Dann bin ich halt ein Antisemit

Moshe Zuckermann stellte letzten Freitag sein medial wenig beachtetes Buch, „‘Antisemit!‘ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“, im Münchner Gasteig vor. Am Samstag beantwortete der Israeli die noch offenen Fragen in Anwesenheit eines durchgeknallten Kaffeekränzchens im EineWeltHaus.


„Die schwächste Stelle konzentriert angreifen“

Die Tische im großen Saal des EineWeltHauses formen ein Quadrat. An einem Ende nehmen Moshe Zuckermann und Eckhard Lenner sowie Christoph Steinbrink vom antizionistischen Verband Salam Shalom Platz. Die etwa 25 bis 30 Zuhörerinnen und Zuhörer sitzen in U-Form ums Kompetenzzentrum. In der Luft liegt ein Gemisch aus Kaffeeduft und dem erregenden Geruch alter Männer. Lenner verliest zur Einstimmung in pastoraler Tonlage ein Gedicht des aktuellen Friedensnobelpreisträgers, Liu Xiaobo, in dessen Schatten er sich vorortet, auch wenn er den Namen nicht richtig aussprechen kann, es gar nicht erst versucht, sondern es gleich zugibt.

Dabei haben sich die Teilnehmenden hier eingefunden der Aussprache wegen, genauer, einmal das auszusprechen, was sie ehedem jeden Tag von sich geben und auch hier noch einmal – in aller Deutlichkeit. Die erste Wortmeldung ist dementsprechend eine Buchempfehlung. Ein Buch über die „inneren Zirkel der Elite“ von David Ross wird nahegelegt. Weil eben das „Rückgrat der Israelis oder auch der Saudis die Rothschilds oder Rockefellers sind“, sei es hilfreich, die dazugehörigen Firmen zu boykottieren und „wie David den Goliath besiegt hat, die schwächste Stelle konzentriert anzugreifen“.

Deutsche Zivilcourage und der „Rufer in der Wüste“
Ein anderer, Günther, kann der Gruppe schon erste Erfolge vorweisen. Der Schlange an der Supermarktkasse hat der rüstige Einkäufer schon ordentlich vor den Kopf gestoßen:

Wenn ich heute an der Supermarktkasse stehe und nehme mir ganz bewusst Obst aus Israel mit und gebe sie dann an der Kasse zurück und sage dann ganz laut, dass es die Schlange hört: Solange Israel seine Besatzungspolitk aufrecht erhält, kaufe ich keine israelischen Waren! Da schauen mich die Leute oft blöd an, aber ich denke auch, es macht manche nachdenklich.

Auch Lenner von Salam Shalom weiß ein Anekdötchen beizutragen. Denn nicht jeder traue sich etwas zu sagen. Als er den Erhard Eppler, einen „Vordenker der SPD“, auf dem Kirchentag getroffen habe, fragte er ihn, „Herr Eppler, wo bleiben sie bei unserem Thema“. Eppler soll geantwortet haben: „Besatzungsregime haben sowieso keine lange Lebensdauer und das sage ich auch so, aber wenn ich mehr sage, bin ich ein Antisemit“. Herr Zuckermann merkt an, diese alten Leute befänden sich aufgrund ihrer persönlichen Geschichte in einem „destabilisierten Zustand“. Aber auch die gesamte „politische Klasse in Deutschland“ bliebe still, würde „sich nicht einfallen lassen, was sie innerhalb ihren vier Wänden denken, zu artikulieren.“ Er sei aber angetreten, „die verfahrene Struktur aufzubrechen“. Als: „Rufer in der Wüste“.

Gute Noten für die Süddeutsche Zeitung
Lenner macht dem Rufer in der Wüste Mut. Die Süddeutsche Zeitung wird eine Rezension des neuen Zuckermann-Buches veröffentlichen, verrät er. Herr Steinfeld habe es versprochen, „da machen wir was“, habe der Chef vom Feuilleton gesagt. Wir „als Deutsche haben in Deutschland die Aufgabe unseren Mund aufzumachen, zu rufen und zu schreien und Partei zu nehmen“ wirft eine Frau ein, die sich mit einer Palästina-Plakette schmückt, auf die sie angeblich schon viele positive Reaktionen erntete.

Zuckermann dämpft den Optimismus:

Aber machen sie sich nicht vor, indem sie den Pappe, den Halper oder den Zuckermann nach München holen, dass sie die Vertretung der israelischen Gesellschaft nach München holen. Sie haben das Randständigste vom Randständigsten, das Ausgekotzteste vom Ausgekotztesten nach München geholt. Das ist der Grund übrigens, warum solche Knallköpfe, wie die von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft sich anmaßen können, überhaupt etwas zu sagen: Weil sie haben die Abfederung von der israelischen Botschaft, vom Außenministerium u.s.w.

Und endet nach weiteren wirren Thesen mit einer Anklage gegen die Unsichtbaren:

Und ich möchte wissen von den ganzen Raumverbietern, die sollen mir sagen, worin ich irre. Es ist ja kein Zufall, dass die sich hier nicht zur Diskussion stellen, sie nur mit Raumverboten und Aggressionen kommen können, mit Antisemitismus u.s.w. Ich möchte einmal einen sehen, der das widerlegt, was ich gerade gesagt habe.

Tipps für Antisemitinnen und Antisemiten, die keine sein wollen
Ein Mann meldet sich zu Wort, dessen Mundart – nicht der Inhalt – stark an Gerhard Polt erinnert. Er schlafe sehr wenig, gesteht er, während er sich seinen Bauch zurecht schiebt und von seiner 34-jährigen Beschäftigung bei der Süddeutschen Zeitung erzählt. Einen 91-jährigen Juden habe er am Sterbebett gefragt, was dieser denn „darüber denke“. Und der Sterbende verriet ihm wohl, er sei „mit dem Problem Palästina, also mit dieser Politik, überhaupt nicht zufrieden“. Der Mann aus Bayern wird lauter, gleitet, vom moralischen Rückenwind angetrieben, vom Jämmerlichen ins Polternde. Man brauche „eine vernünftige Justiz in der BRD, die nicht engstirnig herangeht, wenn jemand das Maul aufmacht und Israel kritisiert. Dann wird gleich mit dem Schwert des Antisemitismus vorgegangen. Es gibt Tausende von Deutschen, die ihr Maul aufgemacht haben und die bestraft worden sind. Und wie sind sie bestraft worden?!“

Ja, wie eigentlich? Herr Zuckermann gibt ein paar Tipps aus dem praktischen Leben eines Mannes, der schon „von allen Seiten“ als „jüdischer Antisemit“ bezeichnet worden sein soll. Weniger darüber jammern und mehr „Zivilcourage zeigen“, sei das Motto. Und „sorgen sie dafür, dass der Vorwurf aufgeknackt wird“. Es sei ein Skandalon, dass man „bestimmten Gruppen die Deutungsmacht gelassen hat, was Antisemitismus ist“. Das gelte es „rigoros zu bekämpfen“, da man mit diesem „Kulturkapital“ nicht so „unbedarft umgehen“ könne.

Querdenkerinnen-Alarm
Eine junge Stuttgarterin stellt sich als „absolute Querdenkerin“ vor. Das Wort „Kulturkapital“ könnte sie aus dem Schlaf gerissen haben. Sie betreibt den „FDP-nahen“ Blog Palästina-Klub Stuttgart OST. Sie hat Mathematik studiert und „denkt“, wie sie findet, „sehr“. Sie möchte „das Staatenkonzept abschaffen“. Indem „wir als Deutsche allen Israelis und Palästinensern anbieten, wenn sie wollen, können sie einen deutschen Pass haben“. Ihr eigentliches Thema sei aber, räumt sie dann ein, „die deutsche Geschichte zwischen 33 und 45 und die ganzen Tabus, die es dort gibt“. Dürfe man beispielsweise darüber reden, dass Deutschland nicht allein Schuld am Zweiten Weltkrieg war? Sie plant eine Veranstaltung zum Thema mit Norman Paech im Januar. Und, so meint sie, „da könnte man auch wunderbar Palästina mit reinbringen“. Bestimmt.

Einer alten Frau platzt der Kragen …
… aber nicht etwa aufgrund der Dummheit, die sich nun schon seit über einer Stunde Bahn bricht, sondern weil sich die jüdische Gemeinde in München so „aufführt“:

Mich treibt etwas um. Wir reden über Israel. Das ist weit weg alles. Aber was machen wir hier in München? […] Früher war ich sehr oft in der [alten] Israelitischen Kultusgemeinde. Aber jetzt führen sie sich auf. Ich boykottiere dieses [neue] Zentrum, seitdem ich da mal reingegangen bin. Ich habe nur Bücher gespendet. Ich bin so angemacht worden von diesem Militär, dass ich das Haus nicht mehr betrete. Das ist Boykott und das ist natürlich Antisemitismus. Aber es ist für mich kein Antisemitismus. Ich bin in Japan groß geworden, ich bin erst 1947 nach Deutschland gekommen. Ich war also gar nicht hier, als das hier ablief. Niemand hat das Recht mich als Antisemitin zu beschimpfen. Aber diese Geschichte treibt mich um. Und dieses Zentrum, die mischen sich sogar in die Uni ein! Ein Vortrag von iranischen Wissenschaftlern ist boykottiert worden! Entfällt! Weil sie wollten über das Gottesbild im Islam reden! […] Also ich bin wütend! Also mir reichts!

Ein Typ erzählt von seinem Engagement auf einer Demonstration, um „die Palästinenser zu unterstützen“. Ein etwa 17-jähriger Israeli sei auf ihn zugekommen und habe mit ihm geredet. Und zum Schluss fragte ihn der Israeli dann: „Sind sie ein Antisemit?“. Und er habe geantwortet: „Wenn Du der Meinung bist, ich bin ein Antisemit, dann bin ich halt ein Antisemit“. Lenner ergänzt, das sei alles so „blöd und absurd“. „Antisemit“ sage „überhaupt nichts mehr aus“, man müsse sich „nicht um die Leute kümmern“, die “dem Antisemitismusvorwurf das Feld bestellen“. Allen, die so bezeichnet werden, könne er nur sagen: „Willkommen im Club“.