„Ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden“

Nach einem Israelbesuch von Angela Merkel im Jahre 2008 erregte Meir Margalit mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin in Deutschland Aufsehen. Das Mitglied des Stadtrats von Jerusalem kritisierte damals den vermeintlich „zionistischen Pathos“ ihrer Knesset-Rede. Auf eine Einladung der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ trat der Israeli vor einigen Tagen in München auf.

Das Publikum sammelte sich am Freitag den 16. September in Räumlichkeiten der Initiativgruppe. Die zirka vierzig Anwesenden mussten sich gegenseitig nicht mehr vorstellen, man kannte sich schon von zahlreiche friedensbewegten Mitfühlgelegenheiten. Am Donnerstag hatte Margalit bereits ein Referat in Markt Schwaben gehalten, mit dem Titel „Die ethnische Säuberung in Ost-Jerusalem“. Gleiches Referat wurde am Freitag in München als Beitrag zur „Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung aus Ost-Jerusalem“ angekündigt. Den Veranstaltern schwante vielleicht, dass es sich schon um eine seltsame „ethnische Säuberung“ handeln muss, wenn der Anteil der „Gesäuberten“ – um beim Wort zu bleiben – vor Ort steigt und nicht sinkt.

Margalit kam einst mit einer rechten zionistischen Organisation aus Argentinien nach Israel. Mit den Jahren änderte der Einwanderer seine Haltung, trat der sozialistischen Partei Meretz bei und sitzt heute als einer von drei Meretz-Vertretern im Jerusalemer Stadtrat, seit mehr als zwanzig Jahren. Der weitgereiste Referent stellte an diesem Abend den Münchnerinnen und Münchnern Diskriminierung anhand von Fotografien dar, wie etwa zweisprachige Jerusalemer Straßenschilder, deren arabischer Schriftzug von Vandalen unkenntlich gemacht wurde. Oder offizielle Wegweiser der Stadt, die auf das jüdische Viertel zwar verwiesen, aber andere Viertel nicht anzeigten. Margalilt scheint im Stadtrat gute Arbeit zu leisten.

Umso länger der Vortrag aber andauerte, umso seltsamer wurde die Beweisführung. Er versuchte anhand von Mustern in einem markierten Jerusalemer Stadtplan eine angebliche israelische Besiedlings-Strategie darzustellen. Die jüdischen Siedlungen waren auf seiner Karte mit Davidsternen gekennzeichnet. „Dies hier kann auch eine kleine Siedlung sein“ erläuterte Margalit, mit Fingerzeig auf einen der angebrachten Davidsterne. „Wenn ich sage ‚kleine Siedlung‘, kann das auch ein einzelnes Appartement sein“, führte er weiter aus, „denn auch ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden.“ Und anhand der Muster mit u.a. Appartements mochte er die angebliche israelische Strategie beweisen, Jerusalem vom Westjordanland abzuscheiden.

Found in Translation
Margalit sprach Englisch. Jeder Abschnitt wurde dem Publikum von einer Übersetzerin ins Deutsche ausbuchstabiert. Manchmal schaltete sich das Publikum per Zuruf ein, wenn die Übersetzerin nach Worten rang. Dabei konnte schon mal der Abschnitt „keine Baugenehmigung bekommen“ mit dem Wort „verjagen“ verkürzt werden. Unstimmigkeiten gab es häufig, wenn Margalit etwas sagte, das nicht zu 100 Prozent in das Bild des Publikums passen wollte. Als er anklagte, dass von den jährlich 1.000 arabischen Neubauten in Ost-Jerusalem etwa 100 wegen fehlender Baugenehmigung wieder abgerissen wurden, kam die Übersetzerin nicht nach. Entscheident ist hierbei nicht die Anklage, sondern der Subtext. In Summe bedeutet das nämlich einen Zuwachs von 900 Häusern jährlich. Den Abriss von Häusern ohne Baugenehmigung kann man schlecht finden, aber eine „Verdrängung“ sieht eben anders aus als 900 neue Häuser jährlich, eine „ethnische Säuberung“ allemal. Das mochten die Anwesenden nicht gerne hören.

Der deutlichste Fall der tendenziösen Übersetzung an diesem Abend: „… es ist richtig, dass es viele viele Palästinenser in Jerusalem vorziehen, unter israelischer Besetzung zu leben und nicht Teil eines palästinensischen Staates sein wollen, […] weil sie haben Angst, ihre Kinder nicht mehr versorgen zu können, die medizinische Versorgung und Sozialleistungen zu verlieren“, sagte Margalit. Übersetzt wurde letzterer Abschnitt mit: „Das sind die Gründe, warum manche Palästinenser in Ost-Jerusalem es vorziehen, unterdrückt und gedemütigt zu werden: Wir haben sonst vielleicht mehr Essen für unsere Kinder [sagen sie].“ Margalit ist ein Hardliner. Er scheut sich nicht zu behaupten: „Entweder ein jüdischer oder ein demokratischer Staat!“ Den anwesenden Münchnerinnen und Münchnern war er an vielen Stellen nicht radikal genug, um ihn wörtlich nehmen zu können.

„Genug ist Genug“
An einem der letzten Sätze Margalits hatte das Publikum der Reaktion nach nichts zu beanstanden: „Ich bedauere, dass Deutschland nicht aufsteht und sagt: Genug ist genug!“ Es folgte Applaus. Mir persönlich wäre es hingegen lieber, diese Deutschen im Raum würden aufstehen, gehen und ihre Freitagabende anders verbringen lernen.