Stadt will Straße nach Rassentheoretiker benennen

Eine Straße im Stadtbezirk Schwabing-Freimann könnte künftig den Namen des Bauhäuslers Johannes Itten tragen. Itten war seiner Zeit ein bekannter Bauhaus-Designer – aber nicht nur – sondern auch der prominenteste Vertreter der rassistischen Mazdaznan-Sekte in Deutschland.


Itten im klassischen Fummel der Mazdaznan

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne entsteht ein Neubaugebiet mitsamt vier neuer Straßen. Diese sollen die Namen der Bauhäusler Fritz Winter, Getrud Grunow, Max Bill und eben Johannes Itten tragen, beschloss der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Der senile „Ältestenrat“ gab seinen Segen. Die problematische Stellung von einem der vier Designer kann den Gremien dabei nur schwerlich entgangen sein, denn sein Engagement ist hinreichend bekannt. Johannes Itten war Anfang des 20. Jahrhunderts Zugpferd einer rassistischen Sekte namens Mazdaznan. Er missionierte an den Universitäten weite Teile seiner Studierenden und begab sich auf Vortragsreise im Dienste der straff geführten Mazdaznan-Organisation. Auch arbeitete Itten bei der Konkretisierung der wirren Thesen mit, brachte die Ideologie in die Bauhausphilosophie ein.

Das „auserwählte Herrschervolk“
Mazdaznan war im Grunde eine spirituell aufgeladene völkische Rassenlehre. Sie entstand aus unterschiedlichen esoterischen Versatzstücken um die Jahrhundertwende 1900. Im umfassenden Werk von Bernd Wedemeyer-Kolwe „Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“ werden die Grundlagen beschrieben. Der Lehre nach empfing Zarathustra 7.000 vor Christus in Tibet das „wahre Evangelium, die Universalreligion der weißen Rasse“. Durch „Rassenmischung“ sei die eigentliche Lehre vom Gott „Mazda“ dann aber nahezu in Vergessenheit geraten. Sowie nicht überliefert wurde, dass Jesus eigentlich ein Arier gewesen sei. Jetzt gelte es achtsam durch Höherzüchtung, Eugenik, Geschlechtshygiene und Rassenzucht wieder zu alter arischer Form zu kommen. Die „arische Rasse“ leide außerdem an einer „verkehrten Diät und falschem Atmen“. Durch eine Reinigung des Körpers mittels fleischloser Ernährung und einer neuen Atemtechnik soll „der Arier“ dann wieder zur „Verwirklichung der höchsten Menschheitsideale“ fähig werden, womit sich die „weiße Rasse“ dann schlussendlich erheben könne. Hierzu entwarf die Organisation zahlreiche Gesundheitstools, wie zum Beispiel einen Darmbadeapparat. Wie viele andere Lebensreformer begrüßten auch die Anhänger der Mazdaznan-Bewegung den Nationalsozialismus. Insbesondere über die Sterilisationsgesetze waren sie voll des Lobes. Allerdings kritisierten sie, dass diese nicht konsequent genug umgesetzt würden. Zwar verhinderten die Gesetze die Zeugung von „Kranken“, aber es fehle den Nazis an Methoden, nurmehr gesunde und begabte Kinder nach Wunsch zu erzielen. Hierzu seien die „eugenischen Gesetze der zarathustrischen Wiedergeburtslehre“ anzuwenden. Weil nur „wahre Arier“ Mazdaznan spritiuell erfahren könnten, würde damit von jenen falschen Ariern unterschieden werden können, die „mischrassigen, unreinen Blutes“ seien.

Die Anzahl der unbelasteten deutschsprachigen Helden ist scheinbar sehr begrenzt
Mit der Wahl von Itten zum Namenspatron einer neuen Straße könnte dem rot-grünen Stadtrat wieder einmal ein großer Wurf gelingen. Erst kürzlich wurde eine Straße, benannt nach dem antisemitischen Landesbischhof Meiser, in eine Straße zu Ehren der nicht weniger antisemitischen Katharina von Bora umbenannt.

Weiterführendes:
Beschlussentwurf Stadtrat
„Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“, Kapitel Mazdaznan
Just for the record
50 Jahre Treitschkestraße