Archiv für Juni 2011

Tibetgrüße aus der Lederhose

Herrn Progl von der Bayernpartei reichts. Die Flagge der tibetischen Exilregierung soll endlich wehen, auf allen dafür geeigneten städtischen Gebäuden in München. Herr Oberbürgermeister Ude meint dazu, er träfe sich schon zur Genüge mit dem Dalai Lama. Und: er wolle keine „Bezugsfälle“ schaffen.

Der Winter war gerade erst vorbei, als Richard Progl – seines Zeichens stellvertretender Vorsitzender der Bayernpartei – wieder einmal senierte über Bayern und den „Demokratischen Regionalismus“. Der muss doch auch nach 140 Jahren zu schaffen sein, ist sich Progl sicher, immerhin erlangten die Iren noch „nach über 800 Jahren ihre Unabhängigkeit“. Dabei ist ihm dann irgendwie Tibet in den Sinn gekommen, vielleicht weil der Bierschaum gerade die Form der Landkarte des historischen Tibets annahm. Und obwohl die bayerische und die tibetische Geschichte unterschiedlicher kaum sein könnte, ist ihm eine starke Parallele aufgefallen, die Progl auch sogleich zu Papier brachte:

Gerade in Bayern mit seiner langen Geschichte der Eigenstaatlichkeit, der großen Tradition der ‚Liberalitas Bavariae‘ und einer Kultur die – wenn auch nicht mit chinesischen Verhältnissen vergleichbar – immer mehr von einer „deutschen Leitkultur“ verdrängt wird, sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, sich bei Tibetischen Frage zum Selbstbestimmungsrecht der Völker zu bekennen und klar Stellung gegen Menschenrechtsverletzungen und der Unterdrückung eines ganzen Volkes und seinen Autonomiebestrebungen seitens der Volksrepublik China zu beziehen.

Nun, angetrieben vom Gedanken an eine tibetanisch-bayerische Querfront, setzte der ehrenamtliche Stadtrat am selben Tag noch einen gesalzenen Antrag zum Thema auf. Der Stadtrat möge beschließen, so Progl, das Rathaus und andere „geeignete städtische Gebäude“ haben am 53. Jahrestag des „Volksaufstands“ die Flagge der tibetischen Exilregierung zu zeigen. Der Antrag ging am 14. April 2011 beim Magistrat ein.

Tibet ist Chefsache
Herr Oberbürgermeister Ude selbst nahm sich der Sache an. Sein Einseiter bezüglich des Antrags „Flagge zeigen gegen Unterdrückung“ erschien diesen Montag in der Rathaus Umschau. Sichtlich ergriffen wies Ude den Vorwurf zurück, München würde zu wenig Flagge im Falle Tibets zeigen. Er habe immer wieder seine „Verbundenheit für das tibetische Volk auch öffentlich gezeigt, u.a. durch mehrere Begegnungen mit dem Dalai Lama im Münchner Rathaus.“

Laut Ude habe es die Stadt München bisher unterlassen, die tibetische Flagge anzubringen, weil sie keine offizielle Staatsflagge ist und er wolle keinen „Bezugsfall für andere gleich gelagerte Fälle schaffen“. Das ist kein schlechter Einwand im Hinblick auf die im Stadtrat vertretene Linkspartei und jenen Genossinnen und Genossen, denen die Fahne des ebenfalls fiktiven Palästinas nicht genug wehen kann, am besten rund um die Uhr, in jeder Kinderstube. Interessant ist nebenbei, warum eigentlich die israelische Fahne in München nirgens zu sehen ist – obwohl es nun auch nicht nötig wäre, aber: in keinem noch so bunten Fächer, nicht einmal als Käsefähnchen, ist sie zu sehen, obwohl die israelische Flagge durchaus eine offizielle ist, die in vielen anderen europäischen Ländern selbstverständlich mitgeführt wird. Selbst in der Türkei, auf dem Bazar in Antalya beispielsweise, spannt etwa alle 10 Meter eine Schnur mit Fähnchen über die Straße und ein israelisches ist mit dabei. Vermutlich will man in München auch in diesem Punkt keinen „Bezugsfall“ schaffen.

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Antrag | Antwort

Welche Stadt ist gemeint?

Es war nicht viel echt an dieser Stadt, eigentlich nur die Umgebung, die schönen staatlichen Bilder- und Büchersammlungen, der Karneval und wahrscheinlich auch, aber davon verstehe ich nichts, das Bier. Die Stadt hielt damals noch viel auf ihre Tradition als Kunststadt. Es war aber nicht weit her mit dieser Kunst. Vielmehr war sie ein akademische, wichtigmacherische, spießbürgerliche Institution, von einer zähen, dumpfigen und geistig nicht gut gelüfteten Bevölkerung im wesentlichen aus Gründen des Fremdenverkehrs beibehalten (Lion Feuchtwanger, erschienen März 1933 in der Literarischen Welt)

Veranstaltungshinweis: 5. Jahrestag der Entführung von Gilad Shalit

Am Samstag jährt sich der Tag der Verschleppung von Gilad Shalit zum fünften Mal. Aus diesem Anlass organisieren die jüdischen Jugendzentren in Deutschland eine bundesweite Aktion um an das Schicksal Gilad Shalits zu erinnern. Für Freitag plant das Jugendzentrum Neshama der IKG München eine Mahnwache, mit Infostand in der Innenstadt.

Seit nun mehr 1823 Tagen befindet sich Gilad Shalit in Gefangenschaft der palästinensischen Terrororganisation Hamas. Am 25. Juni 2006 hatte eine Gruppe militanter Milizen der Hamas einen israelischen Militärposten auf souveränem israelischem Staatsgebiet angegriffen. Die Terroristen töteten zwei Soldaten, einer wurde verletzt und der damals 19-jährige Gilad Shalit, wurde von der Hamas gekidnappt und wird seitdem in Gaza gefangen gehalten.

Erst ein Jahr nach seiner Entführung übermittelte die Hamas das erste Lebenszeichen von Gilad Shalit. In einer Videobotschaft forderte er die israelische Regierung auf, sich für seine Befreiung einzusetzen. Der Sohn von Noam und Aviva Shalit und Bruder zweier Geschwister war zu diesem Zeitpunkt bereits körperlich und psychisch sichtlich stark mitgenommen. Seitdem sind weitere vier Jahre vergangen und es steht zu befürchten, dass sich der Gesundheitszustand des heute 24-Jährigen immer weiter verschlechtert hat. Zumal die Hamas unter Missachtung sämtlicher Grundsätze der Genfer Konvention dem Internationalen Roten Kreuz bislang nicht erlaubt hat, Gilad zu besuchen. Auch jegliche Kontaktaufnahme zu seiner Familie wurde dem Israeli bislang verweigert.

Tag: Freitag, 24. Juni 2011 | Zeit: 15:00-18:00 Uhr | Ort: Marienplatz

Surprise, surprise: ein Gärtner im Garten

Vor wenigen Tagen gründete sich der bayerische Ableger der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“ im beschaulichen Unterhaching. Als Landesvorsitzender wurde der Beamte Christian Jung gewählt, der seit 2004 beim Münchner Kreisverwaltungsreferat – Fachbereich „Ausländerwesen“ – offiziell für „aufenthaltbeendende Maßnahmen“ zuständig war. Die Stadt zeigt sich nun empört. Dabei ist Jung für die Stelle genau der richtige Mann.

Der Landesverband der Partei „Die Freiheit“ (DF) konstituierte sich am Samstag den 04. Juni in der Unterhachinger Stadthalle. Programmatisch ähnelt die neue Rechtspartei stark der Schweizer Volkspartei (SVP), weshalb auch ein Vertreter der Alpendemokraten eingeladen war, um zum Einstand den Kameraden ein Gedicht vorzutragen, das kurz nach dem Würgreim „Nur wer Verbrecher schonen tut, fühlt sich als Gutmensch wirklich gut“ verendete. Frappant mag auf den ersten Blick erscheinen, dass Jung, der frisch gekürte Vorsitzende, jahrelang unbekümmert im Münchner Kreisverwaltungsreferat für Abschiebungen zuständig war – im Fachbereich für „Ausländerwesen“ also gewissermaßen als ein Deutschänderwesen ersten Ranges fungierte. Nach der Parteigründung vorletzte Woche hat die Stadt gestern die Versetzung des Abschiebebeamten angekündigt, worauf Jung heute konterte, sein eigenes Gesuch um Versetzung läge der Stadt schon seit Monaten vor. Das Kreisverwaltungsreferat kommt dabei nicht gut weg. Vor allem deshalb, weil Kolleginnen und Kollegen die Aggressionen des Rechtspopulisten, dem die Worte offensichtlich kräftig aus dem Mund fließen, über all die Jahre nicht entgangen sein können. Doch sie hielten still, wenn es überhaupt so ist, dass sich einer wie Jung vom herrschenden Jargon in der Münchner Ausländerbehörde besonders abzuheben vermochte.

Es ist vielmehr anzunehmen, dass Menschen, deren kollektiver Broterwerb es ist, andere Menschen von Amts wegen in Lager zu pferchen, in eine ungewisse und mitunter tödliche Zukunft zu zwingen und Familien auseinanderzureißen, kurzum, sich zu Handlangerinnen und Handlangern einer Gesetzgebung zu machen, die nicht ohne Boden oft rassistisch genannt wird, einen Jung, der ihnen allen einsagt, ihr Einsatz bringe auch etwas Richtiges mit sich, ganz gut aushalten können.

Der Bock – um beim Gärtnerbeispiel zu bleiben – ist die Rot-Grüne Koalition
Den Zuständen im Kreisverwaltungsreferat entgegen zu wirken, wäre Aufgabe der Politik. Wenn in München schon seit 1949 die CSU regieren würde, ließe sich demnach zumindest auf Rot-Grün hoffen. Doch Rot-Grün regiert München schon seit Jahrzehnten und auch nur deshalb, weil die Koalition so rechtsliberal ist, dass sie selbst dem reaktionären Münchner Gemüt gefällig ist. Zumal das rot-grüne Engagement wider rechte Tendenzen zahnlos ist und sich sowohl im Kreisverwaltungsreferat als auch im eigenen Stadtrat nicht durchzusetzen vermag. Zwar wird mit allerhand Gefühlsaufwand gegen Nazi-Aufmärsche demonstriert. Doch eine bürgerlichen Mehrheit kostet es nicht viel Kraft, sich einem Häuflein gescheiterter Existenzen und Outlaws in Erwartung von günstiger Publicity und Selbstversicherung entgegenzustellen. Positiv wäre zu bewerten, wenn es der Koalition auf findige Weise gelänge, die Figur Richter im Stadtrat wirkungslos zu machen, auch auf die Gefahr hin, dafür von Liberalen und Basisdemokraten kritisiert zu werden.

Bei der letzten Stadtratswahl gelang es dem NPD Funktionär Karl Richter einen Sitz im Stadtrat zu ergattern und dieser trat mit keinem Geringeren als dem Hitler-Gruß seinen Dienst an. Die rot-grüne Regierung vermochte es nicht nur nicht, diese Figur gleich nach seinem ersten Ausfall aus dem Rathaus zu katapultieren, sondern bietet ihm heute jeden Tag ein Forum in der viel gelesenen Rathaus Umschau, in die Richter seine Anfragen und Stellungnahmen in voller Länge reindiktieren kann. Ein entschlossenes Entgegentreten ist btw. von einer Koalition kaum zu erwarten, die soeben den gänzlich wertfreien Namen „NS-Dokumentationszentrum“ beschloss, für eine Einrichtung, die die Verbrechen im Nationalsozialismus veranschlaulichen soll. 2012 wird in München – zum Ausgleich möchte man fast sagen – ein „Sudetendeutsches Museum“ eröffnet, das die „Schicksale sudetendeutscher Vertriebener“ „sinnlich präsentieren“ wird.

Weshalb Jung und Rot-Grün keine Widersprüche sind, sondern sich vielmehr die Arbeit teilen
Das grundsätzliche Problem ist aber ein anderes. Obwohl die rot-grüne Koalition in München – und das kann auch von den Grünen im Allgemeinen behauptet werden – unüberhörbar eine antirassistische Politik proklamiert , ist deren marktliberale Haltung sowie das Nichtscheren um Klassenverhältnisse der Zement, aus dem sich der rassistische Normalbetrieb gießt. Ein Mensch im Ausländeramt wie Christian Jung, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, „kriminelle Ausländer“ abzuschieben, ist nicht weniger Ergebnis dieser marktliberalen Politik, als jene Teile der privilegierten Mittelschicht, die meinen, sich ihr schlechtes Gewissen mit einer Biowurst wegfressen zu können aber gleichsam zur Aufrechterhaltung einer marginalisierenden Ordnung beitragen, die Migrantinnen und Migranten zu allererst trifft.

Veranstaltungshinweis: For a Moment, Freedom

Ab 26. Juni wird die synchronisierte Fassung des dutzendfach ausgezeichneten Films „For a Moment, Freedom“ im Handel erhältlich sein. Diesen Sonntag zeigt das Wohnprojekt Ligsalz 8 den Streifen über die Flucht dreier iranisch-kurdischer Gruppen im Original. Zur Diskussion läd die Organisation United 4 Iran – Bayern.

Zeit: 12. Juni 2011 | 19 Uhr | Ablauf: Kurzvortrag über die politischen Ereignisse der letzten zwei Jahre im Iran | anschließend Filmvorführung (mehrsprachig mit dt. Untertiteln) | Ort: Ligsalzstraße 8, 80339 München | U5 Schwanthaler Höhe

Weiterführende Links:
United 4 Iran – Bayern | Website zum Film | Wohnprojekt Ligsalz 8

Der bessere Jude

Während man in Hamburg gegen eine antisemitische Veranstaltung demonstrierte, weil deren Agenda dem jüdischen Staat das Existenzrecht abspenstig machen wollte, finden in München ähnlich antizionistische Happenings beinahe wöchentlich statt – ohne Protest. Ein Beispiel: die kommende Lesung zum Hörbuch „Höre, Israel!“ von Erich Fried.


Fried: „Wechselbälge der Weltgeschichte“

Eine Frau kann – obwohl sie Frau ist – sexistische Aussagen zu Lasten von Frauen formulieren, wie die Bundesministerin Kristina Schröder kürzlich wieder deutlich machte. Und auch am fordistischen Fließband wurde schon zuhauf über die angebliche Faulheit der Kolleginnen und Kolleginnen schwadroniert, sowie es Homosexuelle gibt, denen zu Homosexuellen nichts besseres einfällt, als dem landesüblichen homophoben Stammtisch das Wort zu reden. Nur wenige würden behaupten, Schwarze könnten sich nicht rassistisch äußern, weil sie eine schwarze Hautfarbe haben. Hingegen sind sich ungleich mehr Irrlichter drin einig: Was eine Jüdin oder ein Jude auszusprechen vermag, kann nicht antisemitisch sein. Und weiter: Wer zitiert, was eine Jüdin oder ein Jude einmal ausgesprochen hat, dem ist mitnichten Antisemitismus anzukreiden. Und so hangeln sich Antisemitinnen und Antisemiten in Deutschland für gewöhnlich von einem Zitat mit „Koscherstempel“ zum nächsten und vertrauen darauf, das Gegenüber bewerte das gesprochene Wort nicht. Das klappt auch.

Ein williger Transformer
In den 70er Jahren dichtete der jüdische Schriftsteller Erich Fried einen Fahrplan, der dem Bedürfniss nach Auslebung eines sehr geschätzten Ressentiments trotz und wegen Auschwitz Rechnung trug. Der Gedichtband „Höre, Israel!“ von Fried, der nach dem zentralen Glaubensbekenntnis des Judentums „Sch‘ma Israel“ benannt ist, kann heute als Paradebeispiel für Antisemitismus nach 1945 angeführt werden. Die ersten Kapitel des streckenweise in biblischer Sprach verfassten Bandes beklagen einen angeblichen „Rollentausch“. Fried will in Israel nämlich „Zeichen des Übernehmens und Weitergebens von Verhaltensmustern ihrer Todfeinde von Gestern“ festgestellt haben. Das „Gestern“ geht seinen Ausführungen nach bis auf biblische Zeiten zurück und spielt aber insbesondere im Nationalsozialismus. Und nun:“begannen sie [mit den Palästinensern] so zu verfahren, wie die Antisemiten Europas mit den Juden verfahren waren“, folgert der Holocaustüberlebende. In mehreren Gedichten rückt er schlussendlich die „zionistischen Kämpfer“ in die Nähe der Nazis:

Ihr Hakenkreuzlehrlinge, ihr Narren und Wechselbälge der Weltgeschichte, denen der Davidstern auf euren Fahnen sich immer schneller verwandelt in das verfluchte Zeichen mit den vier Füßen, das ihr nun nicht sehen wollt, aber dessen Weg ihr heut geht!

Warum es sich bei einer solchen Art von Nazivergleichen nicht nur geradeheraus um eine antisemitische Beleidigung handelt, sondern auch um sekundären Antisemitismus in Form einer starken Relativierung des Holocausts, wurde vielfach ausreichend begründet. Der Israel-NS-Vergleich ist Teil der Arbeitsdefinition der Europäischen Union zum Antisemitismus. Ebenfalls als sekundär antisemitisch wird die Einschätzung gewertet, Jüdinnen und Juden würden aus dem Holocaust vor allem Kapital schlagen. Auch das nimmt Fried mit:

Eure Toten, eure toten Eltern und Großeltern, eure toten Brüder und Schwestern, auf die ihr euch immer beruft, eure Toten, die euer Trumpf sind, eure Toten, für die ihr euch Geld bezahlen lasst als Wiedergutmachung, sie sind nicht mehr eure Toten.

„Jüdische Geschichte wird man eines Tags anders lesen“
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.

Die Gedichte von Fried zum Thema wurden nun nach Jahren wieder ausgegraben und sind als Hörbuch mit dem Titel „Höre, Israel!“ 2011 erschienen, im Verlag von Abraham Melzer, der unter anderem durch den Vertrieb des randständigen Magazins SEMIT Bekanntheit erlangt hat. Die Stimmen zum Hörbuch gaben Beate Himmelstoß und Jüngen Jung aus München. Von Antisemitismus kann freilich keine Rede sein, weil Erich Fried bekanntlich selbst ein Jude war, sogar ein besserer. Die Süddeutsche Zeitung muss also keine Bedenken haben, wenn sie das Werk in ihrem Onlineshop vertreibt. Ebenso nicht die Hochschule für Philosophie in der Kaulbachstraße, in deren Aula am 01. Juli „Höre, Israel!“ in Anwesenheit von Himmelstoß und Jung von Salam Shalom vorgestellt wird.

Sich selbst ein Bild machen:
Ausgewählte Gedichte von Erich Fried | Höre, Israel! | Hörprobe 1 | Hörprobe 2 | Hörprobe 3 | Hörprobe 4 | Hörprobe 5 | Hörprobe 6

Münchens Helden: Karl Valentin

Nächstes Jahr wäre er 130 Jahre alt geworden, der Karl Valentin. Das Münchner Original gilt heute noch als der bayerische Komiker und Sprachvirtuose schlechthin, das sogenannte „Valentin-Karlstadt-Musäum“ ist eine touristische Attraktion. Wenig bekannt ist bislang seine anbiedernde Kooperation mit den Nationalsozialisten.

Als „Kasperl im Klassenkampf“ hat der Autor Lion Feuchtwanger Valentin in seinem Buch „Erfolg“ charakterisiert. Das mit dem Kasperl lässt sich nur schwerlich von der Hand weisen und zumindest erwecken viele Werke von Valentin den Eindruck, ihm ginge es neben spastischem Klamauk auch um die materiell Benachteiligten. Dafür spricht der Kurzfilm „Die Erbschaft“, über ein bettelarmes Ehepaar, das auf eine Erbschaft eines angeblichen „Onkels aus Amerika“ hofft, aus der aber nichts wird. Oder „Der Firmling“, ebenfalls ein Kurzfilm, zum gescheiterten Versuch eines Mittellosen seinen Sohn zur Feier von dessen Firmung fein auszuführen. Auch existieren eine ganze Reihe Kurzfilme und Sketche, die als kritisch gegenüber Autoritäten wie Polizei, Soldaten, Unternehmern und Vorgesetzten angesehen werden können. Tucholsky soll Valentin als „Linksdenker“ bezeichnet haben. Doch bleibt die im künstlerischen Schaffen enthaltene Kritik stets auf Kasperltheaterniveau – wie Feuchtwanger bereits angemerkt hatte – und es ist zu bezweifeln, ob Valentin selbst einen analytischen Begriff von Klasse hatte, wie er seitens der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung derzeit vorzufinden war. Jedenfalls war es mit seinem Klassenkampf praktisch nicht weit her, machte Valentin beispielsweise auch mehrmals für die Sparkasse Werbung in bewegten Bildern, was aber sowohl Feuchtwanger als auch Tucholsky zum Zeitpunkt ihrer Einschätzung noch nicht wissen konnten, denn das fand erst später statt.

Vom „Linksdenker“ zum Rechtsblinker
Rückblickend betrachtet, das ganze Lebenswerk vor Augen, hatte Valentin scheinbar nicht nur mit Banken, sondern selbst mit den Nationalsozialisten keinerlei Berührungsängste. Als widerständlerische Note wird heute zwar immer wieder angeführt, Valentin habe immerhin Witze über Hitler gemacht, zum Beispiel den, dass der Führer glücklicherweise nicht „Kräuter“ heißt – wegen eben ja, den Heilkräutern – so als ob nationalsozialistisch Gesinnten bei diesem Kalauer das Lachen im Halse stecken bliebe. Doch sogar Hitler attestierte Valentin im Jahre 1937 persönlich: „Ich habe oft über ihre Aussprüche herzlich gelacht“ und der Kräuterwitz hätte nicht weniger das Zeug dazu. Eine paar Jahre später werden Valentin und Hitler wieder in Kontakt stehen, wenn auch über einen Vermittler. Valentin wollte dem Führer seine geschätzte Postkartensammlung andrehen. Hitler zeigte Interesse, zumal dieser ja Postkarten tendenziell mehr zu würdigen als zu malen vermochte, aber die beiden wurden nicht handelseinig.

Rassismus und Antisemitismus geschickt genutzt
Valentin schien gute Beziehungen zu den Nazis zu pfelgen und im Besonderen, wenn sich der Künstler Vorteile davon versprach. Denn die Rassenideologie wusste der Komiker für seine Interessen zu nutzen. Am 25.07.1937 übersendete er beispielsweise einem Produktionsleiter der Tobis-Filmkunst, dass dem Schauspieler Heinz Rühmanns erste Frau „nicht arischer Abstammung“ sei und fragte hintersinnig an, ob er sich nun auch scheiden lassen solle und „eine andersrassige Frau heiraten“. Die Akte über Valentin der „Reichskulturkammer“ erhärtet den Verdacht. Schon im Jahre 1934 beschwerte sich der Komiker bei einem NS-Beamten über den Filmemacher Walter Jerven, mit dem er in einen Streit geraten war. Laut den Notizen des NS-Beamten hat Valentin im Gespräch durchblicken lassen, dass Jerven eigentlich „Samuel Wucherpfennig“ heißen würde. Jerven sah sich daraufhin genötigt, den Behörden einen Ariernachweis zu erbringen, was ihm gelang. Im Jahre 1936 wandte sich Valentin mit einem Schreiben an keinen Geringeren als an den Hitlerstellvertreter Rudolf Hess, um sich Vorteile am Set gegenüber dem Regisseur Engels zu erwirken, mit welchem er schon vor der nationalsozialistischen Herrschaft zusammengearbeitet hatte. Sein Brief fand anklang. Die Behörde bat sich daraufhin aus, Valentins „besonders sensible Natur“ zu berücksichtigen. Im „Kulturlexikon zum Dritten Reich“ (Frankfurt 2007) wird Valentins Wirken im Nationalsozialismus zusammengefasst: “Valentin biederte sich den Mächtigen an, verfaßte Bittschriften, führte immer wieder Hitler als Kronzeugen für seine Wünsche an“.

Valentin waren die Ereignisse im KZ-Dachau sichtlich egal
Der bayerische Komiker schwärzte nicht nur im Zuge der jahrelangen Manifestation der Macht der Nazis an, sondern anscheinend gleich zur ersten Stunde. So bescheinigte es ihm zumindest der Dichter Eugen Roth in seinem Buch „Erinnerungen – Ein Lebenslauf in Anekdoten“ (1977)

Ausgerechnet im Frühsommer des Jahres dreiunddreißig eröffnete Karl Valentin seinen Gruselkeller in der Nähe des Altheimer Ecks und lud mich zu einer Vorbesichtigung ein. […] Kaum war ich im Finstern auf eine quappige Wasserleiche getreten, sah ich durch ein Eisengitter einen verhungerten Sträfling, wurde ich durch ein schauerliches Gespenst genarrt, mußte ich an scheußlichen Folterknechten vorüber – mir stockte der Atem […] Zum Schluß, als wir aus dem gräßlichen Spukbereich wieder ans Tageslicht getreten waren, sagte ich [Valentin] rundheraus, daß ich für diese Abart seines Humors nichts übrig hätte, und zur Zeit schon gar nicht, wo eine schaudervolle Wirklichkeit jeden fühlenden Menschen mit Abscheu und Entsetzen erfüllte – ob er denn von den Untaten in Dachau und in den Schinderstätten überall noch nichts gehört hätte.

Valentin machte ein dummlistiges Gesicht, pfiff ein kurzes “So!” durch die Zähne und entließ mich, enttäuscht, daß ich an seinen tolldreisten Einfällen kein Vergnügen gefunden hatte. Nicht lange hernach traf ich ihn auf der Straße, er kam auf mich zu und lachte triumphierend: “Sie, weil Sie g’sagt hamm, daß Ihnen mein Gruselkeller net g’fallt – am selben Nachmittag noch war der Gauleiter Wagner da, was meinen’S, wie der g’lacht hat! I hab ihm des erzählt, der Doktor Roth, hab i g’sagt, der hat sich aufg’regt, so was, hat g’sagt, braucht man jetzt net künstlich machen, wo’s doch in Dachau und so an der Tagesordnung ist!”

Vom Jahre 1942 ab fristete Valentin sein Dasein als monatlicher Autor der „Münchner Feldpost“. Das antisemitische Motivations-Organ für die deutsche Wehrmacht war gleich nach dem „Stürmer“ Münchens hässlichste Ausgabe seiner Zeit. Noch im Januar 1945 fanden darin Parolen Ausdruck wie: „Der Haß muß freie Bahn haben. Unsere haßerfüllte Gesinnung muß dem Gegner wie eine versengende Glut entgegenschlagen“ (Paul Gießler). Valentin verstarb 1948 verarmt an einer Lungenentzündung in Planegg bei München. Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit des lustigen Münchner Originals findet – zumindest innerhalb des offiziellen Rahmens – bislang nicht statt.

Klagedrohung gegen Schlamassel Muc

Knapp eine Woche vor dem einjährigen Bestehen erhalten wir die erste Klagedrohung. Einer möglichen juristischen Auseinandersetzung sehen wir allerdings gelassen entgegen.

Am 11. Mai 2011 erschien auf Schlamassel Muc ein Eintrag mit dem Titel: „Stunk am Rande des Israeltags“. Darin werden die Feierlichkeiten auf dem Max-Joseph-Platz sowie eine unerfreuliche Szene vor der Hauptbühne des Israeltags 2011 beschrieben. Ein Mann schrie Ausstellerinnen an und schmetterte einen Gegenstand zu Boden. Erst die herannahende Polizei konnte den Mann zur Vernunft bringen. Der Polizeieinsatz wurde im Eintrag mit einem Foto belegt, Augen und Nase der aufgebrachten Person geschwärzt, ihr Name nicht genannt. Am Montag erreichte uns ein E-Mail über die Kommentarfunktion des Blogs, mit der dringlichen Bitte, den „denunziatorischen Kommentar inklusive Bild“ bis Donnerstag zu löschen, ansonsten droht der Verfasser des E-Mails, eine einstweilige Verfügung zu beantragen.

Das betreffende Bild wurde von uns umgehend aus dem Eintrag und vom Server entfernt. Allerdings kamen wir nicht der Bitte nach, den „denunziatorischen Kommentar“ zu löschen, weil wir keinen denunziatorischen Kommentar entdecken können. Der Vorfall spielte sich im Rahmen einer großen, öffentlichen sowie politischen Veranstaltung und vor deren Hauptbühne ab. Der Mann suchte die Öffentlichkeit und löste lautstark einen Polizeieinsatz aus – unter den Augen von Dutzenden Zeuginnen und Zeugen. Eine kritische Berichterstattung über eine Person ist dann gesetzlich gedeckelt, wenn sich die Person durch ihr Verhalten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt – zumal der Name der Person im Eintrag nicht einmal erwähnt wird. Nach unserer Rechtsauffassung wäre es sogar juristisch wenig bedenklich, den Vorfall ohne anonymisierende Bearbeitung photographisch abzubilden. Dem Wunsch nach Entfernung des Bildes haben wir ohne jede Not entsprochen. Auf unser Angebot, er möge eine Gegendarstellung in diesem Blog veröffentlichen, ging der Verfasser nicht ein, allein drohte er am Dienstag mit einem „juristischen Nachspiel“ und bestand weiterhin auf die Entfernung des Kommentars.

Wir sind davon überzeugt, dass eine kritische Berichterstattung notwendig ist, wenn Menschen Jüdinnen und Juden derart angehen, wie im beschriebenen Fall. Und wir werden das auch im zweiten Jahr unseres Bestehens so halten.