„Mein ganzer Zorn steckt drin“ II

Wenn sich der millionenschwere Gesamtstammtisch vor die Geräte schart, um ein Destillat Dummheit „aus der Anstalt“ einzunehmen, wenn die vox populi aka Urban Priol oder Erwin Pelzig ihre Fernsehpredigten halten und die Massen ihr dumpfes Haha darauf geben, ihre als Lust getarnten Gehässigkeitsgesten kollektivbrüllen, dann wird so ein Fernsehabend in Deutschland gemeinhin als Begegnung mit mutigen Kabarettisten verstanden. Die Message der Volkstribune ist dabei nicht erst seit dem Scheibenwischer die immergleiche: „Die da oben“ führen den kleinen Mann von der Straße – also den auf dem Fernsehsessel – am Geldbeutel herum und lassen aus Bosheit Kinderleichtes kompliziert erscheinen. Eine der beliebtesten Figuren im deutschen Satire-Zirkus, einer, der das allgemeine Bedürfnis nach Ressentiment mit herausragender Halsschlagader versinnbildlicht, ist der terrible Simplificateur Georg Schramm. Das vermeintlich Alter Ego Lothar Dombrowski, die Karikatur eines preußischen Generals, turnt – den Lederhandschuh immer stramm am Bauchgefühl führend – den deutschen Spießer vor. Aber anders als Gerhard Polt, der sich zumindest die Mühe macht, den bayerischen Dimpfel gegen den Dimpfel selbst zu wenden, poltert Schramm uppig eigene Gesinnung, die sich ansonsten nur in Netz-Kloaken wie Infokrieg Bahn bricht.

Eine Opposition am Abgrund
Einen Beleg für den abgestürzten Geisteszustand der Opposition in Deutschland lieferte diese Tage Twitter, als Mitglieder der Piratenpartei nach dem Rücktritt des letzten Bundespräsidenten den Schramm am selben Tag dermaßen zur neuen Einheitskartoffel ausriefen, dass #Schramm zeitweise auf Platz vier der Twitter Tweets rangierte und sich Teile der Linkspartei nicht entblödeten, dasselbe zu fordern. Einen Platz in den Herzen der Freigeister sicherte sich Schramm wohl nicht zuletzt mit seiner Brandrede gegen Zinsknechtschaft und Geldverleiher bei einer Veranstaltung der „99 Prozent“ im Frankfurter Bankenviertel. Angestachelt vom bereits erwähnten kalten Haha des bürgerlichen Subjekts wünschte Schramm den Bankangestellten erst das „Arbeitslager“ (Minute 9:20), dann konkret den Selbstmord (Minute 11:50) und schlussendlich den Henker (Minute 12:50) an den Hals („Ich bin Kabarettist, ich darf das“). Warm erinnerte sich Schramm hingegen an eine Zeit, als „Päpste noch nicht mit der Macht liiert“ gewesen seien und „gegen den Zinswucher gepredigt haben.“

Rehabilitation alter Kampfbegriffe
Totgeglaubter Nazijargon wie „Zinsknechtschaft“ (Minute 0:40) und „Hochfinanz“ (Minute 15:10) geht Schramm leicht über seine preußischen Generalslippen, findet mittels vermeintlicher Satire somit wieder Eingang in Fernsehzimmer, Massenveranstaltungen und Tischgespräche. Dass Schramm – wenn nicht gar ein Anhänger von Gottfried Feder („Deutscher Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“) – mindestens ein Anhänger der wahnsinnigen gesellschen Freiwirtschaftslehre ist, gab er bereits kund. Kürzlich stiftete der vielgerühmte Klartext-Redner den schweizer Verschwörungsopfern von „We are change“ ein Interview und weissagte angebliche Pläne der „Orthodoxen“ und der „militanten Siedler“ und des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu überhaupt. Sie kommen gut voran, die „Falken auf beiden Seiten“, deren „erklärtes Ziel“ Armageddon sei, die letzte Schlacht in Jerusalem, so Schramm. In einer vergangenen Sendung tönte er noch ganz anders, da bewegte sich sein ebenfalls halluzinierter Masterplan für den Nahen Osten noch einzig im Kontext des „Endkampfes um das eurasische [Öl]Becken.“ Keine Phantasie scheint zu abwegig, um das Offensichtliche umzulügen. In selbiger Sendung wiederholte Schramm auch die fäkal reproduzierte Falschmeldung der Politsekte „Arbeiterfotographie“, wonach die Vernichtungsdrohungen Ahmadineschads in Richtung Israel nur Übersetzungsfehler seien (Minute 1:00).

Die Angreifer sitzen in Jerusalem und Manhattan
Mitverantwortliche des Weltuntergangs sitzen also in Jerusalem, aber wie man weiß, sind die Feinde der kleinbürgerlichen Freiheit nicht nur dort, sondern seit jeher global – vor allem in den USA, konkret in New York – unterwegs . Und deshalb verortet auch Schrammchen, der ohne diesen Dienst an der Volksseele vermutlich deutlich weniger gefeiert wäre, die „Angreifer“ beim „Treffen in Manhattan“ im „Dauerabnutzungskrieg gegen Euroland“ um „faule Kredite in die Länder“ einzuschleusen. Ein schöner Bundespräsident wäre Schramm also schon, ein passender zumindest, weil er ein Wutbürger ersten Ranges ist, einer, der gerne hasst, wenig weiß und zu allem eine Meinung hat – wie sein Publikum.

Weiterführendes:
Die Qual der Wahl