Archiv für November 2010

But Bavaria and Israel …

Der Projekttag Israel geht ohne außergewöhnliche Störfeuer über die Bühne. Eldad Beck erzählt Geschichten und Benny Morris brilliert auf dem Podium. Außerdem hat Israel mit Bayern einen starken Verbündeten – meint Werner Karg, von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.


Podiumsdiskussion: Ilan Ben Dov, Benny Morris und Sandra Witte lauschen den nicht immer blitzgescheiten Fragen

Zwischenzeitlich lockt der Projekttag Israel bis zu hundert Personen in den ersten Stock der Münchner Universität – zumindest annähernd, als das israelische Buffet eröffnet wird. Deutlich weniger Gäste finden sich in den frühen Morgenstunden zum Vortrag „Ein israelischer Journalist in No-Go-Areas“ von Eldad Beck ein. Der israelisch-österreichische Gefahrensucher sieht ein bisschen so aus, als hätte er sich die Augen geschminkt. Es könnte aber auch an der vergangenen Nacht liegen. Denn Beck trinkt gerne mal ein Gläschen Wein. Und das nicht nur in Bayern, sondern auch in Kuwait, im Iran oder in Syrien, wo Weintrinken offiziell verboten ist. Der libanesische Wein ist ausgesprochen gut, empfiehlt Beck. So wie der Wein in Israel, fügt er schnell hinzu. Wohingegen der iranische Shiraz den passionierten Weinkenner nicht überzeugten konnte.

Beck weiß bitterböse Geschichten humorvoll zu erzählen. Bitterböse, denn in die besagten Länder dürfte der Journalist eigentlich nicht reisen. Die Grenzen sind für Israelis dicht und der einheimischen Bevölkerung ist auch der Kontakt mit Israelis verboten. Im Besonderen, wenn die Israelis jüdisch sind; bei palästinensischen Deligationen hält man das anders. Beck erzählt einige Anekdoten vom Knast in Syrien, von Geheimdienstüberwachung und wie er mit einem Artikel über ein rauschendes Fest, erschienen in der israelischen Zeitung Yediot Ahronot, einen Staatseklat in Kuwait erzeugte. Wochenlang zirkulierte das Thema in arabischen Medien: Wie gelang der israelische „Infiltrator“ nach Kuwait? Beck sieht seine Reisen als einen Beitrag für den Frieden: Dass die Menschen in vielen arabischen Ländern keine Israelis kennen lernen können und sich ihr Israelbild vornehmlich aus Propagandaorganen wie Aljazeera speist, hält Beck für ein zentrales Problem.

Die Performance der „Israelkritiker“
Zur Podiumsdiskussion mit u.a. Morris ist der Raum besser gefüllt. Der Historiker hält derzeit an der Münchner Universität eine Vorlesung (Dienstag 10:00 Uhr). Ein ergrauter Herr aus dem Publikum erweist sich als besonders diskutierfreudig. Seine Stimme überschlägt sich leicht, auf der Stirn glitzern Schweißperlen. Nachdem er die gleiche Frage immer wieder stellt, weist ihn die Moderatorin Sandra Witte darauf hin, dass die Frage nun hinreichend beantwortet sei. Gleich zu Anfang findet sich ein Kreis von Demonstranten zum Fahnenschwenken in der letzten Reihe ein. Nachdem die erwartete Beachtung ausbleibt, ziehen die Herren wieder ab.


Studentin vor unvorteilhaftem Wandschmuck

Morris zeigt sich aufgrund der Gemengelage in der Region wenig optimistisch
Morris schildert mögliche Lösungen für die arabische Flüchtlingsproblematik, routiniert, so als hätte er das Gesagte schon hunderte Male erzählt. Von verpassten Chancen Israels ist die Rede, aber auch von einer notwendigen Veränderung im Bewusstsein der palästinensischen Bevölkerung. „Wenn ein Kleinkind heute in Jenin, dessen Familie dort bereits in dritter oder vierter Generation lebt, immernoch der festen Überzeugung ist, es komme eigentlich aus Jaffa“ ist das ein großes Problem und weit weg von einer Zwei-Staaten-Lösung, sagt Morris.

Ein Gast wirft die Frage auf, wie das Podium denn das deutsche Verhältnis zu Israel einschätze. Es gäbe zwar immer wieder Bekenntnisse ob der tiefen Verbundenheit beider Staaten, aber im Parlament werden einstimmige Beschlüsse gegen Israel gefasst und auch in den bürgerlichen Medien vergehe kein Tag ohne das Erscheinen anti-israelischer Beiträge. Der israelische Botschafter Ben Dov nickt. Karg, von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, ergreift das Wort. Das deutsch-israelische Verhältnis mache auch ihm große Sorgen. „But Bavaria and Israel …“, Israel könne sich immerhin auf Bayern verlassen. Gelächter. Es gab tatsächlich eine Zeit, da war das so. Als Franz Josef Strauß das Verteidigungsministerium leitete und seinen Freund und israelischen Amtskollegen Schimon Perez heimlich mit Waffen versorgte.

Wir sind Herrn Strauß gegenüber verpflichtet; er tat, was wir von ihm verlangten, als er Minister war, und er hat einen lebensnotwendigen Beitrag zu unserer Sicherheit geleistet (Mosche Dajan, Oberbefehlshaber der israelischen Streitkräfte, 1954-1958)

Meschugge, The Unkoscher Jewish Night
Der Tag, besser die Nacht, klingt mit Aviv Netter und seiner Meschuggeparty aus. Die unilounge, die das bei Isrealis und Homosexuellen sehr beliebte Berliner Dancefloor-Spektakel diesmal beherbergt, ist eigentlich ein hässliches Ding. Keller, Neonlicht, Achzigerjahremöbel, klirrender Sound. Mit steigender Bierseligkeit wird das aber zunehmend egal und die Partygesellschaft schüttelt zum Hava-Nagila-Rums-Bums ihr Haupthaar. Vereinzelt ist Hebräisch zu hören. „Morgen reise ich weiter nach Tirol“ erzählt ein israelischer Tourist. Gegen zwölf Uhr stößt eine Gruppe der Münchner Antifa hinzu – zum Mittanzen. Die Beschäftigten der U-Bahn streiken. Ein guter Grund noch zu bleiben.

Weitere Artikel zum Thema: Hagalil

„Die Junge Freiheit ist ein legitimer Teil des Meinungsspektrums“

Schwer zu entscheiden, was einen mehr aufgebracht hat gegen die große Süddeutsche Zeitung: dass sie am ersten Oktober-Wochenende eine viertel-seitige Anzeige der neurechten Jungen Freiheit veröffentlicht hat oder wie sie mit der Kritik daran umgegangen ist. Ein gepfefferter Kommentar von Friedrich Burschel

Der Protest einer offenbar doch nicht unerheblichen Zahl von SZ-Leserinnen und Lesern richtete sich dagegen, dass ein bundesdeutsches bürgerliches Leitmedium der Jungen Freiheit (JF), einer Art „Nationalzeitung“ der Besserverdienenden und akademisch Gebildeten, ihre Anzeigenspalten öffnete und so der Normalisierung von Standpunkten Vorschub leistete, die zutiefst antidemokratisch und antihumanistisch sind. Der offen affirmative Bezug der JF und ihrer Autorenschar (etwa aus dem völkisch-konservativen „Institut für Staatspolitik“ (IfS)) auf die „Konservative Revolution“ der Weimarer Zeit und damit auf jene „seriösen“ Kreise erzreaktionärer Republikfeinde, Demokratieverächter und Totengräber der Weimarer Republik, schien sie als Anzeigenkundin für eine als immer noch liberal geltende Zeitung zu disqualifizieren.

Ein SZ-Redakteur wird konkret
Die SZ-Leserbrief-Abteilung wies zunächst darauf hin, dass die Anzeigen-Abteilung streng getrennt sei von der Redaktion und infolgedessen zum Geschäftsgebaren auch keine Leserzuschriften veröffentlicht würden: aus Gründen – ja, natürlich – der Seriosität. Der Protest gegen die JF-Werbung, unter anderem auch von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und zahlreichen Leserbrief-Unterzeichnenden aus Wissenschaft und Bildung, blieb also auf den Seiten der SZ unberücksichtigt. Aber das letzte Wort in einer Debatte, die sie gar nicht zugelassen hatte, wollte sich das Münchener Traditionsblatt in schwäbischer Hand denn doch nicht nehmen lassen: „Die Junge Freiheit ist als eine Stimme der demokratischen Rechten in diesem Land ein legitimer Teil des Meinungsspektrums“, belehrt SZ-Redakteur Marc Felix Serrao die Protestierenden. Das mag ja stimmen: Es wird aber die Frage erlaubt sein, ob man diesem möglicherweise legitimen neurechten Medium tatsächlich seine Seiten zum Zwecke der Werbung öffnen und ihm so ein hochkarätiges Forum bieten will.

Nicht aktzeptabel
Sich die Unterstützung einer Postille, auf deren Seiten sich Geschichtsrevisionisten, Faschismus-Verharmloser, Antidemokraten und „Gutmenschen“-Hasser tummeln, fürstlich entlohnen zu lassen und diesen, natürlich rein geschäftlichen Tabubruch auch noch als Einsatz für die Meinungsfreiheit zu verkaufen, ist eine verantwortungslose Frechheit, die ihres Gleichen selbst in Zeiten der „Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Konjunktur sucht.

Erschien auf dem ver.di Portal, zitiert mit der Genehmigung des Autors

Ein Bärendienst für LGBTs

Eine Mehrheit aus vor allem arabischen und afrikanischen Staaten setzte in der aktuellen UN-Vollversammlung durch, die Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ nicht mehr weiter zu ahnden. Die anwesenden Vertretungen der Länder Organisation der islamischen Konferenz befürworteten die Änderung geschlossen. Dessen ungeachtet wird Georg Klauda am 08.12. im Kafe Marat einen Vortrag halten und seine These begründen, warum es sich im Westen noch homophober lebt, als im Iran


Schwulsein im Iran

Es ist ein schwerer Rückschlag für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT). Nur 70 Länder der UNO votierten für eine Beibehaltung des bisherigen Passus, der die Ächtung der Todesstrafe aufgrund von „sexueller Orientierung“ beinhaltete. Im Besonderen die Vertretung aus den Vereinigten Staaten kritisierte den neuen Entwurf scharf. Auf der anderen Seite stimmten 122 Länder gegen einen Schutz von LGBTs, enthielten sich oder blieben der Abstimmung fern. Von den 79 Staaten, die aktiv zu Ungunsten von LGBTs eintraten, sind 45 Mitglieder der Organisation der islamischen Konferenz. Kein Mitglied dieser Organisation stimmte für die Ächtung der Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ und keines enthielt sich.

Im Kafe Marat soll sich am 08.12 der Spiess drehen
In wenigen Wochen wird Georg Klauda im Kafe Marat zu Gast sein, um seinen Vortrag, „Homophober Moslem, toleranter Westen? Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ abzulesen. Der Autor des Blogs Rhizom (zu deutsch: Eingewurzeltes) wird in seinem Vortrag an historischen Einzelbeispielen „mannmännlicher Liebe“ darstellen, wie ein türkischer Autor einst den „Verstand verlor“, wenn die Locken eines griechischen Jünglings auf seine Wangen fielen, oder sich ein islamischer Gelehrter einem anderen Mann sklavengleich hingab. Klaudas stellt die im ehemaligen osmanischen Reich offizielle Rechtsschule der Sharia als vergleichsweise emanzipiert dar, weil sie angeblich den Analverkehr nicht als Ehebruch ansah und nur mit einer Geldstrafe oder 39 Peitschenhieben bestrafte und auch Steinigung nur sehr selten vorgekommen seien.

Erst der Westen brachte die Homophobie
So richtig homophob ist es laut Klauda erst mit dem Einfluss des Westens zugegangen, nachdem die Sharia „wegen ihrer Ineffizenz“ abgeschafft worden sei und englisches oder französisches Recht an ihre Stelle trat. Homophobie ist nicht das „Relikt einer vormodernen Welt“, sondern Hervorbringung der (westlichen) Moderne, sagt Klauda. Er versucht damit an die Dialektik der Aufklärung anzuknüpfen, scheitert aber. Nach dem historischen Ausflug in eine fabelhalfte vormoderne islamische Welt kommt Klauda zur Begründung seiner These: Im Iran werden zwar heute Homosexuelle erhängt, die Selbstmordrate unter Homosexuellen ist im Westen aber höher als unter heteronormativen westlichen Kontrollgruppen. Das ermutigt Klauda, seinen Vortrag abzuschließen mit den Worten:

Wir leben mittendrin, in einer Gesellschaft, die ihre heteronormative Gewalt nicht einmal mehr im Strafrecht manifestieren muss, um auf höchstwirksame Weise, eine Sortierung zu bewerkstelligen, wovon die Mullahs im Iran eigentlich nur träumen können. Ok, das wars dann auch.

Das wars dann eher nicht
Weshalb sich hunderttausende LGBTs aus islamischen Staaten im Westen einfinden wollen (und nicht umgekehrt) und LGBTs aus Ägypten, Jordanien, Gaza, Libanon und dem Westjordanland nach Tel Aviv flüchten, erklärt Klauda in seinem Vortrag nicht. Das sei hier nachgeholt. Die an Israel angrenzenden Länder votierten bei der UN-Vollversammlung einhellig homophob. Menschen, die von der gewünschten sexuellen Norm abweichen, werden in diesen Ländern verfolgt. Die Vertretungen des Gaza-Streifens und des Westjordanlands sind zwar nicht zur Abstimmung bei UN-Vollversammlungen berechtigt, aber der neue Beschluss dürfte ihnen entgegenkommen. Erst vor drei Wochen ermahnte erneut ein Hamas-Vertreter die Nachrichtenagentur Reuters:

Ihr lebt nicht wie Menschen. Nicht einmal wie Tiere. Ihr aktzeptiert Homosexualität. Und wollt uns jetzt kritisieren?

Der Vortrag Klaudas trägt wenig dazu bei, das Wesen des antimuslimischen Rassismus zu entschlüsseln, vielmehr hält er ihm eine romantische Scheinwelt entgegen, die wenig glaubhaft wirkt. Auch zur Analyse von Homophobie sowie deren weltweiter Überwindung – die eine kritische Sicht auf Religion mit sich bringen müsste – taugt der Vortrag nur unzureichend.


Vortrag von Klauda: 20. August 2009, Erfurt

Veranstaltungshinweis: Israeltag an der Universität München

Wer beim Israeltag der Universität München am 23.11.2010 nichts verpassen will, sollte sich den Wecker stellen. Bereits am frühen Morgen werden der Referatsleiter Stephan Fuchs und Ilan Ben Dov von der israelischen Botschaft die Veranstaltung eröffnen. Am Abend ist queer Trumpf. Aviv Netter bringt die „Meschuggeparty“ von Berlin nach München. Benny Morris ist auch da.


Aviv Netter: früher „Jewqueer Nights“, heute „Berlin Meschugge“

Den ersten Vortrag, „Ein israelischer Journalist in No-Go-Areas“, wird der Deutschlandkorrespondent der Tageszeitung Yediot Ahronot, Eldad Beck, halten. Beck machte mit der Aussage Furore, die deutschen Medien gehörten vor Gericht. Er fand auch deutliche Worte zum Tod Jörg Haiders.

Im Laufe des Vormittages spricht Ilan Ben Dov mit den Anwesenden über Israels Verhältnis zu den Vereinten Nationen sowie über die Situation im Fernen Osten. Am Nachmittag ist eine Podiumsdiskussion angesetzt. Der Historiker Benny Morris, der israelische Botschafter Emmanuel Nahshon und Werner Karg, stellvertretender Direktor der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Bayern, diskutieren das Thema: „Israel und Deutschland – Israel und seine Nachbarn“. Benny Morris ist neben seinen viel diskutierten historischen Forschungsarbeiten u.a. durch seine kritische Haltung gegenüber dem Iran bekannt.

Der neu gewählte Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München, Stefan Stautner, wird das Schlusswort sprechen. Nach einer längeren Pause startet am Abend die „Berlin Meschugge“ mit Aviv Netter. Mehr zur Berliner Queerparty ist auf der Facebookseite von Aviv Netter zu erfahren.

Weiterführende Links: Nonstop Meschugge (Jüdische Allgemeine)
Flyer: Projekt Tag Israel – Programmablauf
Nachtrag: Bericht

Im Büro darf Sarrazins Büchlein nicht fehlen

Der Kaut-Bullinger ist eines der ältesten Bürobedarfgeschäfte in der Münchner Innenstadt. Hier gibt es neben Mal- und Bastelkram außer Kalender und Bastelbüchern eigentlich keine Bücher zu erwerben, zumindest keine, die nicht ans Kernsgeschäft anknüpfen. Bis auf eines.

Seit neuestem stapelt der ehemalige königlich-bayerische Hoflieferant zwischen Filzern und Büroklammern auch das neue Buch von Sarrrazin im Laden. Einer Beschwerde von Schlamassel Muc folgte ein Antwortschreiben des Geschäftsführers Karl-Heinz Rückerl, der die merkwürdige Programmerweiterung mit logistischen Zwängen begründet.

… Das ominöse Sarrazin-Buch mussten wir täglich ca. 5 mal bestellen. Aus wirtschaftlichen Gründen haben wir hier Bücher auf Lager genommen, um nicht täglich Einzelbestellungen auslösen zu müssen. Das Buch ist auch so präsentiert, das es beim Eintritt in die Etage nicht gleich ins Auge springt.

Wir bitten um Ihr Verständnis.

Gegen die unsichtbare Hand des Marktes ist man machtlos
Man möchte ja fast Mitleid haben, wenn ein Bürobedarfgeschäft Marke Kaut-Bullinger förmlich gezwungen ist, ein „ominöses Buch“ im Verkaufsraum zu verstecken. Natürlich haben wir neben Mitleid auch Verständnis, wenn Kaut-Bullinger den Rassismus in Deutschland befördern muss, indem in den Verkaufsräumen nicht nur einer rassistischen Nachfrage – fernab des Kerngeschäftes – stattgegeben wird, sondern zudem auch Impulskäufe provoziert. Weil es ist ja Markt. Was kann da ein kleines Geschäftsführerle schon gegen ausrichten?

Stadt Freiburg sagt Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948″ ab

In München konnte man von der Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948″ nicht genug haben. Sie erschien gleich mehrere Jahre hintereinander, an verschiedenen Orten: im Eine-Welt-Haus, im Gasteig und an der Hochschule für Philosophie. In Freiburg hingegen erteilte Oberbürgermeister Dieter Salomon der bereits zugesagten Wanderausstellung eine Absage


Scheinbar gut gerüstet gegen Antisemitismus: Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon. (Das läuft in Freiburg nicht immer so).

Aus der offiziellen Begründung der Stadt:

Inhaltlich lastet die Ausstellung die Alleinverantwortung für die Vertreibung der Palästinenser den Israelis an. Die palästinensischen Araber als verantwortlich und aktiv Handelnde in diesem Konflikt kommen in der Präsentation nicht vor. Keine Rede ist beispielsweise von den antisemitisch motivierten arabischen Pogromen, die bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts und vor allem nach 1945 in den jüdischen Siedlungsgebieten des arabischen Raumes stattfanden. Diese andere “Nakba” (deutsch: Katastrophe) bedeutete Flucht und Vertreibung für Hunderttausende arabischer Juden, die ihre Heimat verlassen mussten und in Israel aufgenommen wurden.

Unerwähnt bleibt auch die Tatsache, dass Hitlerdeutschland die Gründung des Staates Israel verhindern wollte und dabei mit den palästinensischen Arabern, allen voran mit dem geistigen und politischen Führer und Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, aufs engste kooperierte und sowohl ideologisch wie materiell unterstützte. Und keine Rede ist davon, dass die arabischen Anrainerstaaten die Palästinenser zur Evakuierung der Kampfgebiete vor dem Angriffskrieg auf Israel 1948 aufforderten. Seit Jahrzehnten bilden die palästinensischen Flüchtlinge eine politische Manövriermasse, die den arabischen Staaten als politisch-moralisches Druckmittel gegen Israel dient.

Ebenfalls ist nicht erwähnt, dass die PLO als politische Repräsentanz der Palästinenser das Existenzrecht Israels in ihrer Gründungserklärung verneinte, so wie es heute noch Hamas, Hisbollah oder manche arabische Staaten tun und mit Attentaten und Raketenagriffen auf Israel unterstreichen.

Die Ausstellung berücksichtigt überdies nur den Zeitraum vor 1949 sowie die Gegenwart, nicht jedoch die dazwischen liegenden 60 Jahre, in denen sich das Flüchtlingselend und die Unversöhnlichkeit der Lager noch verschärft haben. Auch an dieser Entwicklung waren die Palästinenser und ihre arabischen Unterstützer nicht unbeteiligt.

Indes hat die antizionistische Organisation „Institut für Palästinakunde“ eine Erklärung abgegeben: Den „Bütteln des israelischen Staatsinteresses“ sei es gelungen, den „Bürgern der Stadt den Sack des israelischen Propaganda-Interesses über den Kopf zu ziehen“.

(Nachtrag): Das Verwaltungsgericht in Freiburg entschied, dass – aufgrund der späten Absage – die Veranstaltung doch stattfinden muss.

Fauxpas erster Güte in den Kammerspielen

Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, leitet die Interpetation von Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ an, eine auf mehrere Vorstellungen verteilte inszenierte Lesung, vorgetragen vom Ensemble des Münchner Hauses. Wenig geschmackvoll der zweite Abend: Hitler und Brecht werden vom Schauspieler Nico Holonics verköpert. Gegen den Schauspieler selbst ist nichts zu sagen, er spielt gut, aber gegen die delikate Doppelrolle schon.

Feuchtwanger hätte Grund zur Freude gehabt. Sein Roman „Erfolg“, der eine Abrechnung mit der Provinz München ist, wurde nicht in einem Theaterstück verpanscht – womit die charmante Garstigkeit seiner literarischen Beschreibungen der Münchner Gesellschaft verloren ginge – sondern direkt aus der Quelle vorgetragen und mit Gesten unterstützt. Gefreut hätte Feuchtwanger sicher auch, dass sein Roman in München gewürdigt wird, war München für ihn doch nicht nur frühzeitig die Keimzelle des deutschen Faschismus, sondern auch ein Ort der falschen Kritik daran, wie seine Bewertungen, nicht nur von Karl Valentin, den er „Kasperl im Klassenkampf“ nannte, zeigten. Als Adorno schrieb: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll“, hat ihm diese Kritik Feuchwanger mit dem Roman „Erfolg“ in gewisser Weise vorweggenommen – zumindest was München angeht.

Das Münchner Publikum ist Teil der Inszenierung
Heute sitzt das Publikum der Kammerspiele während der Aufführung von „Erfolg“ auf eigens im Theater installierten Bierbänken, frisst Obatzda, trinkt Tegernseer und lacht, wenn es eigentlich etwas zu beweinen gäbe und straft die Pointen mit seinem verständnislosem Kunstgeschau. Dass es in München nach wie vor eine Hermann-Göring-Gedächtnishalle gibt oder dem Antisemiten Treitschke zu Ehren eine Straße, passt sehr gut zur Vorstellung, die die Münchner Gäste im Theatersaal der Kammerspiele abgeben. Das Stück findet im Beisein der Täter, Wegschauer und Weglacher statt, die sich gestern wie heute im Schwange eines dumpfbürgerlichen MirSanMir-Gefühls – und der Sicherheit, irgendwie immer oben zu schwimmen – über alles hinwegwiegen.

Brecht und Hitler mit einer Stimme
Das ist sicher eine gelungene (Selbst-)Inszenierung Münchens, wenn auch eine wenig geschmackvolle. Gleichsam selbstgefällig ist die Darstellung der Protagonisten „Pröckl“ und „Kutzner“ im Stück. Diese beiden Figuren sind im Roman Feuchtwangers Platzhalter für die realen Personen Brecht und Hitler. Inszeniert werden beide Gegenspieler im Rahmen der aktuellen Vorstellung aber vom selben Schauspieler, Nico Holonics, in einer Doppelrolle. Nun könnte man schon allein die Frage stellen, ob es überhaupt stilvoll ist, das dem Hitler zugewiesene Gesicht noch irgendeinem anderen zu geben. Doch noch dazu werden die im Roman herausgearbeiteten ideologischen Antipode, der Marxist und der Nationalsozialist eben, vom gleichen Schauspieler vertreten. Man muss nicht einfühlsam sein, um sich vorzustellen, was Feuchtwanger (bekanntermaßen selbst Marxist) davon gehalten hätte, sowohl zum Zeitpunkt als er seinen Roman schrieb, als auch nachdem er gesehen hat, wie Marxistinnen und Marxisten, von der Münchner Bürgerschaft weitestgehend toleriert, wenn nicht gar gefördert, im KZ Dachau interniert wurden.

Eine Missinterpretation des Romans
Feuchtwanger hat Brecht in seinem Roman „Erfolg“ nicht kritisiert weil Brecht ein Marxist, sondern er persönlich von ihm enttäuscht war und von der Linken in München (!) nicht viel hielt – weil sie ihm lächerlich und wirkungslos erschien, Produkt ihrer kleinkarierten bayerischen Verhältnisse war. Und Hitler hat er kritisiert, weil dieser ein Faschist und ein Antisemit war. Das ist im Ergebnis zwar beides tragisch, aber dennoch ein gewaltiger Unterschied. Diesen beiden Gegenspielern das gleiche Gesicht und die gleiche Stimme zu verleihen ist einfach münchnerisch im schlechtesten Sinne und die Schauspielerinnen und Schauspieler halten dem Publikum damit keinen Spiegel vor, sondern sind das Problem, das Feuchtwanger so treffend beschrieb.

Die nächste Vorstellung findet am Mittwoch den 24.11 statt. Sie ist bereits ausverkauft.