Archiv für Oktober 2011

John Rabe – der gute Nazi

Deutschland hat einen neuen Helden! 2009 kam der Film „John Rabe“ in die Kinos. Es war die teuerste deutsche Produktion aller Zeiten. Den bayerischen Filmpreis hat das Werk gewonnen, auf der Berlinale wurde auch gejubelt. Der Zweiteiler läuft Montag Abend im ZDF an. Was der Film nicht zeigt, von Caspar Schmidt

Tritt der Regisseur Florian Gallenberger vor die Presse, um seinen Film „John Rabe“ vorzustellen, spricht er von einer „faszinierenden“ und „widersprüchlichen Figur“. John Rabe sei zwar Nationalsozialist gewesen, habe aber 250.000 Chinesen das Leben gerettet. Der Regisseur versichert, er hätte keinesfalls die Absicht, einen Nazi weißzuwaschen. Erwin Wickert, der Entdecker des „Guten Deutschen von Nanking“ sagt, John Rabe dachte zwar er sei Nationalsozialist, aber er „irrte“. Das klingt doch interessant. Werfen wir einen kritischen Blick auf das Leben des irrenden Ehrenmanns – insbesondere auf die Ausschnitte, die der Film nicht zeigt.

Sommer, Sonne, Sklaven
Alles beginnt im Jahre 1903 der wilhelmschen Ära. Während in Deutschland der Kolonialismus kontrovers diskutiert wird, entscheidet sich der junge John Rabe für die Welt der Herren und Sklaven. Der preußische Kaufmann geht von Hamburg nach Afrika. Sein Aufenthalt fiel in die blutigste Phase der deutschen Kolonialherrschaft. Wie andere Deutsch-Nationale kreidet er Kaiser Wilhelm später aber nicht die Kolonialzeit an, sondern einzig, durch falsche Entscheidungen den Ersten Weltkrieg verloren zu haben. 1906 erkrankt John Rabe an Malaria und seine Zeit in Afrika findet ein jähes Ende. Er muss zurück nach Hamburg. Es bietet sich aber schnell eine neue Perspektive. Nur wenige Jahre zuvor hatte das Deutsche Reich seine Chinapolitik radikalisiert. Beim so genannten „Boxeraufstand“ lehrten die wilhelmschen Truppen und Verbündeten die „gelbe Gefahr“ Respekt. John Rabe geht im Jahre 1908 für ein Hamburger Unternehmen nach China. Im Jahr 1911 unterschreibt er bei Siemens China.

Im Jahr 1934 tritt John Rabe der NSDAP bei. Er zitiert hingebungsvoll Gedichte des Reichsjugendführers Schirach in seinem Tagebuch und steht eigenen Angaben zufolge 100-prozentig hinter der „großen Linie des Führers“ . Schließlich arbeitet sich der überzeugte Nationalsozialist zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter der NSDAP Nanking hoch, er nennt sich einen „Idealisten reinsten Wassers“.

Von nichts gewusst
Im Rahmen der Ankündigung des Films „John Rabe“ wird oft angemerkt, John Rabe könne im Jahre 1938 gar kein „richtiger“ Nazi gewesen sein. Diese These stützt sich auf dem Umstand ab, er habe sich kein klares Bild vom realexistierenden Nationalsozialismus machen können, da er sich seit Jahrzehnten im Ausland aufgehalten habe. Den Vertretern dieser These entgeht hierbei vermutlich, dass sie damit auf indirektem Weg wissen lassen, man könne den Nationalsozialismus theoretisch (!) für durchaus akzeptabel halten. Darüber hinaus waren die Deutschen in Nanking über die Grausamkeiten der SS gut informiert. Sie hatten Kontakte zu Amerikanern und Briten. John Rabe nannte jedoch die „üblen Erzählungen“ über Verbrechen der Deutschen allesamt „Feindpropaganda“. Er musste auch von der Flucht vieler Juden aus Deutschland gewusst haben. Die chinesischen Großstädte wurden ab 1933 ein Sammelbecken für jüdische Flüchtlingsströme. Wie penibel die Nürnberger Rassengesetze umgesetzt wurden, hat John Rabe auch früh erfahren. Der deutsche Diplomat Dr. Rosen unterrichtete ihn von den Restriktionen, die er als „Vierteljude“ erlitt. Dr. Rosens Karriere stand deshalb kurz vor dem Ende. Rabe kommentiert zum Fall Dr. Rosen in seinem Tagebuch: „die jüdische Großmutter in der Familie hat ihm die Karriere verdorben. Ein tragisches Schicksal!“ In John Rabes veröffentlichten Tagebüchern kommt das „Schicksal“ der Juden sehr selten vor. Aber selbst während den japanischen Angriffen findet John Rabe noch Zeit, die aus Deutschland vertriebenen Juden zu charakterisieren:

Die angeblichen deutschen Chauffeure [der Central China Express Company] sind aber in der Tat stellenlose Juden, die nicht viel vom Autofahren verstehen, aber desto mehr vom Geldmachen (John Rabe 1937, Tagebuch)

Aufbruch Richtung Deutschland
Anders als im Film dargestellt, wird der „Retter von Nanking“ mit den Massakern in China schon bald „chinamüde“, wie er es nennt. Rabe bemüht sich am 06. Februar 1938 um eine Ausreiseerlaubnis, obwohl das Internationale Komitee in Nanking massive Probleme zu bewältigen hat, die Menschen noch lange nicht vor den japanischen Mörderbanden gerettet sind. John Rabe begründet dem Komitee seine Ausreisebemühungen mit einem Telegramm von Siemens, aus dem hervorgeht, John Rabe solle unverzüglich abreisen. Wir allerdings wissen aus seinem Tagebuch, dass Rabe seinen Ausreiseantrag schon vorher eingereicht hatte und das Telegramm von Siemens ihm ein willkommener Vorwand war. Die Verwalter des Flüchtingslagers senden an die Firma Siemens daraufhin ein Telegramm mit der Bitte, John Rabe in Nanking zu behalten. John Rabe verrät seinem Tagebuch, das „paßt mir gar nicht“. Doch John Rabe hat Glück. Siemens lässt sich nicht umstimmen. Er tritt die Heimreise Richtung Deutschland an. Als er in der Deutschland ankommt, erfährt er, dass sein Sohn Otto Rabe zwischenzeitlich als Gebirgsjäger in Österreich einmarschiert ist. Ein kritisches Wort verliert er darüber in seinen Tagebüchern nicht.

Die Aufzeichnungen von John Rabe zwischen 1938 und 1945 – also nach seiner Heimkehr – sind bislang unveröffentlicht und auch nicht Gegenstand des Filmes. Allerdings können wir uns anhand des historischen Kontexts ungefähr vorstellen, was John Rabe in dieser Zeit macht, bzw. nicht macht. John Rabe ist ab 1938 für Siemens in Berlin tätig. Judenverfolgung und Deportationen sind in Berlin spürbar. In der Reichspogromnacht ist John Rabe bereits aus Nanking zurückgekehrt und wird mit den Realitäten konfrontiert. Das Unternehmen Siemens betreibt in Berlin 101 Lager mit 14.679 Zwangsarbeitern. Rabe ist bei Siemens Berlin für Personalfragen zuständig. Selbst wenn er nichts mit der Verwaltung von Zwangsarbeitern zu tun hat, so ist es nicht wahrscheinlich, dass ihm diese Praxis entgeht. Eher ist wahrscheinlich, dass John Rabe bis zum letzten Tage zackig grüßt. Nach der Kapitulation Deutschlands schreibt er in seinem Tagebuch im Jahre 1945, ein Bekannter sei ihm begegnet, mit den Worten: „Na, wo ist jetzt Ihr Heil Hitler? Sie sollten sich schämen!“

Ich bin sehr missgestimmt! Das Vaterland besiegt, geschlagen und vollständig zertrümmert, bedingungslose Kapitulation! […] ein solches Ende des Traums vom tausendjährigen Deutschen Reich! (John Rabe 1945)

Wie Rabe in die Kinos kam
Erwin Wickert grub die Tagebücher John Rabes aus und veröffentlichte 1997 eine editierte Fassung unter dem Titel „Der gute Deutsche von Nanking“. Seine Faszination für die Figur John Rabe war keine Überraschung. Der Vater des prominenten Nachrichtensprechers bemühte sich in der Vergangenheit häufig darum, den vermeintlichen Nazi vom echten Nazi zu trennen. John Rabe, dargestellt als Humanist und NSDAP-Mitglied, war ein gelungenes Portrait zur Untermauerung der – nicht ganz selbstlosen –Mission des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Wickert.

Denn man weiß ja von den bereits genannten terribles simplificateurs, dass die Deutschen alle „Hitlers willige Vollstrecker“ gewesen waren, und die Nazis unter ihnen besonders. Solche pauschalen und rassistischen Urteile mögen jeweils zu ihrer Zeit, politisch korrekt‘ sein oder gewesen sein. […]für die Erkenntnis des Menschen sind sie ungeeignet. (Erwin Wickert, zitiert aus seinem Buch „Der gute Deutsche von Nanking“ )

Der Produzent Mischa Hofmann, der schon Stoffe wie „Der Seewolf“ verfilmen ließ, entdeckte wiederum das Buch von Erwin Wickert und war sofort „fasziniert“. An den Regisseur des Films, Florian Gallenberger, wurde der Film von seinem guten Freund, dem Produzenten Benjamin Herrmann, herangetragen. Benjamin Herrmann brachte auch schon die Hurra-Patriotismus-Streifen „Das Wunder von Bern“ und „Nordwand“ heraus.

Erstmals erschienen im Hinterland-Magazin #10, gekürzte und angepasste Fassung

Stadt will Straße nach Rassentheoretiker benennen

Eine Straße im Stadtbezirk Schwabing-Freimann könnte künftig den Namen des Bauhäuslers Johannes Itten tragen. Itten war seiner Zeit ein bekannter Bauhaus-Designer – aber nicht nur – sondern auch der prominenteste Vertreter der rassistischen Mazdaznan-Sekte in Deutschland.


Itten im klassischen Fummel der Mazdaznan

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne entsteht ein Neubaugebiet mitsamt vier neuer Straßen. Diese sollen die Namen der Bauhäusler Fritz Winter, Getrud Grunow, Max Bill und eben Johannes Itten tragen, beschloss der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Der senile „Ältestenrat“ gab seinen Segen. Die problematische Stellung von einem der vier Designer kann den Gremien dabei nur schwerlich entgangen sein, denn sein Engagement ist hinreichend bekannt. Johannes Itten war Anfang des 20. Jahrhunderts Zugpferd einer rassistischen Sekte namens Mazdaznan. Er missionierte an den Universitäten weite Teile seiner Studierenden und begab sich auf Vortragsreise im Dienste der straff geführten Mazdaznan-Organisation. Auch arbeitete Itten bei der Konkretisierung der wirren Thesen mit, brachte die Ideologie in die Bauhausphilosophie ein.

Das „auserwählte Herrschervolk“
Mazdaznan war im Grunde eine spirituell aufgeladene völkische Rassenlehre. Sie entstand aus unterschiedlichen esoterischen Versatzstücken um die Jahrhundertwende 1900. Im umfassenden Werk von Bernd Wedemeyer-Kolwe „Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“ werden die Grundlagen beschrieben. Der Lehre nach empfing Zarathustra 7.000 vor Christus in Tibet das „wahre Evangelium, die Universalreligion der weißen Rasse“. Durch „Rassenmischung“ sei die eigentliche Lehre vom Gott „Mazda“ dann aber nahezu in Vergessenheit geraten. Sowie nicht überliefert wurde, dass Jesus eigentlich ein Arier gewesen sei. Jetzt gelte es achtsam durch Höherzüchtung, Eugenik, Geschlechtshygiene und Rassenzucht wieder zu alter arischer Form zu kommen. Die „arische Rasse“ leide außerdem an einer „verkehrten Diät und falschem Atmen“. Durch eine Reinigung des Körpers mittels fleischloser Ernährung und einer neuen Atemtechnik soll „der Arier“ dann wieder zur „Verwirklichung der höchsten Menschheitsideale“ fähig werden, womit sich die „weiße Rasse“ dann schlussendlich erheben könne. Hierzu entwarf die Organisation zahlreiche Gesundheitstools, wie zum Beispiel einen Darmbadeapparat. Wie viele andere Lebensreformer begrüßten auch die Anhänger der Mazdaznan-Bewegung den Nationalsozialismus. Insbesondere über die Sterilisationsgesetze waren sie voll des Lobes. Allerdings kritisierten sie, dass diese nicht konsequent genug umgesetzt würden. Zwar verhinderten die Gesetze die Zeugung von „Kranken“, aber es fehle den Nazis an Methoden, nurmehr gesunde und begabte Kinder nach Wunsch zu erzielen. Hierzu seien die „eugenischen Gesetze der zarathustrischen Wiedergeburtslehre“ anzuwenden. Weil nur „wahre Arier“ Mazdaznan spritiuell erfahren könnten, würde damit von jenen falschen Ariern unterschieden werden können, die „mischrassigen, unreinen Blutes“ seien.

Die Anzahl der unbelasteten deutschsprachigen Helden ist scheinbar sehr begrenzt
Mit der Wahl von Itten zum Namenspatron einer neuen Straße könnte dem rot-grünen Stadtrat wieder einmal ein großer Wurf gelingen. Erst kürzlich wurde eine Straße, benannt nach dem antisemitischen Landesbischhof Meiser, in eine Straße zu Ehren der nicht weniger antisemitischen Katharina von Bora umbenannt.

Weiterführendes:
Beschlussentwurf Stadtrat
„Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“, Kapitel Mazdaznan
Just for the record
50 Jahre Treitschkestraße

Ein Plädoyer für die Liebe

Diese Aufnahme entstand letzte Woche an der Sea Road in Alexandria (Ägypten). Das ursprüngliche Graffito blieb seit mindestens Juni dieses Jahres stehen. Künftige Gäste des Mercure Hotels – das sich ganz in der Nähe befindet – müssen aber bis auf weiteres hiermit vorlieb nehmen. Vielen Dank für die Zusendung.

Die Genossen vom rechten Rand

Ende Oktober 2011 soll auf dem Parteitag der Linkspartei ein neues Parteiprogramm beschlossen werden. Die eingereichten Änderungsanträge der Mitglieder stapeln sich bisweilen in der Parteizentrale. Der linke Ortsverband Marsberg hätte das Programm gerne etwas deutsch-nationaler.


Zur Einstimmung spricht der Nationalbolschewist Paetel, 1933: „Wir bekennen uns zum Volk als der artgemäßen Kulturgemeinschaft im Gegensatz zur volkszersetzenden westlerischen Zivilisation“

Die Marsberger bewältigten eine schwierige Aufgabe. Sie hoben sich von einem üppigen Fundus stumpfsinniger Anträge zum großen Parteitag der Linkspartei noch deutlich negativ ab. Wie aus der Veröffentlichung aller eingereichter Anträge hervorgeht, fordert der Ortsverband, frei nach der NPD-Parole „Deutsche Arbeit zuerst für Deutsche“, den Passus „Keine Aufnahme von Arbeitskräften aus dem Ausland solange Millionen eigener Staatsbürger keine Arbeit haben“ ins neue Parteiprogramm aufzunehmen. Auch ihre Ergänzung zum Kapitel demographischer Wandel wollen die eigentümlichen Genossen schriftlich fixiert wissen. Der „Kapitalismus schafft deutsche ab“ [sic], heißt es in Anlehnung an das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Die Linken aus dem Sauerland votieren entschlossen gegen Zuwanderung: „Jede Zuwanderung schafft Integrationsprobleme und soziale Probleme in den Ländern, aus denen abgewandert wird“, heißt es in ihrem Antrag. Warum es überhaupt zu Emigration nach Deutschland kommt? Der Marsberger Ortsverband der Linkspartei hält mit seiner Theorie dazu nicht hinter dem Berg:

Ist es vielleicht auch kapitalistische Absicht, Zuwanderung zu fördern, um die Gesellschaft zu entsolidarisieren? Dann sind künftig Faschismus und ethnische Säuberungen nicht ausgeschlossen!

An diese stramm rechten Positionen reihen sie weitere, die im rechtsradikalen Lager für Jubel sorgen könnten und die nationabolschewistisch zu schimpfen noch schmeichelhaft wäre. Anmerkungen zur Reinhaltung der deutschen Sprache gehen einher mit dem Verlangen nach einer „Wertegesellschaft statt Wegwerfgesellschaft“ und dem reaktionären Ansinnen, Schwangerschaftsabbruch unter Strafe zu stellen (Hier nachzulesen, ab PDF-Seite 25 der Änderungsanträge).

Umkämpft: Anträge zum Thema Israel
Auch das Thema Israel beschäftigt die Parteimitglieder landesweit weiterhin. Vielen Orts- und Kreisverbänden kommt der kleine Landstrich im Parteiprogramm nämlich noch zu gut weg. Der Kreisverband Frankfurt am Main und die Linke Hessen fordern deswegen das Programm um den Satz „Die Demütigung und Vertreibung des palästinensischen Volkes muss beendet werden“ zu erweitern. Der Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald möchte das „Widerstandsrecht der Palästinenser“ festgehalten sehen. Darüber hinaus fordert der Verband die „sofortige Beendigung der Gaza-Blockade“ sowie – im Gegenzug, möchte man fast sagen – einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Allein fehlt der Vorschlag, die Israelis lieferten ihre Waffen gleich direkt bei der Hamas ab. Die Linken aus Darmstadt wünschen ein „Rückkehrrecht“ für „Palästinenser“, die „außerhalb Palästinas“ leben. Als Beispiele für „außerhalb“ werden Randgebiete im Libanon und Jordanien beschrieben. Dass das schon formal nicht richtig ist, da die besagten Gebiete ebenfalls zum historischen Palästina gehörten, ficht die Darmstädter nicht an. Ein weiterer Antrag zum Thema kam aus München, von Klaus Ried. Dem Kapitel zum Existenzrecht Israels sei hinzuzufügen, dass dieses Existenzrecht nur Israel „in den Grenzen vom 04. Juni 1967“ zu meinen habe. Was Ried offenbar nicht weiß: Die besagten „Grenzen vom 04. Juni 1967“ waren objetiv keine Grenzen, sondern Waffenstillstandslinien, aber an Formalitäten soll diese Diskussion wohl nicht scheitern.

Liebesgrüße aus Dachau
Der Kreisverband Dachau, dem auch das umstrittene Mitglied Chris Sedlmair angehört, möchte erst gar nichts ergänzen. Der einzige Änderungswunsch des Verbands am Parteiprogramm ist, den Abschnitt zum Existenzrecht Israels und zur Zwei-Staaten-Lösung zu streichen, weil sich damit u.a. der „konstruktive Dialog mit arabischen und jüdisch-antizionistischen Gruppen“ verschließe. Es kann in Summe als ein glücklicher Umstand angesehen werden, dass die Existenzsicherung Israels nicht vom Parteiprogramm der deutschen Linkspartei abhängt. Ein wirklich erholsamer Beitrag im Rahmen des Antragsfächers bleibt die lesenswerte Begründung eines Einzelnen, Daniel Dockerill, der einer sogenannten „Proletarischen Plattform“ nahe steht. (Seite 210 und 211 | PDF Seite 208 und 209)

Weiterführendes:
Antragsheft Teil 3 (Marsberg ab Seite 25)
Antragsheft Teil 4

Lieb und Treue immer preise, unser deutscher Männerbund

Die Fans des TSV 1860 sind schon ein wenig stolz. Ihre zweite Mannschaft konnte das Derby gegen die Amateure vom FC Bayern am Dienstag für sich entscheiden. Mit Ruhm haben sich die Fans dennoch nicht bekleckert. Vielmehr sind sie ganz die alten.

Die Partien zwischen dem TSV 1860 und dem FC Bayern waren schon im Jahre 1902, als der TSV sein erstes Fußballspiel bestritt, stark aufgeladen, da ganz unterschiedliche Vereinsvorstellungen aufeinander trafen. Der TSV entsprang der reaktionären sowie bürgerlichen Turnerbewegung, den FC Bayern zeichnete ein liberales und weltoffenes Klima aus, Kaufleute und Studenten gehörten zu seinen ersten Kickern. Vor genau hundert Jahren wurde eine Löwenkarikatur zum Vereinswappen des TSV. Jubiläumsfeiern sind allerdings nicht zu erwarten, denn sonst wäre auch Franz Grundner zu ehren. Der Festspieldichter entwarf der Überlieferung nach den Löwen der Sechziger im Jahre 1911. Nur war Grundner schon zu dieser Zeit ein Rechtsradikaler und Antisemit, wenig später Mitglied des Wehrverbands Altreichsflagge und führte einen Zug der SA beim „Marsch auf die Feldherrenhalle“ an. Zwei Jahre nachdem Grundner den Löwen entwarf, wurde beim FC Bayern hingegen Kurt Landauer, Sohn einer jüdischen Familie, Präsident. Die Unterschiede zwischen den Vereinen spitzten sich während der NS-Herrschaft eher noch zu. Dem FC Bayern wurde von den Nazis nicht verziehen, ein „Judenverein“ gewesen zu sein, während der TSV darlegen konnte, dass seine Mitglieder schon „früh bei der Fahne Adolf Hitlers“ gestanden haben. Nach dem 2. Weltkrieg wendete sich das Blatt. Landauer kehrte aus dem Exil zurück. Er konnte mit den Alliierten gut und verschaffte dem FC Bayern eine komfortable Startposition, u.a. das Gelände an der Säbener Straße. Beim TSV befanden sich zeitgleich zahlreiche Mitglieder der Vereinsführung im Internierungslager oder vor Gericht. Der Verein tat sich noch über Jahre hinweg schwer, überhaupt unbelastete Führungskräfte an die Vereinsspitze zu setzen. In den 60er und 70er Jahren veränderten sich beide Vereine. Zur Mitgliederbasis des TSV gesellten sich zunehmend Arbeiterinnen und Arbeiter, dem FC Bayern schlossen sich Fangruppen aus dem ländlichen Raum Bayerns an. Diese Entwicklung verwässerte im Grunde die Pole. Aber nicht alle Unterschiede sind bis heute aufgehoben. Das Ressentiment hat nach wie vor überwiegend beim TSV ein Zuhause.

„In zehn Minuten schlagen wir euch tot“
Beim Fankreis des TSV bricht bei den Spielen gegen den FC Bayern oftmals die reaktionäre Tradition auf, insbesondere beim Aufeinandertreffen der beiden Amateurmannschaften. Das könnte daran liegen, weil sich zuvörderst die „wahren Fans“ für Amateurspiele interessieren, also Fans, die mehr die Identifikation als der Sport umtreibt. Diese „wahren Fans“ legen dann in der Regel ein beredtes Zeugnis von sich selbst ab, indem sie den gegnerischen Verein alles nennen, was ihnen im Allgemeinen verhasst ist, bzw. dessen Gegenteil sie gerne wären. So wurde beispielsweise das Lied vom „Stern im Ausweis“ – eine antisemitische Aufbereitung des FC Bayern Fansongs „Stern des Südens“ – erstmals bei einem Derby beider Amateurmannschaften gehört. Bei der Partie am vergangenen Dienstag schafften es die Fans des TSV nahezu, an ihre vergangenen Leistung anzuknüpfen. Nun muss man vorweg sagen, dass der Claim der Bayernfans „Tod und Hass dem TSV“ auch nicht gerade von gut gelüfteten Geistern zeugte. Aber der Chor aus der TSV-Kurve, „In zehn Minuten schlagen wir euch tot“, ward dennoch aus einem anderen Holz geschnitzt. Das Geheimnis, was denn die TSV-Fans an den Bayern zum Totschlagen hässlich fanden, wurde schließlich auch gelüftet. Über die ganze Breite des Blocks entrollte ein Banner, auf dem geschrieben stand: „Fussball ist ein Männersport – ihr schwulen Fotzen“. Das hätte dem Löwen-Logo-Nazi Grundner sicher auch gefallen. Ein weiteres, ebenso großes Banner in der Löwenkurve traf dagegen den Nagel auf den Kopf: „Hass kann ‚Mann‘ sich nicht antrainieren“, stand darauf. Stimmt, diese Männer hassen tatsächlich nicht antrainiert, sondern ganz selbstverständlich – seit mindestens 1860.

Ein Reim von Grundner zum Kehraus
Das „Festlied“, das der Nazidichter zum 60-jährigen Jubiläumsfest des TSV 1860 im Jahre 1920 ins Programm komponierte – und das vermutlich lauthals gesungen wurde – verdeutlicht die Linie zwischen dem Heute und Gestern unzweideutig und stellt einen hinreichend unwürdigen Abschluss für diesen Beitrag dar:

„Und das Lied schwillt mächtig an:
Alle Stimmen rings im Kreise
Eint der feurige Orkan:
Lieb und Treue immer preise
Unser deutscher Männerbund!
Sing und kling du Feuerspreise
Brenn das Vaterland gesund!
Heiße Wünsche uns entflammen -
Zorn erpresst uns Schwur um Schwur.
Fall der Bau der Welt zusammen!
Leb du, unser Deutschland, nur!“

Literaturhinweis
Anton Löffelmaier: Die Löwen unter dem Hakenkreuz, Göttingen, 2009

Pater Rainer läd wieder nach Straubing

Pater Rainer Fielenbach schreibt seit Jahren für das antizionistische „Palästina Portal“, rangiert dort als „unser Reporter in Bethlehem“. 2006 erlangte der Karmelitenpater bereits zweifelhaften Ruhm. Er erwirkte die Absetzung der Dokumentation „Terror gegen Christen“ beim SWR. Diesen Freitag läd Pater Rainer wieder ins Straubinger Kloster. Zu Gast ist Daoud Nasser.


Gut gelaunt: Fielenbach auf Schäfchenjagd

Am 23. September, am Tag als Fatah-Chef Abbas seinen Antrag zur Anerkennung eines Palästinenserstaates bei der UN einreichte, war Pater Rainer mittendrin, auf der Großkundgebung in Bethlehem. Schon Tage zuvor veröffentlichte das „Palästina Portal“ täglich seine Beiträge. Nahezu euphorisch wurde der Geistliche, als die Hymne der palästinensischen Autonomobehörde Bilādī gesungen wurde. Dass Bilādī ein Elaborat des Hasses, der Rache, des Krieges und des Blutes ist, scheint Pater Rainer nicht gestört zu haben. Ebenso hat er eine interessante Begründung parat, warum der Mob eine US-Fahne verbrannte: Das sei ein „Symbol für das bevorstehende Veto der USA“ gewesen – das Paradox einer vorauseilenden Reaktion sozusagen – als wäre das Verbrennen von Israel- und USA-Fahnen nicht eine erwartbare Pflichtübung einer jeden Großkundgebung im Westjordanland. Die Jugendlichen, die nach der Demonstration obligatorisch Steine warfen, trugen keine Verletzungen davon, stellte Fielenbach erleichtert fest.

Unter dem „Zelt der Völker“ ist viel Platz, aber nicht für alle
Pater Rainer mischt sich ein, ist Teil eines Propagandanetzwerkes, das auf Menschen in entscheidenden Positionen mit Briefen und Bitten einzuwirken sucht. Sein größter Coup gelang ihm 2006 mit einer Beschwerde beim Redaktionsleiter des SWR. Eine Film – vom Sender bereits angekündigt – sollte Überfälle auf die christliche Glaubensgemeinschaft im Westjordanland dokumentieren. Fielenbach gelang es, dem zuständigen Redakteur zu vermitteln, dass die Ausstrahlung einen „Keil zwischen Moslems und Christen“ treiben könnte. Ebenso würden dadurch „christliche Pilger aus Europa eingeschüchtert, Bethlehem zu besuchen“. Die Sendung wurde abgesetzt. Gerade eben ist Fielenbach von einer seiner inflationären Pilgerreisen zurückgekehrt und läd frisch, fromm, fröhlich, frei ins Straubinger Karmelitenkloster zur Veranstaltung „Wir weigern uns Feinde zu sein“ mit Daoud Nasser. Nasser gehört dem christlichen Missionierungsprojekt „Zelt der Völker“ an. Bei seinem Vortrag ist schwülstige Liturgie mit Blut & Boden Galore zu erwarten:

Mit diesen Gedanken und der tiefen Verbundenheit mit dem Grund und Boden sowie auch mit dem Bewusstsein über die Bedeutung des Landes wurden weitere Grundstücke kultiviert. […] Bäume pflanzen ist auch eine Sache der Nachhaltigkeit: Ein Großvater und sein Enkelkind pflanzten gemeinsam einen Olivenbaum. Da fragte das Kind: „Opa, warum pflanzt du den Baum, wenn du die Früchte davon gar nicht essen wirst?“ „Weißt Du, mein Kind“, antwortete der Großvater, „meine Eltern und Großeltern haben die Bäume gepflanzt, von denen ich heute esse, und so will ich Bäume pflanzen, von denen du essen wirst“.

Kreuzritter reloaded
Die Karmeliten sehen sich selbst – ohne dabei rot zu werden – in der Tradition der Kreuzritter. Auf den Ritterfestspielen ist der Orden vertreten. Ihre Ursprünge gehen auch tatsächlich auf die europäischen Templer zurück, sie zogen bewaffnet ins „Heilige Land,“ um es zu „befreien“. Nachdem die Karmeliten wieder vertrieben wurden, kehrten sie als Mönche nach Europa und fristeten viele Jahrhunderte ihre Zeit als Bettelorden. Heute betreiben sie diverse Wohlfahrtsprojekte, mit dem Ziel, Menschen mit muslimischem Glauben im Westjordanland zu missionieren. Das Wohlwollen der ansässigen Bevölkerung meinen sie sich dadurch erkaufen zu können, indem sie Stellung gegen Israel sowie gegen siedelnde Jüdinnen und Juden beziehen. Im Übrigen ist die fragwürdige Haltung bezüglich Jüdinnen und Juden durchaus eine Tradition. Noch 1984 priesen die Karmeliten ihr Kloster den männlichen Juden in Polen – im Hinblick auf Auschwitz – als „Unterpfand der Bekehrung unserer verirrten Brüder“ an. Einer der engagiertesten Karmeliterorden sitzt im bayerischen Straubing.

Weiterführendes
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