, erwies sich dem Kartenvorverkauf nach alsbald als zu klein und die Stiftung ist auf der Suche nach etwas Größerem. Die Münchner Antifa hat Proteste angekündigt. Die antideutsche gruppe monaco /// verein freier menschen ao beschwert sich darüber.

Ein ausschweifender Kommentar am Thema vorbei

Wenn ganz München gegen Nazis mobilisiert, wie zum Beispiel am 08.Mai dieses Jahres gegen den „Trommel und Fackelmarsch“ in Fürstenried-West, dann kommt Volksfeststimmung auf. Von links bis rechts demonstriert man Entschlossenheit gegen ein morbides Trüppchen von ganz rechts. Eine Blaskapelle spielt, nebst Wurstgrill und Bierbänken. Und der Ex-Hitlerjunge Jochen Vogel darf, weil er nicht nur Scharführer sondern auch einmal Oberbürgermeister Münchens war, eine flammende Mobilisierungsrede halten, die selbst die deutsche Wehrmacht in den Demonstrationszug gegen Nazis mit einreiht:

… und die Wehrmachtsoldaten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, dass Nazis an ihren Gräbern gedenken! (c) Vogel 08.05.2010

Die Polizei steht Espalier und entscheidet, wer mit auf das Blockadefoto inmitten der Straße darf. Der Herr Stadtrat, selbstverständlich, die Gewerkschaftssekretärin, immer, die radikale Linke – ein anderes Mal vielleicht. Am Ende wird die Nazi-Demo gestoppt. Ein Erfolg, den alle beteiligten Gruppen gemeinsam für sich verbuchen.

Dimitrow is dead, but … ehm
Es ist nicht schlecht, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft gegen Faschismus ausspricht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft war es, die den Faschismus in Deutschland auf den Weg brachte und ebenso taugt diese als Bollwerk gegen ihn momentan mehr, als alle Gruppen der radikalen Linken zusammen. Wer will schon ein Dimitrow sein? Dennoch – oder deshalb umso mehr – ist ein scharfer Blick auf die Motivationen dieser Mehrheitsgesellschaft notwendig: Es besteht offensichtlich ein großes Bedürfnis, sich von Nazis abzugrenzen. Aber spätestens nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und der daraufhin hurtig vorgenommenen Änderung der Asylgesetzgebung 1993 ist bewiesen worden, dass sich die Mehrheitsgesellschaft vom rassistischen Mob inspirieren lässt – bzw. dessen Sorgen teilt. Es scheint die Überzeungung zu herrschen, dass es mit Demonstrationen gegen Nazis allein nicht getan ist, sondern im „Kampf gegen rechts“ auch der „wahre Kern“ der rechten Agitation berücksichtigt werden müsse.

Wohin denn eigentlich integrieren und warum?
Dieser Eiertanz, nämlich kein Rassist sein zu wollen, aber dem Rassismus doch einiges abgewinnen zu können, kommt zum tragen, wenn heute betont wird, Sarrazin sei zwar eine Persona non grata, aber immerhin hätte er mal wieder „eine wichtige Debatte angestoßen“. Die Debatte soll dann um „Integration“ kreisen, als wäre a) noch nie über „Integration“ gesprochen worden und es b) überhaupt erstrebenswert, in diese kalte und verbissene deutsche Gesellschaft zwangsintegriert zu werden. Ich würde eher sagen, wer locker flockig in dieser Gesellschaft landen kann, mit dem stimmt etwas nicht. (Was nun nicht heissen soll, dass der Umkehrschluss immer richtig ist.)

Exotendiskurs Klappe die … keine Ahnung
Innerhalb linker Jugendgruppen aktualisiert sich in München derzeit die alte Diskussion: Kulturrelativismus vs. antimuslimischer Rassismus. Leider wird die Debatte flach geführt und ist im Ergebnis weit davon entfernt den gesellschaftlich gesteckten Diskursrahmen fundamental zu kritisieren . Andererseits wirkt die Kritik am Kulturrelativismus der Antifa hölzern und humorlos. Sie kommt auch zum falschen Zeitpunkt, wenn sie nicht Argumente gegen den Auftritt von Sarrazin in München vorweisen kann. Denn darum geht es eben auch.

Warum der Auftritt von Sarrazin verhindert werden muss …
Sarrazin ist ein Rassist und ein radikaler Nationalist. Alle menschlichen Züge gefrieren ihm, wenn er ans deutsche Wohl denkt. Die Mär vom Volksschädling führt er gerade weiter. Die Zuspitzung der Kritik auf Sarrazin allein ist zwar verkehrt, denn alles was sich von Sarrazin behaupten lässt, kann auch als ein wesentliches Charaktermerkmal der deutschen Gesellschaft festgestellt werden. Dennoch ist die Veranstaltung am 29. September in München ein Kristallationspunkt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen deutlich, dass sie sich auf den von Sarrazin vorgegebenen Diskursrahmen einlassen. Sicher wird am Ende es Tages keiner außer Sarrazin ein Sarrazin sein wollen, aber einen „wahren Kern“ wird man schon zu finden wissen. Vielleicht hält Alt-Oberbürgermeister Vogel die Eröffnungsrede und versichert, auch die Wehrmachtsoldaten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie vom „Juden-Gen“ hörten.

… und der Gang zum Wertmüller am nächsten Tag trotzdem richtig ist
Es ist sinnvoll, sich diesem Treiben entgegenzustellen. Weil bei einem rassistisch motivierten Diskurs zum Thema Einwanderung soviel zu gewinnen ist, wie bei einem antisemitisch motivierten Diskurs zum Thema Israel. Eben nichts. Um das zu leisten bedarf es ideologiekritischer Frameworks. Wertmüller liefert dazu einen Teil, der nach wie vor wichtig ist, wenn er auch nicht als Welterklärungsmodell dienen kann. Das ist aber auch nicht Wertmüllers Anspruch.

Veranstaltungshinweis: Justus Wertmüller reloaded

Der letzte Aufenthalt von Justus Wertmüller in München entfachte eine regelrechte Schnitzeljagd – und endete im Löwenbräukeller. Soviel ist sicher: Es gibt bessere Orte. Am 30.09 wird Wertmüller abermals in München auftreten. Titel: Der Sarrazin-Komplex – Warum die Kritiker Sarrazins im Unrecht und seine Thesen trotzdem verkehrt sind

Veranstalterin: Gruppe Monaco/Verein freier Menschen (AO)
Beginn: 21:00 Uhr
Vorgeschmack einer vergangenen Debatte: 10 Minuten Lesezeit

Jeff Halper kommt

Die antizionistische Vereinigung „Salam Shalom“ kann nicht immer wie sie will. Der Vortrag mit Norman Finkelstein wurde ihr gänzlich vermasselt und Ilan Pappe musste kurzfristig in weit weniger seriöse Räume umziehen, nachdem sich die DIG eingeschaltet hatte. Im November folgt nun Jeff Halper einer Einladung des engagierten Kreises. Begleitet wird sein Vortrag von einem 5-teiligen „Jeff Halper Kurs“ im Eine Welt Haus.


Jeff Halper beim für sich selbst demonstrieren

Halper ist auf Welttournee. Der gebürtige Amerikaner, Wahl-Israeli und Anthropologe stellt sein neues Buch vor: An Israeli in Palestine: Resisting Dispossession, Redeeming Israel. Die Buchvorstellung in München soll an der Hochschule für Philosophie stattfinden. Ob es dazu tatsächlich kommt, ist aber abzuwarten. Jederorts willkommen ist Halper nicht. In Australien beispielsweise erwirkte die Jüdische Gemeinde, dass Halper einen Vortrag nur geheim und im dunklen Hinterzimmer halten konnte. In einem offenen Brief nennt er die Gemeindemitglieder daraufhin „Agenten der israelischen Regierung“ und schwadroniert, sie bräuchten wohl ein „belagertes Israel“ um ihre „Kinder jüdisch zu halten“. Auch in München ist mit kritischen Stimmen zu rechnen.

Das Eine Welt (ohne Israel) Haus
Mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden wird der „Jeff Halper Kurs“ im Eine Welt Haus, wenn auch bei den ersten Treffen – entgegen der Ankündigung – auf das Gemeindehaus der Pfarrei St. Bonifaz ausgewichen werden musste. Hinter dem antizionistischen Verein Salam Shalom stehen Christoph Steinbrink und Eckhard Lenner. Die beiden haben gute Beziehungen zur multikulturellen Begegnungsstätte, die auf Grund der hohen Dichte antiisraelischer Veranstaltungen in kritischen Kreisen bereits Eine Welt (ohne Israel) Haus genannt wird. Halper ist nicht das erste Mal in München. Im Jahre 2006 ist er einer Einladung der Pax Christi Bistumsstelle München gefolgt.

Geplante Termine:
Sa 18. September | 15.00-18.30 Uhr |Eine Welt Haus |Jeff Halper Kurs (1)
Sa 02. Oktober | 15.00-18.30 Uhr |Eine Welt Haus |Jeff Halper Kurs (2)
Sa 16. Oktober | 15.00-18.30 Uhr |Eine Welt Haus |Jeff Halper Kurs (3)
Sa 06. November | 15.00-18.30 Uhr |Eine Welt Haus |Jeff Halper Kurs (4)
Mo 15. November | 19.00 Uhr | Hochschule für Philosophie | Buchvorstellung mit Jeff Halper
Di 16. November | 18.00-21.30 Uhr |Eine Welt Haus | Seminar mit Jeff Halper
Sa 04. Dezember | 15.00-18.30 Uhr |Eine Welt Haus |Jeff Halper Kurs (5)

Allmonatlicher Kreuzzug der „Frauen in Schwarz“

Über eine chronische Mahnwache für „Gerechten Frieden im Nahen Osten“, den Richard-Strauss-Brunnen und Christa Ortmanns Kampf gegen das „Feinbild Antisemitismus“

Jeden 2. und 4. Freitag im Monat versammeln sich in München die „Frauen in Schwarz“ am Denkmal zu Ehren des ehemaligen Präsidenten der Reichsmusikkammer, Richard Strauss, auch Salome-Brunnen genannt. Der Ort wurde vermutlich zufällig gewählt, stellt aber – auch lässt man Strauss beiseite – eine eigentümliche Beziehung her. Der Name Salome-Brunnen spielt auf eine Figur des Neuen Testaments an, eine Enkelin des Judenkönigs Herodes dem Großen. Salome verdrehte dem Herodes Antipas per Tanz den Kopf und ließ daraufhin keinen geringeren als den Christen Johannes den Täufer ermorden. Im Laufe der mittelalterlichen Rezeption wurde der Mythos weiter ausgeschmückt, die antijudaistische Note vertieft und Salome in frauenfeindlicher Absicht zur rachsüchtigen Femme fatale stilisiert. Richard Strauss setzte diese Tradition fort und seine Oper Salome endet wenig überraschend mit dem Befehl „Man töte dieses Weib!“.


Antifeministisches Denkmal in München: Die todbringende Salome

Die Initiatorin der „Frauen in Schwarz“, Dr. Christa Ortmann, könnte die mittelalterlichen Mythen um die Salome kennen. Die nimmermüde Demonstrantin ist nämlich eine Spezialistin auf dem Gebiet der germanischen Mediävistik. Ihr Beitrag „Minnedienst – Gottesdienst – Herrendienst. Zur Typologie des Kreuzliedes bei Hartmann von Aue“ ist Fans der Kreuzzugsdichtung ein Begriff. Auch fühlt sich Ortmann, ebenso wie Richard Wagner, vom völkischen Dichter Eschenbach angezogen – eine Leidenschaft, die sich in ihrem Buch „Selbstaussagen im Parzival“ niederschlug. Und last but not least hat die Doktorin 2001 eine Untersuchung des „lyrischen ICH“ im „Palästinalied“ von Walther von der Vogelweide vorgelegt. Verfolgt man ihre Vita weiter, entsteht der Eindruck, es gäbe kaum einen mittelalterlichen Arsch, in den sich Ortmann noch nicht hätte erfolgreich hineinversetzen können.


Salome Rezeption 1461

„Feindbild Antisemitismus“
Aktuell hat Ortmann andere Sorgen. Sie möchte ein „Feindbild“ entkräften. Dabei handelt es sich nicht, wie in ihren Kreisen üblich, um das „Feindbild Hamas“ oder das „Feindbild Iran“ sondern geradeheraus um das „Feindbild Antisemitismus“. Deshalb veranstalteten Ortmann und die „Frauen in Schwarz“ vor wenigen Wochen einen Sonntagsfrühschoppen zum Thema.

Ein Auszug der Einladung im Rahmen des Spektakels „Kultur im Oberbräu“:

„Warum haben Juden und Israelis es nötig, immer und überall Antisemitismus zu wittern?“ fragt Moshe Zimmermann in seinem Buch „Die Angst vor dem Frieden“ (2010). Antisemitismus als Feindbild ist einerseits ein politisch instrumentalisierter Kampfbegriff, der die viertgrößte (atomare) Militärmacht Israel dazu legitimiert, keine andere Option zu haben als die gewaltsame Selbstverteidigung – unter Mißachtung Internationalen Rechts, und er ist andererseits ein identitätsstiftendes Konstrukt.
Kritik an israelischer Politik gilt automatisch und pauschal als antisemitisch, besonders in Deutschland. So gesehen ist Antisemitismus, verbunden mit dem Hinweis auf den Holocaust, ein unentbehrlicher Feind. Dieses System der Wahrnehmung kann eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, wenn sich die USA als unverbrüchlicher Freund möglicherweise distanzieren, die Isolation innerhalb der Staatengemeinschaft zunimmt – und der Antisemitismus tatsächlich weiter wächst.

Einen guten Rutsch ins Jahr 5771!

Israel und die „Bestie des Kapitals“ : Kaso Perdido auf Deutschlandtour

In Frankfurt konnte Kaso Perdido nicht landen. Dafür wurde die umstrittene Ska-Punk Band in Nürnberg umso herzlicher empfangen. Die Band aus Spanien erzähle die „Wahrheit“ – bekräftigt ein Booker des Nürnberger Kunstvereines.

Nicht zuletzt eine bestimmte Songzeile der Spanier hat das Plenum des Instituts für vergleichende Irrelevanz in Frankfurt hellhörig werden lassen:

„Armados por la bestia del capital/los que controlan el dinero mundial/Israel punta y dispara/sobre las piedras de la intifada.“ (Bewaffnet von der Bestie des Kapitals, die das weltweite Geld kontrolliert, zielt Israel und schiesst gegen die Steine der Intifada | Video.)

Das Konzert in Frankfurt wurde abgesagt. Anders in Nürnberg. Zahlreiche kritische Hinweise gingen beim Nürnberger Kunstverein ein. Erfolglos. Dämonisierung und Antisemitismus könne er nicht erkennen, so ein Veranstalter. Auch den alten Topos vom „Geldjuden“, bzw. das Zusammendenken von Juden und Kapital, höre er in der zitierten Aussage der Band nicht mitschwingen. Vielmehr sei die Aussage der Band einfach „die Wahrheit“.

Im Refrain des Songs, der sich „Palestina“ nennt, heißt es weiter: „Noch einmal wiederholt sich die Geschichte“ und zwar in Palästina. Israelische Politik und das Naziregime fallen – so legt es die Anspielung nahe – in die selbe historische Routine. Der sekundäre Antisemitismus in dieser Aussage ist deutlich, berührt den Veranstalter aber nicht. Indes verfasste Kaso Perdido ein Statement, welches auch auf der Website des Kunstvereines Nürnberg zu lesen ist. Es sind weitere Konzerte in Deutschland geplant:

07.09.2010 Cafe Amelie (Gießen)
08.09.2010 Bahia de Cochinos (Castrop-Rauxel)
09.09.2010 Villa Kunterbunt (Bünde bei Bielefeld)
10.09.2010 Burgtor (Lübeck)