LMU-Didaktik 2010: „Nach Afrika zu den Negern“

Die Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) rühmt sich für ihre moderne Forschung auf dem Feld der Didaktik. Deshalb staunten die Studentinnen und Studenten für Grundschullehramt nicht schlecht, als ihnen am 27.09.2010 ein rassistischer Text von Otfried Preußler vorgelegt wurde.


Rassistische Stereotype in Nachkriegskinderbüchern: Räuber Hotzenplotz

Die praxisbegleitende Seminarstunde für Didaktik an der LMU ist gut besucht. Wie eine Lesestunde mit Kindern vorzubreiten ist, sollen die angehenden Grundschullehrerinnen und -Lehrer heute erfahren. Ein Handout macht die Runde; es ist eine Lektion mit der Überschrift „Eine Lesestunde ohne Stoßsäufzer“ von Claudia Crämer. Die Sprachwissenschaftlerin empfielt den Teilnehmenden des Seminars, der Grundschulklasse einen Textauszug des Buches „Die Katze mit der Brille“ von Preußler vorzulesen. In Gruppenarbeit sollen die Kinder dann an die „Lernziele“ herangeführt werden – zur Förderung von Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und zur „Wahrung einer einheitlichen Kulturtradition“. Nachdem die Teilnehmenden des Seminars das Handout begutachtet haben, meldet sich eine aufgebrachte Studentin zu Wort: „Wie kann es sein, dass wir hier – vor dem Hintergrund einer fortschrittlichen Pädagogikausbildung – einen solchen Text lesen?“, fragt die angehende Lehrerin und zitiert eine Textstelle:

… Ich würde nach Russland fliegen, wo in den Wäldern braune Bären hausen. Oder nach Afrika zu den Negern. In Schottland sollen die Männer Röcke tragen, in China sind alle Menschen gelb im Gesicht …

Dozentin will den Text gar nicht kennen
Neben dem N-Wort, das ein kolonialistisches Verhältnis konkret ausdrückt, ist der Text von Preußler in vielerlei Hinsicht problematisch. Allein: Wie wird denn ein schwarzes Kind in der Schule nach dieser Lesestunde der Klasse vorkommen? Ist es noch eines von ihnen oder ist es eher – ähnlich den Bären in den russischen Wäldern – natürgemäß Afrika zuzurechnen? Der Text zielt auf Differenz ab und wirft dabei auch die Frage auf, wie Preußler ein so gestörtes Verhältnis zu Hautfarben entwicklen konnte, warum die Hautfarbe sein Alpha-Kriterium zur Fassung von Menschen ist. Diesen Fragen wird aber in der anschließenden Grundschulübungen der Sprachwissenschaftlerin Crämer nicht nachgegangen, ein kritischer Umgang mit dem Text steht nicht auf dem Lehrplan. Auf die scharfe Kritik der Studentin reagiert die Dozentin der Ludwigs-Maximilian-Universität mit einer Ausrede. Sie habe das Handout (das sie gerade verteilt hat) nicht selbst zusammengestellt und auch gar nicht durchgelesen.

Lernziel erreicht
Dass Preußlers Bücher in Deutschland so beliebt waren und sind, ist symptomatisch. Der ehemalige Wehrmachtsoffizier aus dem tschechischen Liberec (ehemals Reichenberg) kam nach seiner Teilnahme am Vernichtungskrieg nach Oberbayern und sammelte sich mit vielen anderen Sudetendeutschen in Rosenheim. Dort verfasste er unter anderem die bekannten Kinderbücher „Räuber Hotzenplotz“, „Krabat“ und „Die kleine Hexe“. Die meisten seiner Texte beziehen sich indirekt auf seine alte Heimat (z.B. war Hotzenplotz der deutsche Name einer Stadt der heutigen Tschechischen Republik) – weshalb Preußler auch 1979 von der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ mit dem „Sudetendeutschen Kulturpreis“ ausgezeichnet wurde. Diese Ehre wird in der Regel jenen zu Teil, die sich durch hartnäckige Rückwärtsgewandtheit verdient gemacht haben. An seinen Büchern dürften Rassistinnen und Rassisten wenig auszusetzen haben. Oft genug wird das Schwarze dem guten Weißen als Negativ-Folie entgegensetzt. Im seinem Buch „Das kleine Gespenst“, heißt es beispielsweise:

Ich [Anm.: das ehemals weiße Gespenst] bin ja ganz schwarz geworden! Von oben bis unten schwarz! Das einzige weiße an mir sind die Augen. Sie leuchten so grell, daß es richtig zum Fürchten ist. Ich bekomme gleich vor mir selber Angst! Das Sonnenlicht hat mich wahrscheinlich schwarz gemacht. Das hätte ich vorher wissen sollen! Dann wäre ich hübsch in meiner Truhe geblieben und hätte mich keinen Zentimeter hinaus gerührt. Schrecklich, mir vorzustellen, daß ich mein ganzes weiteres Leben als schwarzes Scheusal verbringen soll!

Immerhin: Zur „Wahrhung einer einheitlichen Kulturtradition“ taugen Preußlers Werke ohne Frage.

Selbst ein Bild machen:
Handout vom 27.09.2010, Deutsch-Didaktik, Lehramt Grundschule LMU-München, Seite 3 und 4