Archiv für Januar 2011

Sterben für den Frieden im Mathäser Filmpalast

Lange hat sich die FSK Zeit gelassen, aber in letzter Minute dann doch den Film „Tal der Wölfe – Palästina“ freigegeben. Am 27.01.2011 fand die erste Vorführung im Mathäser Filmpalast statt. Es besteht kein Zweifel: der Film möchte ein Volk verhetzen – und zwar das türkische.


Mosche Dajan und Ariel Scharon

Schon in den ersten Minuten des Films „Tal der Wölfe – Palästina“ wird klar, wohin die Reise geht. Der türkische Geheimagent Polat ist nach Israel gekommen, das er Israel nennen nicht will und schreitet geradewegs auf einen Grenzposten Richtung Westjordanland zu, den er freilich auch nicht anerkennt. Die Kamera fängt auf seinem Weg durch die Jerusalemer Altstadt das bunte Treiben der Menschen ein. Beim Umschnitt auf orthodoxe Juden beginnt die Zeitlupe, um diese möglichst bedrohlich vom restlichen Gewusel abzuheben. Am Grenzposten angekommen spricht der Geheimagent dann „die Sprache die sie verstehen“. Das 105-minütige Geballer auf alles was sich bewegt und einen Davidstern trägt, beginnt.

Die neuen Nazis sind Juden
Im Laufe des Filmes werden drei antisemitische Stereotype in Rollen gegossen. Das erste verkörpert Avi, ein verschlagener Greis, der die Tora immer griffbereit hat (sowie er die Welt im Griff hat). Avi träumt von einem „Großisrael“, das sich „keiner mehr traut zu vernichten“. Dessen Handlanger ist Mosche, ein brutaler Sadist, der die IDF befehligt. Mosche trägt zuletzt eine Augenklappe, wie der einstige israelische Oberbefehlshaber Mosche Dajan. Er ist im Begriff Spezialpatronen zu besorgen, in hoher Stückzahl – „genug für die Welt“. Die dritte Karikatur ist die gute Jüdin Levi, deren Großvater von den Nazis ermordet wurde und die sich jetzt für die arabische Sache erwärmt. Gegen Mitte des Filmes zieht sich Levi – von pompöser Musik gerahmt – ein Kleid und ein Kopftuch über. „Jetzt siehst du aus wie eine echte Frau“, kommentiert ein arabischer Junge ihren optischen Wandel hin zum Islam anerkennend. Das Publikum im Mathäser lacht. In ihrem neuen Gewand stellt Levi dann den Avi zur Rede: „Es waren Mörder wie Sie, die meinen Großvater ermordet haben“.

Der Islam in Haft
Der Gemeimagent Polat ist gekommen, um sich an Mosche für die Ereignisse auf dem türkischen Schiff „Mavi Marmara“ zu rächen, bei der israelische Soldaten – so zeigt es der Film – auf das Schiff kamen und die flüchtenden Türken von hinten erschossen. Mosche ist über das Erscheinen des türkischen Agenten verwundert, weil ein altes Sprichwort besage, man könne „soviele Türken töten wie man will, die machen nichts“. Mosche hält währenddessen einen hohen islamischen Geistlichen in Geiselhaft, was Polat noch davon abhält, Mosche zu zeigen, was Mosche in Zukunft unter einem echten Türken zu verstehen habe. Der Showdown ist im Grunde die filmische Wiederaufbereitung der Propagandalüge vom Massaker in Jenin. Mit den Worten „stirb dreckiger Mörder“ aber bereitet Polat dem Mosche ein Ende. Das Publikum im Mathäser Filmpalast spendet Szenenapplaus.

Märtyrer für den Frieden
Im Film „Tal der Wölfe – Palästina“ wird zentral für den Märtyrertod geworben. Denn: „sie sind soweit, dass sie alle Nicht-Juden für Judenfeinde halten“. Deshalb: „Wenn man den Widerstand aufgibt, lässt Israel keinen von uns am Leben“. Demnach: „Wenn wir sterben, sterben wir als Märtyrer für den Frieden“. Dabei legt der Film nahe, dass Israel eine tödliche Bedrohung für die gesamte Welt sei, genug Patronen wurden schließlich von der IDF bereits bestellt. Es werden althergebrachte antisemitische Topoi mit neuen verbunden und die türkische Nation, die als Erlöserin auftritt, auf einen Krieg gegen Israel eingeschworen. Die Empörung über die Vorstellung im Mathäser Filmpalast hält sich in München indes in Grenzen, was kaum verwundlich ist, in einer Stadt, die sich noch heute einer Treitschkestraße nicht schämt.

Debattenbeitrag zum Thema Zensur oder Nicht-Zensur: Nichtidentisches

Veranstaltungshinweis: Daniel Kahn!

Der in Detroit aufgewachsene Daniel Kahn lebt seit 2005 in Berlin und gründete die Band Daniel Kahn & The Painted Bird. Das Repertoire besteht aus einer wilden Mischung von Klezmer, radikalen jiddischen Songs, politischem Kabarett und Punk Folk. Kahn beschäftigt sich in seinen Texten mit Geschichte und der Aktualität des Jiddischen und der Relevanz des Antifaschismus, schreibt die Jungle World. Und das kann man schon so sagen.

Datum: Dienstag, 25.01.2011
Beginn: 20:30 Uhr
Ort: Substanz
Eintritt: 15 Euro

Interview in der Jungle World
Musik anhören

Ausweitung der Arschgeigen-Zone

In den Räumlichkeiten des großen städtischen Kulturzentrums Gasteig konnte am 17.01.2011 die Redaktion des extrem rechten Magazins Sezession einen Abend gestalten. Auf dem Podium fanden sich die Publizisten Götz Kubitschek und Alexander Kissler ein. Ein parteiisches Protokoll des Abends.

Passend: Georg Elser Gedenktafel vor dem Münchner Gasteig

Trachtler, Sudetendeutsche, ehemalige Wehrmachtsangehörige, Burschenschafler und ähnliche Kaliber sind dem Aufruf der Sezession gefolgt und füllen den Presseraum 0.131 des Gasteigs annähernd aus. In der ersten Reihe sitzen ein paar Muskelbeulen mit hartem Seitenscheitel, links und rechts vom Publikum halten zwei Aufpasser mit Kamera Position. Die überwiegende Mehrheit der Versammelten hat die aktuellste Ausgabe des ostdeutschen Magazins am Eingang käuflich erworben. Die Stimmung ist gespannt. Kaum ein Mucks ist zu hören, als die beiden Referenten das Podium besetzen. Es ist eine Besonderheit, dass sich diese Runde hier an diesem Ort versammeln kann, merkt Felix Menzel an, Redaktionsmitglied der Sezession und Moderator des Abends. Das habe man vor allem Herrn Kissler zu verdanken, wird Menzel später erklären.

Das große Sterben
Auf dem Programm steht – wie üblich in diesen Kreisen – einleitend eine Runde Selbstmitleid. Und zwar gerade so, als würden nicht die Ideologien in den Köpfen der Anwesenden auf einen barbarischen und mörderischen Furor hinauslaufen, sondern die Kritik daran. „An der Wand tut’s wirklich weh“, erklärt Kubitschek, ebenfalls von der extrem rechten Sezession, mit viel Gefühlsaufwand den gerührten Gästen. Greift der „Mechanismus der Skandalisierung“ erstmal, ist man schon bald „sozial tot“ und der „Weg der Skandalisierung“ ist bereits gesäumt von „politischen Leichen“, bebildert Kubitschek im eng gesteckten Rahmen seiner intellektuellen Möglichkeiten die Fälle Nolte, Jenninger, Hohmann, Walser und Herrman. Sarrazin habe den Skandal „gerade so überlebt“, unter anderem, weil ihm in der „entscheidenden Frage des sogenannten Judengens, die Juden selbst beigesprungen“ wären und „die Juden“ gesagt hätten: „natürlich gibt es eine genetische Verwandschaft um die Juden. Punktum. Über mehr müssen wir hier gar nicht reden“. Ein Gast möchte in die Liste der Toten und Halbtoten noch Ilan Pappe und Norman Finkelstein eingeschrieben wissen, deren antisemitischen Ergüsse er wohl gerne in München gehört hätte, welchen aber die städtischen Räumlichkeiten kurzerhand entzogen wurden.

Kubitscheks Ausblick
Kubitscheks Einschätzung nach wird sich mit einem Zusammenbruch des Finanzsystems – den er erwartet – die Sarrazin-Debatte verschärfen. Die besitzenden Kleinbürger werden verarmen und die „ethnischen Bruchlinien“ werden „aufbrechen“, schildert der Publizist mit stiernackiger Zuversicht. Gegen die „schiere Anzahl“ von Einwanderern sollten die Deutschen dann „Abwehrbegriffe“ haben. Die entscheidenden Fragen seien: „Wer gehört zur Schicksalsgemeinschaft? Wer gehört zu mir?“. Zur Verteidigung rät Kubitschek den Deutschen, sich auf „das Unterkomplexe“ zu besinnen (das wird nicht vielen schwer fallen). Denn „nur Barbaren können sich verteidigen“, führt er in ruhigem Ton weiter aus. Wie die „Schicksalsgemeinschaft“ dann nach gewonnener Barbarenschlacht bestenfalls aussieht, verrät Kubitschek auch. Es komme die Zeit des „liebenden Blickes auf den Menschen“ und zwar genau so:

[Jeder Deutsche] wird gebildet, soweit es ihm möglich ist. Er bekommt ein gutes Stück Arbeit hingelegt. [Auch,] wenn er Kaffee kocht für 200 Leute, jeden Tag im Betrieb, dann ist das eine saubere Angelegenheit. Wenn er das sein Leben lang ordentlich macht, gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Er sitzt dann abends mit am Tisch, trinkt sein Bier, und erzählt, wie er die Welt wahrgenommen hat, den Tag über.

Auftritt der Wurst
Kubitschek nennt sich einen Freund des „Preußischen Sozialismus“, weil seiner Ansicht nach ein auf „Verträgen basierendes Miteinander“ der „Deutschen Nation“ widerspreche. Kubitschek weiss nicht, dass der sich herausbildende Kapitalismus die Nation erst hervorgebracht hat. Sein Podiumskollege Kissler, unter anderem auch Autor des stramm rechtsliberalen Magazins eigentümlich frei, ist da besser im Bilde. Er profiliert sich gemäß seiner Blattlinie als absoluter Befürworter der Marktwirtschaft. Erst durch die „Kraft der Marktwirtschaft“, die „Nachfragekraft des merkantilen Erfolges“[sic], haben „gewisse Begriffsverhinderungsstrategien“ im Falle Sarrazin nicht mehr funktioniert, lobt Kissler sprachlich verworren marktwirtschaftliche Vorzüge. Der junge Doktor versucht sich stets gewählt auszudrücken und grinst zufrieden in sich hinein, wenn ihm das gelungen ist. Es gelingt ihm aber nicht immer. Regelmäßig kommt es zu sinnentleerenden Doppelungen. Sarrazin müsse „die Überführung seines Buches in eine parteipolitische Agenda übersetzen“, ist eine weitere solche Stilblüte.

Dabei geht es Kissler gerade um Sprache
„Zu ihrer Frau zuhause können sie sagen was sie wollen, in der Öffentlichkeit wird’s dann schwieriger“, erklärt der Focus Redakteur dem ihm gegenüber mehrheitlich skeptischen Publikum. Seine Beteuerungen, dass es ihm ebenso um den Erhalt der „autochthonen Bevölkerung“ in Deutschland gehe, helfen nicht, die Skepsis abzubauen. Erst habe man „Gastarbeiter“ gesagt, dann „Ausländer“ und jetzt „Migranten“. Migranten bedeute vom Wortursprung her „sie wandern“. Man möchte wohl sagen, „die sind gar nicht richtig da“, scherzt Kissler abgeschmackt. Derlei Clownerien hat er eine ganze Reihe im Gepäck, zum Leidwesen des Humors. Kissler empfiehlt, den „Sprachreglungen“ eine „Ausweitung der Formulierungszone“ entgegenzusetzen. Ob Kissler dieser großen und – wie wir erfahren haben – absolut tödlichen Aufgabe gewachsen ist? Die Ausweitung der Arschgeigen-Zone bis in städtische Einrichtungen hinein ist dem Publizisten, der für renommierte Zeitungen arbeitet, zumindest gelungen.

Jenin, Jenin – Garstiges im Gasteig

Die Veranstaltungen im Gasteig zum Thema Israel häufen sich. In den Räumen des großen Münchner Kultur- und Bildungszentrums ist mittlerweile Israel öfter Anlass, als beispielsweise alle politischen Veranstaltungen zu allen afrikanischen Staaten zusammen. Der Blick auf Israel läuft dabei oftmals Gefahr, einer antijüdischen und unausgewogenen Perspektive zu folgen. Bei der Palästina-Israel Filmwoche Ende Januar ist das ganz sicher der Fall – obwohl der Titel ein ausgewogenes Bild suggeriert. Gezeigt wird u.a. der umstrittene Film „Jenin, Jenin“.


Selbstmordanschlag, Israel 2002

Der im Jahre 2002 erschienene Film Jenin, Jenin hat seiner Zeit für Furore gesorgt. Der Hintergrund: Zwischen November 2000 und Novermber 2003 rissen 103 arabische Attentäterinnen und Attentäter pro Anschlag durchschnittlich 4,3 Menschen in Israel mit in den Tod und 29,9 Menschen wurden pro Anschlag durchschnittlich verletzt. Nach den Attentaten während der Pessach-Ferien rückte die IDF in Jenin ein, einer Kleinststadt ehemaliger Flüchtlinge und ihrer Nachkommen, aus welcher laut Angaben der Behörden etliche Attentäterinnen und Attentäter stammten. Palästinensische Funktionäre sprachen daraufhin von einem Massaker an der Zivilbevölkerung durch die IDF, wie es „kein Mensch jeh gesehen“ habe – und von mindestens 500 Toten. Al Jazeera berichtete schon zu Beginn der Operation von „tausenden Verletzten“. Viele europäischen Medien übernahmen diese Meldungen ungeprüft. Überall in Europa fanden Demonstrationen statt. 15.000 Menschen demonstrierten in Amsterdam, mit Spruchbändern wie zum Beispiel: „Jenin 2002 = Warschau 1943″.

Der Film „Jenin, Jenin“ sollte das Massaker dokumentieren
Die Geschichte vom Massaker mit hunderten Toten entpuppte sich als glatte Lüge. Es kamen bei Häuserkämpfen insgesamt 52 in Jenin Lebende und 23 Angehörige der IDF ums Leben. Diese Zahlen wichen nicht weit vom Bericht der IDF ab und wurden von einer unabhängigen Kommission der UNO ermittelt. Der Film „Jenin, Jenin“, der im Grunde die damalige Sicht der Fatah wiedergibt, landete nach wenigen Aufführungen in Israel auf dem Index – was bis dahin 15 Jahre lang bei keinem politischen Film der Fall war. Die Filmbehörde nannte das Werk „verleumderisch“. Die zahlreichen Falschdarstellungen zur Lage in Jenin wurden unter anderem von einem Arzt, der im betreffenden Zeitraum in Jenin behandelte, in allen Einzelheiten widerlegt. Der geschäftsführende Produzent des Filmes war Iyad Samoudi, ein ehemaliges Mitglied der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden. Auch als Samoudi seinen Dienst als Polizist der Autonomiebehörde antrat, schwor er dem Terror nicht ab. Die israelische Armee beschlagnahmte im Haus des Produzenten bei einer Durchsuchung nach den Dreharbeiten 2002 dreißig Rohrbomben. Er kam bei der Festnahme ums Leben.

„a documentary combined with libelous lies“
Der Oberste Gerichtshof in Israel nahm „Jenin, Jenin“ zwar ca. zwei Jahre später (2004) wieder vom Index, bestätigte allerdings, dass dieser Film viele Falschdarstellungen zeige und nannte ihn eine „Propagandalüge“. Nur sei es nicht Aufgabe einer Behörde, Filme auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, urteilte das Gericht. Im Jahre 2003 sollte „Jenin, Jenin“ auf ARTE gesendet werden, doch selbst der deutsch-französische Kulturkanal, der mit antiisraelischen Sendungen ansonsten wenig sparsam umgeht, nahm den Film kurzfristig wieder aus dem Programm.

Wer Antisemitismus unter bestimmten Umständen für nachvollziehbar hält und den Eintritt dieser Umstände geradewegs herbeisehnt, oder wer gar mit jenen am liebsten mitfühlt, die bereit sind, im Kampf gegen Jüdinnen und Juden ihr Leben zu opfern, der wird beim Film „Jenin, Jenin“ auf seine Kosten kommen. Verständnis für Attentate, Intifada und antijüdische Rhetorik wird dabei nämlich filmisch eingeübt. Von „die Juden auf den Mond“ bis „unsere Kinder werden uns rächen“ wird vieles in diesem Film ausgesprochen. Die Situation der Jüdinnen und Juden in Israel und eine Aufarbeitung der Ideologie der arabischen Mehrheitsgellschaften um Israel herum – also das, was einer monokausalen Darstellung zumindest beizumischen wäre, um einen ersten Eindruck von Komplexität zu erhalten – wird über die ganzen sieben Tage der Filmwoche hinweg ausgespart.

Programmheft: Palästina-Israel Filmwoche
Sich selbst ein Bild machen: „Jenin, Jenin“ auf Youtube (55 Min.)
Lektüre für nach dem Film: Seven lies about Jenin

Veranstaltungshinweis: Feinbild Islam und Antisemitismus – ein umstrittener Vergleich

Analyse durch hartgeschliffen bürgerliche Brille, leidlich Neues und aber stets Gefasstes wird erwartet zwischen dem 21. und 23. Januar in Tutzing bei München, wenn Michael Spieker von der Akademie für politische Bildung und Julius H. Schoeps vom Moses Mendelson Zentrum eine Tagung zu den Themen „Feinbild Islam und Antisemitismus“ einberufen. Anmeldeschluss ist Donnerstag, der 13. Januar.


Schoeps zum Antisemitismus-Islamophobie-Vergleich von Benz im Januar 2010: „abwegige Parallelen“

Die Zukunft Deutschlands sehe düster aus: Unmengen „hosenverkaufender Jünglinge“ wandern ein, „deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen“. Diese „deutsch redenden Orientalen“ müssten erst noch wirkliche Deutsche werden, „denn wir wollen nicht, dass auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur folge.“ So schrieb 1879 der Historiker Heinrich von Treitschke und löste damit den „Berliner Antisemitismusstreit“ aus.

Unaufgeklärt, demokratiefeindlich und tendenziell gewalttätig, religiöser und multikultureller Gesellschaften, das sind nur einige der Vorwürfe, die heute gegenüber dem Islam geäußert werden. Auch der Kinderreichtum von muslimischen Einwandererfamilien wird mancherorts nicht als Ausdruck von Kinderfreundlichkeit, sondern als Überfremdungsstrategie dargestellt. Wo muslimische Gemeinden besonders gut integriert sind, wird der Verdacht geäußert, dass sie sich nur verstellen. In Abgrenzung vom Islam hat die Rede von einer „jüdisch-christlichen Tradition“ Konjunktur. So hat sich manches verändert und zugleich scheinen Motive auf, die altbekannt sind: Hat nicht der Kampf gegen den Bau von Moscheen in Deutschland, der Streit um Kuppeln und Minarette, seine historische Parallele im Streit um den Bau von Synagogen? Sind „Islamophobie“ und „Judaeophobie“ nicht zwei Seiten einer Medaille?

Halten es die einen für ein Gebot der Vorurteilsforschung, Ähnlichkeiten beider Phänomene herauszuarbeiten, so mahnen andere, nicht Unterschiede durch Vergleich zu bagatellisieren. Die Tagung wird sich zum einen der Geschichte der Vorurteile gegenüber Juden und Muslimen widmen. Zum anderen sollen die aktuellen empirischen Erkenntnisse über beide Phänomene herausgearbeitet werden, um so Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs auszuloten.

Programm:
Freitag, 21. Januar:
15:00 Uhr Anreise und Kaffee | 17:00 Uhr Begrüßung und Einführung, Spieker, Shoeps | 17:15 Uhr Antisemitismus gestern und heute, Rensmann | 19:45 Uhr Aktuelle Judenfeindschaft, Schwarz-Friesel

Samstag, 22. Januar:
9:00 Uhr Der westliche Blick auf den Islam, Heine | 11:00 Uhr Das Bild von Islam und Muslimen in Deutschland, Zick | 14:30 Uhr Parallelen zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft, Wetzel | 15:15 Uhr Extremismus gegen Muslime?, Pfahl-Traughber | 16:45 Uhr Synagogenbau im 19. Jahrhundert, Knufinke | 17:15 Uhr Moscheebaukonflikte, Schmitt

Sonntag, 23. Januar:
9:00 Uhr Der Islam in den Medien, Schneiders | 9:30 Uhr Das Judentum in den Medien, Halbinger | 10:30 Uhr Ausgegrenzt und dazugehörig – gemeinsam oder auf getrennten Wegen? Aus jüdischer Pespektive: Olmer. Aus muslimischer Pespektive: Mazyek.

Tagungsleitung:
Dr. Michael Spieker, Akademie für politische Bildung Tutzing
Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien e.V.

Die Aufnahme von weiteren Teilnehmenden ist nicht mehr möglich, da die Veranstaltung bereits ausgebucht ist

Veranstaltungshinweis: Die Zeitzeugen sind nicht verstummt

In den Jahren 1985 bis 2009 sind 25 Ausgaben der Dachauer Hefte erschienen. Jede war einem Schwerpunkt der KZ-Forschung gewidmet. Darüber hinaus wurden Erinnerungsberichte Überlebender publiziert. Ein Hörbuch, herausgegeben von Barbara Distel und Wolfgang Benz, wird am 16. Januar in München vorgestellt und vereinigt acht Auszüge dieser Erinnerungen von:

Richard Glazar (Treblinka), Anatol Chari (Kaltwasser), Themos Koronaros (Chaidari), Ladislaus Ervin-Deutsch (Kaufering), Bornstein-Bielicka (Jüdischer Widerstand im Ghetto), Anise Postel-Vinay (Ravensbrück), Solly Ganor (Todesmarsch) und Margit Herrmann (Bergen-Belsen).

Vorstellung durch die Herausgeber: Dr. Barbara Distel und Prof. Dr. Wolfgang Benz | Die Vorlesenden: Wolf Euba und Caroline Ebner | Anmeldung erbeten unter Telefon: (0 89) 20 24 00 491 oder per Email unter karten@ikg-m.de | Veranstalter: Kulturzentrum der Israelit. Kultusgemeinde und »Gegen Vergessen – Für Demokratie« e. V., Regionalgruppe München | Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18 | Beginn: 11:00 Uhr

Grüner Bürgermeister zu Gast bei regimetreuer Iran-Ausstellung

Während im Iran Kritikerinnen und Kritiker gefoltert und hingerichtet werden, kann das Generalkonsulat der Islamischen Repubik Iran in München gelassen zur kunterbunten Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Iran – Land der Anbetung“ laden. Höhepunkt werden die sogenannten Passionsspiele sein. Peter Gauweiler (CSU) und Bürgermeister Josef Monatzeder (Grüne) waren bereits zu Gast und gaben ihren Segen.


Sich mal ordentlich einen Scheitel ziehen beim Passionsspiel

Im islamischen Monat Moharram ereignet sich im Iran regelmäßig ein blutiges Spektakel. Geistige Führer empfehlen dem schiitischen Bevölkerungsteil die Selbstgeißelung und Massen folgen ihrem Aufruf. (Bericht von Ali Schirasi aus dem Jahre 2008). Selbstverstümmelungen sind die höchstmögliche Eskalationsstufe der schiitischen Passionsspiele, bei denen der Märtyrertod des dritten Imans Al-Husain gewürdigt und nachempfunden wird. Für das iraner Regime ist das Fest von doppelter Bedeutung: Die Schlacht von Kerbela im Jahre 680, bei der der Prophetenenkel Al-Husain aufopferungsvoll starb, markiert die Spaltung von sunnitischem und schiitischem Islam und ist somit für die schiitische Führung im Iran ein identitätsstiftendes sowie antisunnitisches Bekenntnis. Auch gilt es der Welt zu demonstrieren, mit welcher Inbrunst islamistische Gruppen sich selbst im Kampf zu opfern bereit sind. Zahlreiche Milizen – und die iranischen Pasdaran – leiten aus dem aussichtslosen Kampf des dritten Imans ihr selbstmörderisches Dschihad-Verständnis ab.

Das Pasdaran-Mitglied, Ali Reza Scheikh Attar, hielt die Eröffnungsrede
Neben der Präsentation der „größten siebenfarbigen Kachel der Welt“ und anderem kulturellen Klimbim, soll eben das historische Passionsspiel um den dritten Iman nach iranischer Auslegung im Münchner Postpalast aufgeführt werden. Eröffnet wurde die Ausstellung – ohne jegliches mediales Begleitensemble sowie kritiklos – bereits am 18. Dezember vom iranischen Botschafter und Ahmadinedschad-Kumpel Ali Reza Scheikh Attar, der unter anderem zwischen 2003 und 2005 beim antisemitischen Propagandablättchen Hamshahri Chefredakteur war, einem Presseorgan der iranischen Gemeindeverwaltung, das mit einem Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb im Jahre 2006 weltweit Bekanntheit erlangte. Attar ist insbesondere bei kurdischen Oppositionellen unbeliebt. Er war Gouverneur der Provinzen Kurdistan und West-Aserbaidschan und soll laut Angaben kurdischer Verbände zahlreiche Hinrichtungen persöhnlich zu verantworten haben. Attar lobte zur Ausstellungseröffnung in München ausdrücklich den deutschen Beitrag beim „Aufbau industrieller und technischer Strukturen“ im Iran.

Proteste blieben aus. Im Gegenteil: die Grünen kamen zum Händeschütteln
Nachdem Peter Gauweiler schon vor Kurzem in Teheran deutlich machte, dass er an Berührungsängsten nicht leidet, war seine Teilnahme bei der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Iran – Land der Anbetung“ keine Überraschung mehr. Überraschender jedenfalls war die Anwesenheit des dritten Bürgergemeisters Josef Monatzeder, der auf seiner Website in sattem Grün für „bessere Lebensbedingungen“ wirbt, was aber scheinbar nicht für die Menschen im Iran und in bedrohten Nachbarstaaten gelten mag. Der iranische Botschafter Attar wird bei vielen Veranstaltungen in Deutschland mittlerweile explizit ausgeladen, in München bemühen sich politische Würdenträger hingegen eigens auf seine Party und spenden Beifall. Die Ausstellung kann noch bis Mitte Februar besucht werden und kostet keinen Eintritt.