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Die Debatte um Gentrifizierung wird in München leiser geführt als in Berlin oder Hamburg. Der Vorteil: Es fehlt an Wirrköpfen, die eine eingeschlagene Starbucks-Fensterscheibe für einen kritischen Beitrag halten. Der Nachteil: die Gentrifizierer prägen das Meinungsbild maßgeblich, dank knalliger Viertelmagazine oder Lobbygruppen, wie zum Beispiel der Initiative „Open Westend“. Deshalb erhielten 25 Inserenten des Westend Magazins von einem Anwohner einen kritischen Brief. Über Sinn oder Unsinn einer solchen Briefsendung lässt sich streiten. Hier der Inhalt des Schreibens, mit leichten redaktionellen Änderungen:

Sehr geehrter ……………… ,

nun haben Sie sich im Westend eingerichtet, kennen sich etwas aus, es hülfe also nichts mehr, erzählte ich Ihnen, das Westend sei ein schlechter Ort, insbesondere um dort zu leben. Sie wissen bereits, es ist anders. Allerdings – und das wissen Sie vermutlich nicht – war das Westend ein deutlich besserer Ort vor ihrem Eintreffen. Und damit möchte ich Sie persönlich nicht meinen, denn Sie alleine hätten wir schon aushalten können, sondern die vereinte Gentrificationclass, die seit ein paar Jahren beispielsweise die Schwanthalerstraße vereinnahmt. Das Unangenehme an der Vereinnahmung ist nicht die Veränderung als solche, sondern ihre Kommunikation und deren zugrundeliegende Ideologie, die in einem kostenlosen Westender Propagandablättchen auf erstaunliche Weise kulminiert. Im Stile deutscher Kolonialherren mobilisiert das Magazin für einen kulturellen Eroberungsfuror, so als ob eine weiße deutsche „Elite“ bisher gefehlt hätte, um die vermeintlich leeren Räume im Westend endlich ökonomisch und kulturell urbar zu machen.

Um Gentrification soll es hier nur am Rande gehen, zumal ich Sie – Ihr kleinbürgerliches Sozialisationsregime vor Augen – nur soviel wie nötig fordern möchte. Dennoch etwas dazu, auch auf die Gefahr hin, dass Ihre Stirn Falten schlägt: Der sogenannten „Aufwertung“ von Stadtvierteln gehen Stadtplanung und die Bewegung von Kapital voraus. Stadtplanerische Entscheidungen und Kapitalströme haben die Grundlagen der Gentrification im Westend schon lange vor Ihrem Eintreffen gelegt – zu Lasten der Migranten-­ und Arbeitermilieus. Sie selbst wiederum sind Teil der weißen Mittelschicht, die es infolge einer solchen Planung nachgerade anspült. Sicher machen Sie sich das nicht bewusst, wenn Sie Ihren Laden aufsperren. Es ist auch angenehmer, sich das eigene Wirken in einen „Westend Chick“ umzulügen, als es als Folge einer Verdrängung zu begreifen. Nun ist ein Gentrification Process nicht aufzuhalten und wenn, wäre die Klage nicht an Sie zu richten. Aber aufgrund des kolonialistischen Habitus aus Reihen Ihres Zusammenhangs sind schon auch Sie zu belasten. Zumal Ihre Waren und Dienste – und das werden Sie sicherlich bemerkt haben – für die meisten Ansässigen einen geringen Gebrauchswert haben, ausgenommen besagte deutsche Kleinbürgerrunde, die sich ihre Leistungen im Kreise reicht.

Ein schöner Anblick ist ein Schaufenster nämlich nicht, das nichts als einen verkrampften Yuppie vor einem Apple­-Rechner einrahmt. Auch die hundertste – und ganz zurecht – erfolglose Galerie ist so entbehrlich, wie das Packen Landpomeranzen, das im Cafe Morgenrot* an kalten Sonntagen die Scheiben von innen beschlagen lässt. Von den Eso­tanten ganz zu schweigen, deren morbider Added­Value an heißen Tagen bis auf die Straße müffelt. Das kostenlose Magazin, das mit stiernackiger Zuversicht im Jahrhundertwendedesign sowie dem dazugehörigen Jargon daherkommt, ist zudem von einer inhaltlichen Stumpfheit, dass man die „besten Knutschecken im Westend“ gar nicht mehr finden will, weil die peinlichen mittdreißiger­ Clownerien einem de profundis die Schamröte bereits ins Gesicht getrieben haben. Ich hoffe, die Mehrheit erweist sich als ökonomisch nicht tragbar und wir sehen im Westend einer Gentrificationclass entgegen, die mit weniger lautem Halali auskommt.

Hochachtungsvoll

*Name von der Redaktion geändert

Weiterführendes:
Debattenbeiträge zur Gentrifizierung im Münchner Westend – sowie Reaktionen auf dieses Schreiben – erscheinen ab dem 25.07 im Hinterland-Magazin mit dem Schwerpunkt „Das letzte Viertel“. Ebenfalls im Heft ist ein Beitrag von Peter Bierl zu Wurzelrassen, Erzengeln und Volksgeistern.