Ein Bärendienst für LGBTs

Eine Mehrheit aus vor allem arabischen und afrikanischen Staaten setzte in der aktuellen UN-Vollversammlung durch, die Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ nicht mehr weiter zu ahnden. Die anwesenden Vertretungen der Länder Organisation der islamischen Konferenz befürworteten die Änderung geschlossen. Dessen ungeachtet wird Georg Klauda am 08.12. im Kafe Marat einen Vortrag halten und seine These begründen, warum es sich im Westen noch homophober lebt, als im Iran


Schwulsein im Iran

Es ist ein schwerer Rückschlag für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT). Nur 70 Länder der UNO votierten für eine Beibehaltung des bisherigen Passus, der die Ächtung der Todesstrafe aufgrund von „sexueller Orientierung“ beinhaltete. Im Besonderen die Vertretung aus den Vereinigten Staaten kritisierte den neuen Entwurf scharf. Auf der anderen Seite stimmten 122 Länder gegen einen Schutz von LGBTs, enthielten sich oder blieben der Abstimmung fern. Von den 79 Staaten, die aktiv zu Ungunsten von LGBTs eintraten, sind 45 Mitglieder der Organisation der islamischen Konferenz. Kein Mitglied dieser Organisation stimmte für die Ächtung der Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ und keines enthielt sich.

Im Kafe Marat soll sich am 08.12 der Spiess drehen
In wenigen Wochen wird Georg Klauda im Kafe Marat zu Gast sein, um seinen Vortrag, „Homophober Moslem, toleranter Westen? Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ abzulesen. Der Autor des Blogs Rhizom (zu deutsch: Eingewurzeltes) wird in seinem Vortrag an historischen Einzelbeispielen „mannmännlicher Liebe“ darstellen, wie ein türkischer Autor einst den „Verstand verlor“, wenn die Locken eines griechischen Jünglings auf seine Wangen fielen, oder sich ein islamischer Gelehrter einem anderen Mann sklavengleich hingab. Klaudas stellt die im ehemaligen osmanischen Reich offizielle Rechtsschule der Sharia als vergleichsweise emanzipiert dar, weil sie angeblich den Analverkehr nicht als Ehebruch ansah und nur mit einer Geldstrafe oder 39 Peitschenhieben bestrafte und auch Steinigung nur sehr selten vorgekommen seien.

Erst der Westen brachte die Homophobie
So richtig homophob ist es laut Klauda erst mit dem Einfluss des Westens zugegangen, nachdem die Sharia „wegen ihrer Ineffizenz“ abgeschafft worden sei und englisches oder französisches Recht an ihre Stelle trat. Homophobie ist nicht das „Relikt einer vormodernen Welt“, sondern Hervorbringung der (westlichen) Moderne, sagt Klauda. Er versucht damit an die Dialektik der Aufklärung anzuknüpfen, scheitert aber. Nach dem historischen Ausflug in eine fabelhalfte vormoderne islamische Welt kommt Klauda zur Begründung seiner These: Im Iran werden zwar heute Homosexuelle erhängt, die Selbstmordrate unter Homosexuellen ist im Westen aber höher als unter heteronormativen westlichen Kontrollgruppen. Das ermutigt Klauda, seinen Vortrag abzuschließen mit den Worten:

Wir leben mittendrin, in einer Gesellschaft, die ihre heteronormative Gewalt nicht einmal mehr im Strafrecht manifestieren muss, um auf höchstwirksame Weise, eine Sortierung zu bewerkstelligen, wovon die Mullahs im Iran eigentlich nur träumen können. Ok, das wars dann auch.

Das wars dann eher nicht
Weshalb sich hunderttausende LGBTs aus islamischen Staaten im Westen einfinden wollen (und nicht umgekehrt) und LGBTs aus Ägypten, Jordanien, Gaza, Libanon und dem Westjordanland nach Tel Aviv flüchten, erklärt Klauda in seinem Vortrag nicht. Das sei hier nachgeholt. Die an Israel angrenzenden Länder votierten bei der UN-Vollversammlung einhellig homophob. Menschen, die von der gewünschten sexuellen Norm abweichen, werden in diesen Ländern verfolgt. Die Vertretungen des Gaza-Streifens und des Westjordanlands sind zwar nicht zur Abstimmung bei UN-Vollversammlungen berechtigt, aber der neue Beschluss dürfte ihnen entgegenkommen. Erst vor drei Wochen ermahnte erneut ein Hamas-Vertreter die Nachrichtenagentur Reuters:

Ihr lebt nicht wie Menschen. Nicht einmal wie Tiere. Ihr aktzeptiert Homosexualität. Und wollt uns jetzt kritisieren?

Der Vortrag Klaudas trägt wenig dazu bei, das Wesen des antimuslimischen Rassismus zu entschlüsseln, vielmehr hält er ihm eine romantische Scheinwelt entgegen, die wenig glaubhaft wirkt. Auch zur Analyse von Homophobie sowie deren weltweiter Überwindung – die eine kritische Sicht auf Religion mit sich bringen müsste – taugt der Vortrag nur unzureichend.


Vortrag von Klauda: 20. August 2009, Erfurt