Der bessere Jude

Während man in Hamburg gegen eine antisemitische Veranstaltung demonstrierte, weil deren Agenda dem jüdischen Staat das Existenzrecht abspenstig machen wollte, finden in München ähnlich antizionistische Happenings beinahe wöchentlich statt – ohne Protest. Ein Beispiel: die kommende Lesung zum Hörbuch „Höre, Israel!“ von Erich Fried.


Fried: „Wechselbälge der Weltgeschichte“

Eine Frau kann – obwohl sie Frau ist – sexistische Aussagen zu Lasten von Frauen formulieren, wie die Bundesministerin Kristina Schröder kürzlich wieder deutlich machte. Und auch am fordistischen Fließband wurde schon zuhauf über die angebliche Faulheit der Kolleginnen und Kolleginnen schwadroniert, sowie es Homosexuelle gibt, denen zu Homosexuellen nichts besseres einfällt, als dem landesüblichen homophoben Stammtisch das Wort zu reden. Nur wenige würden behaupten, Schwarze könnten sich nicht rassistisch äußern, weil sie eine schwarze Hautfarbe haben. Hingegen sind sich ungleich mehr Irrlichter drin einig: Was eine Jüdin oder ein Jude auszusprechen vermag, kann nicht antisemitisch sein. Und weiter: Wer zitiert, was eine Jüdin oder ein Jude einmal ausgesprochen hat, dem ist mitnichten Antisemitismus anzukreiden. Und so hangeln sich Antisemitinnen und Antisemiten in Deutschland für gewöhnlich von einem Zitat mit „Koscherstempel“ zum nächsten und vertrauen darauf, das Gegenüber bewerte das gesprochene Wort nicht. Das klappt auch.

Ein williger Transformer
In den 70er Jahren dichtete der jüdische Schriftsteller Erich Fried einen Fahrplan, der dem Bedürfniss nach Auslebung eines sehr geschätzten Ressentiments trotz und wegen Auschwitz Rechnung trug. Der Gedichtband „Höre, Israel!“ von Fried, der nach dem zentralen Glaubensbekenntnis des Judentums „Sch‘ma Israel“ benannt ist, kann heute als Paradebeispiel für Antisemitismus nach 1945 angeführt werden. Die ersten Kapitel des streckenweise in biblischer Sprach verfassten Bandes beklagen einen angeblichen „Rollentausch“. Fried will in Israel nämlich „Zeichen des Übernehmens und Weitergebens von Verhaltensmustern ihrer Todfeinde von Gestern“ festgestellt haben. Das „Gestern“ geht seinen Ausführungen nach bis auf biblische Zeiten zurück und spielt aber insbesondere im Nationalsozialismus. Und nun:“begannen sie [mit den Palästinensern] so zu verfahren, wie die Antisemiten Europas mit den Juden verfahren waren“, folgert der Holocaustüberlebende. In mehreren Gedichten rückt er schlussendlich die „zionistischen Kämpfer“ in die Nähe der Nazis:

Ihr Hakenkreuzlehrlinge, ihr Narren und Wechselbälge der Weltgeschichte, denen der Davidstern auf euren Fahnen sich immer schneller verwandelt in das verfluchte Zeichen mit den vier Füßen, das ihr nun nicht sehen wollt, aber dessen Weg ihr heut geht!

Warum es sich bei einer solchen Art von Nazivergleichen nicht nur geradeheraus um eine antisemitische Beleidigung handelt, sondern auch um sekundären Antisemitismus in Form einer starken Relativierung des Holocausts, wurde vielfach ausreichend begründet. Der Israel-NS-Vergleich ist Teil der Arbeitsdefinition der Europäischen Union zum Antisemitismus. Ebenfalls als sekundär antisemitisch wird die Einschätzung gewertet, Jüdinnen und Juden würden aus dem Holocaust vor allem Kapital schlagen. Auch das nimmt Fried mit:

Eure Toten, eure toten Eltern und Großeltern, eure toten Brüder und Schwestern, auf die ihr euch immer beruft, eure Toten, die euer Trumpf sind, eure Toten, für die ihr euch Geld bezahlen lasst als Wiedergutmachung, sie sind nicht mehr eure Toten.

„Jüdische Geschichte wird man eines Tags anders lesen“
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.

Die Gedichte von Fried zum Thema wurden nun nach Jahren wieder ausgegraben und sind als Hörbuch mit dem Titel „Höre, Israel!“ 2011 erschienen, im Verlag von Abraham Melzer, der unter anderem durch den Vertrieb des randständigen Magazins SEMIT Bekanntheit erlangt hat. Die Stimmen zum Hörbuch gaben Beate Himmelstoß und Jüngen Jung aus München. Von Antisemitismus kann freilich keine Rede sein, weil Erich Fried bekanntlich selbst ein Jude war, sogar ein besserer. Die Süddeutsche Zeitung muss also keine Bedenken haben, wenn sie das Werk in ihrem Onlineshop vertreibt. Ebenso nicht die Hochschule für Philosophie in der Kaulbachstraße, in deren Aula am 01. Juli „Höre, Israel!“ in Anwesenheit von Himmelstoß und Jung von Salam Shalom vorgestellt wird.

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