Zum 200. Jahrestag der Emancipation

Am 11. März 1912 – kommenden Sonntag vor genau 100 Jahren – begangen Jüdinnen und Juden in Deutschland hoffnungsvoll den 100. Jahrestag der sogenannten Emancipation (1812). Die Festlichkeiten wurden auch in den Abwehrblättern kommentiert. Eine gekürzte und – nach Auschwitz umso mehr – beklemmende Abschrift:

Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Preußen haben das 100-jährige Jubiläum der Judenemancipation festlich begangen. Am 11. März 1812 unterzeichnete Friedrich Wilhelm III. das Edikt, dessen grundlegender Paragraph lautete:

“Die in unseren Staaten jetzt wohnhaften, mit Generalprivilegien, Naturalisationspatenten, Schutzbriefen und Konzessionen versehenen Juden und deren Familien sind für Einländer und preußische Staatsbürger zu achten.“

Vor dem Emancipationsedikt galten die Juden als Fremde im Lande. Sie durften nur einen auf Geldgeschäfte, Pfandleihen und dergleichen beschränkten Handel treiben, waren vom Handwerk fast ganz ausgeschlossen, durften nicht Grundbesitz erwerben, durften nur in sehr beschränkter Zahl und nach besonderer Erlaubnis heiraten; in manchen Orten war ihnen sogar der Aufenthalt gänzlich untersagt. Dagegen hatten sie Sondersteuerlasten zu tragen.

Wenn es nach dem Staatskanzler von Hardenberg gegangen wäre, so würde das Judengesetz nur vier Worte enthalten haben: „Gleich Rechte, gleiche Pflichten.“ Der König aber, der überhaupt kein Freund von Neuerungen war, und mehrere seiner Ratgeber, konnten sich zu einer vollen Gleichstellung der Juden mit den Christen nicht entschließen. Trotzdem war der Erlass des Edikts ein Akt von größter Bedeutung und Tragweite und wurde als befreiende Tat von den Juden mit Jubel begrüßt.

Trotzdem die Juden sich sonach als würdige Söhne des Vaterlandes benommen hatten, wurden ihnen nach den Befreiungskriegen die wichtigsten Rechte wieder entzogen. Es lag dies allerdings an dem allgemeinen reaktionären Zug, der damals in Preußen herrschte und über den die christlichen Bürger sich nicht minder zu beklagen hatten. Das Gesetz vom 23. Juli 1847, das für die ganze Monarchie mit Ausnahme der Provinz Posen galt, brachte eine weitere Regelung der Verhältnisse der Juden, mit der manch Fortschritte verknüpft waren.

Wohl ist in Preußen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden seit mehr als 60 Jahren in der preußischen Verfassung garantiert, wohl hat die Verfassungsbestimmung des Norddeutschen Bundes vom 3. Juli 1869, die dann von der Verfassung des Deutschen Reiches übernommen wurde, den Juden die volle Gleichberechtigung zugestanden.

Aber wer wolle behaupten, dass die Juden die gewährleisteten Rechte wirklich zuteil werden? Obgleich die Juden auf allen Kulturgebieten den Wettbewerb mit den Christen mit Erfolg aufgenommen und die hervorragenden Leistungen auszuweiten haben, obwohl sie auf den böhmischen und französischen Schlachtfeldern ihr Blut für das Vaterland vergossen haben, wird ihnen beständig und systematisch durch gesetzwidrige Verwaltungswillkür vieles vorenthalten, was die Verfassung ihnen zusichert. Von zahlreichen öffentlichen Ämtern und von Offizierkorps sind sie grundsätzlich ausgeschlossen, bei Besetzung anderer Stellen müssen sie sich die kränkenden Zurücksetzungen gefallen lassen. Mit einem Worte: Die volle Gleichberechtigung steht nur auf dem Papier.

Freilich ohne harten Kampf gegen die rückschrittlichen Mächte werden die Juden die volle Gleichberechtigung, in deren Besitz ihre Glaubensgenossen in anderen zivilisierten Ländern sich schon längst befinden, nicht erringen. Gerade der Gedenktag der Emancipation sollte die Juden anspornen, Schulter an Schulter mit ihren freiheitlich gesinnten christlichen Mitbürgern den Kampf mit frischen Kräften fortzuführen. Möge in nicht zu ferner Zeit der guten Sache der Sieg beschieden sein.

Erscheinen in: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin 13. März, 1912.