Münchens Konservative Revolution

Wer in München Subkultur sucht, hat es es schwer. In Zukunft könnte es unmöglich sein, überhaupt noch etwas zu finden.


Seit Samstag geschlossen: Ausblick vom Klositz des vegetarischen Lokals „Kopfeck“.

Subkultur hat nicht unbedingt etwas mit Kritik am sogenannten Mainstream und noch weniger mit einer Kritik an der Gesellschaft zu tun. Besser als beim „Pogo-Tanz“ kann man sich garnicht auf eine männerdominierte Ellenbogengesellschaft ausrichten lassen. Das meiste, was sich Subkultur nennt, ist wenig schützenswert, vielmehr eine Karikatur des sogenannten Mainstreams, in sich stark homogenisiert und konservierend, selten avantgardistisch. Dennoch. Derzeit setzen sich in München Programme durch, die den letzten Läden, die wenigstens so tun, als würden sie sich der Verwertungslogik entziehen, zu Leibe rücken.

Das Ende der Kunstwaren-Manufakturen an der Domagkstraße
Vor 15 Jahren begannen sich auf einem Kasernengelände in 15 Häusern 600 Kunstschaffende einzunisten – einst angeschlossen an eine große Wagenburg. Die Kulturindustrie vermochte es nicht, die kleinen Manufakturen überflüssig zu machen, deren Betreibende mit Selbstausbeutung und einer besorgniserregenden Verzichtsethik ans Werk gingen. Doch das, seinem Selbstverständnis nach, ehemals „größte Künstlerareal Europas“ wurde mittlerweile auf zwei Häuser zusammengedampft, weil die städtische Bürokratie den Mietenden ein Gebäude ums andere aufkündigte. Am 31.03.2011 drängte die Stadt weitere 50 Aktive aus dem vorletzten Haus. So vermessen die Selbsteinschätzung des „subkulturellen Dorfes inmmitten von München“ ist, ein „Kreativpool“ zu sein, der Bedeutung als „Standortfaktor“ habe, weil von ihm der Erhalt der Stadt München als „Kunst- und Kulturstadt“ abhänge, so problematisch ist der Abriss dennoch. Die zivilgesellschaftlichen informellen Räume, die der normativen Gewalt der städtischen Sozialpädagogik entzogen sind, werden zunehmend schmal.

Blickpunkt der Antikommunisten
Das „Kafe Marat“ ist ein Ort, wie es ihn nicht nur in jeder Großstadt, sondern auch in vielen Dörfern gibt: Ein linkes Jugendzentrum im Stile der 80er Jahre eben, mit den dazugehörigen antisexistischen, antifaschistischen und ähnlichen Gruppen. Neben Altbackenem, wie dem bereits erwähnten „Pogo-Tanz“, stehen mitunter empfehlenswerte Veranstaltungen zu Ressentiment und Staatskritik auf dem Programm. Es war nie leicht für die Betreibenden, das Zentrum zu erhalten. Und seit einiger Zeit erhöht sich der Druck. Das „Kafe Marat“ wird im Verfassungsschutzbericht erwähnt. Innerhalb von kurzer Zeit verschaffte sich viermal ein Aufgebot der Polizei Zugang zu den Räumen und beschlagnahmte Ausgaben der Zeitschrift „Interim“. Ein überaus entbehrliches Blatt zwar, aber um das geht es bei der Auseinandersetzung eigentlich nicht. Am 08. März gelang es der NPD-Tarnorganisation BIA einen Sitz im Stadtrat zu besetzen. Seitdem reicht deren Funktionär Karl Richter regelmäßig Anträge und Anfragen ein, die direkt oder indirekt auf das „Kafe Marat“ abzielen (siehe Anhang). Im letzten Antrag zur Sache forderte die BIA: „Schluss mit der städtischen Förderung des linksextremen Szene-Treffs ‚Kafe Marat‘“. Die CSU ist im Stadtrat in Sachen „Linksextremismus“ nur unbedeutend weniger engagiert als Richter und hat nun vier Wochen später ebenfalls einen Antrag eingereicht, der die Kündigung der Mietverträge und den Entzug der gaststättenrechtlichen Erlaubnis beschließen soll. Darüber hinaus fordert die CSU in einem zweiten Antrag eine „Extremismusklausel für München“. Eine solche Klausel durchgesetzt, würde etliche Einrichtungen einschnüren: das „Feierwerk“, die „Glockenbachwerkstadt“ und viele mehr.

… und den Rest leistet der Markt
Die allgemeine Tendenz begründet, dass vielleicht nicht diese Anträge, aber die vereinten Kräfte, die in München seit einigen Jahren verstärkt unkontrollierte Entfaltungsräume schließen lassen, das „Kafe Marat“ mittelfristig erfassen werden. Manche Einrichtung muss auch ganz ohne bürokratische Nachhilfe aufgeben. Letzten Samstag bestritt das einzige vegetarische Lokal, das im entfernten Sinne „Subkulturen“ in München verbindet, aufgrund wirtschaftlicher Probleme seinen letzten Abend. Steigende Mietpreise und strenge Verordnungen haben Menschen mit niedrigem Einkommen und die dazugehörigen Lokalitäten aus dem Innenstadtbereich nahezu vollständig verdrängt. Schließungen von Etablissements wie das „Kopfeck“ sind bereits eine nächste Stufe der „Veredelung“ der Innenstadt, die in Berlin zwar schneller bzw. imposanter vonstatten geht, in München aber fortgeschrittener ist.

Anträge, Anfragen und Antworten im Stadtrat:
05.02.2007: CSU: Verharmlost der OB den Linksextremismus? | Antwort
11.02.2010: CSU: Erweiterung der Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus ? „Wehret den Anfängen“ gilt auch für Linksextremismus
19.02.2010: BIA: Wie intensiv klärt die Stadt München über Linksextremismus auf? | Antwort
09.07.2010: BIA: Wie weit geht die Zusammenarbeit der Stadt mit Linksextremisten? | Antwort
20.07.2010: BIA: Hintergründe der polizeilichen Durchsuchung im linksextremen Münchner Szene-Treff „Kafe Marat“ | Antwort
29.10.2010: BIA: Auf dem linken Auge blind oder: Wozu braucht München die „Fachstelle gegen Rechtsextremismus“? | Antwort
14.02.2011: BIA: „Kafe Marat“ – die Stadt als Vermieterin eines linksextremen Szene-Treffs?
25.03.2011: CSU: Konsequent auch gegen linken Extremismus
25.03.2011: CSU: Extremismusklausel für München