Systematisch denkmalen

Die Münchner Parteien debattierten letzten Donnerstag im Kulturausschuss über eine kritische Sichtbarmachung des ehemaligen NSDAP-Parteiviertels und anderer markanter Orte der NS-Zeit. Auch der deutsche Widerstand verdient ein paar Denkmäler mehr, forderten die Grünen in ihrem Antrag.


Ort und Tafel „oftmals einseitig“

Einerseits wäre es gut – nachdem Deutschland verhältnismäßig unbeschadet die Welt malträtieren konnte – würden die Nachkommen wenigstens alle fünf Meter über ein Denkmal stolpern, das ihnen die Verdienste ihrer Vorgänger in die Quere bringt, insbesondere in München. Andererseits vermochte es der Patriotismus längst, die Denkmalpfelge auch des „dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte“ zu inkorporieren und die Erinnerungskultur zu einem neuen Stolz auszubilden. Denn keine Nation gedenkt so vorbildlich wie die Deutsche:

In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig waren. Das ist der Sinn des Denkmals und das feiern wir. (Eberhard Jäckl, Historiker, Rede vor dem Holocaust-Denkmal in Berlin, 2010, Minute 5:30)

Lückenlos Gedenken
Da möchte München um nichts nachstehen. Das perfekte Gedenken im Sinn, reichten die Grünen im Jahre 2008 einen Antrag ein, der gestern vor dem Kulturausschuss der Stadt diskutiert wurde. Die Erinnerungsorte- und Tafeln in München seien zu „unsystematisch“, befinden die Antragssteller. An ehemaligen NSDAP- und Reichsbahn-Gebäuden, am Polizeipräsidium, am Gefängnis Stadelheim, an Orten der Zwangsarbeit und an den Kliniken, die Zwangssterilisationen durchgeführt haben, sollen Erinnerungsschilder und Kunstwerke angebracht werden, barrierefrei und vor allem: systematisch!

Auch seien die aktuellen Erinnerungsorte- und Tafeln in München „oftmals einseitig“. Denn „an eine Reihe von Opfergruppen wird gar nicht erinnert“. Konkret: Der grünen Stadtrats-Fraktion wird zu einseitig an Jüdinnen und Juden gedacht. Durch den Vorwurf der wörtlich einseitigen Erinnerungskultur scheint eine Denkrichtung, die Opfergruppen in ein Konkurrenzverhältnis setzt und gegeneinander ausspielt. Das ist umso bedenklicher, da der Antrag u.a. vom Stadtrat Siegfried Benker eingereicht wurde, der regelmäßig medienwirksam antizionistische Ausfälle relativiert ( 1 , 2, 3, 4).

Gesucht: die Münchner Heldinnen und Helden
Die hohe Kunst der Transformation eines schändlichen Massenmords in einen patriotischen Mehrwert ist aber vor allem – neben dem totalen Gedenken – das Aufblasen des spärlichen Widerstands gegen die Nazis. Die Grünen haben sich bemüht, ihre Nasen tief in die Münchner Archive gesteckt und ein paar Heldinnen und Helden hervorgezerrt, um sie ebenfalls in ihrem Antrag unterzubringen. Dem kommunistischen Widerstand im Priesterhaus der Asamkirche sollte beispielsweise gedacht werden. Ebenso gelte es den sozialdemokratischen, liberalen, kirchlichen bzw. jesuitischen Widerstand sichtbar zu machen. Nun, warum eigentlich nicht noch den patriotischen, studentischen und militärischen – kurz: den deutschen Widerstand? Es gilt nurmehr die Frage zu klären, wo denn die Nazis eigentlich herkamen.

StR-Antrags-Nummer: 08-14 / A 00457
Protokoll der Sitzung vom 03.03.2011 – Kurzinfo