Archiv für Februar 2012

Münchens Partyzone gegen „Endzeit-Rabbis“

Die Punkrock-Urgesteine Joe Masi und Murena werden kommenden Mittwoch nicht im Bunker „Herr Hotter“ auftreten. Die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“ entpuppte sich nämlich als ein Projekt des Münchner Verschwörungstheoretikers Wolfgang Eggert. Und das war nicht einmal ein gut gehütetes Geheimnis.


Eggert bei der Vorstellung des Portals DorianGrey

Der Club „Herr Hotter“ im Zentrum Münchens zog nach seiner Eröffnung schnell die Aufmerksamkeit der Münchner Party-Avantgarde auf sich. Im Hochbunker aus dem Jahre 1942 mischt sich der Charme des Improvisierten mit morbider Betonromantik; zudem ist die verwinkelte Immobilie bis zu ihrem Verkauf nur kurze Zeit bespielbar – die Veranstaltungen tragen Namen wie „Schutzraum-Übung“ oder „Bunker-Alarm“ – die perfekten Zutaten also, um den Röhrenjeans-Mainstream neben dem Röhrenjeans-Mainstream zu begeistern. Seit kurzem gastiert dort Mittwochs auch die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“. Was viele Gäste bislang offenbar nicht wussten: Hinter der Veranstaltung „DorianGrey“ verbirgt sich wenig überraschend das gleichnamige Online-Portal von Wolfgang Eggert und Felix Vogl. Die neue Internetadresse richtet sich an ein junges Publikum, kommt laut Macher „Tabulos – Unangepasst – Spannend – Jung“ daher, das Logo „DG“ erinnert zudem stark an die Modemarke „Dolce und Gabbana“.

Tatsächlich lassen sich auf dem Portal DorianGrey zahlreiche Beiträge von einschlägigen Blogs der verschwörungstheoretisch beseelten „Truther“ finden, wie zum Beispiel von „Alles Schall und Rauch“ oder „The Thruthseeker“ – gemischt unter Meldungen klassischer Nachrichtenagenturen. „Das fehlte unheimlich in der Trutherszene“, gab Chefredakteur Eggert vor zirka einem Monat dem verschwörungstheoretischen Portal „Infokrieg“ bekannt, „gemischte Nachrichten“. Sein Plan sei demnach: den Blogs eine Öffentlichkeit verschaffen und langfristig aus den Werbeeinnahmen von DorianGrey finanzieren, erklärte Eggert Infokrieg seinen Masterplan im eineinhalbstündigen Interview.

Was [die Deutschen] ausmacht, wo sie herkommen
Vor wenigen Wochen stellten Eggert und sein Kompagnon Vogl die Plattform erstmals vor – u.a. auch auf den Münchner Medientagen, wo offenbar jede Gruppierung ausstellen kann, die zahlt. Die Onlinezeitung soll „Lust beim Lesen“ machen und neben dem, was in den Medien nur „unzureichend gespiegelt“ würde – weil „die Lobbies Einfluss nehmen“ – sind auch „hübsche Jungs und hübsche Mädchen“ im Angebot. „Die einfachen Menschen in Europa brennen nicht mehr“, das soll sich ändern, beschrieb Eggert die Zielsetzung des Portals bei der Vorstellung. Vogl nannte seine Hauptmotivation :

„Ich bin eines morgens zur Arbeit gefahren und musste eine Litfasssäule von Bushido sehen und dachte mir, das kann doch nicht unsere Kultur sein. Ich will die Leute wieder zu dem bringen, was sie ausmacht, wo sie herkommen. Man sollte nach Paris fahren können, man sollte da keinen McDonalds antreffen, keinen HM, sollte ein Baguette essen können, man sollte einen Franzosen sehen. Ich habe Angst, dass irgendwann alles gleich ist, dass man überall nur das Selbe sieht.“

„Endzeitliche Kräfte“
Zwischen Vogls dumpfer Hoffnung auf eine vermeintliche Reinheit der Kulturen und dem gängigen ethnopluralistischen Rassismus der sogenannten Neuen Rechten passt kaum ein Blatt. Noch deutlicher wird Eggert. Der laut EsoWatch bereits durch zahlreiche antisemitische Veröffentlichungen bekannte Autor vermutet chronisch die jüdischen Chassidim hinter einer angeblichen „Weltordnung“. Im Interview für Infokrieg bewarb er vor nur wenigen Wochen sein Werk „Israels Geheimvatikan“. Eggert aktualisierte dabei die bei „Truthern“ momentan sehr beliebte Armageddon-Theorie, wie sie auch der Kabarettist Georg Schramm vertritt. Die Theorie besagt, dass diverse religiöse Gruppen, vor allem aber die jüdischen Chassidim, auf einen dritten Weltkrieg hinsteuern wollen. Der Showdown soll der Theorie nach in Jerusalem stattfinden. Im Gegensatz zum Kabarettisten Schramm weiß Eggert aber schon, wer als Sieger hervorgehen wird: „Am Ende gewinnen die Chassidim und es verlieren die Völker.“ Jüdische Verbände forschten derzeit nämlich an Massenvernichtungswaffen, die „alle vernichten, außer die, die ein jüdisches Gen haben.“ (Minute 56) Auch der israelische Ministerpräsident Netanjahu lasse sich von den „Endzeit-Rabbis beraten“, behauptet Eggert bei Infokrieg. Die für das Weltgeschehen kaum bedeutende religiöse Gruppierung der Chassidim habe laut Eggert aber nicht nur die heutige „Weltordnung“ und morgen den 3. Weltkrieg zu verantworten, sondern leitete darüber hinaus auch gestern identitätsstiftende Anschläge ein, orakelte er in Minute 40 des Interviews:

„In dem Moment, wenn Israel in Frieden ist, wird Israel auf kurz oder lang liberalisiert und säkularisiert, die Menschen werden zu normalen(!) Menschen. Nur Druck, Außendruck, schweißt ein Volk zum Äußersten zusammen, das war schon immer so gewesen – was das Judentum anbelangt hat. Es ist interessant zu beobachten, wenn man anschaut, als das Judentum, die Israeliten Palästina unter den Römern verlassen haben. Immer dann, wenn es zu Vermischungsprozessen (!) gekommen ist, wenn sich die Masse der Israeliten, die auf der Wanderschaft waren, begonnen hat, sich mit den Umgebungsvölkern zu verbrüdern und in die Umgebungsstrukturen und Gesellschaften aufgenommen zu werden, immer dann kam ein furchtbarer Anschlag, immer dann kamen die größte Pression. Und diese Pressionen wirkten wie Schäferhunde, die die Herde zusammenhalten.“

Münchens verschlafene Avantgarde


Eggert im Interview mit „Infokrieg“: „Aids entstand in einem Genwaffenprojekt“

Dass Eggert und Vogl Zugang zur vermeintlich subversiven Partyszene in München erhielten (die so subversiv ist, dass sogar der konservative Münchner Merkur begeistert davon berichtet), überrascht deshalb, weil die beiden Chefredakteure daraus nicht einmal ein Geheimnis machten. Die Facebook-Site zur Party „DorianGrey im Hotter“ verweist ohne Schnörkel auf das übersichtliche Blog „DorianGrey im Hotter“, das im Impressum die Verantwortlichen Vogl, Eggert und DorjanGrey listet. Ein Klick offenbart auf den ersten Blick die wahnhafte Weltanschauung der Redaktion.

Die Bands Joe Masi und Murena, die am kommenden Mittwoch bei „DorianGrey im Hotter“ die Hintergrundmusik leisten sollten, haben bereits von einem Auftritt Abstand genommen. Es bleibt zu hoffen, dass den Verschwörungstheoretikern der Sprung aus ihren verrauchten Hinterzimmern in Münchens Partylandschaft nicht weiterhin gelingen wird.

Karl Marx und die Juden.

Um die anerkennenswerte Arbeit des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (Abwehrverein) zu würdigen, werden künftig in diesen Blog mit Abstand ausgewählte Schriften der Abwerblätter übertragen und zitierbar gemacht. Der Aufschlag: In einem Beitrag aus dem Jahre 1927 nimmt der Sozialdemokrat Eduard Bernstein Karl Marx in Schutz, aus dessen Aufsatz „Zur Judenfrage“ Antisemiten derzeit Fragmente zitierten.


Eduard Bernstein, 3 Jahre nach seinem Beitrag: „Karl Marx und die Juden“

Vorwort: Von den Antisemiten wird gerne im Sinne antisemitischer Beweisführung auf einen Ausspruch von Karl Marx Bezug genommen, der scheinbar judengegnerisch ist. Aus besonderem Anlass hatte sich einer unserer Freunde an den bekannten Marxforscher, Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein mit einer diesbezüglichen Anfrage gewandt. Die Antwort, welche Eduard Bernstein erteilt hat, drucken wir mit von diesem freundlich erteilter Genehmigung ab. Die Schriftleitung.

Von interessierter Seite wird folgende Frage an mich gestellt:

[…]
Ist dieser Aufsatz [Zur Judenfrage] aus irgendwie zeitlichen gebundenen Ereignissen zu erklären? Hat Marx seine Ausführungen irgendwo oder irgendwann ergänzt bzw. wiederrufen?

Hier meine Antwort: Der Aufsatz „Zur Judenfrage“, den Karl Marx in dem ersten und einzigen Heft der von ihm im Verein mit Arnold Ruge herausgegebenen „Deutsch-französischen Jahrbücher“ veröffentlicht hat, war keine programmatische Abhandlung von ihm, sondern die kritische Besprechung von zwei Abhandlungen Bruno Bauers über die Judenfrage. Marx rekapituliert darin wiederholt Darlegungen Bruno Bauers, ohne sie durch Anführungsstriche auszuzeichnen, sodass oberflächlich Leser heute leicht vermeinen können, es mit Ansichten von Marx zu tun zu haben, während dieser sie im weiteren Verlauf des Aufsatzes selbst kritisiert.

Nun fehlt es im Aufsatz freilich auch nicht an abfälligen Äußerungen über die Juden, die unmittelbar von Marx selbst herrühren. Mit Bezug auf sie darf aber zunächst nicht außer Betracht gelassen werden, dass der Aufsatz noch der frühesten Periode des Sozialisten Marx angehört, wo dieser sich noch nicht mit eigenen Untersuchungen ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Natur befasst hatte und daher in verschiedenen Punkten von Voraussetzungen ausging, die er später als irrig selbst verworfen hat. So glaubte er zum Beispiel, dass Deutschland auf einem Stand der Entwicklung angelangt sei, wo nur noch die mit allem Alten radikal aufräumende Revolution erwartet werden könne, und schreibt denn auch in dem gleichen Heft in dem gleichen Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie“:

“In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich, als die Emanzipation von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren“

Es ist klar, dass demjenigen, der von dieser Auffassung ausging, Teilrevolutionen als sehr nebensächliche Dinge, Bewegungen für politische Reform wie die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden, als irreführend bzw. aussichtslos erscheinen mussten, und dass es ihm daher nichts verschlug, an ihnen eine Kritik zu üben, die ihn als grundsätzlichen Gegner erscheinen ließ. Dazu kommt, dass Karl Marx als der Sohn eines getauften Juden aufgewachsen war und schon deshalb von dem Juden keine gute Meinung hatte. So nur war es möglich, dass dieser scharfsinnige Geist das Judentum als ein Ganzes nach der Schablone der handvoll jüdischer Großfinanziers und der jüdischen Händler kennzeichnete, die selbst in Deutschland nur eine Minderheit dessen Juden waren – von Russland und Polen ganz zu schweigen – und ganz unberücksichtigt ließ, dass selbst die große Mehrzahl der jüdischen Handelsleute, die mit dem Ranzen auf dem Rücken gebückt über Land zogen, doch auch nur proletarische Existenzen waren, für die es grausamer Hohn war zu schreiben:

“Welches ist der praktische Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.“ „Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher.“ „Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Aber Marx beschränkte sich indes nicht darauf, den Juden ein verhältnismäßig großes Stück Verantwortung für die Ausbreitung des Schachers und der Geldherrschaft in der modernen Gesellschaft zuzuschreiben. Er hob zugleich hervor, dass diese moderne Gesellschaft selbst den Schacher und das Geld zur Herrschenden Macht erhoben habe. Im gleichen Aufsatz schreibt er:

“Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert. Indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Aus ihren Eingeweiden erzeugt die christliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Von dieser Auffassung aus konnte Marx den Aufsatz mit den Sätzen abschließen:

“Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der (so begriffene! Anm.: Eduard Bernstein) Jude unmöglich geworden, weil sein Bewusstsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“

Aus dieser stark deduzierenden Sprache in unsere heutige volkstümliche Sprache übersetzt heißt das: Die Verwirklichung des Sozialismus macht dem, was man heute die Judenfrage nennt, ein Ende.

Da damals selbst die konservativen Elemente Deutschlands noch nicht auf jene Stufe der Verlogenheit herabgesunken waren, die heute die Hauptmasse der sich antisemitisch oder völkisch nennenden Revolutionäre kennzeichnet, ist es auch, soweit mir die Literatur bekannt ist, keinem von ihren Wortführern eingefallen, den Marx’schen Aufsatz gegen Bewegungen für die staatsbürgerliche Gleichheit von Juden ausschlachten zu wollen. So hat er denn auch keine politische Polemik von irgendwelcher Bedeutung hervorgerufen, und so ist auch Marx nicht auf ihn zurückgekommen und hat ihn der Vergessenheit überlassen. Sein tieferes Eindringen in die sozialen Zusammenhänge ließ Marx erkennen, dass die bestimmende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Gebiet der Produktion zu suchen ist, und ihrer Erforschung galt fortan sein Studium.

Er arbeitete den Plan einer von dieser Erkenntnis ausgehenden Geschichtsbetrachtung aus, die er, nachdem er mit Friedrich Engels Freundschaft geschlossen, gemeinsam mit diesem zu einer Geschichtsauffassung vervollkommnet, die von ihnen materialistische Geschichtsauffassung genannt worden ist, und das klassische Produkt ihrer Zusammenarbeit, das Ende 1847 verfasste Manifest der Kommunistischen Partei, spricht eine ungleich klarere, jedes Missverständnis ausschließende Sprache. Es beschäftigt sich nicht mit der spintisierenden Auslegung von ideologischen Begriffen, sondern mit der Feststellung der Entstehung und den materiellen Lebensbedingungen von Gesellschaftsklassen, ihren Gegensätzen und Kämpfen, und den geschichtlichen Ergebnissen dieser Kämpfe. Das schloss eine Behandlung der Judenfrage, wie sie in diesem Aufsatz geschah, aus. Um mit Marx zu reden, nur Narren und Schufte können durch herausgerissene Sätze aus ersteren dessen Sinn fälschen und den großen Theoretiker des Sozialismus zum Kronzeugen für Demagogie herabwürdigen, der das Wirken von Marx als Politiker nie das kleinste Zugeständnis gemacht hat.

Erschienen in Abwehrblätter – Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin 21. Februar, 1927

„Mein ganzer Zorn steckt drin“ II

Wenn sich der millionenschwere Gesamtstammtisch vor die Geräte schart, um ein Destillat Dummheit „aus der Anstalt“ einzunehmen, wenn die vox populi aka Urban Priol oder Erwin Pelzig ihre Fernsehpredigten halten und die Massen ihr dumpfes Haha darauf geben, ihre als Lust getarnten Gehässigkeitsgesten kollektivbrüllen, dann wird so ein Fernsehabend in Deutschland gemeinhin als Begegnung mit mutigen Kabarettisten verstanden. Die Message der Volkstribune ist dabei nicht erst seit dem Scheibenwischer die immergleiche: „Die da oben“ führen den kleinen Mann von der Straße – also den auf dem Fernsehsessel – am Geldbeutel herum und lassen aus Bosheit Kinderleichtes kompliziert erscheinen. Eine der beliebtesten Figuren im deutschen Satire-Zirkus, einer, der das allgemeine Bedürfnis nach Ressentiment mit herausragender Halsschlagader versinnbildlicht, ist der terrible Simplificateur Georg Schramm. Das vermeintlich Alter Ego Lothar Dombrowski, die Karikatur eines preußischen Generals, turnt – den Lederhandschuh immer stramm am Bauchgefühl führend – den deutschen Spießer vor. Aber anders als Gerhard Polt, der sich zumindest die Mühe macht, den bayerischen Dimpfel gegen den Dimpfel selbst zu wenden, poltert Schramm uppig eigene Gesinnung, die sich ansonsten nur in Netz-Kloaken wie Infokrieg Bahn bricht.

Eine Opposition am Abgrund
Einen Beleg für den abgestürzten Geisteszustand der Opposition in Deutschland lieferte diese Tage Twitter, als Mitglieder der Piratenpartei nach dem Rücktritt des letzten Bundespräsidenten den Schramm am selben Tag dermaßen zur neuen Einheitskartoffel ausriefen, dass #Schramm zeitweise auf Platz vier der Twitter Tweets rangierte und sich Teile der Linkspartei nicht entblödeten, dasselbe zu fordern. Einen Platz in den Herzen der Freigeister sicherte sich Schramm wohl nicht zuletzt mit seiner Brandrede gegen Zinsknechtschaft und Geldverleiher bei einer Veranstaltung der „99 Prozent“ im Frankfurter Bankenviertel. Angestachelt vom bereits erwähnten kalten Haha des bürgerlichen Subjekts wünschte Schramm den Bankangestellten erst das „Arbeitslager“ (Minute 9:20), dann konkret den Selbstmord (Minute 11:50) und schlussendlich den Henker (Minute 12:50) an den Hals („Ich bin Kabarettist, ich darf das“). Warm erinnerte sich Schramm hingegen an eine Zeit, als „Päpste noch nicht mit der Macht liiert“ gewesen seien und „gegen den Zinswucher gepredigt haben.“

Rehabilitation alter Kampfbegriffe
Totgeglaubter Nazijargon wie „Zinsknechtschaft“ (Minute 0:40) und „Hochfinanz“ (Minute 15:10) geht Schramm leicht über seine preußischen Generalslippen, findet mittels vermeintlicher Satire somit wieder Eingang in Fernsehzimmer, Massenveranstaltungen und Tischgespräche. Dass Schramm – wenn nicht gar ein Anhänger von Gottfried Feder („Deutscher Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“) – mindestens ein Anhänger der wahnsinnigen gesellschen Freiwirtschaftslehre ist, gab er bereits kund. Kürzlich stiftete der vielgerühmte Klartext-Redner den schweizer Verschwörungsopfern von „We are change“ ein Interview und weissagte angebliche Pläne der „Orthodoxen“ und der „militanten Siedler“ und des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu überhaupt. Sie kommen gut voran, die „Falken auf beiden Seiten“, deren „erklärtes Ziel“ Armageddon sei, die letzte Schlacht in Jerusalem, so Schramm. In einer vergangenen Sendung tönte er noch ganz anders, da bewegte sich sein ebenfalls halluzinierter Masterplan für den Nahen Osten noch einzig im Kontext des „Endkampfes um das eurasische [Öl]Becken.“ Keine Phantasie scheint zu abwegig, um das Offensichtliche umzulügen. In selbiger Sendung wiederholte Schramm auch die fäkal reproduzierte Falschmeldung der Politsekte „Arbeiterfotographie“, wonach die Vernichtungsdrohungen Ahmadineschads in Richtung Israel nur Übersetzungsfehler seien (Minute 1:00).

Die Angreifer sitzen in Jerusalem und Manhattan
Mitverantwortliche des Weltuntergangs sitzen also in Jerusalem, aber wie man weiß, sind die Feinde der kleinbürgerlichen Freiheit nicht nur dort, sondern seit jeher global – vor allem in den USA, konkret in New York – unterwegs . Und deshalb verortet auch Schrammchen, der ohne diesen Dienst an der Volksseele vermutlich deutlich weniger gefeiert wäre, die „Angreifer“ beim „Treffen in Manhattan“ im „Dauerabnutzungskrieg gegen Euroland“ um „faule Kredite in die Länder“ einzuschleusen. Ein schöner Bundespräsident wäre Schramm also schon, ein passender zumindest, weil er ein Wutbürger ersten Ranges ist, einer, der gerne hasst, wenig weiß und zu allem eine Meinung hat – wie sein Publikum.

Weiterführendes:
Die Qual der Wahl

„Freiheit für Deutschland und Palästina“

Am 24. Februar will der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog den Bethlehemer Pastor Mitri Raheb mit dem Deutschen Medienpreis auszeichnen. Raheb habe sich für die Verständigung von Christen, Juden und Moslems eingesetzt, heißt es in der Begründung. Zahlreiche jüdische Verbände protestieren. Der Antisemit ist auch in Markt Schwaben bei München bestens bekannt.


Allweihnachtliche Zumutung: die Glasengel der ev. Gemeinde Markt Schwaben

Der palästinensische Pastor Raheb verbreitet Rassismus, Hetze und Verdrehung theologischer Lehren, befand der Jerusalemer Historiker Malcolm Lowe. 2010 soll Raheb geäußert haben, bei einem DNA-Vergleich zwischen König David, Jesus und ihm gäbe es „eine gemeinsame Spur“, während diese beim israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu nicht zu finden sein werde. Daher seien die Palästinenser die wahren Nachfahren des biblischen Volkes Israel während Israel vielmehr den römischen Besatzern entspreche, die Jesus ans Kreuz genagelt hätten, berichtet Ulrich Sahm in der Jüdischen Allgemeinen über die rassistische Befreiungstheologie des Preisträgers in spe. Der Weinheimer Theologe Albrecht Lohrbächer resümiert: „Da wir uns in unserer Arbeit in Israel und auch hier seit Jahren regelmäßig mit falschen Aussagen, mit nationalistischer Theologie (à la Deutsche Christen) und als Folge davon mit der daraus entstandenen Hetze gegen Israel und der systematisch betriebenen Delegitimation Israels durch Mitri Raheb auseinandersetzen (müssen), kann ich dieser Ehrung wegen nur Widerspruch einlegen“, berichtet Sahm Israelnet.

Poltische Inhalte religiös aufgeladen
Die Tätigkeitsfelder von Pastor Raheb sind neben seinem Missionierungsprojekt in Bethlehem, das seinem Selbstverständnis nach Christinnen und Christen zum „Bleiben und zur Rückkehr in ihre (!) Stadt“ ermuntern soll, die evangelische Gemeinde im beschaulichen Markt Schwaben bei München. Schon im Jahre 2005 trug Raheb sich im Beisein des Bürgermeisters in das Goldene Buch der Gemeinde ein. Regelmäßig werden die Grußbotschaften des Geistlichen in der evangelischen Gemeinde verlesen und pünktlich zu Weihnachten seine „Glasengel“ auf der Website der Kirche beworben. Der Werbetext von Raheb zu den Glasengeln macht bereits einen gefährlichen Dreh deutlich. Raheb versteht es nämlich, politische Botschaften religiös aufzuladen:

„Diese Engel sind aus Glas gemacht und zwar aus Scherben weggeworfener Flaschen und aus Glassplittern von Fenstern, die bei der israelischen Invasion von Bethlehem zerstört wurden. Menschliche Hände suchten sie aus Schutt heraus. Von den Ärmsten der Armen der Bethlehemer Region wurden sie gesammelt […] Die zerbrochenen Glasstücke sind ein Zeichen der Zerbrechlichkeit und der Verwundbarkeit der Welt. Es ist der Grund der Fleischwerdung Gottes.“

Dass ausgerechnet Raheb zur Verständigung zwischen Christen, Juden und Moslems ausgezeichnet werden soll, ist verwunderlich, weil der palästinensische Pastor in der Regel keinen Zweifel bestehen lässt, darüber, dass er das Christentum allen anderen Religionen voran für die moralisch überlegene Religion hält. Nach seinen „Erfahrungen bei der 2. Intifada“ fasste Raheb bei einer Buchvorstellung in Markt Schwaben zusammen: „Was uns als Christen von den Juden und Muslimen unterscheidet, ist das Gebot der Friedensliebe“, ist der Website der christlichen Gemeinde zu entnehmen. Im Rahmen eines Sonntagsgottesdienst in Bethlehem gab der Pastor einer deutschen Reisegruppe außerdem zu verstehen: „Ich hoffe auf einen islamischen Reformator, der unsere Mitmenschen von ihrer Angstreligion befreit.“ (Seite 14)

„Uns [selbst] zu Opfern zu machen, ist zu wenig“ (Raheb)
Rahebs starke Bindung zu Markt Schwaben bei München hat er Pfarrer Karl-Heinz Fuchs zu verdanken, Oberhaupt der evangelischen Gemeinde im Örtchen. Sie beide sind leitende Funktionäre im Förderverein Bethlehem Akademie Dar al-Kalima, einer Einrichtung zur Christianisierung des „künftigen Palästinas“. Neben der Errichtung von religiösen Zentren besteht ihre Hauptaufgabe darin, evangelische Gemeindemitglieder aus Markt Schwaben ins „open-air-Gefängnis Bethlehem“ (Weihnachtsgruß Dar al-Kadlima 2010) zu transportieren und tagelang einer sehr einseitigen Beschallung auszuliefern, um ihre Spendenbereitschaft zu fördern. Nach dem ausgiebigen Pflanzen von Bäumen, Märschen entlang dem israelischen Schutzwall, Predigten von Pastor Raheb und Gesprächen mit Suleiman Abu Dayyeh („Historisch gesehen haben wir kein Problem mit Juden. Wir haben ein Problem mit ihrer Politik“ (Dayyeh, Seite 11) sind die Teilnehmenden dann soweit.

In Tagebüchern und Zeitungsberichten veröffentlichen sie nach ihrer Rückkehr die gesammelten Eindrücke ihrer Reise. Israel betreibe eine „schleichende Vernichtung der Palästinenser“, möchte ein Teilnehmer festgestellt haben (Seite 31). „Es ist kaum zu glauben, wie dreist sich die Israeli in palästinensische Gebiete einschleichen!“ berichtet eine andere Teilnehmerin empört dem Markt Schwabener Falken 2010. Rahel-Roni Hammermann kommt hingegen gut weg, weil: „An Roni Hammermann gefällt mir, dass sie versucht, ihrem jüdischen Volk die Missstände klar zu machen“ (Seite 17).

Randnotiz aus aktuellem Anlass: Wulff
Der Verein „Dar al-Kalima“ und der ehemalige Bundespräsident Wulff sind sich angeblich bekannt. Am 30. November 2010 trafen Funktionäre des Vereins auf Wulff in Bethlehem und liefen mit ihm gemeinsam durch die Markthalle, so geht es zumindest aus den Weihnachtsgrüßen des Vereins 2010 hervor. Die „palästinensische Tourismusministerin“ habe in „formvollendeten Deutsch“ übersetzt. Wulffs Tochter Annalena sprach darüber hinaus angeblich im Begegnungszentrum der Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche mit „palästinensischen Fußballerinnen“ über die „Freiheit in Deutschland und Palästina“.

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog, den schon die extrem rechte National Zeitung mit den Worten bedachte, sie könne sich „an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts keinen geeigneteren Fachmann als Prof. Herzog“ vorstellen (Konkret), wird voraussichtlich keine Skrupel haben, den „leisen Friedensstifter“ Raheb mit dem „Deutschen Medienpreis“ zu ehren. Das passt zusammen. Betrüblich ist, dass es wieder erst jüdische Gemeinden sein müssen, die Alarm schlagen. Die Verleihung des Preises „wird von allen als eine Ohrfeige empfunden, die sich um einen interreligiösen und interkulturellen Dialog bemühen“ kommentierte beispielsweise die jüdische Gemeinde Baden-Baden die anstehende Laudatio. Von der regionalen Presse in Markt Schwaben wird hingegen seit nahezu einem Jahrzehnt jede Ungeheuerlichkeit unkritisch abgedruckt, die Pastor Raheb und Pfarrer Fuchs verlauten lassen, sei es im Regionalteil der Süddeutschen Zeitung oder im Münchner Merkur.

Eine peinliche Allianz

Seit vergangener Woche warnt die Fürther Polizei offenbar systematisch Busunternehmen davor, Fahrten zu Antinazi-Demostrationen nach Dresden durchzuführen – beklagt die Gewerkschaft ver.di. Der Polizeisprecher dementiert.


Braunhemden besetzen das Münchner Gewerkschaftshaus am 09. März 1933

Rechtsradikale Gruppen entdecken ihren Hass auf Gewerkschaften wieder. Auch in Bayern häufen sich Aktionen und Hetzschriften gegen Gliederungen der organisierten betrieblichen Interessenvertretung. Beim Neujahrsempfang der DGB Region Oberpfalz mischten sich erneut Neonazis unter die Teilnehmenden – allerdings diesmal ohne Redezeit erwirken zu können. Bei den Gewerkschaften handle es sich um „volksfeindliche“ Organisationen, ist den aktuellen Hetzschriften der Neonazis zu entnehmen; insbesondere bei den Gewerkschaften GEW und ver.di sei eine „massive Unterwanderung des Funktionionärsbereichs durch antideutsche Kreise“ festzustellen, bemängeln die Nazikader. Am 12. Januar erschien ein Beitrag auf dem rechtsradikalen Portal Freies Netz Süd, in dem der Autor seinen Unmut über die Mobilisierungsveranstaltung im Münchner Gewerkschaftshaus gegen den Dresdner Naziaufmarsch ausdrückt. Die Polizeibehörden rief er dabei flehentlich dazu auf, die Anreisenden aus Bayern mit „präventiven Maßnahmen“ zu stoppen.

Polizei blieb offenbar nicht untätig
Ulli Schneeweiß, Stellvertretender Bezirksgeschäftsführer von ver.di Mittelfranken, erhielt nun vom Busunternehmer Werner Nickel aus Zirndorf Nachricht: Die Beförderung Richtung Dresden könne weder am 13. noch am 18. Februar durchgeführt werden, so der Busunternehmer. Als Begründung gab er an, einen Anruf von der Polizei Fürth erhalten zu haben. Die Polizei habe ihm geraten, sich „doch zu überlegen“, ob er die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wirklich transportieren wolle, es sei nämlich „Randale zu erwarten.“ Das geht aus einer aktuellen Pressemitteilung von ver.di Bezirk Mittelfranken hervor. Dem Gewerkschaftsvertreter Schneeweiß zufolge sollen die polizeilichen Warnanrufe bei Busunternehmen systematisch erfolgt sein. Ver.di kündigte bereits an, den vertragsbrüchigen Unternehmer in Regress zu nehmen. Es gelte nun herauszufinden, ob es sich um einen Fürther Alleingang oder um ein konzertierte Aktion der mittelfränkischen oder bayerischen Polizei handelt, so Schneeweiß. Die Fürther Polizei wies indes die Vorwürfe zurück. Der Sprecher der Polizeidirektion Mittelfranken erklärte Nordbayern.de zufolge, es seien lediglich Teilnehmerzahlen bei Busunternehmen abgefragt worden, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Es habe keine Einflussnahme gegeben, betonte der Polizeisprecher.

Bei Rechts und Links beliebt: Christoph Hörstel

Der ehemalige ARD-Redakteur Christoph Hörstel referiert vielerorts, auf dem iranischen Kanal IRIB oder auf Radio Lora, beim deutsch-nationalen „Münchner Stammtisch“ oder auf der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“. Über das Erfolgsrezept eines gefährlichen Demagogen.


Hörstel (links im Bild) ruft zum Marsch aufs Kanzleramt

Wenn der Sender des iranischen Regimes IRIB World Service – Das Deutsche Programm eine deutsche Meinung benötigt, greifen seine Macher regelmäßig auf einen gebürtigen Bremer zurück. Christoph Hörstel liefert dem regimtreuen Organ dann zuverlässig Sendetaugliches, wie beispielsweise letzte Woche in einem Interview zur Münchner Sicherheitskonferenz:

“Deutschland hat seit 2007 durch Frau Merkel – aufgrund amerikanischer Interessen – Israels Sicherheit zur Staatsräson Deutschlands erklärt. Das kann man nur als eine Politik des Hochverrats bezeichnen. So sieht es eine ziemliche große Anzahl Deutscher. Wir haben überhaupt keine Verantwortung für die Sicherheit Israels, auch nicht für das Existenzrecht Israels. So ein kompletter politischer Unsinn.“

„Hochverrat“, „kompletter politischer Unsinn“, das sind markige Worte, doch der Schonwaschgang des ehemaligen Schwergewichts der ARD. Anderenorts kündigte Hörstel bereits an, dass er die „Palästina-Politik der Bundesregierung zertrümmern“ helfen werde, bis sie „in kleinen Stücken am Boden liegt.“ Bei einer Großdemonstration von Verschwörungsfans am 10. September 2011 hielt er eine erschöpfende Brandrede, die heute auf Youtube mit dem Titel: „Deutschlands Helden der Wahrheit (Christoph Hörstel)“ gefeiert wird. In dieser Rede hetzte er eindringlich gegen eine angeblich „verdammt kleine Clique“, der er massenhaft „Verbrechen“ – unter anderem eine Impfstoff- und Lebensmittelverschwörung – zur Last legt.

Tacheles beim „Münchner Stammtisch“
Im Frühjahr 2010 referierte Hörstel beim sogenannten „Münchner Stammtisch“, einem deutlich rechtslastigen Treffen der Münchner Verschwörungsfans, dem bereits einschlägig bekannte Redner wie Michael Friedrich Vogt, Andreas Clauss und Jürgen Elsässer beiwohnten. Vor wenig Vertrauen erweckenden Glatzköpfen gewährte Hörstel dabei Einblicke in seinen „Aktionsplan“: Vom wohlwollenden Beifall ermutigt, kündigte er einen Marsch aufs „Kanzleramt“ an, bei dem man „im entscheidenden Moment“ die Polizei nicht „um Erlaubnis fragen“ werde. Den Vorgesetzten des Verfassungsschutzes drohte er darüber hinaus vorsorglich an, sie „dienstrechtlich“ näher anzusehen, „wenn die Verhältnisse sich ändern“ sowie er der aktuellen Bundesregierung in Aussicht stellte, ihr den „Prozess“ zu machen – was „seinetwegen“ auch in Nürnberg stattfinden könne. Hörstel erklärte den Anwesenden in München auch, dass ein angeblich „sozial unverkraftbarer Ausländeranteil“ in Deutschland ebenfalls von den Verschwörern eingeleitet worden sei.


Größte Sorge: „Kein Krieg gegen den Iran“ (Siko-Proteste 2012)

Der perfekte Mann für die Münchner Friedensbewegung
Wer Hass auf Israel schiebt und der Bundesregierung einen Prozess nach Nürnberger Vorbild – also den Strick – androht, der kann kein schlechter Mensch sein, dachten sich wohl die Verantwortlichen der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“, die regelmäßig parallel zur „Münchner Sicherheitskonferenz“ stattfindet und luden Hörstel 2010 ein, um zur Lage in Afghanistan und Pakistan eine Expertise abzugeben. Diese Veranstaltung konnte im übrigen damit auch die extrem rechte Zeitschrift Blaue Narzisse reinen Gewissens empfehlen. Hörstels Referat bei der sogenannten „Münchner Friedenskonferenz“ ist heute ziemlich genau zwei Jahre her, doch seine Beliebtheit in Kreisen der Friedensbewegung hält an. Vor nur wenigen Wochen, am vorweihnachtlichen 20.12.2011, ging auf dem 68er-Sender Radio Lora wieder ein Interview mit Hörstel über den Äther. Ein Auszug aus dem Ankündigungstext:

In vierzehn Jahren als Nachrichtenredakteur und Moderator hat er einen genauen Einblick erhalten in die Arbeit und hinter die Kulissen der Fernsehanstalten. Heute, als selbstständiger Journalist keinem Sender mehr verpflichtet, kann er hingegen auspacken – und tut dies. Im Interview plaudert er 50 Minuten lang aus dem Nähkästchen und erlaubt Einblicke in eine Welt, die viel mit Manipulation, jedoch wenig mit Journalismus zu tun hat.

Hörstel ist gefährlich, weil er weiß, das Publikum charismatisch, trotz anscheinender ideologischer Differenzen – von iranischen Islamisten über Rechtsradikale bis hin zur Friedensbewegung – auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen: den Hass auf den jüdischen Staat und seine angeblich die Welt beherrschenden Marionetten. Solchen Figuren in die Parade zu fahren, wäre nötig. Doch davon sind nicht nur die Münchnerinnen und Münchner weit entfernt.

Wir weinten vor Freude, …

Schwarzbraun ist die Haselnuss

Die CSU München war seit ihrer Gründung die Skandalnudel unter den Münchner Parteien. Doch machen derzeit weniger die üblichen Amigos von sich reden, sondern die direkten Kontakte der Union ins rechtsextreme Lager. Eine Zusammenfassung der braunstichigen Ausfälle der letzten Wochen.


Kranzniederlegung der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ im Beisein des Innenministers Herrmann (Foto: a.i.d.a)

Vergangenen Mittwoch referierte Detlev Baasch auf einem Kreisverbandstreffen der NPD zum Thema „Geschichte der Treuhand in Mitteldeutschland nach 1990“, berichtete die Süddeutsche Zeitung. „Ich habe noch ein Bier getrunken und bin dann gegangen“, bagatellisierte das langjährige CSU-Mitglied den Vorfall. Baasch ist nebenbei Vorsitzender der „Alten Herren“, einer Vereinigung in die Jahre gekommener Burschenschaftler. Nur wenige Wochen zuvor leistete sich der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, ebenfalls CSU, ein Stelldichein mit der ultrarechten „Burschenschaft Danubia“ und der „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ im Münchner Hofgarten. Der dort abgehaltene „Volkstrauertag“ wurde zuvor zusammen mit besagten Gruppierungen eingeübt, berichtete die antifaschistsiche Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München. Der Name „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ bezieht sich auf eine nationalsozialistische Tapferkeitsauszeichnung. Infolge des Polenfeldzuges verlieh Adolf Hitler persönlich über 7.000 „Ritterkreuze“, allein 438 der SS und Waffen-SS.

Herrmanns Nachgeburten
Parallel hatte die Münchner CSU eine weitere Affaire zu behandeln – den Fall Thomas Schwed. Der Milbertshofener Ortsverbandsvorsitzende und Kreischef der Jungen Union zitierte auf seinem Facebook-Profil Soldatenlieder der Wehrmacht. Außerdem schmückte das sogenannte „Eiserne Kreuz“ seinen Account. Den neuen Vorsitzenden der Jungen Union, Günther Westner, ließ Schwed im besten Freisler-Deutsch wissen: „Wer seine eigenen Ideale verrät, ist ein schäbiger Lump.“ Der CSU-Bezirksverband erstattete Anzeige gegen Schwed, weil dieser darüber hinaus vor Zeugen das Horst-Wessel-Lied abgespielt haben soll. Der offenbar stark nostalgisch veranlagte Politologe der Jungen Union wurde inzwischen von seinen Ämtern enthoben. Schwed habe aber nur „eine kleine Minderheit im Kreisverband“ hinter sich gehabt, erklärte der neue JU-Vorsitzende Westners beruhigend der Süddeutschen Zeitung. Zudem seien seine Beitrage „unter dem Einfluss von Bierkonsum entstanden“, ergänzte der Beschuldigte selbst.

Fahrraddemo schlimmer als Wehrmacht
Vor diesem Hintergrund wirkt die Initiative des CSU Generalsekrektärs Dobrindt, auf ein Verbot der Linkspartei hinzuwirken, nachgerade skurril. Zwar ist der CSU München anzurechnen, dass die Schulterschlüsse mit der extremen Rechten manchmal personelle Konsequenzen nach sich zogen. Dennoch: Auf der unfreiwillig komischen Seite „Bayern gegen Linksextremismus“ haben die Verfassungswächter kaum über mehr Fälle von „Linksextremismus“ in ganz Bayern zu berichten, als von der CSU im gleichen Zeitraum allein in München Klüngeleien mit braunen Zusammenhängen bekannt wurden. Unter den angeblich „linksextremistischen“ Umtrieben hängen an der großen Glocke unter anderem solche, wie eine Fahrraddemo für den Weltfrieden. Zwar ist heute die Münchner Luft noch schweißgetränkt von Kapitalisten und „Kriegstreibern“, als sie vor dieser furchterregenden Fahrraddemo Schutz suchen mussten. Doch ob die „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ daneben wie ein Wohlfahrtsverband zu behandeln ist, bleibt zweifelhaft.