Die Antifa will Sarrazin nicht in der Stadt haben. Das ist gut so.

Am 29. September soll Sarrazin in München auftreten. Der Veranstaltungsort, das Literaturhaus, erwies sich dem Kartenvorverkauf nach alsbald als zu klein und die Stiftung ist auf der Suche nach etwas Größerem. Die Münchner Antifa hat Proteste angekündigt. Die antideutsche gruppe monaco /// verein freier menschen ao beschwert sich darüber.

Ein ausschweifender Kommentar am Thema vorbei

Wenn ganz München gegen Nazis mobilisiert, wie zum Beispiel am 08.Mai dieses Jahres gegen den „Trommel und Fackelmarsch“ in Fürstenried-West, dann kommt Volksfeststimmung auf. Von links bis rechts demonstriert man Entschlossenheit gegen ein morbides Trüppchen von ganz rechts. Eine Blaskapelle spielt, nebst Wurstgrill und Bierbänken. Und der Ex-Hitlerjunge Jochen Vogel darf, weil er nicht nur Scharführer sondern auch einmal Oberbürgermeister Münchens war, eine flammende Mobilisierungsrede halten, die selbst die deutsche Wehrmacht in den Demonstrationszug gegen Nazis mit einreiht:

… und die Wehrmachtsoldaten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, dass Nazis an ihren Gräbern gedenken! (c) Vogel 08.05.2010

Die Polizei steht Espalier und entscheidet, wer mit auf das Blockadefoto inmitten der Straße darf. Der Herr Stadtrat, selbstverständlich, die Gewerkschaftssekretärin, immer, die radikale Linke – ein anderes Mal vielleicht. Am Ende wird die Nazi-Demo gestoppt. Ein Erfolg, den alle beteiligten Gruppen gemeinsam für sich verbuchen.

Dimitrow is dead, but … ehm
Es ist nicht schlecht, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft gegen Faschismus ausspricht. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft war es, die den Faschismus in Deutschland auf den Weg brachte und ebenso taugt diese als Bollwerk gegen ihn momentan mehr, als alle Gruppen der radikalen Linken zusammen. Wer will schon ein Dimitrow sein? Dennoch – oder deshalb umso mehr – ist ein scharfer Blick auf die Motivationen dieser Mehrheitsgesellschaft notwendig: Es besteht offensichtlich ein großes Bedürfnis, sich von Nazis abzugrenzen. Aber spätestens nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und der daraufhin hurtig vorgenommenen Änderung der Asylgesetzgebung 1993 ist bewiesen worden, dass sich die Mehrheitsgesellschaft vom rassistischen Mob inspirieren lässt – bzw. dessen Sorgen teilt. Es scheint die Überzeungung zu herrschen, dass es mit Demonstrationen gegen Nazis allein nicht getan ist, sondern im „Kampf gegen rechts“ auch der „wahre Kern“ der rechten Agitation berücksichtigt werden müsse.

Wohin denn eigentlich integrieren und warum?
Dieser Eiertanz, nämlich kein Rassist sein zu wollen, aber dem Rassismus doch einiges abgewinnen zu können, kommt zum tragen, wenn heute betont wird, Sarrazin sei zwar eine Persona non grata, aber immerhin hätte er mal wieder „eine wichtige Debatte angestoßen“. Die Debatte soll dann um „Integration“ kreisen, als wäre a) noch nie über „Integration“ gesprochen worden und es b) überhaupt erstrebenswert, in diese kalte und verbissene deutsche Gesellschaft zwangsintegriert zu werden. Ich würde eher sagen, wer locker flockig in dieser Gesellschaft landen kann, mit dem stimmt etwas nicht. (Was nun nicht heissen soll, dass der Umkehrschluss immer richtig ist.)

Exotendiskurs Klappe die … keine Ahnung
Innerhalb linker Jugendgruppen aktualisiert sich in München derzeit die alte Diskussion: Kulturrelativismus vs. antimuslimischer Rassismus. Leider wird die Debatte flach geführt und ist im Ergebnis weit davon entfernt den gesellschaftlich gesteckten Diskursrahmen fundamental zu kritisieren . Andererseits wirkt die Kritik am Kulturrelativismus der Antifa hölzern und humorlos. Sie kommt auch zum falschen Zeitpunkt, wenn sie nicht Argumente gegen den Auftritt von Sarrazin in München vorweisen kann. Denn darum geht es eben auch.

Warum der Auftritt von Sarrazin verhindert werden muss …
Sarrazin ist ein Rassist und ein radikaler Nationalist. Alle menschlichen Züge gefrieren ihm, wenn er ans deutsche Wohl denkt. Die Mär vom Volksschädling führt er gerade weiter. Die Zuspitzung der Kritik auf Sarrazin allein ist zwar verkehrt, denn alles was sich von Sarrazin behaupten lässt, kann auch als ein wesentliches Charaktermerkmal der deutschen Gesellschaft festgestellt werden. Dennoch ist die Veranstaltung am 29. September in München ein Kristallationspunkt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen deutlich, dass sie sich auf den von Sarrazin vorgegebenen Diskursrahmen einlassen. Sicher wird am Ende es Tages keiner außer Sarrazin ein Sarrazin sein wollen, aber einen „wahren Kern“ wird man schon zu finden wissen. Vielleicht hält Alt-Oberbürgermeister Vogel die Eröffnungsrede und versichert, auch die Wehrmachtsoldaten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie vom „Juden-Gen“ hörten.

… und der Gang zum Wertmüller am nächsten Tag trotzdem richtig ist
Es ist sinnvoll, sich diesem Treiben entgegenzustellen. Weil bei einem rassistisch motivierten Diskurs zum Thema Einwanderung soviel zu gewinnen ist, wie bei einem antisemitisch motivierten Diskurs zum Thema Israel. Eben nichts. Um das zu leisten bedarf es ideologiekritischer Frameworks. Wertmüller liefert dazu einen Teil, der nach wie vor wichtig ist, wenn er auch nicht als Welterklärungsmodell dienen kann. Das ist aber auch nicht Wertmüllers Anspruch.