Wenn das Eine-Welt-Haus schließt, knallen hier die Sektkorken

Jedes Jahr gibt es Streit in München. Die rot-grüne Regierung möchte das Eine-Welt-Haus weiterhin mit 500.000 Euro jährlich subventionieren, FDP und CSU sind dagegen. Auch der Stadtrat Marian Offman, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, spricht sich gegen Subventionen aus und verweist unter anderem auf „sehr israelkritische Kreise“. Warum die nicht wegzudenken sind und sich auch niemand darüber beschwert.

Im Ein-Welt-Haus haben in den letzten zwölf Monaten sinnvolle Veranstaltungen stattgefunden. Zum Beispiel die Informationsveranstaltung zur Menschenrechtssituation in Syrien und gegen die Abschiebung dorthin. Oder der Filmabend „Die Unerwünschten“ von Sarah Moll. Hinzu können noch zwei bis drei weitere Veranstaltungen addiert werden. Aber in Summe lassen sich die erfrischenden Momente im Eine-Welt-Haus an einer Hand abzählen.

Wesentlich dominanter sind die antizionistischen Organisationen, die sich mehrmalig pro Monat dort zu Sitzungen einfinden und in Hochzeiten wöchentlich Veranstaltungen, Seminare und Workshops abhalten. Kein Land der Welt – auch Deutschland nicht – wurde im Eine-Welt-Haus in den letzten zwölf Monaten so oft und dabei so fundamental „kritisiert“ wie Israel. Innerhalb des Hauses erscheint dieser Eifer weder auffällig noch beschwert sich jemand. Das liegt daran, weil das Eine-Welt-Haus programmatisch so ausgelegt ist, dass antisemitische Denkweisen von verschiedenen Seiten her anschlussfähig sind.

Säule 1: verkürzte „Kapitalismuskritik“ bzw. die Suche nach den Schuldigen

Wer von Heuschrecken, Finanzhaien und Zinsknechtschaft bzw. natürlicher Wirtschaftsordnung spricht, ist immer auch äußerst „israelkritisch“ eingestellt. Obwohl beides, der Geldkreislauf und Israel, objektiv in gar keinem besonderen Zusammenhang stehen, gibt es diesen besonderen Zusammenhang doch – in den Köpfen. Die Klammer, die beides in einem Kopf zusammenhält, also jede Person die Zinsknechtschaft sagt, auch schlecht über Israel denken lässt, ist der antisemitische Gehalt in beiden Glaubensmustern. Da eine historische und theoretische Erklärung ein kurzer Blog-Eintrag nicht leisten kann, muss an dieser Stelle die Feststellung hinreichen, dass es da einen abfragbaren Zusammenhang gibt. Zur weiteren Lektüre kann Postone oder, weil’s leichter bekömmlich ist, Bierl zum Seminar herangezogen werden.

Veranstaltungen, die verkürzte Kapitalismuskritik in den schillerndsten Farben zeichnen, finden im Eine-Welt-Haus regelmäßig statt. Ein „Entwicklungsingenieur und Philosoph“ stellte beispielsweise erst kürzlich sein Buch „Welt Macht Geld“ vor und eine „Wirtschaftspublizistin“ durfte das Thema: „Falschgeld – die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit“ erörtern. Was diesen Theorien, neben einer falschen Darstellung von Wirtschaft, in weiteren Schritten zwangsläufig folgt, ist die Präsentation der „Täter“, also jenen Personen, die hinter dem Geld vermutet und damit für ökonomische Ungerechtigkeiten verantwortlich gemacht werden. So versprach auch eine Veranstaltung dieses Jahres im Eine-Welt-Haus, Name und Anschrift der Schuldigen zu offenbaren:

Wo sitzen in München das große Geld und die Täter bzw. Opfer der internationalen Finanzkrise? Wo die Bank für die 10.000 reichsten Deutschen – ohne Schalter und Öffnungszeiten?
Eine Stadtführung mit Martin Schmidt-Bredow. EineWeltHaus, Raum 211

Säule 2: die „Israelkritik“

Die „Israelkritik“ bzw. Antizionismus sind seit seinem Bestehen chronische und am meisten ausgeprägte Bestandteil der Programmplanung des Eine-Welt-Hauses. Zu den geladenen Gästen, allein der letzten zwölf Monate, zählten nur die härtesten Kanten: Jeff Halper, Ilan Pappe, Norman Finkelstein, Abraham Melzer, Rabbi Jeremy Milgrom, Sabine Schiffer und Norman Paech. Am liebsten werden Juden geladen. Dies basiert auf der falschen Annahme, dass die Aussagen einer Jüdin oder eines Juden nicht antisemitisch sein können. So hangelt man sich auch bei der eigenen Agitation von einem „koscheren“ Zitat zum nächsten, immer mit dem Verweis auf die jüdische Urheberschaft.

Den eigenen Antisemitismus scheint man also wenigstens schon zu erahnen. Dafür sprechen auch die Veranstaltungen zum Antisemitismus selbst. Dabei kommt es aber nicht zu einer kritischen Selbstreflexion – die bitter nötig wäre – sondern es brechen sich sekundär-antisemitische Thesen Bahn, bei denen der Holocaust zwar nicht geleugnet, aber gegen die Nachkommen der Opfer gewendet wird. Zum Beispiel referierte Shraga Elam über eine angebliche „Holocaust Religion und Holocaust Industrie“ die herrsche. In einer anderen Veranstaltungsankündigung, zur „Gleichschaltung der Medien“, ist die Frage zu lesen:

Greift man hintersinnig zum Antisemitismusvorwurf, sobald sich ein kritischer Geist zum Thema Nahost oder Zentralrat der Juden in Deutschland meldet?

Säule 3: die „indigenen Völker“ als Gegenentwurf

Ein Kernbestandteil des Antisemitismus ist es, den vermeintlich „unnatürlichen“ oder auch „entfremdeten“ gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Modernen, wie Zivilisation, Geldsphäre oder auch dem Judenstaat, eine rückwärtsgewandte Positivfolie entgegenzusetzen. Diese Rolle wird seit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus den Völkern und in besonderem Maße den indigenen Völkern zugedacht. Veranstaltungen zur Huldigung von mehr oder weniger urigen Volkskonstruktionen finden im Eine-Welt-Haus nahezu wöchentlich statt. In bester Leni-Riefenstahl-Manier zeichnet zum Beispiel die Gesellschaft für bedrohte Völker das Bild vom „edlen Wilden“ nach, dessen Naturverbundenheit doch den Hörerinnen und Hörern ein Beispiel sei. Das schlägt sich in Veranstaltungstiteln nieder wie: „Was ist Lebensqualität? Wertevorstellungen aus anderen Kulturen. […]Es sprechen Jhenny Muñoz und Guadalupe Hilares aus dem peruanischen Regenwald“. Oder „Eine andere Welt ist möglich. Die indigenen Völker am Amazonas setzen sich zur Wehr“ oder so: „Das kalte Paradies schmilzt: Wie der Klimawandel das Leben der indigenen Völker unter dem Polarkreis verändert – Reportagen von einem russischen Eisbrecher“.

Selbst Veranstaltungen zu Roma – von denen es eigentlich nicht genug geben kann – schießen sich selbst ins Knie, wenn der Veranstaltungstitel, wie im Eine-Welt-Haus dieses Jahres, „Roma – Menschen anderer Welt“ lautet und damit antiziganistische Annahmen reproduziert. Da hilft es dann auch nichts, die falsche Annahme, Roma seien Menschen einer anderen Welt, nachträglich zu parfümieren. Besser wäre es gewesen, zum Thema ganz zu schweigen.

Säule 4: christlicher Fundamentalismus bzw. lateinamerikanische „Befreiungstheologie“

Bei der Verbreitung von Antisemitismus war das Christentum jahrhundertelang federführend. Noch heute stechen dabei vor allem christliche Zusammenschlüsse und Splittergruppen hervor, die stark am Evangelium und „nah am Volk“ orientiert sind, wie beispielsweise einige evangelikale Gruppen in den USA oder lateinamerikanische Befreiungstheologen. Der Grund liegt auf der Hand, kämpfte der „Christ“ Jesu doch das ganze Neue Testament lang inmitten einer eingeschworenen Gemeinschaft aufopfernd gegen geldscheffelnde und verschwörerische Pharisäer und andere gläubige Jüdinnen und Juden. So lässt sich das Neue Testament zumindest lesen und so wurde es viele Jahrhunderte auch verstanden.

Im Eine-Welt-Haus fanden dieses Jahr mehrere Veranstaltungen von „ChristInnen für Sozialismus“ bzw. befreiungstheologischen Geistlichen statt, die den „gekreuzigten Völkern“ Beistand leisten. Dabei wurde aber nicht der Antisemitismus in den eigenen Reihen verhandelt, sondern im Gegenteil, beispielsweise anhand einer „materialistischen Bibellektüre“ im Evangelium des Matthäus die (Anm.: „jüdische“) „Ökonomie der Geldvermehrung“ der (Anm.: „christlichen“) „Ökonomie der Solidarität“ gegenübergestellt.

Das Eine-Welt-Haus wäre besser eine McDonalds-Stube

Nimmt man die vier Säulen zusammen, sind wesentliche Teile des Veranstaltungskalenders im Eine-Welt-Haus und damit die dort vorherrschenden Interessen abgedeckt. Wer all die Veranstaltungen der letzten zwölf Monate besucht hat und sich nicht kritisch damit auseinandersetzt, hat elementare Bausteine verinnerlicht, die den Neuen Antisemitismus ausmachen, selbst wenn dies oder jenes gar nicht „antisemitisch gemeint“ ist – zusammen gibt es ein Ganzes. Deshalb verwundert es auch nicht, dass derzeit, initiiert vom „Münchner Friedensbündnis“, eine Unterschriftenliste im Hause umgeht, die um Stimmen gegen die Sanktionen gegen den Iran wirbt. Niemand kommt auf die Idee, diesem „Friedensbündnis“ ein Hausverbot auszusprechen. Solidarität mit dem Antisemiten in Teheran versteht sich anscheinend von selbst, während dieser Text hier keine fünf Sekunden im Eine-Welt-Haus ausliegen könnte.

Sicher ist es mehr als notwendig, dass Migrantinnen und Migranten in München über Orte und Mittel verfügen können, um ihre Selbstorganisation zu gestalten. Aber das kann kein Ort sein, dessen Programm maßgeblich von DKP-Mütterchen und -Väterchen, greisen Ostermarschierern und antisemitischen Gruppen gestaltet wird. Das muss ein Ort sein, an dem Migrantinnen und Migranten nicht als Projektionsflächen für positiv-rassistische Phantasien der weißen Mittelschicht herhalten und als Feigenblatt zur Verbreitung von völkischen und antisemitischen Theorien dienen, sondern sich tatsächlich selbst organisieren können.