Karl Marx und die Juden.

Um die anerkennenswerte Arbeit des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (Abwehrverein) zu würdigen, werden künftig in diesen Blog mit Abstand ausgewählte Schriften der Abwerblätter übertragen und zitierbar gemacht. Der Aufschlag: In einem Beitrag aus dem Jahre 1927 nimmt der Sozialdemokrat Eduard Bernstein Karl Marx in Schutz, aus dessen Aufsatz „Zur Judenfrage“ Antisemiten derzeit Fragmente zitierten.

Vorwort: Von den Antisemiten wird gerne im Sinne antisemitischer Beweisführung auf einen Ausspruch von Karl Marx Bezug genommen, der scheinbar judengegnerisch ist. Aus besonderem Anlass hatte sich einer unserer Freunde an den bekannten Marxforscher, Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein mit einer diesbezüglichen Anfrage gewandt. Die Antwort, welche Eduard Bernstein erteilt hat, drucken wir mit von diesem freundlich erteilter Genehmigung ab. Die Schriftleitung.

Von interessierter Seite wird folgende Frage an mich gestellt:

[…]
Ist dieser Aufsatz [Zur Judenfrage] aus irgendwie zeitlichen gebundenen Ereignissen zu erklären? Hat Marx seine Ausführungen irgendwo oder irgendwann ergänzt bzw. wiederrufen?

Hier meine Antwort: Der Aufsatz „Zur Judenfrage“, den Karl Marx in dem ersten und einzigen Heft der von ihm im Verein mit Arnold Ruge herausgegebenen „Deutsch-französischen Jahrbücher“ veröffentlicht hat, war keine programmatische Abhandlung von ihm, sondern die kritische Besprechung von zwei Abhandlungen Bruno Bauers über die Judenfrage. Marx rekapituliert darin wiederholt Darlegungen Bruno Bauers, ohne sie durch Anführungsstriche auszuzeichnen, sodass oberflächlich Leser heute leicht vermeinen können, es mit Ansichten von Marx zu tun zu haben, während dieser sie im weiteren Verlauf des Aufsatzes selbst kritisiert.

Nun fehlt es im Aufsatz freilich auch nicht an abfälligen Äußerungen über die Juden, die unmittelbar von Marx selbst herrühren. Mit Bezug auf sie darf aber zunächst nicht außer Betracht gelassen werden, dass der Aufsatz noch der frühesten Periode des Sozialisten Marx angehört, wo dieser sich noch nicht mit eigenen Untersuchungen ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Natur befasst hatte und daher in verschiedenen Punkten von Voraussetzungen ausging, die er später als irrig selbst verworfen hat. So glaubte er zum Beispiel, dass Deutschland auf einem Stand der Entwicklung angelangt sei, wo nur noch die mit allem Alten radikal aufräumende Revolution erwartet werden könne, und schreibt denn auch in dem gleichen Heft in dem gleichen Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie“:

“In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich, als die Emanzipation von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren“

Es ist klar, dass demjenigen, der von dieser Auffassung ausging, Teilrevolutionen als sehr nebensächliche Dinge, Bewegungen für politische Reform wie die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden, als irreführend bzw. aussichtslos erscheinen mussten, und dass es ihm daher nichts verschlug, an ihnen eine Kritik zu üben, die ihn als grundsätzlichen Gegner erscheinen ließ. Dazu kommt, dass Karl Marx als der Sohn eines getauften Juden aufgewachsen war und schon deshalb von dem Juden keine gute Meinung hatte. So nur war es möglich, dass dieser scharfsinnige Geist das Judentum als ein Ganzes nach der Schablone der handvoll jüdischer Großfinanziers und der jüdischen Händler kennzeichnete, die selbst in Deutschland nur eine Minderheit dessen Juden waren – von Russland und Polen ganz zu schweigen – und ganz unberücksichtigt ließ, dass selbst die große Mehrzahl der jüdischen Handelsleute, die mit dem Ranzen auf dem Rücken gebückt über Land zogen, doch auch nur proletarische Existenzen waren, für die es grausamer Hohn war zu schreiben:

“Welches ist der praktische Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.“ „Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher.“ „Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Aber Marx beschränkte sich indes nicht darauf, den Juden ein verhältnismäßig großes Stück Verantwortung für die Ausbreitung des Schachers und der Geldherrschaft in der modernen Gesellschaft zuzuschreiben. Er hob zugleich hervor, dass diese moderne Gesellschaft selbst den Schacher und das Geld zur Herrschenden Macht erhoben habe. Im gleichen Aufsatz schreibt er:

“Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert. Indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Aus ihren Eingeweiden erzeugt die christliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Von dieser Auffassung aus konnte Marx den Aufsatz mit den Sätzen abschließen:

“Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der (so begriffene! Anm.: Eduard Bernstein) Jude unmöglich geworden, weil sein Bewusstsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“

Aus dieser stark deduzierenden Sprache in unsere heutige volkstümliche Sprache übersetzt heißt das: Die Verwirklichung des Sozialismus macht dem, was man heute die Judenfrage nennt, ein Ende.

Da damals selbst die konservativen Elemente Deutschlands noch nicht auf jene Stufe der Verlogenheit herabgesunken waren, die heute die Hauptmasse der sich antisemitisch oder völkisch nennenden Revolutionäre kennzeichnet, ist es auch, soweit mir die Literatur bekannt ist, keinem von ihren Wortführern eingefallen, den Marx’schen Aufsatz gegen Bewegungen für die staatsbürgerliche Gleichheit von Juden ausschlachten zu wollen. So hat er denn auch keine politische Polemik von irgendwelcher Bedeutung hervorgerufen, und so ist auch Marx nicht auf ihn zurückgekommen und hat ihn der Vergessenheit überlassen. Sein tieferes Eindringen in die sozialen Zusammenhänge ließ Marx erkennen, dass die bestimmende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Gebiet der Produktion zu suchen ist, und ihrer Erforschung galt fortan sein Studium.

Er arbeitete den Plan einer von dieser Erkenntnis ausgehenden Geschichtsbetrachtung aus, die er, nachdem er mit Friedrich Engels Freundschaft geschlossen, gemeinsam mit diesem zu einer Geschichtsauffassung vervollkommnet, die von ihnen materialistische Geschichtsauffassung genannt worden ist, und das klassische Produkt ihrer Zusammenarbeit, das Ende 1847 verfasste Manifest der Kommunistischen Partei, spricht eine ungleich klarere, jedes Missverständnis ausschließende Sprache. Es beschäftigt sich nicht mit der spintisierenden Auslegung von ideologischen Begriffen, sondern mit der Feststellung der Entstehung und den materiellen Lebensbedingungen von Gesellschaftsklassen, ihren Gegensätzen und Kämpfen, und den geschichtlichen Ergebnissen dieser Kämpfe. Das schloss eine Behandlung der Judenfrage, wie sie in diesem Aufsatz geschah, aus. Um mit Marx zu reden, nur Narren und Schufte können durch herausgerissene Sätze aus ersteren dessen Sinn fälschen und den großen Theoretiker des Sozialismus zum Kronzeugen für Demagogie herabwürdigen, der das Wirken von Marx als Politiker nie das kleinste Zugeständnis gemacht hat.

Erschienen in Abwehrblätter – Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin 21. Februar, 1927