Wie das Attentat von 1972 bis in den vierten Parteitag der Linken hineinwirkt

Am 11. Dezember wollte die bayerische Linkspartei auf ihrem Parteitag über die „Palästinasolidarität“ nicht Beschluss fassen. Die Antragsteller Rolf-Henning Hintze und Magdi Gohary müssen sich in Geduld üben. Der Tagesordnungspunkt sechs wurde im Schatten des allgemeinen Halligallis um Personalfragen auf den nächsten Parteitag verschoben. Dabei wartet Gohary schon seit 1972.

Antizionismus ist eine bedeutende Säule im politischen Portfolio der Münchner Linkspartei. Eine treibende Kraft ist die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke. Schon im Wahlkampf 2009 machte die Münchnerin mit antiisraelischen Veranstaltungen auf sich aufmerksam. Das Rezept hat sie bis heute beibehalten. Auf ihrer Website sind in der Rubrik „Bewegung“ aktuell unter den letzten fünf Beiträgen allein drei antiisraelische zu finden. Ebenfalls Teil der „Bewegung“ ist Hintze. Er forderte im Wahlkampf 2009 Israel auf, „Wiedergutmachung“ zu leisten für die zerstörten europäischen Einrichtungen in Gaza. Im Januar setzte Hintze im Kreisverband durch, einen Antrag im Stadtrat einzureichen, der die Stadtwerke anhalten sollte, Produkte von im Westjordanland lebenden Jüdinnen und Juden zu boykottieren. Es muss nicht überraschen, dass der Tagesordnungspunkt „Palästinasolidarität“ im Antragsfächer des bayernweiten Parteitages der Linkspartei in München verfasst wurde und Hintze einer der Antragsteller ist.

Die politische Geburtsstunde des Magdi Gohary
Der zweite Antragsteller, der „Palästinasolidarität“ einfordert, ist Gohary. Seinen ersten großen TV-Auftritt hatte der Chemotechniker und frühere Wacker-Angestellte schon 1972. Er wurde als Übersetzer berufen zu Verhandlungen zwischen Vertretern der Arabischen Liga und den Terroristen, die anschließend das israelische Olympiateam in München ermordeten. Wenige Wochen später wurde Gohary in seiner Münchner Wohnung festgenommen. Der Bundesstaatsanwalt unterstellte dem gebürtigen Ägypter Verbindungen zur antisemitischen und völkischen Organisation „Generalunion Palästinensischer Studenten“ (GUPS). Die GUPS und ihre Schwesterorganisation „Generalunion Palästinensischer Arbeiter“ (GUPA) waren zusammen die stärksten radikalen Organisationen dieser Art in Deutschland, vor allem in München, und galten als El-Fatah-nah. Laut Verfassungsschutzbericht waren sie der El-Fatah gar direkt untergeordnet, was nie bewiesen werden konnte und auch nicht wahrscheinlich ist. Die auf Demonstrationen skandierten Parolen klangen in etwa so: „Gegen das Komplott des BRD-Imperialismus und des Zionismus! Sieg im Volkskrieg!“. Nach dem Attentat auf das israelische Olympiateam wurden die beiden Vereinigungen verboten.

Goharys Daten fand man im Rahmen einer Durchsuchung in der Adresskartei der GUPS und er war auch schon von einschlägigen Demonstrationen her aktenkundig. Er wurde als Sicherheitsrisiko eingestuft und nach Ägypten abgeschoben. In Ägypten angekommen, empfing ihn das Staatsfernsehen und das Präsidialamt, „Ich kam praktisch wie ein Held rein“. Nach einer längeren Gerichtsverhandlung durfte der Held auch wieder nach Deutschland einreisen.


Gohary verliest eine abgewandelte und anklagende Fassung des jüdischen Gebets „Höre Israel“ (שְׁמַע יִשְׂרָאֵ) auf einer Demonstration am 10.01.2009

Kampf der Idiotien
Die Zeit, als Gohary politisch sozialisiert wurde, lässt sich guten Gewissens als dumpfestes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte bezeichnen. Die Münchner Behörden nutzten das Attentat auf die Israelis, um ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen. Die „Ausländergesetze“ wurden verschärft und hunderte Araberinnen und Araber abgeschoben. Der Direktor der Münchner Kripo, Gustav Stogel, befand öffentlich: „Dem Araber, dem ist nicht zu trauen“. Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft in Frankfurt hingegen erklärte infolge des Attentats, dass „die palästinensischen Revolutionäre durch ihre entschlossene und tapfere Handlung einen – wenn auch verlustreichen – Sieg in ihrem Befreiungskampf errungen“ hätten. Das Islamische Zentrum in Aachen distanzierte sich von den Attentätern, weil „wir bekämpfen den Kommunismus, weil er mit unserer Religion nicht in Einklang zu bringen ist“. Nach dem Verbot vom GUPS und GUPA übte die bayerische Linke alle erdenklichen Spielarten des Antisemitismus ein. Die historische Sammlung des Mao-Projektes zur „Analyse von Opposition “ in Bayern legt Zeugnis davon ab. Interessant ist dabei auch, dass der vermeintliche Antirassismus der Linken zumeist keiner war, noch nicht einmal im ebenfalls rassistischen Ethnopluralismus ankam, sondern nur für „fortschrittliche Ausländer“ eintrat, die sich also irgendwie „sozialistisch“ fühlten, von Volk redeten und im besten Fall antisemitsch unterwegs waren.

Sich inmitten Unbeteiligter in die Luft sprengen – zum „Luft schnappen“
In einem Interview für den Freitag offenbart Gohary noch im Jahre 2003, dass er seit 1972 kein bisschen weiser geworden ist. Das Selbstmordattentat hält er allgemein für eine nachvollziehbare „Waffe“, weil „in den wenigen Sekunden, bevor ich auf den Knopf drücke, bin ich mächtiger als du“. Mehr noch, er freue sich jeden Tag über die Selbstmordattentate im Irak, weil „die Völker müssen atmen können“, und er wolle „den Irakern keine Vorschriften [machen], wie sie ihren Widerstand zu leisten haben“. Der irakische Widerstand binde die Amerikaner, damit – und auch hier benutzt Gohary wieder ein Bild vom Volksorganismus – „die anderen Völker etwas Luft schnappen können“. Mit der „Ausweisung Arafats“ habe die israelische Regierung das „Tor zur Hölle aufgestoßen“, lässt Gohary den Freitag im feinsten GUPS-Jargon wissen.

Genauso undifferenziert wie große Teile der Linken vor und vor allem nach den Anschlägen 1972 waren, genauso undifferenziert und platt ist der Antrag „Palästinasolidarität“, der den nächsten Parteitag der Linkspartei in Bayern beschäftigen wird. Das mag einerseits an der persönlichen Stagnation der Antragsteller liegen, aber auch daran, dass man es sich bei der bayerischen Linkspartei offensichtlich leisten kann.