Münchens Helden: Karl Valentin

Nächstes Jahr wäre er 130 Jahre alt geworden, der Karl Valentin. Das Münchner Original gilt heute noch als der bayerische Komiker und Sprachvirtuose schlechthin, das sogenannte „Valentin-Karlstadt-Musäum“ ist eine touristische Attraktion. Wenig bekannt ist bislang seine anbiedernde Kooperation mit den Nationalsozialisten.

Als „Kasperl im Klassenkampf“ hat der Autor Lion Feuchtwanger Valentin in seinem Buch „Erfolg“ charakterisiert. Das mit dem Kasperl lässt sich nur schwerlich von der Hand weisen und zumindest erwecken viele Werke von Valentin den Eindruck, ihm ginge es neben spastischem Klamauk auch um die materiell Benachteiligten. Dafür spricht der Kurzfilm „Die Erbschaft“, über ein bettelarmes Ehepaar, das auf eine Erbschaft eines angeblichen „Onkels aus Amerika“ hofft, aus der aber nichts wird. Oder „Der Firmling“, ebenfalls ein Kurzfilm, zum gescheiterten Versuch eines Mittellosen seinen Sohn zur Feier von dessen Firmung fein auszuführen. Auch existieren eine ganze Reihe Kurzfilme und Sketche, die als kritisch gegenüber Autoritäten wie Polizei, Soldaten, Unternehmern und Vorgesetzten angesehen werden können. Tucholsky soll Valentin als „Linksdenker“ bezeichnet haben. Doch bleibt die im künstlerischen Schaffen enthaltene Kritik stets auf Kasperltheaterniveau – wie Feuchtwanger bereits angemerkt hatte – und es ist zu bezweifeln, ob Valentin selbst einen analytischen Begriff von Klasse hatte, wie er seitens der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung derzeit vorzufinden war. Jedenfalls war es mit seinem Klassenkampf praktisch nicht weit her, machte Valentin beispielsweise auch mehrmals für die Sparkasse Werbung in bewegten Bildern, was aber sowohl Feuchtwanger als auch Tucholsky zum Zeitpunkt ihrer Einschätzung noch nicht wissen konnten, denn das fand erst später statt.

Vom „Linksdenker“ zum Rechtsblinker
Rückblickend betrachtet, das ganze Lebenswerk vor Augen, hatte Valentin scheinbar nicht nur mit Banken, sondern selbst mit den Nationalsozialisten keinerlei Berührungsängste. Als widerständlerische Note wird heute zwar immer wieder angeführt, Valentin habe immerhin Witze über Hitler gemacht, zum Beispiel den, dass der Führer glücklicherweise nicht „Kräuter“ heißt – wegen eben ja, den Heilkräutern – so als ob nationalsozialistisch Gesinnten bei diesem Kalauer das Lachen im Halse stecken bliebe. Doch sogar Hitler attestierte Valentin im Jahre 1937 persönlich: „Ich habe oft über ihre Aussprüche herzlich gelacht“ und der Kräuterwitz hätte nicht weniger das Zeug dazu. Eine paar Jahre später werden Valentin und Hitler wieder in Kontakt stehen, wenn auch über einen Vermittler. Valentin wollte dem Führer seine geschätzte Postkartensammlung andrehen. Hitler zeigte Interesse, zumal dieser ja Postkarten tendenziell mehr zu würdigen als zu malen vermochte, aber die beiden wurden nicht handelseinig.

Rassismus und Antisemitismus geschickt genutzt
Valentin schien gute Beziehungen zu den Nazis zu pfelgen und im Besonderen, wenn sich der Künstler Vorteile davon versprach. Denn die Rassenideologie wusste der Komiker für seine Interessen zu nutzen. Am 25.07.1937 übersendete er beispielsweise einem Produktionsleiter der Tobis-Filmkunst, dass dem Schauspieler Heinz Rühmanns erste Frau „nicht arischer Abstammung“ sei und fragte hintersinnig an, ob er sich nun auch scheiden lassen solle und „eine andersrassige Frau heiraten“. Die Akte über Valentin der „Reichskulturkammer“ erhärtet den Verdacht. Schon im Jahre 1934 beschwerte sich der Komiker bei einem NS-Beamten über den Filmemacher Walter Jerven, mit dem er in einen Streit geraten war. Laut den Notizen des NS-Beamten hat Valentin im Gespräch durchblicken lassen, dass Jerven eigentlich „Samuel Wucherpfennig“ heißen würde. Jerven sah sich daraufhin genötigt, den Behörden einen Ariernachweis zu erbringen, was ihm gelang. Im Jahre 1936 wandte sich Valentin mit einem Schreiben an keinen Geringeren als an den Hitlerstellvertreter Rudolf Hess, um sich Vorteile am Set gegenüber dem Regisseur Engels zu erwirken, mit welchem er schon vor der nationalsozialistischen Herrschaft zusammengearbeitet hatte. Sein Brief fand anklang. Die Behörde bat sich daraufhin aus, Valentins „besonders sensible Natur“ zu berücksichtigen. Im „Kulturlexikon zum Dritten Reich“ (Frankfurt 2007) wird Valentins Wirken im Nationalsozialismus zusammengefasst: “Valentin biederte sich den Mächtigen an, verfaßte Bittschriften, führte immer wieder Hitler als Kronzeugen für seine Wünsche an“.

Valentin waren die Ereignisse im KZ-Dachau sichtlich egal
Der bayerische Komiker schwärzte nicht nur im Zuge der jahrelangen Manifestation der Macht der Nazis an, sondern anscheinend gleich zur ersten Stunde. So bescheinigte es ihm zumindest der Dichter Eugen Roth in seinem Buch „Erinnerungen – Ein Lebenslauf in Anekdoten“ (1977)

Ausgerechnet im Frühsommer des Jahres dreiunddreißig eröffnete Karl Valentin seinen Gruselkeller in der Nähe des Altheimer Ecks und lud mich zu einer Vorbesichtigung ein. […] Kaum war ich im Finstern auf eine quappige Wasserleiche getreten, sah ich durch ein Eisengitter einen verhungerten Sträfling, wurde ich durch ein schauerliches Gespenst genarrt, mußte ich an scheußlichen Folterknechten vorüber – mir stockte der Atem […] Zum Schluß, als wir aus dem gräßlichen Spukbereich wieder ans Tageslicht getreten waren, sagte ich [Valentin] rundheraus, daß ich für diese Abart seines Humors nichts übrig hätte, und zur Zeit schon gar nicht, wo eine schaudervolle Wirklichkeit jeden fühlenden Menschen mit Abscheu und Entsetzen erfüllte – ob er denn von den Untaten in Dachau und in den Schinderstätten überall noch nichts gehört hätte.

Valentin machte ein dummlistiges Gesicht, pfiff ein kurzes “So!” durch die Zähne und entließ mich, enttäuscht, daß ich an seinen tolldreisten Einfällen kein Vergnügen gefunden hatte. Nicht lange hernach traf ich ihn auf der Straße, er kam auf mich zu und lachte triumphierend: “Sie, weil Sie g’sagt hamm, daß Ihnen mein Gruselkeller net g’fallt – am selben Nachmittag noch war der Gauleiter Wagner da, was meinen’S, wie der g’lacht hat! I hab ihm des erzählt, der Doktor Roth, hab i g’sagt, der hat sich aufg’regt, so was, hat g’sagt, braucht man jetzt net künstlich machen, wo’s doch in Dachau und so an der Tagesordnung ist!”

Vom Jahre 1942 ab fristete Valentin sein Dasein als monatlicher Autor der „Münchner Feldpost“. Das antisemitische Motivations-Organ für die deutsche Wehrmacht war gleich nach dem „Stürmer“ Münchens hässlichste Ausgabe seiner Zeit. Noch im Januar 1945 fanden darin Parolen Ausdruck wie: „Der Haß muß freie Bahn haben. Unsere haßerfüllte Gesinnung muß dem Gegner wie eine versengende Glut entgegenschlagen“ (Paul Gießler). Valentin verstarb 1948 verarmt an einer Lungenentzündung in Planegg bei München. Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit des lustigen Münchner Originals findet – zumindest innerhalb des offiziellen Rahmens – bislang nicht statt.