Allmonatlicher Kreuzzug der „Frauen in Schwarz“

Über eine chronische Mahnwache für „Gerechten Frieden im Nahen Osten“, den Richard-Strauss-Brunnen und Christa Ortmanns Kampf gegen das „Feinbild Antisemitismus“

Jeden 2. und 4. Freitag im Monat versammeln sich in München die „Frauen in Schwarz“ am Denkmal zu Ehren des ehemaligen Präsidenten der Reichsmusikkammer, Richard Strauss, auch Salome-Brunnen genannt. Der Ort wurde vermutlich zufällig gewählt, stellt aber – auch lässt man Strauss beiseite – eine eigentümliche Beziehung her. Der Name Salome-Brunnen spielt auf eine Figur des Neuen Testaments an, eine Enkelin des Judenkönigs Herodes dem Großen. Salome verdrehte dem Herodes Antipas per Tanz den Kopf und ließ daraufhin keinen geringeren als den Christen Johannes den Täufer ermorden. Im Laufe der mittelalterlichen Rezeption wurde der Mythos weiter ausgeschmückt, die antijudaistische Note vertieft und Salome in frauenfeindlicher Absicht zur rachsüchtigen Femme fatale stilisiert. Richard Strauss setzte diese Tradition fort und seine Oper Salome endet wenig überraschend mit dem Befehl „Man töte dieses Weib!“.


Antifeministisches Denkmal in München: Die todbringende Salome

Die Initiatorin der „Frauen in Schwarz“, Dr. Christa Ortmann, könnte die mittelalterlichen Mythen um die Salome kennen. Die nimmermüde Demonstrantin ist nämlich eine Spezialistin auf dem Gebiet der germanischen Mediävistik. Ihr Beitrag „Minnedienst – Gottesdienst – Herrendienst. Zur Typologie des Kreuzliedes bei Hartmann von Aue“ ist Fans der Kreuzzugsdichtung ein Begriff. Auch fühlt sich Ortmann, ebenso wie Richard Wagner, vom völkischen Dichter Eschenbach angezogen – eine Leidenschaft, die sich in ihrem Buch „Selbstaussagen im Parzival“ niederschlug. Und last but not least hat die Doktorin 2001 eine Untersuchung des „lyrischen ICH“ im „Palästinalied“ von Walther von der Vogelweide vorgelegt. Verfolgt man ihre Vita weiter, entsteht der Eindruck, es gäbe kaum einen mittelalterlichen Arsch, in den sich Ortmann noch nicht hätte erfolgreich hineinversetzen können.


Salome Rezeption 1461

„Feindbild Antisemitismus“
Aktuell hat Ortmann andere Sorgen. Sie möchte ein „Feindbild“ entkräften. Dabei handelt es sich nicht, wie in ihren Kreisen üblich, um das „Feindbild Hamas“ oder das „Feindbild Iran“ sondern geradeheraus um das „Feindbild Antisemitismus“. Deshalb veranstalteten Ortmann und die „Frauen in Schwarz“ vor wenigen Wochen einen Sonntagsfrühschoppen zum Thema.

Ein Auszug der Einladung im Rahmen des Spektakels „Kultur im Oberbräu“:

„Warum haben Juden und Israelis es nötig, immer und überall Antisemitismus zu wittern?“ fragt Moshe Zimmermann in seinem Buch „Die Angst vor dem Frieden“ (2010). Antisemitismus als Feindbild ist einerseits ein politisch instrumentalisierter Kampfbegriff, der die viertgrößte (atomare) Militärmacht Israel dazu legitimiert, keine andere Option zu haben als die gewaltsame Selbstverteidigung – unter Mißachtung Internationalen Rechts, und er ist andererseits ein identitätsstiftendes Konstrukt.
Kritik an israelischer Politik gilt automatisch und pauschal als antisemitisch, besonders in Deutschland. So gesehen ist Antisemitismus, verbunden mit dem Hinweis auf den Holocaust, ein unentbehrlicher Feind. Dieses System der Wahrnehmung kann eine gefährliche Eigendynamik entwickeln, wenn sich die USA als unverbrüchlicher Freund möglicherweise distanzieren, die Isolation innerhalb der Staatengemeinschaft zunimmt – und der Antisemitismus tatsächlich weiter wächst.