Der Bauchredner aus dem Allgäu

Kriminalromane mit regionalem Bezug haben derzeit Hochkonjunktur. Besonders erfolgreich ist das Autorenduo Klüpfel und Kobr. Ihr Erstlingswerk „Milchgeld“ mit dem mürrischen Kommissar Kluftinger führte vom Fleck weg die Bestsellerlisten an. Es ermittelt Caspar Schmidt.

Das Buch „Milchgeld“ der Hobbyautoren Klüpfel und Kobr ist das erste Werk einer mittlerweile siebenbändigen Serie. Es beginnt mit einer ersten Charakterstudie des ermittelnden Kommissars Kluftinger beim Verzehr von Käsespatzen, die er sich jeden Montag von seiner Frau servieren lässt. Um Essen dreht es sich auch erschöpfend auf den 300 folgenden Seiten. Kluftinger ernährt sich fast ausschließlich von regionaler Kost. Das einzige als „exotisch“ beschriebene Gericht, für das er sich in Ausnahmefällen erwärmen kann, sind Spaghetti-Fertigpackungen. Rucola, Latte Macchiato und Balsamico hält Kluftinger für „Modetrends, die man mitmachen muss, wenn man den Anschein machen will, dass man beim Essen international, weltoffen und genießerisch“ ist. International, weltoffen und genießerisch ist Kluftinger aus Überzeugung nicht.

Parmesan, der „Italiener ihr alter Bröckelkäse“, sollte seiner Meinung nach im Allgäu nicht hergestellt werden, da „man so guten einheimischen Käse im Allgäu“ hat. Selbst Semmeln erscheinen Kluftinger zu abgehoben. Früher sei „man ja auch ohne Semmeln ausgekommen“, belehrt der Kommissar und zieht das Schwarzbrot der Semmel vor. Wer es bis zur Seite 54 des Romans geschafft hat, bekommt zu lesen, wie sich Kluftinger in eine Dönerbude verirrt. Dort rutscht dem Kommissar – da ihm der Döner zu scharf ist – ohne Hintergedanken der rassistische bayerische Fluch „Kruzitürken“ heraus. Das ist ihm vor den anwesenden türkischen Bauarbeitern im Nachhinein zwar peinlich, aber sicher nicht den meisten Lesenden, denen er seinen Ruhm zu verdanken hat und die ein „Kruzitürken“ im Dönerladen vermutlich für eine gelungene Pointe halten werden.

Kluftinger und die Frauen
Im Roman „Milchgeld“ gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Frauentypen. Eine Gruppe besteht aus Mutterfiguren, die das Bestreben eint, den Kommissar mit Essen zu versorgen, sowie sie bemüht sind, dass im Kluftinger-Haushalt alles klappt. Zuvörderst ist da die Ehefrau, deren Hautaufgabe zu sein scheint, ihr „Butzele“ zu versorgen. Selbst wenn sie auf eine Reise geht, kocht sie ihm für eine Woche vor und fühlt sich dennoch nicht wohl dabei, würde „am lieben hier bleiben, bei Dir [Kluftinger]. Du weißt doch gar nicht, wo alles ist.“ Eine weitere Frau in Kluftingers Leben ist seine tatsächliche Mutter, die ihm in der Zeit der Abwesenheit seiner Ehefrau die Käsespatzen zubereitet, die ihr freilich noch besser gelingen. Gleichwohl aufmerksam zeigt sich die Sekretärin Frau Henske. Sie bringt chronisch Kaffee und auch Quarktaschen. Als sie von der Abwesenheit von Kluftingers Frau erfährt, bietet sie ihm an: „Ach herrje, da müssen Sie ja jetzt selber kochen und waschen und so? Also wenn Sie wollen, nehme ich Ihnen gerne einmal einen Korb ab. Wäsche meine ich.“ Das gefällt Kluftinger. Zu Anfang hatte er Frau Henske noch für eine „Tussi“ gehalten, womit im Grunde die zweite Frauengruppe grob gefasst werden könnte.

In diese Kategorie fällt zum Beispiel teilweise die „Künstlernatur“ Theresa, deren Haare „völlig chaotisch und zufällig ihrem am Hinterkopf verankert“ sind und deren Kleidung Kluftinger an die „Öko-Weiber“ vom alternativen Markt erinnert. Oder auch die „südländisch aussehende Surferin im knappen Bikini“, die auf einem Poster für Allgäuer Käse wirbt. „Früher hat man mit Kühen und Älplern für Käse geworben, und jetzt mit nackerte Weiber. Na dann Mahlzeit.“, kommentiert Kluftinger, seinem Schema stets treu.

Sein Kampf gegen das Fremde, Abstrakte sowie Nicht-Konforme
Abweichler, die aus seinem strengen Rollenschema fallen, sind Kluftinger regelrecht verhasst: „Bartsch war Kluftinger auf den ersten Blick unsympathisch. Er trug eine rosa Krawatte. Eine rosa Krawatte! Sein Vater hätte ihn früher für so etwas verprügelt. Kluftinger bremste sich selbst.“ Keinen Spaß versteht der Regionalpatriot auch bei allem Amerikanischen, insbesondere bei Anglizismen. Begriffe wie „Flipchart“ korrigiert er demonstrativ und umständlich mit „die Tafel mit Papier drauf“, Kollegen ermahnt er, das Wort „auschecken“ nicht zu verwenden und am Begriff „Relaunch“ stößt sich der Kommissar ebenfalls. Er vermeidet im Allgemeinen „ausländisch zu reden“. Man könnte meinen, Kluftinger würde mit seiner Feindlichkeit allem Fremden gegenüber so überspitzt dargestellt, dass die Lesenden nicht mit, sondern über ihn lachen. Dem entgegen steht aber, dass die Story, die literarische Objektive sozusagen, das Bauchgefühl des Kommissars vollends bestätigt.

Die Leitmotive des Plots lassen sich auf zwei Paradigmen reduzieren: „Früher war alles besser“ und „Alles Böse kommt von Außen“ – womit dem Bauchgefühl Kluftingers eine ungeahnte Versachlichung zuteil wird. Gegen das feindlich gesonnene Außen wird in der Geschichte ein regional verwurzelte Unternehmer ins Feld geführt, ein wertkonservativer Kapitalist, ein Fels in der Brandung, der so anständig ist, dass ihn seine positiven Eigenschaften sogar zum Mord treiben. Das offenbar rheinische Kapitalismus-Ideal der Autoren wird einem modernen, als entwurzelt markierten Kapitalismus positiv entgegen gehalten, so als wären das wirkliche Gegensätze und als wären Betrügereien erst mit der modernen Betriebswirtschaft in die Ökonomie geraten. Dass die konkreten Feindbilder in „Milchgeld“ dann von Russen und einer vereinten europäischen Bürokratie besetzt werden, fügt sich so nahtlos ins klischeehafte Elaborat wie Kluftingers gestandener Antiamerikanismus.

Heimatkrimi und die alten Leute
Das wirft die Frage auf, welche Bedürfnisse mit solch einem Buch befriedigt werden, weshalb es zum Kassenschlager wurde. Sicher haben die Autoren Klüpfel und Kobr damit ihre Vorstellung von einem „ursprünglichen“ Allgäu – scharf getrennt von einem neumodischen Allgäu – ausleben können. Als Referenz für „Ursprünglichkeit“ bzw. vermeintlich typisch allgäuerisches Verhalten werden die Alten herangezogen, Generationen, die im Schatten des Nationalsozialismus und deren Vorfahren von völkischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts geprägt wurden, die eine finstere Etappe wiederspiegeln. Kommissar Kluftinger kann als ein exemplarisches Kind dieser faschisierten Generation gesehen werden, die durch seinen Bauch weiter spricht. Dass ihn viele Lesenden gerade für dieses Bauchgefühl so lieben, ist alarmierend. Es wäre ein gutes Zeichen, wenn derlei Romane keine Erfolge zu verbuchen hätten.

Gekürzter und angepasster Beitrag, erschien im aktuellen Hinterland-Magazin zum Thema „Grenze“.

Weiterführendes:
Eine aktuelle Rezension über einen guten Heimatroman auf beatpunk