Archiv für September 2011

Auf ein Neues!

Wir wünschen einen fröhlichen Einstieg ins Jahr 5772

Weniger erfreulich: Diese bierseligen Oktoberfesttage fand ein politisch motivierter Angriff auf die San Francisco Coffee Company statt. Der Laden sollte als „Symbol dieser Gesellschaft“ herhalten, berichtet luzi-m.

„Ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden“

Nach einem Israelbesuch von Angela Merkel im Jahre 2008 erregte Meir Margalit mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin in Deutschland Aufsehen. Das Mitglied des Stadtrats von Jerusalem kritisierte damals den vermeintlich „zionistischen Pathos“ ihrer Knesset-Rede. Auf eine Einladung der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ trat der Israeli vor einigen Tagen in München auf.

Das Publikum sammelte sich am Freitag den 16. September in Räumlichkeiten der Initiativgruppe. Die zirka vierzig Anwesenden mussten sich gegenseitig nicht mehr vorstellen, man kannte sich schon von zahlreiche friedensbewegten Mitfühlgelegenheiten. Am Donnerstag hatte Margalit bereits ein Referat in Markt Schwaben gehalten, mit dem Titel „Die ethnische Säuberung in Ost-Jerusalem“. Gleiches Referat wurde am Freitag in München als Beitrag zur „Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung aus Ost-Jerusalem“ angekündigt. Den Veranstaltern schwante vielleicht, dass es sich schon um eine seltsame „ethnische Säuberung“ handeln muss, wenn der Anteil der „Gesäuberten“ – um beim Wort zu bleiben – vor Ort steigt und nicht sinkt.

Margalit kam einst mit einer rechten zionistischen Organisation aus Argentinien nach Israel. Mit den Jahren änderte der Einwanderer seine Haltung, trat der sozialistischen Partei Meretz bei und sitzt heute als einer von drei Meretz-Vertretern im Jerusalemer Stadtrat, seit mehr als zwanzig Jahren. Der weitgereiste Referent stellte an diesem Abend den Münchnerinnen und Münchnern Diskriminierung anhand von Fotografien dar, wie etwa zweisprachige Jerusalemer Straßenschilder, deren arabischer Schriftzug von Vandalen unkenntlich gemacht wurde. Oder offizielle Wegweiser der Stadt, die auf das jüdische Viertel zwar verwiesen, aber andere Viertel nicht anzeigten. Margalilt scheint im Stadtrat gute Arbeit zu leisten.

Umso länger der Vortrag aber andauerte, umso seltsamer wurde die Beweisführung. Er versuchte anhand von Mustern in einem markierten Jerusalemer Stadtplan eine angebliche israelische Besiedlings-Strategie darzustellen. Die jüdischen Siedlungen waren auf seiner Karte mit Davidsternen gekennzeichnet. „Dies hier kann auch eine kleine Siedlung sein“ erläuterte Margalit, mit Fingerzeig auf einen der angebrachten Davidsterne. „Wenn ich sage ‚kleine Siedlung‘, kann das auch ein einzelnes Appartement sein“, führte er weiter aus, „denn auch ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden.“ Und anhand der Muster mit u.a. Appartements mochte er die angebliche israelische Strategie beweisen, Jerusalem vom Westjordanland abzuscheiden.

Found in Translation
Margalit sprach Englisch. Jeder Abschnitt wurde dem Publikum von einer Übersetzerin ins Deutsche ausbuchstabiert. Manchmal schaltete sich das Publikum per Zuruf ein, wenn die Übersetzerin nach Worten rang. Dabei konnte schon mal der Abschnitt „keine Baugenehmigung bekommen“ mit dem Wort „verjagen“ verkürzt werden. Unstimmigkeiten gab es häufig, wenn Margalit etwas sagte, das nicht zu 100 Prozent in das Bild des Publikums passen wollte. Als er anklagte, dass von den jährlich 1.000 arabischen Neubauten in Ost-Jerusalem etwa 100 wegen fehlender Baugenehmigung wieder abgerissen wurden, kam die Übersetzerin nicht nach. Entscheident ist hierbei nicht die Anklage, sondern der Subtext. In Summe bedeutet das nämlich einen Zuwachs von 900 Häusern jährlich. Den Abriss von Häusern ohne Baugenehmigung kann man schlecht finden, aber eine „Verdrängung“ sieht eben anders aus als 900 neue Häuser jährlich, eine „ethnische Säuberung“ allemal. Das mochten die Anwesenden nicht gerne hören.

Der deutlichste Fall der tendenziösen Übersetzung an diesem Abend: „… es ist richtig, dass es viele viele Palästinenser in Jerusalem vorziehen, unter israelischer Besetzung zu leben und nicht Teil eines palästinensischen Staates sein wollen, […] weil sie haben Angst, ihre Kinder nicht mehr versorgen zu können, die medizinische Versorgung und Sozialleistungen zu verlieren“, sagte Margalit. Übersetzt wurde letzterer Abschnitt mit: „Das sind die Gründe, warum manche Palästinenser in Ost-Jerusalem es vorziehen, unterdrückt und gedemütigt zu werden: Wir haben sonst vielleicht mehr Essen für unsere Kinder [sagen sie].“ Margalit ist ein Hardliner. Er scheut sich nicht zu behaupten: „Entweder ein jüdischer oder ein demokratischer Staat!“ Den anwesenden Münchnerinnen und Münchnern war er an vielen Stellen nicht radikal genug, um ihn wörtlich nehmen zu können.

„Genug ist Genug“
An einem der letzten Sätze Margalits hatte das Publikum der Reaktion nach nichts zu beanstanden: „Ich bedauere, dass Deutschland nicht aufsteht und sagt: Genug ist genug!“ Es folgte Applaus. Mir persönlich wäre es hingegen lieber, diese Deutschen im Raum würden aufstehen, gehen und ihre Freitagabende anders verbringen lernen.

Veranstaltungskalender online!

Die Münchner Veranstaltungstermine zum Thema Antisemitismus und darüber hinaus wurden nun in einem Google-Kalender zusammengefasst. Antiisraelische Veranstaltungen sind zum Zweck der Dokumentation ebenso aufgeführt. Der Kalender kann problemlos importiert werden.

Auf eine Angabe der Uhrzeit wurde verzichtet, da die Spalte am Rande des Blogs, die den Kalender zeigt, sehr schmal ist. Antiisraelische Veranstaltungen sind mit einem „NoGo!“ gekennzeichnet. Über den Begriff lässt sich streiten, aber er ist vor allem eines: kurz. Der Kalender kann über diese Adresse direkt erreicht werden; die Daten lassen sich über eine ics-Datei in die gängigen Kalenderprogramme importieren. Für die Einsendung von Veranstaltungshinweisen sind wir dankbar, aber wir versuchen auch, die Übersicht stets selbst auf dem Laufenden zu halten.

Viel Spaß damit …

Gegen Israel, mit Gottes Segen

Die Transformation vom Antijudaismus zum Neuen Antisemitismus in den christlichen Gemeinden gelang mitunter. Die überwiegende Mehrheit der antiisraelischen Veranstaltungen im Münchner Umland werden von christlichen Einrichtungen getragen.

„Seit meine Eltern in Israel waren, können wir mit ihnen nicht mehr über Israel sprechen, ohne Gefühlsausbrüche zu riskieren“, klagt Gabriele S. aus München. Der Grund: Die Eltern der Studentin nahmen an einer „Solidaritätsreise“ der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Markt Schwaben teil. Die Einladung versprach „authentischen Tourismus“. Den sollte das Ehepaar auch bekommen – allerdings scharfkantig zurecht geschliffen. Die Erlebnisreise sah neben der üblichen To-Do-Liste der christlichen Wallfahrt zahlreiche politische Führungen im Westjordanland vor. „Sie kamen mit einer sehr einseitigen Haltung aus dem Urlaub zurück“, berichtet Gabriele S., die mittlerweile das Thema Israel bei ihren Besuchen im Elternhaus meidet. Die Tagebücher dieser Solidaritätsreisen sind auf der Website der Evangelisch-Lutherischen KirchengemeindeMarkt Schwaben einsehbar. Der Sinneswandel der Teilnehmenden kann nach deren Lektüre leicht nachvollzogen werden. Sie bekamen tagelang antiisraelische Agitation verabreicht. Die Verantwortung für den Konflikt zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung wurde dabei ausschließlich Israel angelastet.

Gefühlsduselige Bösartigkeit
Initiator dieser Reisen ist seit 2006 der Pfarrer Karl-Heinz Fuchs. Das Oberhaupt der evangelischen Gemeinde in Markt Schwaben ist ebenso leitender Funktionär und Gründungsmitglied im Förderverein Bethlehem Akademie Dar al-Kalima, einer christlichen Organisation zur Missionierung des „künftigen Palästinas“. In den letzten Jahren intensivierte der Geistliche auch seine Missionierung der bayerischen Gemeindemitglieder hin zur Solidarität mit den „christlichen Palästinensern“. Fuchs engagierte beispielsweise Felicia Langer, die den Satz „Wer schweigt, ist bereits Mittäter“ in der Philippuskirche zu Markt Schwaben poltern durfte. „Dieses Volk, einst selbst betroffen, gebraucht Worte wie damals Nazis“, schwadronierte Langer an diesem Abend weiter. Heute, am Donnerstag den 15.09., läd Fuchs erneut nach Markt Schwaben zum Vortrag mit dem Titel „Die ethnische Säuberung Ost-Jerusalems“. Zu Gast ist der zweifelhafte Referenten Meir Margalit vom „Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung“. Am Freitag findet die gleiche Veranstaltung in München mit dem abgewandelten Titel „Die Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung aus Ost-Jerusalem“ in den Räumen der Initiativgruppe statt.

Christliche Initiativen an erster Stelle
Die überwiegende Mehrheit der antiisraelischen Veranstaltungen in Bayern werden nicht von Linkspartei, DKP oder islamischen Vereinen, sondern von christlichen Initiativen besorgt. Ausgesprochen aktiv ist die katholische Friedensbewegung Pax Christi München. Die Organisation veranstaltet notorisch „Begegnungsreisen in Palästina“, mit gemeinschaftlicher Olivenernte und dem erwartbaren Programm am israelischen Schutzwall. Die vielleicht leidenschaftlichste Aktivistin der Gruppe ist Rosemarie Wechsler, welche außerdem im „Münchner Friedensbündnis“ umtriebig ist. Die ehemalige Geschäftsführerin des Elisabeth-Hospiz-Verein Dachau organisierte dieses Jahr u.a. die Veranstaltung „Leben in einem besetzten Land“ und trat kürzlich in verschiedenen Publikationen mit Beiträgen für den Boykott israelischer Produkte in Erscheinung. Weniger gefühlvoll – sondern eher krachledern – geht dagegen der evangelische Pfarrer Dieter Helbig aus Poing zur Sache. Der Pensionär verfasst unermüdlich Beiträge, die antisemitisch genug sind, um auf dem Portal „Arendt Art“ in voller Länge veröffentlicht zu werden, wie zum Beispiel sein Beitrag „Aber der Holocaust!“. Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Poing bietet dieses Jahr zwei „Studienreisen“ an. Das dazugehörige Vorbereitungstreffen mit Bildern trug den Titel „Israel – das (un)heilige Land“.

Antisemitismus – ein Gefühl, das verbindet
Wie das Beispiel Pax Christi München bereits zeigt, sind es nicht nur Vertreterinnen und Vertreter protestantischer Organisationen, die gegen Israel Partei ergreifen, quasi mit aufpolierten Schuhen in Luthers Fußstapfen unterwegs sind. Es sind ebenso oft katholische Institute. Die antizionistische Vereinigung Salam Shalom pflegt gute Beziehungen zur Ordenshochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Ihre Veranstaltungen mit Erich Fried (2011) und Jeff Halper (2010) fanden in den Räumlichkeiten der Katholiken statt; ebenso dient die Benediktiner-Pfarrei Sankt Bonifaz der antizionistischen Vereinigung als Veranstaltungsort. Ein weiteres Beispiel ist Pater Reiner Fielenbach von den Karmeliten in Straubing. Der ehemalige Kreuzritterorden, der heute noch Präsenz auf Ritterfestspielen zeigt, unterhält den Verein Musa‘ade, eine Missionierungseinrichtung in Bethlehem im klassischen Stil. Die Straubinger Mönche organisieren ebenfalls Pilgerreisen mit dem Titel „Kommt und ihr werdet sehen“. Nach jeder Reise – und bei jeder anderen Gelegenheit – schüttet sich Reiner Fielenbach dann im Straubiger Tagblatt über die Israelis aus. Auch formulierte er nach der glücklichen Ausladung von Ilan Pappe 2009 einen geharnischten Brief an Christian Ude, in dem er dem Oberbürgermeister vorwarf, dieser habe sich „vor den Verbots-Karren der Israel-Lobby spannen lassen“. Pfarrer Dieter Helbig aus Poing schrieb dem OB in gleicher Sache.

Christliche Verbände sind in München und im Münchner Umland federführend bei der Verbreitungung antiisraelischer Tiraden. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele. Unter anderem die Initiative 27. Januar, ein Zusammenschluss aus Christinnen und Christen mit dem Ziel, für Israel bei Diffamierung Partei zu ergreifen. Sollte es einen vergleichbaren Verein von Menschen islamischen Glaubens geben, wird das in diesem Artikel nachträglich ebenso erwähnt werden. Mir ist aktuell allerdings kein Verein mit diesem Ziel bekannt.

Herbst- und Winteroffensive

Bummsfallera! Die kommendem Veranstaltungen zum Thema Antisemitismus und darüber hinaus mit prominenten Gästen:

13. 09. | Islamophobie – Kampfbegriff gegen Islamkritik? | Referent: Klaus Blees | Veranstalter: LAK Shalom Bayern und Haskala | Ort: Freizeitzentrum Frankehof (Erlangen)

02.10 | Rage Against Abschiebung | Soli-Festival gegen Abschiebung | Bands: Mediengruppe Telekommander, IRA Atari, Räuberhöhle, Supershirt u.a. | Veranstalter: Bayerischer Flüchtlingsrat | Ort: Feierwerk

06.10 | Hauptsache gegen die Juden? | Antisemitismus von Rechts und von Links | Referenten: Robert Andreasch, Sebastian Voigt | Veranstalter: DIG | Ort: Jüdisches Museum München

09.10 | Holy Crime | Filmabend MovIeRAN | Veranstalter: United 4 Iran Bayern | Ort: Ligsalzstraße 8

15.10 | Der Vernunft eine Schneise | Eine Auseinandersetzung mit Esoterik, Anthroposophie, Elitedünkel und sanfter Verblödung | Referent: Peter Bierl | Veranstalter: DGB Bildungswerk | Ort: Gewerkschaftshaus | Tagesseminar mit Voranmeldung

19.10 | Antisemitismus in Ungarn | Eine aktuelle Bestandsaufnahme | Referentin: Magdalena Marsovszky | Veranstalter: DIG und DGB Bildungswerk | Ort: Gewerkschaftshaus München

22.10 | Sieg des Feminismus? | Gender Mainstreaming, islamisches Patriarchat und die antisexistische Linke | Referent: Thomas Maul | Veranstalter: Gruppe Monaco | Kultfabrik Theater Halle 7

03.11 | Die Türkei, die Juden und der Holocaust | Der Mythos von der Rettung der Juden in der Türkischen Republik | Referentin: Dr. Corry Guttstadt | Veranstalter DIG | Ort: Jüdisches Museum München

13.11 | Not an Illusion | Filmabend MovIeRAN | Veranstalter: United 4 Iran Bayern | Ort: Ligsalzstraße 8

17.11 | Die Kritische Theorie als Auslaufmodell? | Ist Adornos kategorischer Imperativ überholt? | Referent: Prof. Dr. Detlev Claussen | Veranstalter DIG | Ort: Jüdisches Museum München

01.12 | Der Schattenmann | Das mysteriöse Leben des François Genoud – Lesung und Diskussion mit Willi Winkler | Veranstalter: DIG und DGB Bildungswerk | Ort: Gewerkschaftshaus München

11.12 | The Green Wave | Filmabend MovIeRAN | Veranstalter: United 4 Iran Bayern | Ort: Ligsalzstraße 8

15.12 | Die vierte Moschee | Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus | Lesung und Diskussion mit Ian Johnson | Veranstalter: DIG | Ort: Jüdisches Museum München

19.01 | Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung | Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment | Referent: Lothar Galow-Bergemann | Veranstalter DIG | Ort: Jüdisches Museum München

02.02 | Die Deutschen und der Iran | Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft | Referent: Dr. Matthias Küntzel | Veranstalter DIG | Ort: Jüdisches Museum München