Archiv für August 2011

No-Al-Quds Tag: frohe Kunde aus Landshut

Der Al-Quds Tag wurde 1979 von Ruhollah Khomeini ausgerufen und treibt auch heute weltweit Hunderttausende auf die Straße. Sie demonstrieren für eine islamische Befreiung Jerusalems, gegen Judentum und gegen Israel – auch in Berlin. Zur bayerischen Mobilisierung wider den Al-Quds Tag wurde nach Landshut geladen.


„Ich kann beim besten Willen keinen Hitlergruß erkennen“, Al-Quds-Tag Berlin 2010

Ein Wort vorweg zu Landshut: Die ersten Trümmer anstelle des späteren Landshuts errichteten Siedelnde 5.500 vor Christus. Nachdem man sich viele Jahrtausende nach allen Regeln der jeweiligen Waffenkunde die Köpfe eingeschlagen hatte, entstand aus dem frühmittelalterlichen Landeshuata das erzkatholische Landshut an der Isar, womit das Morden aber lange nicht endete. Jüdinnen und Juden wurden aus der Stadt im 15. Jahrhundert derart gründlich vertrieben, dass sich nie wieder eine jüdische Gemeinde dort anzusiedeln wagte. Im 30-jährigen Krieg zogen die Landshuter überaus kampfeslustig zu Felde. Das Freikorps Landshut, dem auch Heinrich Himmler diente, half tatkräftig mit bei der Niederschlagung der Bayerischen Räterepublik 1919. Mit einem KZ-Außenlager konnte Landshut freilich auch aufwarten. Heute ist die Kleinstadt eine bayerntypische CSU-Provinz, über deren Pflastersteine aufgemotzte BMWs donnern, ringsum rankt konservierter Kitsch, zum Gedenken an eine gute alte Zeit – die es in Landshut nie gegeben hat. Man stand bis zur Reeducation 1945 in jedem erdenklichen Jahrhundert geschlossen mit großer Mordlust an der Seite von Barbarei und Reaktion. Dieser muffige Spirit hängt dem Ort immer noch im Gemäuer. Das könnte auch der Grund sein, warum es den Neonazi Martin Wiese nach seiner Haftentlassung gleich wieder dorthin verschlagen hat. Landshut fällt damit aber nicht aus der Reihe, sondern ist vielmehr eine ganz normale bayerische Kleinstadt mit einer ganz normalen bayerischen Geschichte.

Eine Geste der Solidarität mit den Revoltierenden im Iran
Umso erfreulicher ist es, dass die Mobilsierung gegen den fanatischen Al-Quds Tag in Bayern dieses Jahr von einer kleinen Gruppe in Landshut ausging. Zirka 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden sich am 18.08 in dem Hinterhofladen von F.A.U.L. direkt im Stadtzentrum ein, unter anderem auch Mitglieder der Landshuter Gruppe Salon de la Critique. Die ideologiekritischen Genossen richteten vor wenigen Tagen die Veranstaltung „Jean Améry, der „ehrbare Antisemitismus“ und die Neue Linke“ aus. Ein Mitglied des Berliner Bündnisses gegen den Al-Quds Tag informierte die Anwesenden nun über die geplanten Proteste. Das Bündnis erhofft sich auf der antifaschistischen Demonstration am Samstag 500 Teilnehmende. Jüdische Verbände und andere zivilgesellschaftlichen Gruppen haben eine weitere Kundgebung gegen den Al-Quds Tag angemeldet. Über die Teilnahme von rechten Organisationen ist bislang nichts bekannt. Die Sprecherin des Bündnisses warnte davor, sich schon auf dem Weg zur Kundgebung erkennbar zu machen, da der antisemitische Mob erfahrungsgemäß mit Brutalität insbesondere gegen Menschen mit Israelfahne vorgeht. Kurzentschlossene ohne Anlaufstelle in Berlin können über dieses Kontaktformular Übernachtungsmöglichkeiten anfragen. Die frohe Kunde: aus Landshut wird voraussichtlich eine Delegation am 27.08 in Berlin aufschlagen, vielleicht auch Einzelne aus Regensburg.

Der Aufmarsch am al-Quds-Tag ist das einzige Ereignis in Europa, in dem die Islamische Republik Iran mit ihren hiesigen Repräsentanten die Diskretion ablegt, die sie bei Einladungen von Freunden aus Industrie und Politik bewahrt. Als Geste der Solidarität mit den Revoltierenden im Iran und in der Hoffnung, dass die Friedhofsruhe aus Hinrichtungen, Folterungen und Tugendterrorismus ehest endet, rufen wir auf zu Protest gegen den al-Quds-Tag in Berlin und anderswo. Marg bar jomhuriye eslami! Marg bar asle velayat faqih! | Aus dem Aufruf von Cosmoproletarian Solidarity und exsuperabilis

Dem können wir uns nur anschließen.

Daten:
Islamistischer Aufmarsch: Samstag, den 27.08 um 14:00 Uhr | Adenauerplatz | Gegendemonstration: um 12:00 Uhr | Wittenbergplatz | Weiterer Gegenprotest (u.a. die Jüdische Gemeinde): um 14:30 Uhr | Joachimstaler Str. bzw. Kurfürstendamm

Das Watchblog zur Süddeutschen positioniert sich

Das Blog suedwatch.de ist beliebt aufgrund seiner kritischen Beiträge zur Israel-Berichterstattung der SZ. Doch dominieren vermehrt rechtspopulistische Inhalte das Portal. Jetzt trat suedwatch.de dem „Münchner Bündnis gegen Antisemitismus“ bei – einer Tarnorganisation der randständigen Partei „Die Freiheit“.

Wenn es um Israel geht, ist die SZ seit Jahren eine Garantin für polemische und zu Israels Ungunsten verzerrte Berichterstattung. Erst narrte über 10 Jahre lang Thorsten Schmitz die Leserinnen und Leser, vor etwa einem Jahr trat Peter Münch seine Stelle an. Im Nachrichtenteil verfasst Münch stets bemüht wirkende neutrale Artikel, deren Neutralität aber weit hinter viele andere Publikationen zurückfällt. Auf der Meinungsseite darf Münch dann ganz ungebremst agitieren, diese Beiträge erscheinen nicht in der Online-Ausgabe der SZ. Das Portal suedwatch.de nimmt sich seit Mitte 2009 die Israel-Berichterstattung der SZ vor und unterscheidet zwischen Fakten und antiisraelischer Dichtkunst. Dabei ließen die Macher aber immer schon durchblicken, dass es sich bei der Gruppe keinesfalls um eingefleischte Antirassisten handelt. Spätestens seit dem Erscheinen des Sarrazin-Buches häufen sich aber die Einträge, in denen suedwatch.de für dubiose Gestalten Partei ergreift, immer unter dem Vorwand freilich, es ging einzig um eine korrekte Berichterstattung – die Wahrheit und den diffamierten Mutigen, der sie aussprach.

Das Watchblog und seine falschen Freunde
Zum Beispiel verriss suedwatch.de kürzlich einen kritischen SZ-Artikel über Martin Böcker, einem extrem rechten Aktivisten, der die Redaktion der Campuszeitschrift an der Bundeswehruniversität in Neubiberg übernommen hatte. Ebenso stellte sich suedwatch.de vor Christian Jung, Gründer des bayerischen Ablegers der Partei „Die Freiheit“. Vor wenigen Tagen positionierte sich suedwatch.de dann gänzlich ungeniert und trat mit der verschwisterten Facebook-Gruppe „Suedwatch Panoptikum“ seine Mitgliedschaft beim „Münchner Bündnis gegen Antisemitismus“ an. Das Bündnis mit dem ansprechenden Namen ist eine Tarnorganisation der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, der in Bayern Christian Jung und Michael Stürzenberger (PI-News) vorstehen. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft warnte per Pressemitteilung bereits vor den „falschen Freunden“, die Engagement gegen Antisemitismus und Solidarität mit Israel „gemeinsam mit Forderungen nach Minarettverbot und härterem Durchgreifen bei Schulschwänzern auf Stammtischniveau“ verhandeln.

Die Lumpenbourgeoisie unter sich

Wie in vielen anderen Städten gibt es auch in München kein Bündnis gegen Gentrification, das zu einer annehmbaren Kritik an der räumlichen Separation einkommensschwacher Bevölkerungsschichten fähig ist, geschweige denn passende Protestformen entwickelt.

Laut tat sich im Gerede um Gentrification bislang vor allem das Netzwerk Recht auf Stadt München hervor. Unter den fünf Mitgliedern des Netzwerks ist auch das künstlerische Kollektiv der Domagkstraße Haus Nr. 49. Die kreative Ständevertretung veranstaltete Anfang des Jahres eine Podiumsdiskussion zum Thema, die sie wohl zur Aufnahme im Netzwerk qualifizierte. Auf die Spitze trieb es eine Künstlerin mit dem ernst gemeinten Vorschlag, die Kunstschaffenden sollten besser selbst Häuser im Viertel sanieren und von den realisierten Veräußerungsgewinnen ihre gesellschaftskritische Kunst finanzieren. Eine andere mahnte, es nicht minder ernst meinend, die Stadt müsse endlich erkennen, dass die gewünschte Aufwertung von Stadtvierteln ohne ihr Kunstschaffen nicht möglich sei – also ihr Kollektiv fürs Kapital im Grunde unverzichtbar ist – und schließlich die Münchner Kunst auch als ein Aushängeschild für ganz Deutschland betrachtet werden müsse, weshalb diese eine verstärkte Förderung verdiene.

Ein weiteres Mitglied im Netzwerk Recht auf Stadt München ist das Platzhirschen-Projekt Unser Viertel Giesing der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), die den Stadtteil Giesing mit dem Claim: „Einmal Arbeiterviertel, immer Arbeiterviertel“ gegen „Bullen, Bonzen und Nazis“ zu verteidigen glaubt. Ein Zusammenschluss aus Künstlerinnen im Dienste Deutschlands und der kreuzdämlichen SDAJ verspricht auf eine fruchtbare Partnerschaft hinauszulaufen, die zudem schon vor dem Verkehr schwanger genug mit alten Feindbildern ist. Auf der Website von Recht auf Stadt München prangt demnach erwartungsgemäß ein Artikel zu Israel. Unter dem Vorwand, über die Proteste gegen hohe Mieten in Israel zu berichten, folgt die alte Leier zu jüdischen Siedlungen, arabischen Flüchtlingslagern und Zwischenfällen an der israelischen Grenze.

Identitätsverweigerer im Streit
In einer Facebook-Gruppe wurde kürzlich die Betreiberin eines hochpreisigen Etablissements beschuldigt, wegen der Existenz ihrer Neueröffnung „Charlie“ seien nun in der ganzen Straße die Mieten gestiegen. Zur Erbauung des kleinen Mannes bedarf es bekanntermaßen keiner Kausalität – ihm genügt eine Behauptung zur Tat. Seit einigen Wochen befindet sich das „Charlie“ im Fadenkreuz von Rotzlöffeln, die das Restaurant mit Aufklebern wie „Willkommen in Giesing, ihr Arschlöcher“ markieren. Die Besitzerin reagierte mit einer spöttischen Retourkutsche, einem Schild mit der Aufschrift: Hallo Giesing, mein Name ist Gentrification (siehe Bild). Kurz möchte man über diesen trotzigen Konter schmunzeln, wäre er nicht auch Ausdruck eines bis ins Mark verblödeten Kleinbürgertums, dem die Besitzerin des Restaurants ebenso nahe steht, wie ihre Kritiker.

Wenn diese Leute eine gesellschaftliche Debatte dominieren, geht jede Kritik, die auch etwas an den Verhältnissen zum Richtigen hin verändern möchte, im Gekeife unter. Dabei gäbe es einiges zu tun. Eine große Gruppe derer, die von Gentrification am stärksten betroffen sind, hat nur eine sehr leise Stimme. Die Möglichkeiten der kommunalen Mitbestimmung von Menschen aus Nicht-EU-Ländern sind in München verschwindend gering. Diese zu stärken könnte eine praktische Aufgabe einer Bewegung gegen Gentrification sein. Auch könnte anhand der Gentrification, also dem Kasernieren von einkommensschwachen Bevölkerungsschichten in menschenfeindlichen Wohngegenden qua Markthand, ein weiterer Klassenzusammenhang aufgezeigt werden. Dazu wäre es aber bitter nötig, die Wichtel aus der Debatte zu nehmen. Die Aussage, das Restaurant „Charlie“ hätte eine Mieterhöhung für die ganze Straße zu verantworten, dient der bürgerlichen Interessenvertretung als leuchtendes Beispiel für die Idiotie ihres scheinbaren Gegenparts.

Ein Beispiel dazu:
Zündfunk: Die vermeintlich Bösen wehren sich

Kritik am Editorial der Bahamas #62

Die Bahamas-Redaktion findet in ihrer aktuellen Sommerausgabe lobende Worte zu den Protestaktionen gegen die Lesung von Erich Fried-Gedichten in München. Doch die Proteste der Gruppe Monaco zeigten sich anders als dargestellt und machten auch deutlich mehr Spaß als das Editorial der Bahamas.


Jürgen Jung und Beate Himmelstoß lesen „Höre, Israel!“. Im Hintergrund die Propaganda von Electronic Intifada.

Am 01.07.2011 lud der antizionistische Verein Salam Shalom ins Kellergewölbe der Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Auf dem Programm stand die Lesung von Gedichten Erich Fried’s aus „Höre, Israel!“. Die Gruppe Monaco entschloss sich, auf dieser Veranstaltung Protest zu äußern und gestaltete ein Flugblatt: Erich Fried Chicken – Gegen den antizionistischen Gesinnungskitsch! Dem aktuellen Editorial der Bahamas ist zu entnehmen, die Mitglieder der Gruppe Monaco hätten auf der Veranstaltung einzig das Flugblatt verteilt und seien nach wenigen Minuten wieder gegangen. Das ist leider sachlich falsch – auch wenn die Bahamas-Redaktion gerade das für vorbildlich hält.

Charakteristisch für Veranstaltungen des antizionistischen Vereins Salam Shalom ist die kritiklose und gefühlsduselige Gemeinschaft, der sich die Teilnehmenden gänzlich hingeben. Teilweise werden die Vorträge mit geschlossenen Augen verfolgt und nur geöffnet, um der Nachbarin oder dem Nachbarn zwinkernd Zustimmung zu signalisieren, oder um besser mit der Teekanne in die Tasse zu treffen. Viele kennen sich seit ihren gemeinsamen Protesten in den Siebzigern; die Mehrheit ist in christlichen oder anderen spirituellen Zusammenhängen organisiert. Der Hass auf Israel dient der Herstellung der Einheit im Raum, der Abgrenzung der Schicksalsgemeinschaft vom vermeintlich Bösen. Das dominante Gefühl, alle im Raum seien ausnahmslos Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft, hat die Gruppe Monaco mit ihren Protesten empfindlich gestört.

Die anderen mitten unter uns
Zu Beginn der Veranstaltung „Höre, Israel!“ war eigentlich alles wie immer. Eckhard Lenner von Salam Shalom begrüßte die Gemeinde in pastoralem Tonfall und stimmte die knapp achzig Anwesenden auf das kommende Programm ein. Die Musikgruppe Embryo zupfte dazu meditativ, wie auch schon bei einer Veranstaltung mit Ilan Pappe. Dass Gäste erst nach Beginn der Lesung kamen und sich somit das Eintrittsgeld sparten, störte zwar gleich zu Anfang das Entflammen der Sinnlichkeit, wurde aber nicht weiter gedeutet.

Just während der ersten gefühlsgeladenen Passage läutete ein Handy mit Tatort-Melodie und der Empfänger bahnte sich umständlich und telefonierend den Weg nach draußen. Ein Teilnehmer litt unter einem kräftigen Husten, der sich offenbar immer während ergreifender Momente regte; auch kam Beifall zur unpassenden Zeit. Wieder andere versorgten sich regelmäßig mit Bier und Essen, die Tür ging häufig. Nach zirka einer halben Stunde verabschiedete sich ein Mann lautstark protestierend, eine Viertelstunde später eine Frau, danach ein weiterer Mann mit den Worten: „Lang lebe Israel!“. Zu diesem Zeitpunkt war der antizionisitschen Feiergemeinde längst klar, dass sie diesmal nicht allein unter sich sein sollte. Auf jedes Stuhlrücken, auf jedes Knacksen drehten sich Köpfe, um den nächsten Störenfried ausfindig zu machen. „Der ist auch ein israelischer Agent!“, zischelte es. In die Atmosphäre erhöhter Aufmerksamkeit hinein erhob sich nach ca. 80 Minuten der Lesung ein junger Mann vom Stuhl, um das Flugblatt „Erich Fried Chicken – Gegen antizionistischen Gesinnungskitsch!“ an die Anwesenden zu verteilen. Es dauerte drei Reihen lang, bis ihn die Organisatoren von Salam Shalom eingefangen hatten und abführten.

Zum Bahamas-Protestleitfaden
In der Pause äußerte eine Musikerin der Band Embryo, sie könne guten Gewissens nicht mehr auf die Bühne zurück, da der Vortrag „schrecklich einseitig“ sei. Das Unwohlsein war ihr schon von Beginn an deutlich anzusehen. Ingesammt bleibt der Erfolg der Protestaktion mäßig, wie immer, da von besagter Gemeinschaft ehedem niemand zu überzeugen ist, ein kleines Zugeständnis schon das gesamte politische Lebenswerk in Frage stellen würde. Eines hat der Protest aber erreicht: Mitglieder der Gruppe Monaco hatten sichtlich Spass und Salam Shalom weniger. Und daran lässt sich auch der nächste Punkt festmachen, der am Editorial der Bahamas #62 zu kritisieren wäre. Das einleitend formulierte Antideutscher-Protest-Howto ist so zurückgenommen, anständig und spaßbefreit, dass man es eigentlich niemanden wünschen möchte.

Weiterführendes:
Gruppe Monaco: Klarstellung

Iraner demonstrieren im Terminal 2

Die erste Demonstration im Terminal 2 des Münchner Flughafens Franz-Josef-Strauß schaffte es gestern bis in die Tagesschau. An den Protesten nahmen auch Iraner teil. Immernoch scheitern viele Verfolgte aus dem Iran an den europäischen Außengrenzen.

Weiterführendes:
Vor wenigen Tagen hielt Dr. Kazem Moussavi in Berlin eine bemerkenswerte und flammende Rede gegen die europäische Appeasementpolitik. Die Rede, die vielmehr ein dringlicher Aufruf ist, kann hier angehört werden. Unbedingt ans Herz legen wollen wir auch den soeben angelaufenen Film „Im Bazar der Geschlechter“. Die Dokumentation der Regisseurin Sudabeh Mortezai nimmt das Frauenbild sowie die Sexverwaltung der iranischen Mullahs in den Fokus.

Münchner Linkspartei sendet Call for Papers

Nachdem der Münchner Kreisverband für seine Unterstützung der Gaza-Flottille viel Kritik geerntet hat, kündigen die Genossinnen und Genossen nun einen Diskurs an. In einem Call for Papers bittet der Kreisverband um Beiträge zum Thema. Auch israelfreundliche Gruppen haben eine Einladung erhalten. Die Zusendungen sollen in einem Reader erscheinen.


Bedröppelt: Münchner Teilnehmerin der gescheiterten Gaza-Flottille 2011

Die Linkspartei läd zum Mitmachen ein. In einer verschwurbelt und unverhohlen lustlos formulierten Einladung auf der Website entschuldigt sich der Münchner Kreisverband aber einleitend erst einmal dafür, das Thema Israel nun überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen, zu wichtig seien viele andere Themen. Diese Einschätzung kann nahezu als Hoffnungsschimmer verstanden werden, aus der Feder einer Parteisektion, die seit Jahren Beschlüsse zu Israels Lasten fasst. Im Text heißt es weiter: Auch wenn man sich einen „Antisemitismusverdacht“ habe „aufdrängen“ lassen, sollen die daraus entstanden parteiinternen Konflikte nun „nicht unter den Teppich“ gekehrt werden. Der Kreisverband habe deshalb einen „Call for Papers“ zum Thema „Isreal Palästina“ [sic!] beschlossen, stümpern die Verfassenden des Eintrages ihre Zeilen dahin. Bis zum 30. September dürfen sich die Genossinnen und Genossen aufgerufen fühlen, ihre Ergüsse einem Reader beizusteuern. Eine Einladung haben ebenso israelfreundliche Gruppen per E-Mail erhalten, unter anderem der Arbeitskreis Thinktank 34. Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich diese Gruppen auf die Einladung melden werden und sich in einer Reihe mit den erwartbaren Figuren lesen wollen.

Die bayerische Linkspartei kommt nicht zur Ruhe
Auf npd-blog.info ist vor wenigen Tagen ein Beitrag zum Linkspartei-Mitglied Chris Sedlmair erschienen. Über Sedlmair berichtete bereits der Spiegel 2009 kritisch, als dieser um ein Haar als Kandidat für den Bundestag antreten durfte. Nachdem die obskuren Einstellungen Sedlmairs öffentlich wurden, kündigte die Linkspartei Konsequenzen an, die aber ausblieben. Heute posiert Sedlmair im Internet mit Waffen und droht auf dem nächsten „prozionistischen Meeting“ zu erscheinen. Der Dachauer, der eigenen Angaben zufolge „terroristisch“ spricht, ist geschäftiger Administrator der antizionistischen Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom“. In die Liste der Abonnentinnen und Abonnenten der israelfeindlichen Pinnwand haben sich auch Mitglieder des Münchner Kreisverbands eingetragen.

Die Linksjugend München veröffentlichte vor wenigen Tagen auf ihrer Website eine Stellungnahme mit dem Titel „Des Nahen Ostens falsche Freunde“. Nach allerhand parteitaktischem Sermon im Text äußert die Nachwuchsorganisation darin immerhin den begründeten Verdacht, dass es Stimmen innerhalb der Partei gäbe, die „unter dem scheinbar harmlosen Deckmantel der ‚Israelkritik‘ antisemitische Ressentiments“ befeuerten. Die Linksjugend kritisiert auch das Verhalten der Münchner Bundestagsabgeordneten Nicole Gohlke. In der Kommentarspalte der Website erbrach sich daraufhin Henning Hintze auf wutbürgerisch und endete mit dem Klassiker: „Wer Nicole kennt, weiß, daß der gegen sie erhobene Vorwurf …“.

Das Gohlke-Dilemma
Nicole Gohlke empfahl sich 2009 der Parteibasis in München mit antiisraelischen Inhalten für den Bundestag. Zusammen mit Hennig Hintze besetzte sie im Wahlkampf ein Podium im „Goldenen Hirschen“, wo Hintze mit Norman Paech und zu fortgeschrittener Stunde mit Mitgliedern der antizionistischen Vereinigung Salam Shalom die bierseelige Parteibasis anheizte. Ihr gelang der Sprung in den Bundestag. Gohlke hat bislang nicht vergessen, was die Genossinnen und Genossen in München von ihr erwarten, auch wenn der Fraktionsbeschluss „Entschieden gegen Antisemitismus“ eine andere Richtung vorgibt. Aufgrund des Beschlusses schweigt Gohlke vor der Presse nun zum Thema. Selbst wenn ihr Report München bis in die Bundestagskantine nachrennt, bleibt die diplomierte Kommunikationswissenschaftlerin eisern: „Das habe ich ihnen am Sonntag doch schon gesagt, dass ich ihnen dazu nichts sage“, weist Gohlke Report München zurück und ihre Stimme singt dabei einen aufwendigen Melodiebogen, gereizt zwischen den Klangfarben autoritär und hysterisch oszillierend. Ist die Presse aus dem Haus, wie am Ende der Delegiertenwahl in München vor knapp einem Monat, findet Gohlke wieder völlig mühelos zum Thema und spricht ihrer Parteibasis aus dem Herzen. Ein Dilemma.

Volksinitiative für eine geschmackvolle Zukunft des Westends! McDonald’s now!

Am Samstag den 30. Juli fand auch dieses Jahr eine Großdemonstration für eine geschmackvolle Zukunft des Westends in München statt. Als Gruppe wollen wir unsere Einschätzungen zu den gelaufenen Aktionen darlegen.

Auf die Großdemonstration von „McDonald’s now!“ kamen dieses Jahr erfreulicherweise deutlich mehr Menschen als letztes Jahr. Das Bündnis für eine geschmackvolle Zukunft geht von über 400 Teilnehmer_innen aus – ein klarer Erfolg der diesjährigen Mobilisierung. Aufgerufen hatten abermals die Gruppen BashMac und die Dinkelbrot Haters sowie AK Westend Royal. Im Anschluss an ein angenehm kurzes Auftakt-Anstellen vor der McDonald’s-Filiale am Münchner Hauptbahnhof formierte sich die Demo: Hinter einer Massendelegation des Bündnisses kam der kulinarische Block. Wir hatten uns dieses Jahr dafür entschieden, das Auftreten des Blockes offener zu gestalten: So lief die Blockspitze ohne mittleres Menü und ohne Pommes – sehr wohl aber mit Cheeseburgern zum Mitnehmen. Wir bewerten die Stimmung im Block, seine inhaltliche Ausrichtung und seine Außenwirkung als sehr positiv: Es waren viele gute Hochtransparente und massenhaft Schilder (v.a. mit der Parole „McDonald’s Now! Sonst Generalstreik!“) im Block zu sehen.

Getrübt wurde die ansonsten positive Stimmung durch zwei problematische Vorfälle: Auf Höhe der Gollierstraße tauchten Provokateur_innen mit u.a. Steckerlfisch-Fahne und selbst gebackenem Flammkuchen am Rande des Blockes auf. Trotz des Versuchs der Ordner_innen, die Provokateur_innen vom Demozug zu verweisen, kam es zu Handgreiflichkeiten. Eine Demonstrantin wurde mit einer mehrteiligen Kaffeemaschine der Marke Baresta schwer verletzt. Aufgrund ihres Auftretens sehen wir diese Provokateur_innen nicht als Teil der geschmackvollen Bewegung: Wer eine Demo für gerechte Fritten wiederholt zu stören versucht und sich dabei mit einem Transparent („Solidarität mit BioBio – McDonald’s in die Schranken weisen“) für einen so unbezahlbaren wie faden Fraß einsetzt, hat für uns mit kulinarischer Bewegung nichts zu tun. Auf die Provokationen hin wurden aus dem Block teilweise Parolen gerufen, die wir kategorisch ablehnen.

Wir sehen die diesjährige Demo und insbesondere den kulinarischen Block als Erfolg. Auch Kiyra Papadopoulos, Sprecherin des Bündnisses für eine geschmackvolle Zukunft, zeigte sich im Anschluss zufrieden: „Es ist uns gelungen, ein kraftvolles Zeichen zu setzen. Auch wenn die Systemmedien die Demonstration wieder verschweigen werden, wir machen weiter.“