Rummenigge: „Wir werden eine gemeinsame Zukunft haben“

Der Sport-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling ist eingefleischter Fan des Bundesligavereins Borussia Dortmund. Dennoch widmet er ein weiteres Buch der Geschichte des FC-Bayern, insbesondere den Jahren, in denen der Verein „wie ein Fels in einer anschwellenden antisemitischen und antiliberalen Brandung“ erscheint – so Marmeling. Sein aktuelles Werk wurde am Dienstag in den Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG) vorgestellt, umrandet von einem prominent besetzten Podium.

Der große Hubert-Burda-Saal der IKG ist vollständig gefüllt. Um Karl-Heinz Rummenigge bildet sich ein Kreis aus Presseleuten, die allerhand von ihm wissen wollen, zum Transfer von Manuel Neuer und weniger wichtigem Tagesgeschäft. „Rotbäckchen“ nannte man den heutigen Top-Manager des FC Bayern seinerzeit, verrät der langjährige Vereinsschatzmeister Willi Hoffmann später den Gästen – worauf Rummenigge dann tatsächlich rot wird, wie ein ertappter Lausbub. Der Kommentar des FCB-Urgesteins ist für den Routinier weit schwieriger zu handeln, als alle Fragen zuvor. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der IKG, wird auch etwas gestehen, ihre Liebe zum FC-Bayern nämlich.
Schulze-Marmeling liest aus seinem neuen Buch. Das Werk, „Der FC-Bayern und seine Juden – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“, ist trotz der darin markierten Verdienste des Vereins – im Zeichen des Liberalismus, der Moderne und des Fussballs – keine Jubelarie auf den FC Bayern. Nicht-Bayernfans können also beruhigt sein. Schulze-Marmeling kritisiert beispielsweise das Manifest des Süddeutschen Fussball- und Leichtathletikverbandes, das in Stuttgart am 09. April 1933 verabschiedet wurde. Mit dem Papier verpflichteten sich die Unterzeichner – unter anderem der FC Bayern – „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden“ gewillt zu sein. Dieser Akt des „vorauseilenden Gehorsams“ auch liberaler Fussballvereine, so Schulze-Marmeling, verwundere, zumal das Manifest den Forderungen des DFBs vorausgriff.

Der verfolgte Jude hat seine Schuldigkeit getan
Noch schärfer kritisiert Schulze-Marmeling die Abwahl Landauers im Jahre 1951. Der ehemalige jüdische Präsident kehrte nach seinem Rücktritt 1933, nach Konzentrationslager und schweizer Exil, 1947 zum FC Bayern zurück und bescherte dem Verein als neu gewählter Präsident gegenüber skeptischen US-amerikanischen Militärs nicht nur aufgrund seiner persönlichen Geschichte Startvorteile, sondern reichte dem Club auch von seinem ersten „Wiedergutmachungsgeld“ ein Darlehn in Höhe von 10.000 DM. Fürderhin setzte Landauer durch, dass der FC Bayern das Erbbaurecht an der Säbener Straße und Fördergelder bekam. 1951 aber – nachdem der Verein aus dem Gröbsten raus war – wurde Landauer infolge einer Initiative der Handball-Abteilung kurzerhand abgewählt. „Der verfolgte Jude, so erscheint dieser Vorgang, hat seine Schuldigkeit getan“, kommentiert Schulze-Marmeling die Abwahl in seinem Buch. Landauer kehrte nun dem FC Bayern, nach knapp fünfzigjähriger enger Verbundenheit, weitestgehend den Rücken. Ebenfalls kritisiert Schulze-Marmeling, dass seitens des FC-Bayerns zwar die vielfache jüdische Vergangenheit direkt nach dem Krieg betont, in den Folgejahren aber vollständig tabuisiert wurde. Es hat 60 Jahre gedauert bis das Thema wieder auf den Tisch kam, herangetragen von kritischen Journalisten und Fan-Initiativen, wie dem Ultra-Club „Schickeria München“, bemängelt der Sporthistoriker. Rummenigge kann das den Gästen im Hubert-Burda-Saal nicht begründen. Aber der Manager versichert dem Publikum stattdessen:

Wir sind stolz auf die jüdische Vergangenheit. Und eines ist sicher, das verspreche ich ihnen: Wir werden gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden eine stolze Zukunft haben

Bayern hat viel vor
Rummenigge kündigt an, im Museum zum 111-jährigen Bestehen des Vereins, das im April 2012 eröffnet werden soll, wird „Landauer viel Platz eingeräumt“. Ebenso will sich Rummenigge dafür einsetzen, dass eine Straße in München nach Landauer benannt wird. Die jetzige Kurt-Landauer-Straße nahe der Allianz Arena, in „the middle of nowhere“, so Rummenigge, zwischen Autobahn und Kläranlage, so Knobloch, hält auch der Bayern-Manager für keinen würdigen Ort.


Unglücklich mit dem jetzigen Standort der Kurt-Landauer-Straße

Das neue Buch von Schulze-Marmeling ist streckenweise redundant, hat man seine letzten Veröffentlichungen zum Thema, „Die Bayern. Die Geschichte des deutschen Rekordmeisters“ und „Davidstern und Lederball“ bereits gelesen. Manche Abschnitte scheinen nur leicht modifizierte Passagen der Vorgänger zu sein, einige Sätze stimmen fast wörtlich überein. Dennoch bietet das Werk viel Neues. Wer weiß schon, dass einer der 16 Unterzeichner der Gründungsurkunde des FC-Bayern, Benno Elkan, später in England eine Bildhauerkarriere machte und die große Menora vor der Knesset in Jerusalem von ihm gestaltet wurde? Auch auf zeitnahe Entwicklungen geht der Sport-Historiker ein. So widmet er zum Beispiel ein Kapitel dem Freundschaftspiel des FC Bayern im Iran und dessen problematische Verwertbarkeit für das iranische Regime.

Eine Kritik am Buch kann nicht erspart bleiben
Wagt sich Schulze-Marmeling zu weit in die Sphären der Antisemitismusforschung, wird es mitunter bunt. Nicht richtig ist mit Sicherheit seine verkürzte Einschätzung, für Golo Mann wäre der „gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Lastern, deutsch in der Kleidung, Sprache und Manieren, patriotisch und konservativ“ gewesen. Auch wenn sich der streng konservative Mann-Nachkomme das vielleicht gewünscht hat, formulierte dieser in der grottenschlechten – und zu allem Überfluss verlegten Rede „Zum Antisemitismus“ im Jahre 1960 geradezu Gegenteiliges. Im Rahmen einer versuchten Ehrenrettung des Antisemiten Treitschke verweist Mann auch auf einige deutsche Juden, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden, so Mann.

Nichtsdestotrotz: Ein gelungenes Buch, das die Tradition des FC Bayern gebührend ehrt, aber nicht in Watte packt. Ich möchte mit einem Zitat aus dem Werk schließen:

In der Rückschau mag der Eindruck entsehen, als habe es im europäischen Fussball von Juden nur so gewimmelt. Dass dies aus heutiger Sicht so erscheint, ist weniger ein Hinweis auf das, was einmal war, als auf das, was nicht mehr ist. „Viele Juden“ waren es nur aus der Sicht einer Generation, die – bedingt durch den Holocaust – Juden und jüdisches Leben kaum noch kennt.

Nächste Lesung:
24.06.11 | im Rahmen des antirassistischen Turniers um den Kurt-Landauer-Pokal | veranstaltet von der Schickeria München