Münchens Partyzone gegen „Endzeit-Rabbis“

Die Punkrock-Urgesteine Joe Masi und Murena werden kommenden Mittwoch nicht im Bunker „Herr Hotter“ auftreten. Die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“ entpuppte sich nämlich als ein Projekt des Münchner Verschwörungstheoretikers Wolfgang Eggert. Und das war nicht einmal ein gut gehütetes Geheimnis.


Eggert bei der Vorstellung des Portals DorianGrey

Der Club „Herr Hotter“ im Zentrum Münchens zog nach seiner Eröffnung schnell die Aufmerksamkeit der Münchner Party-Avantgarde auf sich. Im Hochbunker aus dem Jahre 1942 mischt sich der Charme des Improvisierten mit morbider Betonromantik; zudem ist die verwinkelte Immobilie bis zu ihrem Verkauf nur kurze Zeit bespielbar – die Veranstaltungen tragen Namen wie „Schutzraum-Übung“ oder „Bunker-Alarm“ – die perfekten Zutaten also, um den Röhrenjeans-Mainstream neben dem Röhrenjeans-Mainstream zu begeistern. Seit kurzem gastiert dort Mittwochs auch die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“. Was viele Gäste bislang offenbar nicht wussten: Hinter der Veranstaltung „DorianGrey“ verbirgt sich wenig überraschend das gleichnamige Online-Portal von Wolfgang Eggert und Felix Vogl. Die neue Internetadresse richtet sich an ein junges Publikum, kommt laut Macher „Tabulos – Unangepasst – Spannend – Jung“ daher, das Logo „DG“ erinnert zudem stark an die Modemarke „Dolce und Gabbana“.

Tatsächlich lassen sich auf dem Portal DorianGrey zahlreiche Beiträge von einschlägigen Blogs der verschwörungstheoretisch beseelten „Truther“ finden, wie zum Beispiel von „Alles Schall und Rauch“ oder „The Thruthseeker“ – gemischt unter Meldungen klassischer Nachrichtenagenturen. „Das fehlte unheimlich in der Trutherszene“, gab Chefredakteur Eggert vor zirka einem Monat dem verschwörungstheoretischen Portal „Infokrieg“ bekannt, „gemischte Nachrichten“. Sein Plan sei demnach: den Blogs eine Öffentlichkeit verschaffen und langfristig aus den Werbeeinnahmen von DorianGrey finanzieren, erklärte Eggert Infokrieg seinen Masterplan im eineinhalbstündigen Interview.

Was [die Deutschen] ausmacht, wo sie herkommen
Vor wenigen Wochen stellten Eggert und sein Kompagnon Vogl die Plattform erstmals vor – u.a. auch auf den Münchner Medientagen, wo offenbar jede Gruppierung ausstellen kann, die zahlt. Die Onlinezeitung soll „Lust beim Lesen“ machen und neben dem, was in den Medien nur „unzureichend gespiegelt“ würde – weil „die Lobbies Einfluss nehmen“ – sind auch „hübsche Jungs und hübsche Mädchen“ im Angebot. „Die einfachen Menschen in Europa brennen nicht mehr“, das soll sich ändern, beschrieb Eggert die Zielsetzung des Portals bei der Vorstellung. Vogl nannte seine Hauptmotivation :

„Ich bin eines morgens zur Arbeit gefahren und musste eine Litfasssäule von Bushido sehen und dachte mir, das kann doch nicht unsere Kultur sein. Ich will die Leute wieder zu dem bringen, was sie ausmacht, wo sie herkommen. Man sollte nach Paris fahren können, man sollte da keinen McDonalds antreffen, keinen HM, sollte ein Baguette essen können, man sollte einen Franzosen sehen. Ich habe Angst, dass irgendwann alles gleich ist, dass man überall nur das Selbe sieht.“

„Endzeitliche Kräfte“
Zwischen Vogls dumpfer Hoffnung auf eine vermeintliche Reinheit der Kulturen und dem gängigen ethnopluralistischen Rassismus der sogenannten Neuen Rechten passt kaum ein Blatt. Noch deutlicher wird Eggert. Der laut EsoWatch bereits durch zahlreiche antisemitische Veröffentlichungen bekannte Autor vermutet chronisch die jüdischen Chassidim hinter einer angeblichen „Weltordnung“. Im Interview für Infokrieg bewarb er vor nur wenigen Wochen sein Werk „Israels Geheimvatikan“. Eggert aktualisierte dabei die bei „Truthern“ momentan sehr beliebte Armageddon-Theorie, wie sie auch der Kabarettist Georg Schramm vertritt. Die Theorie besagt, dass diverse religiöse Gruppen, vor allem aber die jüdischen Chassidim, auf einen dritten Weltkrieg hinsteuern wollen. Der Showdown soll der Theorie nach in Jerusalem stattfinden. Im Gegensatz zum Kabarettisten Schramm weiß Eggert aber schon, wer als Sieger hervorgehen wird: „Am Ende gewinnen die Chassidim und es verlieren die Völker.“ Jüdische Verbände forschten derzeit nämlich an Massenvernichtungswaffen, die „alle vernichten, außer die, die ein jüdisches Gen haben.“ (Minute 56) Auch der israelische Ministerpräsident Netanjahu lasse sich von den „Endzeit-Rabbis beraten“, behauptet Eggert bei Infokrieg. Die für das Weltgeschehen kaum bedeutende religiöse Gruppierung der Chassidim habe laut Eggert aber nicht nur die heutige „Weltordnung“ und morgen den 3. Weltkrieg zu verantworten, sondern leitete darüber hinaus auch gestern identitätsstiftende Anschläge ein, orakelte er in Minute 40 des Interviews:

„In dem Moment, wenn Israel in Frieden ist, wird Israel auf kurz oder lang liberalisiert und säkularisiert, die Menschen werden zu normalen(!) Menschen. Nur Druck, Außendruck, schweißt ein Volk zum Äußersten zusammen, das war schon immer so gewesen – was das Judentum anbelangt hat. Es ist interessant zu beobachten, wenn man anschaut, als das Judentum, die Israeliten Palästina unter den Römern verlassen haben. Immer dann, wenn es zu Vermischungsprozessen (!) gekommen ist, wenn sich die Masse der Israeliten, die auf der Wanderschaft waren, begonnen hat, sich mit den Umgebungsvölkern zu verbrüdern und in die Umgebungsstrukturen und Gesellschaften aufgenommen zu werden, immer dann kam ein furchtbarer Anschlag, immer dann kamen die größte Pression. Und diese Pressionen wirkten wie Schäferhunde, die die Herde zusammenhalten.“

Münchens verschlafene Avantgarde


Eggert im Interview mit „Infokrieg“: „Aids entstand in einem Genwaffenprojekt“

Dass Eggert und Vogl Zugang zur vermeintlich subversiven Partyszene in München erhielten (die so subversiv ist, dass sogar der konservative Münchner Merkur begeistert davon berichtet), überrascht deshalb, weil die beiden Chefredakteure daraus nicht einmal ein Geheimnis machten. Die Facebook-Site zur Party „DorianGrey im Hotter“ verweist ohne Schnörkel auf das übersichtliche Blog „DorianGrey im Hotter“, das im Impressum die Verantwortlichen Vogl, Eggert und DorjanGrey listet. Ein Klick offenbart auf den ersten Blick die wahnhafte Weltanschauung der Redaktion.

Die Bands Joe Masi und Murena, die am kommenden Mittwoch bei „DorianGrey im Hotter“ die Hintergrundmusik leisten sollten, haben bereits von einem Auftritt Abstand genommen. Es bleibt zu hoffen, dass den Verschwörungstheoretikern der Sprung aus ihren verrauchten Hinterzimmern in Münchens Partylandschaft nicht weiterhin gelingen wird.