Vorbemerkungen zum anstehenden „Festkommers“ in München

Der Rechtsausschuss der Deutschen Burschenschaft beschloss schon 53 Jahre vor der Linkspartei „antisemitischen Tendenzen, wo immer sie auftreten, energisch entgegenzutreten“. Es ist aber mit dem Entgegentreten nicht weit her. An manchem geladenen Gast in Burschenschaftshäusern fände sogar Inge Höger noch Gefallen …


… aber sicher nicht an diesen: Die zionistische Verbindung Jordania München 1912

Im Jahre 1958 sorgte der „Fall Zind“ für großes Aufsehen. In einem Gasthof namens „Zähringer Hof“ äußerte der Studienrat Zind gegenüber dem Holocaustüberlebenden Lieser, es sei schade, dass dieser nicht vergast worden sei. Außerdem nannte er Lieser einen „Drecksjuden“. Der Fall wurde öffentlich. Zind blieb uneinsichtig, er „krieche doch einem Juden nicht zu Kreuze“, so Zind, und außerdem, fügte er hinzu, gehöre „Israel ausradiert“. Der Dachverband Deutsche Burschenschaft nahm die aufkommende Diskussion über Antisemitismus zum Anlass, „sich erneut zum Grundsatz der Menschenwürde zu bekennen und sich mit Nachdruck von jedem Antisemitismus und Rassenwahn zu distanzieren. Die Verbrechen, die das Dritte Reich an den Juden begangen hat, verpflichten jeden Deutschen, alles in seinen Kräften stehende zu tun, um zur Verständigung unter den Völkern beizutragen. Die Deutsche Burschenschaft bekräftigt daher ihren Willen, auch in Zukunft antisemitischen Tendenzen, wo immer sie auftreten, energisch entgegenzutreten.“

Dass sich die Deutsche Burschenschaft vom „Rassenwahn“ nicht nur nicht distanzierte, sondern dieser eine feste Größe im Regelwerk der Deutschen Burschenschaft blieb, zeigte nicht nur der aktuelle Dissens um den Verbandsbruder Kai-Ming Au. Weniger bekannt als der dauertönende Rassismus sind aber die antisemitischen Ausfälle. Zwar machte 1989 die Innsbrucker „Brixia“ Schlagzeilen, die den Holocausleugner David Irving einlud und wegen Irving’s Haftbefehl in Österreich auf Bayern ausweichen musste. Oder die Wiener „Olympia“, die 2005 ebenfalls Irving empfangen wollte. Doch der Dachverband geriet deswegen selten in die Kritik. Wenig Beachtung fand beispielsweise im Jahre 2003 die Solidarität mit dem CDU-Politiker Martin Hohmann. Hohmann hielt anlässlich der „Deutschen Wiedervereinigung“ 2003 eine antisemitische Rede. Er forderte darin die Einstellung der Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Seine Argumentation stützte er ausgerechnet auf Zitate aus den Werken „Jüdischer Bolschewismus“ (Bieberstein) und „The International Jew“ (Ford), um damit zu belegen, dass man auch die Juden mit „einiger Berechtigung als Tätervolk“ bezeichnen könne. Das Online-Magazin Hagalil brachte den Fall an die Öffentlichkeit und die CDU warf Hohmann aus der Partei.

„Feiges Zurückweichen vor agitatorischem Meinungsdruck“
Die Deutsche Burschenschaft verfasste daraufhin einen schäumenden offenen Brief an die Delegierten des CDU-Parteitages. Zwar sei man selbst freilich auch „gegen alle Formen der Judenfeinschaft und des Antisemitismus“ aber Hohmann habe doch „keineswegs“ etwas Antisemitisches gesagt, sondern nur, was die in Berlin lebende Jüdin Sonja Margolina in ihrem Buch „Das Ende der Lügen – Die russischen Juden – Täter und Opfer zugleich“ ganz ähnlich schon geschrieben habe. Der empörte Dachverband drohte den CDU-Delegierten im gleichen Schreiben an, darüber zu beraten, ob sie den Mitgliedern der Deutschen Burschenschaft einen Parteiaustritt nahelegen solle, wenn die Meinungsfreiheit innerhalb der CDU – und so scheine es ihm – nicht mehr gewährleistet sei.

Die antisemitischen Ausfälle sind nun nicht nur ein Nachbeben des burschenschaftlichen Konsenses vor 1945, sondern reichen bis in die letzten Jahre hinein. Der „Schnellinfobrief“ (Nr 3. 2009/2010) der Deutschen Burschenschaft, eine interne Verbandspostille, bewarb beispielsweise 2009 eine verschwörungstheoretische Veranstaltung mit erlesenen Gästen. Mit von der Partie war kein Geringerer als Odfried Hepp. Hepp startete seine „Karriere“ bei diversen rechtsradikalen Wehrsportgruppen und endete konsequenter Weise als Kämpfer für die „Palästinensische Befreiungsfront“. Er konnte als ein solcher in Frankreich festgenommen werden. Ein weiterer Gast der Burschenschaftler an diesem Abend war Elias Davidsson alias („I declare myself a radical antisemit“). Davidsson, eben ein bekennender Antisemit, steht ansonsten für gewöhnlich Veranstaltungen des vermeindlich anderen Lagers, wie der antizionistischen Organisation „Arbeiterfotografie“ zur Verfügung.

Israel, wie man es gerade braucht
Hinsichtlich des Dachverbandes der Deutschen Burschenschaft kann also keine Rede davon sein, es werde „antisemitischen Tendenzen, wo immer sie auftreten, energisch“ entgegengetreten. Immerhin – könnte man sagen – scheint Israel kein dominantes Thema bei den Verbandsbrüdern. Aber auch das stimmt nicht ganz. Die Burschenschaft Frankonia Bonn gab beim Deutschen Burschenschaftstag 2009 beispielsweise zu Protokoll, wenn „die Türkei und eventuell Israel“ nicht Teil der EU werden könnten, dann wäre das „einerseits sinnvoll, zum anderen aber auch ausgesprochen burschenschaftlich“. Und auch im Rahmen der aktuellen Diskussion um den „Arierparagraphen“ (Spiegel, 2011) führte die Deutsche Burschenschaft Israel abgeschmackt ins Feld. In einer Pressemitteilung der Deutschen Burschenschaft hieß es: „Jedoch ist der Vorwurf, es handele sich gleichsam um die Einführung eines ‚Arierparagraphen‘ überzogen, faktisch falsch und kommt einem Rufmord gleich. Das Gutachten orientiert sich an dem in der Bundesrepublik über Jahrzehnte geltenden Abstammungsprinzip – dem ius sanguinis. Dieses Prinzip gilt heute noch in der Schweiz, in Israel sowie in den meisten EU-Staaten wie Österreich“.

Das ist schon perfide. Israel, das heute als ein notwendiger Schutzwall für Jüdinnen und Juden fungiert, weil diese u.a. eindrucksvoll und zur Genüge von Abstammungsprinzip-Fanatikern verfolgt wurden, und immernoch Ressentiments ausgesetzt sind, soll gleichauf als Musterbeispiel für das überflüssige deutsche Abstammungsprinzip herhalten. Plötzlich scheint Israel den Burschen dann doch wieder „burschenschaftlich“ genug. Wenns dabei rumpelt, könnten das die Mitglieder der Jordania München sein, die sich im Grab umdrehen, nicht aber die deutsche Presselandschaft, die diesen Vergleich lautlos durchgehen ließ.

Weiterführendes:
Soeben wurden interne Papiere der Deutschen Burschenschaft unfreiwillig öffentlich.