Fauxpas erster Güte in den Kammerspielen

Der Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, leitet die Interpetation von Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“ an, eine auf mehrere Vorstellungen verteilte inszenierte Lesung, vorgetragen vom Ensemble des Münchner Hauses. Wenig geschmackvoll der zweite Abend: Hitler und Brecht werden vom Schauspieler Nico Holonics verköpert. Gegen den Schauspieler selbst ist nichts zu sagen, er spielt gut, aber gegen die delikate Doppelrolle schon.

Feuchtwanger hätte Grund zur Freude gehabt. Sein Roman „Erfolg“, der eine Abrechnung mit der Provinz München ist, wurde nicht in einem Theaterstück verpanscht – womit die charmante Garstigkeit seiner literarischen Beschreibungen der Münchner Gesellschaft verloren ginge – sondern direkt aus der Quelle vorgetragen und mit Gesten unterstützt. Gefreut hätte Feuchtwanger sicher auch, dass sein Roman in München gewürdigt wird, war München für ihn doch nicht nur frühzeitig die Keimzelle des deutschen Faschismus, sondern auch ein Ort der falschen Kritik daran, wie seine Bewertungen, nicht nur von Karl Valentin, den er „Kasperl im Klassenkampf“ nannte, zeigten. Als Adorno schrieb: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll“, hat ihm diese Kritik Feuchwanger mit dem Roman „Erfolg“ in gewisser Weise vorweggenommen – zumindest was München angeht.

Das Münchner Publikum ist Teil der Inszenierung
Heute sitzt das Publikum der Kammerspiele während der Aufführung von „Erfolg“ auf eigens im Theater installierten Bierbänken, frisst Obatzda, trinkt Tegernseer und lacht, wenn es eigentlich etwas zu beweinen gäbe und straft die Pointen mit seinem verständnislosem Kunstgeschau. Dass es in München nach wie vor eine Hermann-Göring-Gedächtnishalle gibt oder dem Antisemiten Treitschke zu Ehren eine Straße, passt sehr gut zur Vorstellung, die die Münchner Gäste im Theatersaal der Kammerspiele abgeben. Das Stück findet im Beisein der Täter, Wegschauer und Weglacher statt, die sich gestern wie heute im Schwange eines dumpfbürgerlichen MirSanMir-Gefühls – und der Sicherheit, irgendwie immer oben zu schwimmen – über alles hinwegwiegen.

Brecht und Hitler mit einer Stimme
Das ist sicher eine gelungene (Selbst-)Inszenierung Münchens, wenn auch eine wenig geschmackvolle. Gleichsam selbstgefällig ist die Darstellung der Protagonisten „Pröckl“ und „Kutzner“ im Stück. Diese beiden Figuren sind im Roman Feuchtwangers Platzhalter für die realen Personen Brecht und Hitler. Inszeniert werden beide Gegenspieler im Rahmen der aktuellen Vorstellung aber vom selben Schauspieler, Nico Holonics, in einer Doppelrolle. Nun könnte man schon allein die Frage stellen, ob es überhaupt stilvoll ist, das dem Hitler zugewiesene Gesicht noch irgendeinem anderen zu geben. Doch noch dazu werden die im Roman herausgearbeiteten ideologischen Antipode, der Marxist und der Nationalsozialist eben, vom gleichen Schauspieler vertreten. Man muss nicht einfühlsam sein, um sich vorzustellen, was Feuchtwanger (bekanntermaßen selbst Marxist) davon gehalten hätte, sowohl zum Zeitpunkt als er seinen Roman schrieb, als auch nachdem er gesehen hat, wie Marxistinnen und Marxisten, von der Münchner Bürgerschaft weitestgehend toleriert, wenn nicht gar gefördert, im KZ Dachau interniert wurden.

Eine Missinterpretation des Romans
Feuchtwanger hat Brecht in seinem Roman „Erfolg“ nicht kritisiert weil Brecht ein Marxist, sondern er persönlich von ihm enttäuscht war und von der Linken in München (!) nicht viel hielt – weil sie ihm lächerlich und wirkungslos erschien, Produkt ihrer kleinkarierten bayerischen Verhältnisse war. Und Hitler hat er kritisiert, weil dieser ein Faschist und ein Antisemit war. Das ist im Ergebnis zwar beides tragisch, aber dennoch ein gewaltiger Unterschied. Diesen beiden Gegenspielern das gleiche Gesicht und die gleiche Stimme zu verleihen ist einfach münchnerisch im schlechtesten Sinne und die Schauspielerinnen und Schauspieler halten dem Publikum damit keinen Spiegel vor, sondern sind das Problem, das Feuchtwanger so treffend beschrieb.

Die nächste Vorstellung findet am Mittwoch den 24.11 statt. Sie ist bereits ausverkauft.