Ausweitung der Arschgeigen-Zone

In den Räumlichkeiten des großen städtischen Kulturzentrums Gasteig konnte am 17.01.2011 die Redaktion des extrem rechten Magazins Sezession einen Abend gestalten. Auf dem Podium fanden sich die Publizisten Götz Kubitschek und Alexander Kissler ein. Ein parteiisches Protokoll des Abends.

Passend: Georg Elser Gedenktafel vor dem Münchner Gasteig

Trachtler, Sudetendeutsche, ehemalige Wehrmachtsangehörige, Burschenschafler und ähnliche Kaliber sind dem Aufruf der Sezession gefolgt und füllen den Presseraum 0.131 des Gasteigs annähernd aus. In der ersten Reihe sitzen ein paar Muskelbeulen mit hartem Seitenscheitel, links und rechts vom Publikum halten zwei Aufpasser mit Kamera Position. Die überwiegende Mehrheit der Versammelten hat die aktuellste Ausgabe des ostdeutschen Magazins am Eingang käuflich erworben. Die Stimmung ist gespannt. Kaum ein Mucks ist zu hören, als die beiden Referenten das Podium besetzen. Es ist eine Besonderheit, dass sich diese Runde hier an diesem Ort versammeln kann, merkt Felix Menzel an, Redaktionsmitglied der Sezession und Moderator des Abends. Das habe man vor allem Herrn Kissler zu verdanken, wird Menzel später erklären.

Das große Sterben
Auf dem Programm steht – wie üblich in diesen Kreisen – einleitend eine Runde Selbstmitleid. Und zwar gerade so, als würden nicht die Ideologien in den Köpfen der Anwesenden auf einen barbarischen und mörderischen Furor hinauslaufen, sondern die Kritik daran. „An der Wand tut’s wirklich weh“, erklärt Kubitschek, ebenfalls von der extrem rechten Sezession, mit viel Gefühlsaufwand den gerührten Gästen. Greift der „Mechanismus der Skandalisierung“ erstmal, ist man schon bald „sozial tot“ und der „Weg der Skandalisierung“ ist bereits gesäumt von „politischen Leichen“, bebildert Kubitschek im eng gesteckten Rahmen seiner intellektuellen Möglichkeiten die Fälle Nolte, Jenninger, Hohmann, Walser und Herrman. Sarrazin habe den Skandal „gerade so überlebt“, unter anderem, weil ihm in der „entscheidenden Frage des sogenannten Judengens, die Juden selbst beigesprungen“ wären und „die Juden“ gesagt hätten: „natürlich gibt es eine genetische Verwandschaft um die Juden. Punktum. Über mehr müssen wir hier gar nicht reden“. Ein Gast möchte in die Liste der Toten und Halbtoten noch Ilan Pappe und Norman Finkelstein eingeschrieben wissen, deren antisemitischen Ergüsse er wohl gerne in München gehört hätte, welchen aber die städtischen Räumlichkeiten kurzerhand entzogen wurden.

Kubitscheks Ausblick
Kubitscheks Einschätzung nach wird sich mit einem Zusammenbruch des Finanzsystems – den er erwartet – die Sarrazin-Debatte verschärfen. Die besitzenden Kleinbürger werden verarmen und die „ethnischen Bruchlinien“ werden „aufbrechen“, schildert der Publizist mit stiernackiger Zuversicht. Gegen die „schiere Anzahl“ von Einwanderern sollten die Deutschen dann „Abwehrbegriffe“ haben. Die entscheidenden Fragen seien: „Wer gehört zur Schicksalsgemeinschaft? Wer gehört zu mir?“. Zur Verteidigung rät Kubitschek den Deutschen, sich auf „das Unterkomplexe“ zu besinnen (das wird nicht vielen schwer fallen). Denn „nur Barbaren können sich verteidigen“, führt er in ruhigem Ton weiter aus. Wie die „Schicksalsgemeinschaft“ dann nach gewonnener Barbarenschlacht bestenfalls aussieht, verrät Kubitschek auch. Es komme die Zeit des „liebenden Blickes auf den Menschen“ und zwar genau so:

[Jeder Deutsche] wird gebildet, soweit es ihm möglich ist. Er bekommt ein gutes Stück Arbeit hingelegt. [Auch,] wenn er Kaffee kocht für 200 Leute, jeden Tag im Betrieb, dann ist das eine saubere Angelegenheit. Wenn er das sein Leben lang ordentlich macht, gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Er sitzt dann abends mit am Tisch, trinkt sein Bier, und erzählt, wie er die Welt wahrgenommen hat, den Tag über.

Auftritt der Wurst
Kubitschek nennt sich einen Freund des „Preußischen Sozialismus“, weil seiner Ansicht nach ein auf „Verträgen basierendes Miteinander“ der „Deutschen Nation“ widerspreche. Kubitschek weiss nicht, dass der sich herausbildende Kapitalismus die Nation erst hervorgebracht hat. Sein Podiumskollege Kissler, unter anderem auch Autor des stramm rechtsliberalen Magazins eigentümlich frei, ist da besser im Bilde. Er profiliert sich gemäß seiner Blattlinie als absoluter Befürworter der Marktwirtschaft. Erst durch die „Kraft der Marktwirtschaft“, die „Nachfragekraft des merkantilen Erfolges“[sic], haben „gewisse Begriffsverhinderungsstrategien“ im Falle Sarrazin nicht mehr funktioniert, lobt Kissler sprachlich verworren marktwirtschaftliche Vorzüge. Der junge Doktor versucht sich stets gewählt auszudrücken und grinst zufrieden in sich hinein, wenn ihm das gelungen ist. Es gelingt ihm aber nicht immer. Regelmäßig kommt es zu sinnentleerenden Doppelungen. Sarrazin müsse „die Überführung seines Buches in eine parteipolitische Agenda übersetzen“, ist eine weitere solche Stilblüte.

Dabei geht es Kissler gerade um Sprache
„Zu ihrer Frau zuhause können sie sagen was sie wollen, in der Öffentlichkeit wird’s dann schwieriger“, erklärt der Focus Redakteur dem ihm gegenüber mehrheitlich skeptischen Publikum. Seine Beteuerungen, dass es ihm ebenso um den Erhalt der „autochthonen Bevölkerung“ in Deutschland gehe, helfen nicht, die Skepsis abzubauen. Erst habe man „Gastarbeiter“ gesagt, dann „Ausländer“ und jetzt „Migranten“. Migranten bedeute vom Wortursprung her „sie wandern“. Man möchte wohl sagen, „die sind gar nicht richtig da“, scherzt Kissler abgeschmackt. Derlei Clownerien hat er eine ganze Reihe im Gepäck, zum Leidwesen des Humors. Kissler empfiehlt, den „Sprachreglungen“ eine „Ausweitung der Formulierungszone“ entgegenzusetzen. Ob Kissler dieser großen und – wie wir erfahren haben – absolut tödlichen Aufgabe gewachsen ist? Die Ausweitung der Arschgeigen-Zone bis in städtische Einrichtungen hinein ist dem Publizisten, der für renommierte Zeitungen arbeitet, zumindest gelungen.