Archiv für November 2011

Horrorshow im Hofgarten

Ein Aufmarsch der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ und der „Burschenschaft Danubia“ – Seit‘ an Seit‘ mit Polizei und Bundeswehr. Und mittendrin der bayerische Innenminister. Ein gruseliger Bericht der antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München:


Burschenschafter vom“Kameradenkreis“ und Bundeswehr: Bildquelle, a.i.d.a. archiv

Bei einer vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ mitinitiierten Veranstaltung zum Volkstrauertag kam es am Sonntag den 13. November im Hofgarten an der Staatskanzlei zu einer bemerkenswerten Allianz: Bundespolizeidirektion und Bundeswehr gestalteten den Trauerzug und die Kranzniederlegung gemeinsam mit ultrarechten Gruppen wie der „Burschenschaft Danubia“ oder der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ (OdR). In den Stunden vor der Gedenkfeier war der Ablauf von den Staatsorganen gemeinsam mit den Aktivisten der rechten Gruppen besprochen und eingeübt worden. Ultrarechte hatten zudem im Vorfeld Eintrittskarten für die Veranstaltung ausgehändigt bekommen. Im Publikum befand sich auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann.

Die „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ besteht unter diesem Namen seit 1955. Der Name bezieht sich auf die nationalsozialistische Tapferkeitsauszeichnung: Infolge des Polenfeldzugs verlieh Adolf Hitler persönlich über 7000 „Ritterkreuz“-Auszeichnungen zum „Eisernen Kreuz“. 438 dieser militärischen Orden erhielten Mitglieder der SS und Waffen-SS. Konnten zunächst nur Träger eines „Ritterkreuzes“ oder des sogenannten „Militärverdienstkreuzes“ Mitglied der OdR werden, nimmt die Organisation heute auch Sympathisierende auf. Die militaristische „Ordensgemeinschaft“ spricht das nationalsozialistische Deutschland von der Schuld am Zweiten Weltkrieg frei. Im Juni 1993 hieß es in der organisationsinternen Zeitschrift „Ritterkreuz“: „Das Beharren bundesdeutscher Lehrstuhlinhaber und verbeamteter Historiker auf der Legende am deutschen Überfall auf die Sowjetunion weitet sich zum peinlichsten Desaster der Nachkriegsgeschichte aus.“ Auf ihrer Jubiläumsveranstaltung im Jahr 2004 traten Reinhard Günzel, Dauerreferent der rechten Szene, sowie der Geschichtsrevisionist Gerd Schultze-Rhonhof auf, der in seinem Buch „Der Krieg, der viele Väter hatte“ ebenfalls die deutsche Kriegsschuld relativiert.

Schwarz-weiß-rot
1999 erließ Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping ein Kontaktverbot für Bundeswehrangehörige gegenüber der OdR. Für Beerdigungen und Kranzniederlegungen werden heute teilweise wieder Ausnahmeregelungen getroffen, z. B. dergestalt, dass Kränze der OdR von Bundeswehrangehörigen statt von den OdR-Delegierten niedergelegt werden. Im Hofgarten trugen Bundeswehrsoldaten den Kranz der OdR, der mit einer Kranzschlaufe (Aufschrift: „Traditionsgemeinschaft des Eisernen Kreuzes – Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“) in schwarz-weiß-rot, den Farben von Kaiserreich und Nationalsozialismus sowie einem „Eisernen Kreuz“ dekoriert war. Nur einen Meter dahinter folgten die beiden Delegierten der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ mit ihrem Kranz. Aber die OdR war nicht die einzige ultrarechte Organisation, die unter den Augen von Innenminister Herrmann am Sonntag Vormittag im Hofgarten vertreten war. Im offiziellen Trauerzug der Veranstaltenden und unter den in Formation Angetretenen befanden sich auch Mitglieder des „Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ sowie Vertreter Münchner Burschenschaften, darunter „Chargen“ (in Phantasieuniformen gekleidete Funktionäre) der bis ins neonazistische Spektrum hinein verwobenen „Burschenschaft Danubia“. Die Münchner Burschenschaft „Cimbria“ hatte die Volkstrauertagsveranstaltung gar unter der aus dem Nationalsozialismus stammenden Bezeichnung „Heldengedenken“ in ihrem Semesterprogramm eingetragen.

„Kameradenkreis“
Beim „Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ handelt es sich um eine Organisation, in der sich sowohl ehemalige Mitglieder von Gebirgsjägereinheiten der NS-Wehrmacht und der Waffen-SS als auch ehemalige und aktive Mitglieder der Bundeswehrgebirgstruppe organisieren. Ehrenpräsident der Vereinigung war der in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen verurteilte General a. D. Hubert Lanz. Die „Danubia“ gehört zu den am weitesten rechtsaußen angesiedelten studentischen „Burschenschaften“ überhaupt. Das Haus der „Danubia“ in der Möhlstraße im Münchner Stadtteil Bogenhausen wird auch von Mitgliedern der neonazistischen „Kameradschaft München“ besucht.

(Quelle: a.i.d.a Archiv, leicht veränderte und gekürzte Fassung)

Antifascism made in Munich

Letztes Wochenende marschierten Neonazis trotz Verbot durch München. Die Gremien der Stadt zogen beim Kräftemessen mit dem rassistischen Mob wieder einmal den Kürzeren. Die antifaschistische Arbeit der Stadtverantwortlichen ist lustlos, unkreativ und manchmal sogar deutlich neben der Spur.


Intifada-Bordin setzte sich durch – gegen einen harmlosen Widerstand

Nun konnte das Konglomerat aus Neonazis doch am Samstag demonstrieren – zwar nicht wie geplant im Westend – aber im Stadtteil Sendling. Noch am Freitag wurde in der Münchner Rathaus Umschau stolz verkündet, dass der Ältestenrat die Entscheidung des Kreisverwaltungsreferats begrüße, die Kundgebung im Westend unter dem Motto „Kriminelle Ausländer raus“ zu verbieten. Begründet wurde das Verbot mit der räumlichen Nähe zum Tatort des Mordanschlages der ostdeutschen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ auf Theodoros Boulgarides. Die vermeintliche Erfolgsmeldung beinhaltete aber eine wesentliche Information nicht. Die Neonazis setzten in der Vergangenheit oftmals die Entscheidungen des Kreisverwaltungsreferats mit einem Einspruch beim Verwaltungsgericht außer Kraft. So gelang es den Neonazis auch diesmal wieder, die Münchner Gremien an der Nase herumzuführen. Aktivisten aus dem Umfeld des „Freien Netz Süd“ um Norman Bordin meldeten kurzerhand drei Eilversammlungen in München an und legalisierten die Kundgebung in Sendling beim Verwaltungsgericht am Samstag. Um 17:00 Uhr zog der rassistische Mob dann durch die Stadt. Das Ergebnis der planlosen städtischen Intervention war im Grunde, dass sich kaum Gegenprotest zur gefragten Zeit an den richtigen Ort mobilisieren ließ.

Mit der Wehrhaftigkeit der demokratischen Kräfte ist es nicht weit her
Dass Neonazis auch nach 1945 in München zu jeder Grausamkeit bereit sind, führte nicht nur der rechtsradikale Anschlag auf das Oktoberfest (1980), der Brandanschlag auf die Diskothek „Liverpool“ (1984) und der vereitelte Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung der neuen Synagoge (2003) vor Augen. Bei Razzien im rechtsradikalen Milieu werden regelmäßig Schusswaffen und ähnliches Mordwerkzeug sichergestellt, umfassend genug, um erheblichen Schaden anzurichten. Fünf der neun Hinrichtungen der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ wurden in Bayern, zwei davon in München verübt. Das sind Gründe zur Annahme, dass die ostdeutsche Terrorzelle gute Beziehungen zu bayerischen und Münchner Neonazi-Kadern unterhielt. Die Hinrichtungen sollten laut einem Beitrag auf Telepolis jeweils in Nähe von einschlägigen Münchner Neonazi-Treffpunkten stattgefunden haben. Das könnte ein weiterer Hinweis sein.

Die städtischen Gremien haben gegen die Neonazis keine geeigneten Rezepte. Der Stadtrat vermag es nicht einmal, sich im Stadtrat selbst zu wehren. Der NPD-Kader Karl Richter trat nach den letzten Wahlen bei seiner Vereidigung im Stadtrat mit dem Hitlergruß seinen Dienst an. Die Münchner Verantwortlichen fanden daraufhin keinen Weg, Richter ein Hausverbot zu erteilen. Im Gegenteil. In jeder Ausgabe der viel gelesenen Rathaus Umschau bieten sie dem augenscheinlichen Hitleristen eine große Bühne, weil seine ausschweifenden Anträge ohne Ausnahme und in vollem Umfang im Zentralorgan der Stadt veröffentlicht werden. Wollte man das verhindern, bedarf es wenig Einfallsreichtum. Es wäre schon eine elegante Regelung hinreichend – die ohnehin sinnvoll wäre – nämlich, dass Anträge von Ein-Mann-Fraktionen nicht in vollem Umfang in der Rathaus Umschau abgedruckt werden oder nur redaktionell zusammengefasst erscheinen. Auch die Verbote von Neonazi-Aufmärschen könnten wirkungsvoller durchgesetzt werden, wenn das Kreisverwaltungsreferat ein bisschen mehr Chuzpe an den Tag legte. Die Münchner Behörden, denen ansonsten die Hinterlist der Bürokratie kein Buch mit sieben Siegeln ist, bemühen diese Gestaltungsmöglichkeit im Falle des Rechtsextremismus wenig. Das Timing und die Begründung von Verboten für Nazi-Aufmärsche sind oft mangelhaft und halten folglich vor Gericht nicht stand.

Selbst das Einfachste mag nicht gelingen
Das Verwaltungsgericht hebt Verbote für Neonazi-Aufmärsche an Plätzen mit Mahnmalen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Regel nicht auf. Mehr Mahnmale bedeuten im Grunde weniger Raum für Neonazi-Aufmärsche. Es wäre 66 Jahre nach der Befreiung der Welt von Nazideutschland Zeit genug gewesen, die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ mit Mahnmalen so abzudichten, dass sich kein Meter mehr gehen ließe, ohne über eines zu stolpern. Aber das ist nicht annähernd geschehen. Beim letzten großen Denkmal – für das die Stadt Geld in die Hand nahm – wollte man gleich gar keinen Quadratmeter Stadt mehr hergeben und votierte im eigens dafür ausgeschriebenen Pitch für einen Vorschlag, der das Gedenken aufs Internet verlagert.

Vor diesem Hintergrund wirkt die aktuelle Kampagne der Stadt „Laut gegen Brauntöne“ einigermaßen zynisch. Zumal sich herausgestellt hat, dass Kinder und Jugendliche – auf die einige Veranstaltungen dieser Kampagne zugeschnitten sind – den Slogan gar nicht verstehen. Minderjährige mit dunkler Hautfarbe meinen zuerst, die Kampagne wäre gegen sie gerichtet. Die durchgeknallte Sabine Schiffer vom Eine-Frau-Institut für „Medienverantwortung“ könnte bei der Konzeption der Kampagne eine Rolle gespielt haben, da sie derzeit auf breitem Feld beratend für die Stadt tätig ist. Schiffer dozierte zum Beispiel auch vor einer Woche bei der „Integrationskonferenz des Deutschen Städtetags“ im Münchner Rathaus. Schiffer scheint echte Fans in München zu haben. Und nicht nur sie. Auch der Rechtsaußen Heinrich von Treitschke wurde noch 2009 für seine Verdienste als „Historiker“ in den höchsten Tönen gelobt – von keinem Geringeren als dem Oberbürgermeister selbst. Laut gegen Rassismus ist das nicht.

Demonstration für Demokratie und Menschenrechte in Syrien

Aufruf für die Demonstration am 26.11 in München:

Um es kurz zu machen: Seit März diesen Jahres ist der Kampf gegen das Regime in Syrien weltweit öffentlich bekannt. Die unheimliche Diktatur versucht mit brutaler Gewalt – mit Folterungen und Erschießungen – den Widerstand der Menschen in Syrien zu brechen.

Die deutsche Regierung unterhält mit der syrischen Diktatur ein Abkommen zur Abschiebung von Flüchtlingen. Schon zu viele Menschen sind in der Vergangenheit von Deutschland nach Syrien abgeschoben und dort umgehend inhaftiert und misshandelt worden. Die Forderung ist demnach einfach: Das Rückübernahme-Abkommen zwischen Deutschland und Syrien muss gekündigt werden!

Darüber hinaus: In Berlin sitzt immer noch der syrische Botschafter. Er arbeitet direkt mit dem syrischen Geheimdienst zusammen und verrät nachweislich Widerständische an das Regime in Syrien, das dort deren Familien verhaftet, schikaniert und unter Druck setzt. Also: Der syrische Botschafter in Berlin muss ausgewiesen werden!

Demonstration am 26.11.11 | 12:00 Uhr | Goetheplatz

Der ganze Aufruf demnächst auf: http://syrien.antira.info/

Sikoproteste: Spaltung, jetzt!

Bei den Protesten gegen die Münchner Sicherheitskonferenz ist auch nächstes Jahr mit antisemitischen Ausfällen und regressiver Kapitalismuskritik zu rechnen. Auf der richtigen Seite steht – wie jedes Jahr – wer fernbleibt.

Derzeit finden die Vorbereitungstreffen zur Koordination der Proteste gegen die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2012 statt. Ende September verordneten sich die Mitglieder des Plenums bereits einen eisernen Burgfrieden. Jede Gruppe übernehme „Verantwortung für das Gesamtgelingen der gemeinsamen Proteste“ und lasse Respekt gegenüber anderen Gruppen nicht missen. Allen „Spaltungsversuchen“ werde entschieden entgegen getreten, lautete der Beschluss. Damit ist bereits absehbar, dass sich die Fehlverhalten der diesjährigen Proteste im nächsten Jahr wiederholen werden, eine Auseinandersetzung mit den gefestigten Antisemitinnen und Antisemiten im Bündnis nicht gewünscht ist. Die gute Nachricht: Die Anzahl der Teilnehmenden sank in den letzten Jahren stark insbesondere unter Jüngeren und wird voraussichtlich auch nächstes Jahr weiter sinken. Dazu könnte teilweise auch der aktuelle Aufruf zur Mobilisierung beitragen. Er ist einleitend mit einem Zitat von Jean Ziegler versehen. Ziegler ist im Bezug auf Israel sehr eindeutig positioniert. Wer sich zumindest eine differenzierte Wahrnehmung Israels wünscht, kann sich von diesem Aufruf nur schwerlich angesprochen fühlen.

Gala der Peinlichkeiten 2011
Die Proteste in diesem Jahr waren kein Ruhmesblatt. Claus Schreer, der Schirmherr des Bündnisses, warb bereits im Vorfeld der Proteste 2011 zusammen mit dem regimetreuen Fathollah-Nejad für eine Beendigung der Sanktionen gegen den Iran. Ebenfalls schon im Vorfeld machte die Gruppe „AnaRKomM“ von sich Reden, die mit einer völlig durchgeknallten Verschwörungsübersicht für ihre Aktionen warb. Am Vortag der Hauptdemonstration unterhielt der Clown Ecco Meineke unlustig am Marienplatz mit Israelwitzen, die zusammen mit den antiisraelischen Aufstellern ein wenig ansprechendes Gesamtbild abgaben und aber die Hauptdemonstration passend einläuteten (siehe Foto oben).


Palästinablock am Samstag

Hauptredner am Tag darauf war der Theologe Eugen Drewermann, der Jean Ziegler um nichts nachsteht. Er forderte von den USA beispielsweise einmal, „sie hätten die dringlichste Pflicht, auch den sechs Millionen jüdischen Mitbürgern in den USA“ dies und das „klar zu machen“. Zu ganz konkreten Übergriffen kam es aus dem „Internationalistischen Block“. Eine Gruppe demonstrierte am Rande gegen den Antisemitismus des Bündnisses. Begleitet von Rufen wie „Israel zurück ins Meer“ wurde die Gruppe tätlich angegriffen. Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend kündigte daraufhin an, 2012 für eine „breiter aufgestellte Ordner_innenstruktur“ zu sorgen. Ein weiterer Grund, der Veranstaltung fern zu bleiben.

Sikoproteste jetzt spalten
An einem solchen Bündnis lässt sich guten Gewissens weder teilnehmen noch mitwirken. Eine freie Welt – wie immer diese auch aussehe – kann nicht mit, sondern nur gegen den Widerstand dieser Leute durchgesetzt werden. Sicher ist das hochrangige Treffen auf der Sicherheitskonferenz ein guter Ort, um Kritik anzubringen. Das könnte sich auch antiimperialistisch äußern, wenn die Kritik zumindest mit einer Sehschärfe wie beispielsweise von Gerhard Stapelfeldt verfasst würde. Das ist aber von diesen Leuten nicht zu erwarten. Deshalb rufen wir alle Restvernünftigen dazu auf, aus dem Bündnis – falls noch nicht geschehen – auszutreten, es nicht weiter zu unterstützen und gegebenenfalls eine eigene Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz anzumelden.

Pleitilla-Elfi und das große Gewimmer

Elfi Padovan (Linkspartei) wollte dieses Jahr mit einer „Flotilla“ in den Gaza-Streifen einrücken. Günter Wimmer sollte zeitgleich aus der Luft Rabatz machen. Die Münchner Wasser-Luft Raketen zündeten allerdings nicht. Beide scheiterten grandios, aber ließen sich trotzdem diesen Freitag im EineWeltHaus abfeiern.

Gleich am Eingang der Veranstaltung mit dem Titel „Gaza-Flottille und Palästina Fly-In“ im zweiten Stock des EineWeltHauses ist ein T-Shit käuflich zu erwerben. Es trägt den Schriftzug „Palestine Unites Us“. Das abgebildete Staatsgebiet „Palästina“ umfasst auch – und vor allem – Israel. Mit den historischen Grenzen Palästinas hat die Darstellung nichts gemein. Und warum sich die Menschen aller Länder ausgerechnet hinter einer Wunschnation mit der vielleicht hässlichsten Nationalhymne überhaupt vereinen sollen, wird auf dem T-Shirt nicht weiter erläutert. Eine Begründung dazu könnte allerdings die aktuelle Veranstaltungsreihe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München, „Ein Gefühl, das verbindet: Antisemitismus in einer globalisierten Welt“ liefern.

Stargast des Abends im Rahmen der „Münchner Friedenswochen“ ist Elfi Padovan. Entgegen dem Beschluss der Bundestagsfraktion der Linkspartei war sie im Juli 2011 auf dem Schiff „Stefano Chiarini“, um die Blockade des Gaza-Streifens von Griechenland aus zu durchbrechen – beschlusskräftig unterstützt von ihren Münchner Genossinnen und Genossen. Padovan trägt an diesem Abend ihre eigene Begründung vor, warum sich alle Welt gegen Israel verbünden solle:

„Aus der Erkenntnis heraus, so wie ich meiner Elterngeneration Vorwürfe gemacht habe, warum habt ihr weg geguckt, warum habt ihr damals nicht – in der schwärzesten Zeit Deutschlands – etwas dagegen unternommen, so werden meine Kinder, meine Enkel auch einmal viele Gründe haben, mir vorzuwerfen, warum hast du nichts getan gegen Unrecht? […] Es gibt zwei Enkel, denen ich die Welt nicht in diesem Zustand hinterlassen möchte, und ich halte den Nahost-Konflikt für wahnsinnig gefährlich. Israel ist Atommacht, das kann in den Abgrund führen.“

Durchbrechen ohne sich zu wehren
Padovan erklärt überdies, der „Fortbestand der Menschheit“ sei gar gefährdet, und das mit einer weinerlichen Stimme, die das fast glauben macht. Ihrem Schiff wurde tagelang von den griechischen Behörden keine Erlaubnis erteilt, abzulegen. So habe man die Zeit genutzt und jeden Tag „gewaltfreies Training“ eingeübt, berichtet Padovan. Sie seien sich an Board völlig einig gewesen, dass sich „anders als auf der Mavi Marmara, keiner wehren wird.“ Nach einigen Anektdötchen aus dem griechischen Hafen und allerhand Gerüchten, die ihr zu Ohren gekommen sind, resumiert Padovan, dass die diesjährige Fottille „keine erfolgreiche Aktion“ gewesen sei. Am späteren Abend wird sie noch enthemmt poltern, Gaza sei ein „Freiluftgefängnis“, die „Palästinenser ein weiteres Opfer des Holocausts“, der „kleine David, der einen Stein schmeißt, gegen einen Riesengoliath“ und die „Friedensbewegten weltweit“ seien dazu aufgerufen, einzugreifen.

Als Nächstes spricht Günter Wimmer abendfüllend über die Aktion „Palästina-Fly In“ die ursprünglich die Gaza-Flottille unterstützen sollte. Hunderte Aktivistinnen und Aktivisten wollten am Flughafen Tel Aviv landen, um dort Rabatz zu machen, u.a. darauf bestehen, soeben nach „Palästina“ und nicht nach Israel einzureisen. Es ist nachvollziehbar, dass die israelischen Behörden ein solches Tuhuwabohu am gefährdeten Flughafen Tel Aviv nicht durchgehen lassen. Wimmer landet nach seiner Ankunft in Tel Aviv deshalb wenig überraschend gleich im Gefängnisbus, zusammen mit sieben anderen. Das war ein Bus für nur sechs Personen, empört er sich, auch das Fenster im Bus war zu klein und aufs Klo musste er auch. Eigentlich passierte nicht viel, deshalb muss Wimmer die Phantasie der Gäste bemühen: „Wir wissen alle, dass man mit Palästinensern anders umgegangen wäre“, mutmaßt er. Auch nach seiner Ankunft im Gefängnis in Be‘er Schéwa hat er wenig zu beklagen. Die Gefangenen konnten sich gegenseitig besuchen, konnten duschen, eine Ärztin kam heran geeilt und eine Sozialpädagogin, letztere um Selbstmordgedanken auszuschließen, die deutsche Vize-Konsulin rief zum Gespräch. Das Essen sei zwar etwas lieblos gewesen, aber immerhin gesund, „mit Paprika und so“, räumt Wimmer ein.

Um die Juden in der Diaspora kümmern
Nach seiner Freilassung bot man ihm dann an, ihn wieder zum Ben Gurion Flughafen zurück zu fahren und sich um sein Gepäck zu kümmern. Peter Münch von der Süddeutschen Zeitung meldete sich bei Wimmer und bat um ein Interview. Münch habe sich laut Wimmer enttäuscht darüber gezeigt, dass er sich bemüßigt fühlte, als Ziel seiner Reise dann doch Israel anzugegeben, anstatt Palästina, wie es eigentlich die Protestaktion vorsah. Kurz: Er wurde schlicht von vorne bis hinten betüddelt, und so bleibt ihm kaum mehr, als weiter auf die Phantasie zu zählen: „Wenn wir Palästinenser gewesen wären, hätten wir wahrscheinlich Spiesrutenlaufen müssen, aber sie sind nicht tätlich geworden“. Wimmer kommt aber nicht in den Sinn, anzuerkennen, dass es wohl wenige Länder auf der Welt gibt, die bei ähnlichen Protestaktionen, mit Oppositionellen so verfahren, wie die israelische Polizei mit Wimmer verfahren ist. Bei der Vorstellung einer ähnlichen Protestaktion im Gaza-Streifen gar, gegen die Politik der Hamas – die freilich an diesen Abend nicht thematisiert wird – bedarf es keiner Phantasie, sich die Behandlung auszumalen.

Wie bei solchen Veranstaltungen die Regel, reden sich die Protagonistinnen und Protagonisten im Laufe des Abends in Rage und schwenken zu den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Israel sei ein Apartheidstaat, selbst ein „jüdischer Mensch“ habe ihm das gesagt, aber „Wir … wenn man hier von Apartheid spricht, dann wird einem eine Frau Knobloch oder sowas immer … ’sie sind sowas von antisemitisch‘ … aber das ist es nicht“, stammelt Wimmer aufgeregt. Eine ältere Dame meldet sich, ebenso aufgeregt, und merkt an, man müsse sich auch „um die Juden in der Diaspora kümmern“. Die jüdischen Gemeinden seien nämlich alle „durchgedreht“. Niemand widerspricht. Denn es wurde erfolgreich ein Klima geschaffen, in dem gegen Jüdinnen und Juden alles Belastende gesagt wird und niemand tanzt aus der Reihe. Palestine unites us eben.