Archiv für Mai 2011

Rummenigge: „Wir werden eine gemeinsame Zukunft haben“

Der Sport-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling ist eingefleischter Fan des Bundesligavereins Borussia Dortmund. Dennoch widmet er ein weiteres Buch der Geschichte des FC-Bayern, insbesondere den Jahren, in denen der Verein „wie ein Fels in einer anschwellenden antisemitischen und antiliberalen Brandung“ erscheint – so Marmeling. Sein aktuelles Werk wurde am Dienstag in den Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG) vorgestellt, umrandet von einem prominent besetzten Podium.

Der große Hubert-Burda-Saal der IKG ist vollständig gefüllt. Um Karl-Heinz Rummenigge bildet sich ein Kreis aus Presseleuten, die allerhand von ihm wissen wollen, zum Transfer von Manuel Neuer und weniger wichtigem Tagesgeschäft. „Rotbäckchen“ nannte man den heutigen Top-Manager des FC Bayern seinerzeit, verrät der langjährige Vereinsschatzmeister Willi Hoffmann später den Gästen – worauf Rummenigge dann tatsächlich rot wird, wie ein ertappter Lausbub. Der Kommentar des FCB-Urgesteins ist für den Routinier weit schwieriger zu handeln, als alle Fragen zuvor. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der IKG, wird auch etwas gestehen, ihre Liebe zum FC-Bayern nämlich.
Schulze-Marmeling liest aus seinem neuen Buch. Das Werk, „Der FC-Bayern und seine Juden – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“, ist trotz der darin markierten Verdienste des Vereins – im Zeichen des Liberalismus, der Moderne und des Fussballs – keine Jubelarie auf den FC Bayern. Nicht-Bayernfans können also beruhigt sein. Schulze-Marmeling kritisiert beispielsweise das Manifest des Süddeutschen Fussball- und Leichtathletikverbandes, das in Stuttgart am 09. April 1933 verabschiedet wurde. Mit dem Papier verpflichteten sich die Unterzeichner – unter anderem der FC Bayern – „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden“ gewillt zu sein. Dieser Akt des „vorauseilenden Gehorsams“ auch liberaler Fussballvereine, so Schulze-Marmeling, verwundere, zumal das Manifest den Forderungen des DFBs vorausgriff.

Der verfolgte Jude hat seine Schuldigkeit getan
Noch schärfer kritisiert Schulze-Marmeling die Abwahl Landauers im Jahre 1951. Der ehemalige jüdische Präsident kehrte nach seinem Rücktritt 1933, nach Konzentrationslager und schweizer Exil, 1947 zum FC Bayern zurück und bescherte dem Verein als neu gewählter Präsident gegenüber skeptischen US-amerikanischen Militärs nicht nur aufgrund seiner persönlichen Geschichte Startvorteile, sondern reichte dem Club auch von seinem ersten „Wiedergutmachungsgeld“ ein Darlehn in Höhe von 10.000 DM. Fürderhin setzte Landauer durch, dass der FC Bayern das Erbbaurecht an der Säbener Straße und Fördergelder bekam. 1951 aber – nachdem der Verein aus dem Gröbsten raus war – wurde Landauer infolge einer Initiative der Handball-Abteilung kurzerhand abgewählt. „Der verfolgte Jude, so erscheint dieser Vorgang, hat seine Schuldigkeit getan“, kommentiert Schulze-Marmeling die Abwahl in seinem Buch. Landauer kehrte nun dem FC Bayern, nach knapp fünfzigjähriger enger Verbundenheit, weitestgehend den Rücken. Ebenfalls kritisiert Schulze-Marmeling, dass seitens des FC-Bayerns zwar die vielfache jüdische Vergangenheit direkt nach dem Krieg betont, in den Folgejahren aber vollständig tabuisiert wurde. Es hat 60 Jahre gedauert bis das Thema wieder auf den Tisch kam, herangetragen von kritischen Journalisten und Fan-Initiativen, wie dem Ultra-Club „Schickeria München“, bemängelt der Sporthistoriker. Rummenigge kann das den Gästen im Hubert-Burda-Saal nicht begründen. Aber der Manager versichert dem Publikum stattdessen:

Wir sind stolz auf die jüdische Vergangenheit. Und eines ist sicher, das verspreche ich ihnen: Wir werden gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden eine stolze Zukunft haben

Bayern hat viel vor
Rummenigge kündigt an, im Museum zum 111-jährigen Bestehen des Vereins, das im April 2012 eröffnet werden soll, wird „Landauer viel Platz eingeräumt“. Ebenso will sich Rummenigge dafür einsetzen, dass eine Straße in München nach Landauer benannt wird. Die jetzige Kurt-Landauer-Straße nahe der Allianz Arena, in „the middle of nowhere“, so Rummenigge, zwischen Autobahn und Kläranlage, so Knobloch, hält auch der Bayern-Manager für keinen würdigen Ort.


Unglücklich mit dem jetzigen Standort der Kurt-Landauer-Straße

Das neue Buch von Schulze-Marmeling ist streckenweise redundant, hat man seine letzten Veröffentlichungen zum Thema, „Die Bayern. Die Geschichte des deutschen Rekordmeisters“ und „Davidstern und Lederball“ bereits gelesen. Manche Abschnitte scheinen nur leicht modifizierte Passagen der Vorgänger zu sein, einige Sätze stimmen fast wörtlich überein. Dennoch bietet das Werk viel Neues. Wer weiß schon, dass einer der 16 Unterzeichner der Gründungsurkunde des FC-Bayern, Benno Elkan, später in England eine Bildhauerkarriere machte und die große Menora vor der Knesset in Jerusalem von ihm gestaltet wurde? Auch auf zeitnahe Entwicklungen geht der Sport-Historiker ein. So widmet er zum Beispiel ein Kapitel dem Freundschaftspiel des FC Bayern im Iran und dessen problematische Verwertbarkeit für das iranische Regime.

Eine Kritik am Buch kann nicht erspart bleiben
Wagt sich Schulze-Marmeling zu weit in die Sphären der Antisemitismusforschung, wird es mitunter bunt. Nicht richtig ist mit Sicherheit seine verkürzte Einschätzung, für Golo Mann wäre der „gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Lastern, deutsch in der Kleidung, Sprache und Manieren, patriotisch und konservativ“ gewesen. Auch wenn sich der streng konservative Mann-Nachkomme das vielleicht gewünscht hat, formulierte dieser in der grottenschlechten – und zu allem Überfluss verlegten Rede „Zum Antisemitismus“ im Jahre 1960 geradezu Gegenteiliges. Im Rahmen einer versuchten Ehrenrettung des Antisemiten Treitschke verweist Mann auch auf einige deutsche Juden, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden, so Mann.

Nichtsdestotrotz: Ein gelungenes Buch, das die Tradition des FC Bayern gebührend ehrt, aber nicht in Watte packt. Ich möchte mit einem Zitat aus dem Werk schließen:

In der Rückschau mag der Eindruck entsehen, als habe es im europäischen Fussball von Juden nur so gewimmelt. Dass dies aus heutiger Sicht so erscheint, ist weniger ein Hinweis auf das, was einmal war, als auf das, was nicht mehr ist. „Viele Juden“ waren es nur aus der Sicht einer Generation, die – bedingt durch den Holocaust – Juden und jüdisches Leben kaum noch kennt.

Nächste Lesung:
24.06.11 | im Rahmen des antirassistischen Turniers um den Kurt-Landauer-Pokal | veranstaltet von der Schickeria München

Veranstaltungshinweis: Für Demokratie und Menschenrechte in Syrien!

Seit Beginn des Aufstandes Mitte März wurden in Syrien nach aktuellen Berichten von Menschenrechtsorganisationen etwa 800 Menschen bei Protesten erschossen, 8000 wurden verhaftet oder sind verschwunden. Dennoch hält Deutschland am Abschiebeabkommen mit dem Folterstaat fest. Es folgt der Aufruf zur Protestkundgebung am 21. Mai in München:

In Syrien werden aktuell hunderte Festgenommene wegen Verunglimpfung des Staates angeklagt. Während in den letzten Wochen in erster Linie von Verhaftungen in Deraa und Damaskus berichtet wurde, mehren sich jetzt Berichte über weitere Verhaftungen in den Vorstädten von Damaskus sowie Banias und Homs: Die Armee ist bereits in Banias eingerückt und soll dabei drei Demonstrantinnen erschossen haben. Banias ist augenblicklich weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, der Präsidenten der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, berichtet von Hausdurchsuchungen. Im Homs rückten gepanzerte Einheiten in drei Stadtviertel ein. Augenzeugen berichten, dass in Homs Haus für Haus nach Sympathisantinnen und Sympathisanten der Protestbewegung durchsucht werde. Das Assad-Regime geht immer brutaler vor; es herrscht derzeit ein absoluter Ausnahmezustand in Syrien.

Daher fordern wir Solidarität mit den Aufständischen, die sich für die Umsetzung von Demokratie und Menschenrechten in Syrien einsetzen!

Die syrische Regierung geht jedoch nicht erst seit Mitte März brutal gegen Protestierende und Minderheiten vor. Trotz dieser lange bekannten Tatsache, hat Deutschland mit Syrien Anfang 2009 das so genannte „Rückübernahmeabkommen“ beschlossen. Dieses Abkommen hat zum Ziel, Tausende von Flüchtlingen nach Syrien abzuschieben, obwohl ihnen dort Haft und Folter drohen. Viele von ihnen waren vor Diskriminierung und Verfolgung als Staatenlose, als Kurdinnen oder Kurden, als Angehörige yezidischen Glaubens, als politisch Aktive oder als Frauen geflohen und hatten in Deutschland Schutz gesucht. Seit der Vertrag in Kraft getreten ist, konnten zahlreiche Fälle dokumentiert werden, in denen aus Deutschland abgeschobene Flüchtlinge in Syrien inhaftiert wurden, in einigen Fällen wurde bekannt, dass es zu Folterungen kam, wie im Fall von Khaled Kenjo, der mittlerweile erneut aus Syrien geflohen ist und wieder in der BRD lebt. In Syrien werden Personen, die sich länger im Ausland aufgehalten haben, als regimekritisch und mit westlichen Ideen „infiziert“ eingestuft. Eine Asylantragsstellung wird außerdem häufig als „Beschmutzung des Ansehens Syriens im Ausland“ gewertet – eine Straftat. Daher sind gerade die abgeschobenen Flüchtlinge in der derzeitigen Krisensituation noch mehr davon bedroht, inhaftiert und gefoltert zu werden.

Abschiebeabkommen aufkündigen!
In der Bundesrepublik sind augenblicklich 4800 Personen von Abschiebung gefährdet, davon 228 in Bayern. Viele der vorgesehenen Abschiebungen sollen auf Grundlage des deutsch-syrischen Rückübernahme-Abkommens durchgeführt werden. Wir fordern daher von der Bundesregierung, das Abschiebeabkommen muss sofort außer Kraft gesetzt werden! Keine weiteren Abschiebungen nach Syrien!

Weitere Infos unter:
www.syrien.antira.info | www.fluechtlingsrat-bayern.de
Aufruf in arabisch

Demonstration:
Samstag den 21. Mai 2011
Auftakt Münchner Stachus
um 13:00 Uhr

Stunk am Rande des Israeltags

Seit einigen Jahren wird im Mai in vielen deutschen Städten der sogenannte Israeltag gefeiert. Dabei geht es mitunter etwas fad und berechenbar zu. Aber die Veranstaltung bleibt ein wichtiges Moment. Das verdeutlicht nicht zuletzt ein harscher Zwischenfall in München.


In Begleitung: Teilnehmer des Israeltags 2011

Das Wetter hatte es gut mit den Besucherinnen und Besuchern gemeint. Hunderte saßen auf Bierbänken, genehmigten sich in der Sonne ein oder mehr israelische Goldstar bzw. Maccabee Bierchen. An Informationsmaterial mangelte es nicht. Zirka fünfzig Verbände – von „B“ wie Beth Shalom bis „Z“ wie Zionistische Jugend in Deutschland – zettelwirtschafteten spendabel auf dem Max-Joseph-Platz. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der IKG-München, hielt eine obligatorische Rede. Es müsse klar sein, dass Israel nicht übereinkommen könne mit Organisationen, die Israel zerstören und Jüdinnen und Juden ins Meer treiben wollen, erklärte die Vorsitzende. Zuvor hatte Regine Sixt gesprochen. Die Aufsichtsrätin der Autovermietung Sixt AG unterstützt zahlreiche Stiftungsprojekte in Israel mit üppigen finanziellen Zuwendungen, unter anderem Yad Vashem. Auch Wolfgang Wenger, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums München, unterstrich im Vortrag seine Freundschaft zu Israel. Sein Sohn habe in einem Kibbuz gearbeitet. Ebenso sei ihm die Sicherheit der Jüdinnen und Juden in München, so der Beamte, ein dringliches Anliegen.

Auftritt des Rumpelstilzchens
Wie ernstgemeint die Worte ihres Pressesprechers waren, konnte die Münchner Polizei noch am selben Tag unter Beweis stellen. Während gegen Ende der Veranstaltung eine mittelmäßige Rockband den Anwesenden den Abschied versüßte, baute sich ein wuchtiger Mann vor einem Stand auf. Herrisch gestikulierend schrie er die Standbesitzerinnen an und schmetterte ein nicht näher verifizierbares Teil zu Boden. Allein vier Polizeikräfte konnte den Aufgebrachten zur Vernunft bringen. Ein Standbetreiber erklärte, der Mann sei an den Stand gekommen und habe unmittelbar „Stunk“ machen wollen. Auch sei ihm der Besagte bereits bekannt. Letztes Jahr kam es angeblich beim Israeltag zu einem ähnlichen Zwischenfall. Bei der Person handelt es sich um Hans K.*, einem notorischen Teilnehmer der Veranstaltungen des Verbandes Salam Shalom. Die antizionistische Organisation läd regelmäßig zu „Diskussionsabenden“ ein, die von wortgewaltiger Rhetorik und offenem Antisemitismus geprägt sind.

Der an sich unerfreuliche Vorfall verdeutlicht nebenbei etwas Erfreuliches: die Zeiten haben sich geändert. Immerhin ist es nicht lange her, als Figuren von ähnlichem Ressentiment und ebensolcher Unbeherrschtheit in Deutschland noch fest mit der Unterstützung von Polizei und Gerichten rechnen konnten, diese sich nicht minder erregt die Standbesitzerinnen vorgeknüpft hätten. Der Vorfall begründet aber auch, warum es nötig ist, für das israelische Anliegen zu werben. Solange der Existenzkampf Israels in Deutschland nicht allgemein nachvollzogen oder nicht zumindest emotionslos zur Kenntnis genommen wird, bleibt der Israeltag eine wichtige aufklärerische Einrichtung.

*Name von der Reaktion geändert.

Just for the record

Hans Meiser war Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zwischen 1933 und 1955. Weil er ein glühender Antisemit war, forderten die Grünen im Stadtrat die Umbenennung der Meiserstraße. Jetzt ist die Straße nach Katharina von Bora benannt. Das zeigt vor allem eines: Die Verantwortlichen haben den Kern des Problems nicht erfasst.

Da die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Name Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“, stellten die Nazis das Vorhaben, die Paul-Heyse-Straße in Treitschkestraße umzunennen, vorerst zurück. Es brauchte schließlich einen SPD-Bürgermeister, der 1960 eine Straße in München mit dem Namen desjenigen ausstattete, der die Formulierung „die Juden sind unser Unglück“ in Umlauf brachte. Drei Jahre zuvor, 1957, war es ebenfalls ein SPD-Bürgermeister, Thomas Wimmer, der direkt am ehemaligen „Ehrentempel“ der NSDAP die Meiserstraße einweihte. Das ging insbesondere deshalb sehr gut zusammen, weil Meiser mit den Nationalsozialisten einige Ansichten teilte. So hat er 1926 in einer Kirchenschrift von einem „alles nivellierenden, die sittlichen Grundlagen unseres Volkstums zersetzenden, bis zur Laszivität ausschweifenden jüdischen Geist“ gewarnt. Auch hat Meisner nach dem Überfall auf Polen 1939 alle bayerischen Pfarrer angewiesen, anlässlich des Erntedankfestes für die „überreiche Ernte auf dem polnischen Schlachtfeld zu danken“.

Münchner Entscheidungswege
Nachdem die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße 2007 in Nürnberg beschlossen wurde, stellten die Grünen 2007 einen zweiten Antrag in München. Der erste Antrag der Grünen wurde 1999 vom „Ältestenrat“ der Stadt abgelehnt. Der zweite Antrag hatte Erfolg. Allerdings sorgte sich der Stadtrat um das Klagerecht der Kirche. Zwingende Gründe für die Umbenennung hätten im Falle einer Klage vor Gericht nachgewiesen werden müssen. Deshalb schnapselte der Oberbürgermeister mit dem Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk München auf dem Neujahresempfang 2008 einen Deal aus. Dem Dekanat wurde das Recht eingeräumt, einen neuen Namen selbst vorzuschlagen. Die Stadtdekanin Kittelberger teilte Ude im Januar 2008 ihren Entschluss mit, die Stadt möge anstellte Meisers, Luthers ehemalige Gattin namens Katharina-von-Bora einsetzen. Nachkommen von Meiser und der Bezirksausschuss Maxvorstadt wehrten sich gegen den Beschluss. In einem Brief zitiert der Ausschuss einen Kirchenvertreter, der Meiser bescheinigt, ein „zeittypischer Repräsentant des Luthertums“ zu sein (was vermutlich gar nicht mal so falsch ist) und zu bedenken gibt, dass „Erinnerungswürdiges selten in Reinkultur zu haben“ sei. Doch der Bezirksausschuss konnte sich nicht durchsetzen. Auch scheiterten die Nachkommen Meisers mit ihrer Klage.

Katharina von Bora – „noch judenfeindlicher als ihr Mann“
Im Falle Meiserstraße hätte es gute Lösungen gegeben. Zum Beispiel den Straßennamen zu belassen und rundherum den Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche zum Antisemitismus und die mangelnde Sensibilität der SPD in der Nachkriegszeit zu dokumentieren. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, mit dem neuen Straßennahmen an Opfer zu erinnern, beispielsweise an die toten Polinnen und Polen, die Meiser so erfreuten. Die denkbar schlechteste Möglichkeit war, anstelle einer antisemitischen Person eine andere antisemitische Person zu setzen. Denn die neue Namensgeberin, Katharina von Bora, eine ehemalige Gemahling Luthers, war laut Friedrich W. Graf, Professor für Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, „noch judenfeindlicher als ihr Mann“. Für den Tod Luthers gab sie den Jüdinnen und Juden die Schuld. In einem Brief an von Bora charakterisierte der erkrankte Luther seine Partnerin mit den Worten:

„Liebe Kethe! Ich bin ja schwach gewesen auf dem Weg hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn du wärest da gewest, so hättestu gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewest. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viel Juden innen wohnen, vielleicht haben sie mich so hart angeblasen.“

Beschlüsse und Anträge im Stadtrat:
Beschlüsse und Anträge
Anfrage der NPD Tarnorganisation „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ | Antwort

Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben

Um Menschen dazu zu bringen, Gegenständen ohne persönlichen Gebrauchswert – und ohne Gegenleistung – eine hohe Aufmerksamkeit abzuringen, bedarf es einer spezifischen Dressur. Ein ausschweifender Kommentar am Thema vorbei. Von Caspar Schmidt.


Hitlerjugend beim Müll eintreiben, 1938

Eine Menschensortieranleitung wie das Buch „Deutschland schafft sich ab“ führte hierzulande lange die Bestsellerlisten an. Türkische Milieus sind schlecht für das Wohl der Nation, will Thilo Sarrazin herausgefunden haben. Um mit Karl Kraus zu sprechen: „Das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist“. Denn der Versuch der medialen Sarrazin-Opposition, Migration als eine Art nationale Bereicherung zu verkaufen, bedeutet immer noch, Menschen danach zu beurteilen, ob sie der Nation dienlich sind und nicht etwa dem Menschen selbst. Einmal in diesem Diskursrahmen gefangen, ist ein mieser Auftritt vorprogrammiert.

Das Wohl der Nation als Paradigma
Während die sinkende Geburtenrate bitterlich beklagt wird, ist es den Behörden andererseits ordentlich viel Mühe wert, Flüchtlinge von der Gesellschaft fernzuhalten, in Lagern zu kasernieren und ins Ausland abzuschieben. Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.

Was die genannten Prioritäten ideologisch verleimt, ist die Sorge um die Ordnung in der Saftheimat und die allgemeine Angst vor Veränderung. Veränderung wird als das Unkraut der modernen Welt betrachtet, das solange zu jäten ist, bis das Rad wieder schön stillsteht. Tausende demonstrieren lieber für den Erhalt ihres bescheidenen Arbeitsplatzes, obwohl sie sich jeden Morgen zur Arbeit zwingen müssen und vom Schichtbeginn an die Minuten zählen, anstatt ihr Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einzufordern. Der Wunsch nach sozialer Regression wird nur vom Wunsch nach Ordnung übertroffen. Die Menschen, die Orte, die Zeit, die Einkommen, der Verkehr, die Moral, alles soll wohl sortiert sein – und schließlich auch der Müll.

Die Genese der Mülltrennung in Deutschland
Der Ordnungswahn, das Festhalten am Alten und die Bereitschaft, den Menschen nicht als des Menschen höchstes Wesen anzusehen, sondern ihm die Nation oder Bäume voranzustellen, sind Talente, die eine Mülltrennungsneurose gehörig fördern. Daher wäre es denkbar, dass die Mülltrennung eine Errungenschaft der Grünen ist, da sie die genannten Talente perfekt zu kanonisieren wissen. Dem ist aber nicht so. Die Mülltrennung ist eine Hervorbringung der kriegswirtschaftlichen Ökonomien. Schon im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Trennung von Küchenabfällen zur Pflicht – allerdings eher aus hygienischen Gründen. Insbesondere die Nazis forcierten dann aber eine wirtschaftliche Autarkie der Nation und verpflichteten 1936 die deutschen Haushalte mit einem scharfen Gesetz zur Mülltrennung. Rohstoffe, die im Gegensatz zu „Heimstoffen“, nicht in Deutschland gewonnen werden konnten, sollten entweder substituiert werden oder in einer Kreislaufwirtschaft zirkulieren.

Hierfür wurde 1937 die Dienststelle des „Reichskommissars für Altmaterialverwertung“ eingerichtet. 1939 brachte es Hermann Göring mit einem Appell an die Bevölkerung auf den Punkt: „Es stimmt, wir haben wenig Rohstoffe, aber wir haben sie bei uns“. Im selben Jahr wurden die Gesetze zur häuslichen Mülltrennung abermals verschärft. Die „Altmaterialverwertung“ galt als „kriegswichtige Aufgabe“ und wurde propagandistisch stark gefördert. An „Schulsammelstellen“ mussten die Schülerinnen und Schüler dem „Altstofflehrer“ die häuslichen Abfälle übergeben. Die „Deutsche Arbeitsfront“ las die Materialien im Kleingewerbe auf, und die „Hitlerjugend“ wurde von Haus zu Haus geschickt, um jenes sicherzustellen, was die „Hausverantwortlichen“ nicht schon den Behörden übergeben hatten (siehe Bild). Es wurden sogar Apfelkerne gesammelt, um daraus Öl zu pressen.

Der Öko-Patriotismus des „Recycling-Weltmeisters“
Der Aufstieg Deutschlands nach 1945 zum „Recycling-Weltmeister“ ist nicht ohne diese Vorgeschichte erklärbar. Umso kritischer kann es gesehen werden, wenn das Relikt der NS-Kriegswirtschaft heute als patriotische Qualität gegen andere Nationen gewendet wird. Gerne möchte man Vorwürfe ans Ausland richten, das es mit der Mülltrennung weit weniger sorgfältig hält. Doch faktisch rangiert Deutschland im engen Kreis der stärksten Umweltverschmutzer im weltweiten Vergleich mit ganz oben auf der Liste. Umweltschutz hat nämlich mit Mülltrennung verhältnismäßig wenig zu tun, sondern ist von einer fundierten Kritik der politischen Ökonomie abhängig. Zumal der Abstecher mit dem Auto zur Flaschensammelstelle sogar ein ökologischer Reinfall ist. Ebenso negativ schlägt es sich in der Umweltbilanz nieder, wenn Plastikbecher oder Alufolie mit Wasser ausgespült werden. Umweltschonender als das wäre es, alles in einer Tonne zu entsorgen, und die Trennung den Profis der Entsorgungswirtschaft zu überlassen.

Mit der Entfuzzisierung beginnen
66 Jahre nach Kriegsende ist es an der Zeit, den deutschen Haushalt von seinem Kriegskurs abzubringen. Die ökonomischen und ökologischen Nachteile wären hinnehmbar, in Anbetracht der Chancen. Ein Bewusstsein, das sich gegen die eigene Scholle richtet, gegen kulturelle Isolation und für eine kosmopolitische Welt eintritt, sich gegen die Arbeit im Kapitalismus wendet und das universelle Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einfordert, fängt bereits beim Mülleimer an.

*Erschienen im aktuellen Hinterland-MagazinSortieren“, mit freundlicher Genehmigung des Autors, gekürzte Fassung.

Weitere Themen im Heft u.a.:

Komplexe Fragen der Freiwilligkeit
über die Menschenhandeldebatte und andere Mechanismen der Ausgrenzung
Von Susanne Kimm und Petra Sußner

Sortenreine Kulturen
über den „Ethnopluralismus“ der „Neuen Rechten“
Von Till Schmidt

Mädchen haben eine Klitoris, Buben einen Penis
über die Zweifelhaftigkeit der (zwei-)geschlechtlichen Einordnung
Von Bettina Enzenhofer

Sortieren und vergrämen
Zum Unterschied zwischen Normal- und Problembären
Von Stanley Schmidt

Reisende der Angst
Der scheele Blick des Westens auf Afrika.Teil II
Von Friedrich C.Burschel

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