Jenin, Jenin – Garstiges im Gasteig

Die Veranstaltungen im Gasteig zum Thema Israel häufen sich. In den Räumen des großen Münchner Kultur- und Bildungszentrums ist mittlerweile Israel öfter Anlass, als beispielsweise alle politischen Veranstaltungen zu allen afrikanischen Staaten zusammen. Der Blick auf Israel läuft dabei oftmals Gefahr, einer antijüdischen und unausgewogenen Perspektive zu folgen. Bei der Palästina-Israel Filmwoche Ende Januar ist das ganz sicher der Fall – obwohl der Titel ein ausgewogenes Bild suggeriert. Gezeigt wird u.a. der umstrittene Film „Jenin, Jenin“.


Selbstmordanschlag, Israel 2002

Der im Jahre 2002 erschienene Film Jenin, Jenin hat seiner Zeit für Furore gesorgt. Der Hintergrund: Zwischen November 2000 und Novermber 2003 rissen 103 arabische Attentäterinnen und Attentäter pro Anschlag durchschnittlich 4,3 Menschen in Israel mit in den Tod und 29,9 Menschen wurden pro Anschlag durchschnittlich verletzt. Nach den Attentaten während der Pessach-Ferien rückte die IDF in Jenin ein, einer Kleinststadt ehemaliger Flüchtlinge und ihrer Nachkommen, aus welcher laut Angaben der Behörden etliche Attentäterinnen und Attentäter stammten. Palästinensische Funktionäre sprachen daraufhin von einem Massaker an der Zivilbevölkerung durch die IDF, wie es „kein Mensch jeh gesehen“ habe – und von mindestens 500 Toten. Al Jazeera berichtete schon zu Beginn der Operation von „tausenden Verletzten“. Viele europäischen Medien übernahmen diese Meldungen ungeprüft. Überall in Europa fanden Demonstrationen statt. 15.000 Menschen demonstrierten in Amsterdam, mit Spruchbändern wie zum Beispiel: „Jenin 2002 = Warschau 1943″.

Der Film „Jenin, Jenin“ sollte das Massaker dokumentieren
Die Geschichte vom Massaker mit hunderten Toten entpuppte sich als glatte Lüge. Es kamen bei Häuserkämpfen insgesamt 52 in Jenin Lebende und 23 Angehörige der IDF ums Leben. Diese Zahlen wichen nicht weit vom Bericht der IDF ab und wurden von einer unabhängigen Kommission der UNO ermittelt. Der Film „Jenin, Jenin“, der im Grunde die damalige Sicht der Fatah wiedergibt, landete nach wenigen Aufführungen in Israel auf dem Index – was bis dahin 15 Jahre lang bei keinem politischen Film der Fall war. Die Filmbehörde nannte das Werk „verleumderisch“. Die zahlreichen Falschdarstellungen zur Lage in Jenin wurden unter anderem von einem Arzt, der im betreffenden Zeitraum in Jenin behandelte, in allen Einzelheiten widerlegt. Der geschäftsführende Produzent des Filmes war Iyad Samoudi, ein ehemaliges Mitglied der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden. Auch als Samoudi seinen Dienst als Polizist der Autonomiebehörde antrat, schwor er dem Terror nicht ab. Die israelische Armee beschlagnahmte im Haus des Produzenten bei einer Durchsuchung nach den Dreharbeiten 2002 dreißig Rohrbomben. Er kam bei der Festnahme ums Leben.

„a documentary combined with libelous lies“
Der Oberste Gerichtshof in Israel nahm „Jenin, Jenin“ zwar ca. zwei Jahre später (2004) wieder vom Index, bestätigte allerdings, dass dieser Film viele Falschdarstellungen zeige und nannte ihn eine „Propagandalüge“. Nur sei es nicht Aufgabe einer Behörde, Filme auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, urteilte das Gericht. Im Jahre 2003 sollte „Jenin, Jenin“ auf ARTE gesendet werden, doch selbst der deutsch-französische Kulturkanal, der mit antiisraelischen Sendungen ansonsten wenig sparsam umgeht, nahm den Film kurzfristig wieder aus dem Programm.

Wer Antisemitismus unter bestimmten Umständen für nachvollziehbar hält und den Eintritt dieser Umstände geradewegs herbeisehnt, oder wer gar mit jenen am liebsten mitfühlt, die bereit sind, im Kampf gegen Jüdinnen und Juden ihr Leben zu opfern, der wird beim Film „Jenin, Jenin“ auf seine Kosten kommen. Verständnis für Attentate, Intifada und antijüdische Rhetorik wird dabei nämlich filmisch eingeübt. Von „die Juden auf den Mond“ bis „unsere Kinder werden uns rächen“ wird vieles in diesem Film ausgesprochen. Die Situation der Jüdinnen und Juden in Israel und eine Aufarbeitung der Ideologie der arabischen Mehrheitsgellschaften um Israel herum – also das, was einer monokausalen Darstellung zumindest beizumischen wäre, um einen ersten Eindruck von Komplexität zu erhalten – wird über die ganzen sieben Tage der Filmwoche hinweg ausgespart.

Programmheft: Palästina-Israel Filmwoche
Sich selbst ein Bild machen: „Jenin, Jenin“ auf Youtube (55 Min.)
Lektüre für nach dem Film: Seven lies about Jenin