Just for the record

Hans Meiser war Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zwischen 1933 und 1955. Weil er ein glühender Antisemit war, forderten die Grünen im Stadtrat die Umbenennung der Meiserstraße. Jetzt ist die Straße nach Katharina von Bora benannt. Das zeigt vor allem eines: Die Verantwortlichen haben den Kern des Problems nicht erfasst.

Da die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Name Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“, stellten die Nazis das Vorhaben, die Paul-Heyse-Straße in Treitschkestraße umzunennen, vorerst zurück. Es brauchte schließlich einen SPD-Bürgermeister, der 1960 eine Straße in München mit dem Namen desjenigen ausstattete, der die Formulierung „die Juden sind unser Unglück“ in Umlauf brachte. Drei Jahre zuvor, 1957, war es ebenfalls ein SPD-Bürgermeister, Thomas Wimmer, der direkt am ehemaligen „Ehrentempel“ der NSDAP die Meiserstraße einweihte. Das ging insbesondere deshalb sehr gut zusammen, weil Meiser mit den Nationalsozialisten einige Ansichten teilte. So hat er 1926 in einer Kirchenschrift von einem „alles nivellierenden, die sittlichen Grundlagen unseres Volkstums zersetzenden, bis zur Laszivität ausschweifenden jüdischen Geist“ gewarnt. Auch hat Meisner nach dem Überfall auf Polen 1939 alle bayerischen Pfarrer angewiesen, anlässlich des Erntedankfestes für die „überreiche Ernte auf dem polnischen Schlachtfeld zu danken“.

Münchner Entscheidungswege
Nachdem die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße 2007 in Nürnberg beschlossen wurde, stellten die Grünen 2007 einen zweiten Antrag in München. Der erste Antrag der Grünen wurde 1999 vom „Ältestenrat“ der Stadt abgelehnt. Der zweite Antrag hatte Erfolg. Allerdings sorgte sich der Stadtrat um das Klagerecht der Kirche. Zwingende Gründe für die Umbenennung hätten im Falle einer Klage vor Gericht nachgewiesen werden müssen. Deshalb schnapselte der Oberbürgermeister mit dem Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk München auf dem Neujahresempfang 2008 einen Deal aus. Dem Dekanat wurde das Recht eingeräumt, einen neuen Namen selbst vorzuschlagen. Die Stadtdekanin Kittelberger teilte Ude im Januar 2008 ihren Entschluss mit, die Stadt möge anstellte Meisers, Luthers ehemalige Gattin namens Katharina-von-Bora einsetzen. Nachkommen von Meiser und der Bezirksausschuss Maxvorstadt wehrten sich gegen den Beschluss. In einem Brief zitiert der Ausschuss einen Kirchenvertreter, der Meiser bescheinigt, ein „zeittypischer Repräsentant des Luthertums“ zu sein (was vermutlich gar nicht mal so falsch ist) und zu bedenken gibt, dass „Erinnerungswürdiges selten in Reinkultur zu haben“ sei. Doch der Bezirksausschuss konnte sich nicht durchsetzen. Auch scheiterten die Nachkommen Meisers mit ihrer Klage.

Katharina von Bora – „noch judenfeindlicher als ihr Mann“
Im Falle Meiserstraße hätte es gute Lösungen gegeben. Zum Beispiel den Straßennamen zu belassen und rundherum den Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche zum Antisemitismus und die mangelnde Sensibilität der SPD in der Nachkriegszeit zu dokumentieren. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, mit dem neuen Straßennahmen an Opfer zu erinnern, beispielsweise an die toten Polinnen und Polen, die Meiser so erfreuten. Die denkbar schlechteste Möglichkeit war, anstelle einer antisemitischen Person eine andere antisemitische Person zu setzen. Denn die neue Namensgeberin, Katharina von Bora, eine ehemalige Gemahling Luthers, war laut Friedrich W. Graf, Professor für Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, „noch judenfeindlicher als ihr Mann“. Für den Tod Luthers gab sie den Jüdinnen und Juden die Schuld. In einem Brief an von Bora charakterisierte der erkrankte Luther seine Partnerin mit den Worten:

„Liebe Kethe! Ich bin ja schwach gewesen auf dem Weg hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn du wärest da gewest, so hättestu gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewest. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viel Juden innen wohnen, vielleicht haben sie mich so hart angeblasen.“

Beschlüsse und Anträge im Stadtrat:
Beschlüsse und Anträge
Anfrage der NPD Tarnorganisation „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ | Antwort