Archiv für April 2012

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Am 29. April 1945 befreite die US-Armee, angeführt von Colonel Felix Sparks, die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Dachau. Am nächsten Tag marschierte die US-Armee in München ein.


Dachau, 29. April 1945

Alle Klassen gegen Israel

Wie in vielen anderen Städten wurde in den letzten Tagen auch in München eine Veranstaltung mit Vertretern der „Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas“ und der Jugendorganisation der „Palästinensischen Volkspartei“ beworben. Ein Wort über die Umstände.


Blutfahne der „Palästinensischen Volkspartei“

Am 13. Mai 1974 gelang drei Aktivisten der „Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas“ (DFLP) getarnt in IDF-Uniformen der Weg über die libanesische Grenze. Im israelischen Ma‘alot angekommen, klopften sie wahllos an Türen und erschossen die erstbeste Familie, die ihnen öffnete. Sie machten sich weiter mordend auf zur Netiv Meir Schule und nahmen 83 Schüler und Lehrkräfte als Geiseln. Als die IDF das Gebäude stürmte, feuerte einer der Aktivisten mit einem Maschinengewehr auf die eingesperrten Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Dann, von den Treffern der IDF bereits gezeichnet, warf er noch zwei Granaten auf eine Gruppe am Boden liegender Mädchen. Die Parteigenossen ermordeten bei ihrer Aktion insgesamt 22 Schülerinnen und Schüler.

Das sogenannte Ma‘alot-Massaker der DFLP hielt die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und ihre Jugendorganisation (SDAJ) nicht davon ab, diese Tage eine Vortragsreise mit Khaldoun Halalo, einem Vertreter der DFLP, zu organisieren. Motto: „Palästinensischer Frühling?! Der Kampf um die palästinensische Unabhängigkeit geht in die nächste Runde.“ Halalo tourt noch bis zum 1. Mai quer durch Deutschland. Er hält seinen Vortrag auf Deutsch.

Die nationalen Sozialisten der „Palästinensischen Volkspartei“
Mit dabei ist Amin Juaidi, leitendes Mitglied der Jugend der „Palästinensischen Volkspartei“ (PPP). Die PPP verortet sich links, doch sie unterscheidet sich in vielen Punkten von den deutschen Nationalsozialisten nur sehr wenig. Die Analogien beginnen schon bei der Fahne, die wie die „Blutfahne“ der NSDAP einen weißen Kreis auf rotem Hintergrund zeigt, nur anstelle des Hakenkreuzes tritt eigene nationalistische Symbolik. In einer Verlautbarung der Partei aus dem Jahre 2008 steht:

Ja zur nationalen Einheit. Ein tausendfaches Nein zur Spaltung. Ruhm und Ewigkeit allen Märtyrern und Freiheit für alle Gefangenen. Vereinigt alle Klassen um der Aggression […] entgegenzutreten. Führt den Kampf weiter…

Die Vereinigung aller Klassen zur Phalanx gegen Jüdinnen und Jüdinnen, nicht der Klassenkampf im traditionellen kommunistischen Sinne ist das Ziel der „Palästinensischen Volkspartei“. Jüdinnen und Juden haben – egal welcher Schicht sie angehören – auf der Seite der Guten keinen Platz. Und dieser Kampf soll mit scharfer Munition geführt werden, so legt es zumindest die Facebook-Bildergalarie der Partei nahe, die auch palästinensische Kämpfer mit Maschinengewehren zeigt. Ein Auftritt der beiden Parteigenossen in Bremen letzte Woche wurde auf der Seite von E.M. Imhoff dokumentiert. In Bremen warb der Mann der DFLP laut Bericht für den Boykott aller israelischer Waren, um u.a. den „israelischen Kapitalismus“ und Kugeln für palästinensische Kinderköpfe nicht zu unterstützen (was zynisch anklingt, nicht nur angesichts der Parteigeschichte der DFLP). „Nennt mich einen Rassisten, aber das glaube ich!“, soll Khaldoun Halalo dazu gesagt haben.

Münchner Querfront
In München fand die antizionistische Veranstaltung der DKP München laut Ankündigung am 23. April im EineWeltHaus statt. Sie wurde unter anderem von der „Antikapitalistischen Linken München“ (ALM) beworben, einer Vorfeldorganisation der DKP. Die ALM fiel in der Vergangenheit durch ihre Bemühungen auf, wieder mehr junge Menschen für die in die Jahre gekommenen Protestemärsche gegen die Münchner Sicherheitskonferenz zu mobilisieren. Beworben wurde die zweifelhafte Veranstaltung u.a. auch vom antizionistischen Verein „Salam Shalom“ der den Termin auf seiner Website als „hochinteressant“ anpries. Der Verein hat derzeit gleicherorts auch ein Youtube-Video mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer („Volksinitiative gegen das Finanzkapital“) zum Thema Günter Grass eingebunden (Faksimile der Website). Auch die SDAJ München stellte sich in der Debatte um die Veröffentlichung „Was gesagt werden muss“ hinter Günter Grass.

Weiterführendes:
Bericht aus Bremen

Die verbleibenden Termine:
28. 4. Frankfurt am Main, 18.00 im Gewerkschaftshaus, Willi-Richter- Saal, Wilhelm-Leuschner-Str. 69 – 77
1. 5 Bonn, 14.00 Beteiligung am Internationalistischen Maifest auf dem Schulhof der Marienschule (!!!), Heerstraße 92

Aufstand der Zuständigen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Bayern hat eine bemerkenswerte Broschüre über Rechtsextremismus veröffentlicht. Es müsse auch darum gehen, „selbstkritisch in die eigene Mitgliederschaft zu blicken“, schreibt der Vorsitzende des DGB Bayern, Matthias Jena, im Vorwort.

Rechtsradikalismus hat in Bayern Hochkonjunktur. In absoluten Zahlen ist Bayern laut Umfragen das deutsche Bundesland, in dem die meisten Menschen mit einer rechtsextremen Einstellung wohnen. Es existiert ein nahezu flächendeckendes Netz der „Freien Kameradschaften“. In mancher Region konnte sich die NPD als bekannte und akzeptierte Partei etablieren. Auf sechs Seiten stellt Robert Andreasch vom a.i.d.a.-Archiv gewohnt pointiert die Entwicklungen der extremen Rechten in der aktuellen Broschüre „Rechtsextremismus in Bayern“ dar, die sich vor allem an Gewerkschaftsmitglieder und Funktionäre richtet. Neben den Strategien der NPD beschreibt Andreasch kursorisch die „Bürgerinitiativen“, die Kameradschaften, das „Freien Netz Süd“ sowie die morbiden Kampagnen „Unsterblich“ oder „Volkstod“. Sogenannte rechtspopulistische Strömungen wie das maßgeblich in Bayern betriebene Portal „PI-News“ und die Partei „Die Freiheit“ fehlen in der Darstellung ebensowenig, wie kritische Spitzen in Richtung Mehrheitsgesellschaft.

„DGB-Arbeiterverräter“
Robert Günthner setzt sich in seinem Beitrag hauptsächlich mit der wachsenden und gegen die Gewerkschaften gerichtete Aggression auseinander: die zunehmenden Störaktionen der Neonazis von Demonstrationen am 1. Mai, die „Wortergreifung“ auf Gewerkschaftstagen oder die öffentliche Diffamierung und Bedrohung von einzelnen Mitgliedern, die gegen die braunen Aktivitäten in Erscheinung treten. Günthner kündigt an: „Der DGB Bayern wird das nicht hinnehmen und dagegen vorgehen.“ Es bedürfe einen „Aufstand der Zuständigen“, so Günthner weiter, womit er in den Gewerkschaftswald hineinruft, in der Hoffnung, dass es zumindest irgendwie ähnlich hinaus schallt.

„Nur starke Individuen sind solidaritätsfähig“
Die zweite Hälfte der 32-seiten starken Broschüre wurde von Wolfgang Veiglhuber verfasst. Der pädagogische Mitarbeiter des DGB Bildungswerks bietet seit einigen Jahren eine in ökonomie- und ideologiekritischen Kreisen geschätzte Seminarreihe (2011|2012) an. Veiglhuber zitiert aus zwei Studien von infratest dimap (1998) und der FU Berlin (2005) wonach zweitere ergeben habe, dass „gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ohne abgeschlossene Berufsausbildung doppelt so häufig rechtsextrem eingestellt sind wie unorganisierte Arbeiter mit demselben Bildunsgrad.“ Das gleiche Verhältnis sei bei Angestellten in Verantwortungspositionen festgestellt worden. Der Beitrag enthält einen plausiblen Punktekatalog, eine Empfehlung, wie Rechtsextremismus sowie der Denke Marke „Sarrazin und Co.“ innerhalb und außerhalb der Gewerkschaft entgegengetreten werden könnte. Es gehe unter anderem auch darum, Individualismus zu fördern.

Dringend ans Herz gelegt
Im Abschnitt „vom ’schaffenden‘ und ‚raffenden‘ Kapital“ breitet Veiglhuber für Kritikerinnen und Kritikern der politischen Ökonomie Bekanntes aus, Erkenntnisse, die sich aber hartnäckig nicht zu verbreiten scheinen, weswegen die Passage abschließend ungekürzt zitiert wird. Die Broschüre hebt sich in Summe positiv von vielen anderen Veröffentlichungen zum Thema ab, in denen wahlweise „Wir“, die „bunte Stadt“ – oder am Ende noch – „anständige Deutsche“ keine Nazis sind, das Problem also ausschließlich im vermeintlich gegenüberliegenden Lager vermutet und die ideologische Mitwirkung keiner Selbstreflexion unterzogen wird.

Vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital
Die NPD und die Neonazis sprechen nie von Kapital (von Lohnarbeit, wie aufgezeigt, ohnehin nicht), sondern wahlweise von „Großkapital“, vom „Finanzkapital“ oder von „ökonomischer Monopolpolitik“. Weil sie den Gesamtzusammenhang von Lohnarbeit, Kapital, Mehrwert, Profit, Akkumulation, Kredit und Zins völlig außer Acht lassen, kommen sie über einen „vulgären Antikapitalismus“, der mit rationaler Kapitalismuskritik nichts zu tun hat, nicht hinaus. So gelten ihnen Unternehmen, die grenzüberschreitend agieren, als „vaterlandslose Gesellen“ und ist ihre gesamte Rhetorik in dieser Hinsicht verbunden mit antisemitischen Stereotypen. Die als negativ erachteten Seiten der Ökonomie (Kredit, Geld, Zins) werden dem angeblich weltweit agierenden Judentum zugeschrieben. Das „deutsche schaffende“ Kapital (gut!) wird dem international agierenden „raffenden jüdischen“ Kapital (schlecht!) gegenübergestellt.

Die angebliche Gier und Unersättlichkeit bestimmter Menschengruppen, die Zockermentalität und andere moralisch verwerfliche menschliche Eigentschaften sollen es sein, die die Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht haben. Der Kapitalismus kommt dabei glänzend weg und wird jeglicher Kritik enthoben. Jeder wirkliche Zusammenhang wird ausgeblendet, es erfolgt nicht eine rationale Bestimmung auch nur einer einzigen ökonomischen Kategorie.

Kritikern der Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit rechtem Gedankengut nichts zu schaffen haben, sei dringend ans Herz gelegt, einmal darüber nachzudenken, warum es Nazis so leicht fällt, sich an bestimmte Bewegungen mit teiweise denselben Begrifflichkeiten anzubiedern. Es ist zu reflektieren, wie eine rationale Analyse und Kritik an ökonomischen Entwicklungen auszusehen hat, die eben nicht unabsichtlich Instinkte derjenigen mit bedient, die gesellschaftliche und ökonomische Probleme personalisieren und dabei über „Heuschrecken“ und „den Juden“ analystisch nicht hinauskommen.

Weiterführendes:
Die Broschüre im PDF Format

Aber danke für die Datteln

Der groß angekündigte „Globale Marsch nach Jerusalem“ war ein Flop. Ein kleiner Mob zündete Molotow-Cocktails am Checkpoint vor Bethlehem; im Gaza-Streifen randalierten die Üblichen. Auch die Solidaritätskundgebung in München am „Tag des Bodens“ fiel eher familiär aus. Ein ergänzter Bericht von David Zeller.


„Heut‘ treff ich Bischoff Tutu, und drück ihm seine Schnut zu“ („Die Kassierer“ – Punkrocker und Tutu-Kritiker)

Viele Organisationen, auch die Islamische Republik Iran, hatten zum „Globalen Marsch nach Jerusalem“ mobilisiert. Auf dem Münchner Radiosender Lora warb Evelyn Hecht-Galinski für die Teilnahme. Sie behauptete in der Sendung, Jerusalem „verkommt immer mehr zur jüdischen Stadt.“ In Deutschland fanden letztendlich aber nur überschaubar besuchte Solidaritätsveranstaltungen statt. In Stuttgart wurde eine Kundgebung am Platz der Opfer des Nationalsozialismus organisiert, in Göttingen trafen sich die Protestierenden geradewegs vor der örtlichen Synagoge, um gegen die „Judaisierung Jerusalems“ vorzugehen. Im Vorjahr hatten in München u.a. schon das „Nationale BDS-Komitee“ (Boykott, Desinvestition und Sanktionen), der antizionistische Verein „Salam Shalom“ und die Palästinensische Gemeinde München zur Mahnwache am „Tag des Bodens“ (30. März) aufgerufen. „Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seinem Recht auf Selbstbestimmung über das Land seiner Vorfahren“, lautete die Forderung im Aufruf zur Kampagne letztes Jahr.

„Das palästinensische Volk braucht Deine Solitarität!“


Einstudierte Rührseligkeit am Infostand 2012

Dieses Jahr kündigte die Palästinensische Gemeinde München die Solidaritätskundgebungen am „Tag des Bodens“ ohne viel Vorlauf an. Auf Facebook erschien erst am 29. März ein kurzer aber wortgewaltiger Aufruf, um dem Tag zu gedenken, an dem sich die „Palästinenserinnen und Palästinenser im Kernland des historischen Palästinas gegen die Beraubung und Enteignung ihrers Landes durch Israel erhoben haben.“ Insbesondere um die „heilige Stadt“ gehe es ihnen, heißt es, und: „Das palästinensische Volk braucht auch Deine Solitarität!“ Die Israelitsche Kultusgemeinde München warb hingegen auf ihrer Website dafür, gerade an diesem Tag des organisierten antisemitischen Furors Solidarität mit Israel zu üben, was von Münchnerinnen und Münchnern sowie lokalen Medien allerdings nicht bemerkt werden wollte.

Zwei Stunden Spuk

Am 31. März 2012, einen Tag nach dem „Marsch“ versammelten sich also zirka vierzig Friedensfreunde und jene, denen ein kritisches Wort zur Hamas nicht passiert, am Sendlinger Tor, um gegen eine „ethnische Säuberung“ Jersualems und „den israelischen Kolonialismus“ zu protestieren. Es vereinigten sich unter der Palästinafahne auch Mitglieder des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“, der Deutschen Kommunistischen Partei und der Linkspartei. Kinder säumten wohlplatziert – mit Intifadaschals, Buttons und Palästinafahnen bestückt – das Schauspiel; die aufgestellten Schilder mit Bildern von weinenden Kindern und zerstörten Häusern sollten nahelegen, dass an diesem Ort und Tag Widerspruch bereits unmenschlich ist. Wie im Vorjahr schon wurden Flyer verteilt, die zum Boykott israelischer Produkte aufriefen. Die lauthals vorgetragene Forderung eines Fanatikers, israelische Produkte generell zu boykottieren und alle Firmen anzuzeigen, die aus jüdischen Siedlungen auf vermeintlich palästinensischem Boden importieren, wäre ohne eine Tüte süßer Datteln aus Galiläa kaum auszuhalten gewesen. Zwei Stunden dauerte das grimmige Mienenspiel und der Spuk nahm ein Ende.

Weiterführendes:
Film zur Mahnwache

Abschiebung nach Teheran: des iranischen Regime deutsche Zuarbeiter

Er trug im Dienst ein T-Shirt mit der Aufschrift „Sheriff Gnadenlos“. Bis zu seiner Entlassung im Februar 2012 traf der Angestellte der Erlanger Ausländerbehörde jahrelang Entscheidungen zum größtmöglichen Nachteil von Flüchtlingen. Der Iraner Ali H. wurde 2007 seinetwegen zurück in den Folterstaat Iran abgeschoben. Doch mit einem filmreifen Ausbruch gelang dem Opfer Erlanger sowie Teheraner Zustände ein Comeback. Ein gekürztes Interview mit Ali H. – in seinem Taxi:

Ali, du hast 1995 in Hessen deinen Asylantrag gestellt. Wie kamst du nach Erlangen?

Zuerst wurde ich nach Chemnitz verteilt, zusammen mit zwei anderen Iranern. Das war nicht so gut, kurz nach der Wende, in der ehemaligen DDR. Bevor ich nach Erlangen kam, war ich noch ein Jahr in Plauen, das ist in der sächsischen Provinz. Schließlich hat mein Bruder, der schon längere Zeit in Erlangen lebte, einen Antrag gestellt. So begann die Geschichte hier in Erlangen. Ich warte – ich schwöre bei Gott, ich schwöre bei Jesus – auf den Tag, an dem ich aus Erlangen weggehen kann, das wird mein bester Tag. Der einzige Grund, warum ich noch hier bin, ist meine 77-jährige Adoptivmutter. Seit fast 17 Jahren bin ich hier, aber Ruhe habe ich überhaupt nicht. Jede Sekunde habe ich Angst vor der Polizei – ohne dass ich irgendetwas gemacht hätte. Ich werde andauernd kontrolliert. Das ist Schikane.

Was ist hier in Erlangen passiert?

Mein Asylantrag wurde mehrmals abgelehnt. Ich versuchte es aber immer wieder, vielleicht hätte es ja irgendwann geklappt. An einem Freitag im Sommer 2007 bin ich dann zur Ausländerbehörde Erlangen, um mir eine Reisegenehmigung ausstellen zu lassen. Die brauchte ich, um für meinen Asylfolgeantrag legal nach Chemnitz, zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, fahren zu können. Der zuständige Beamte (Anm.: S. Gnadenlos), hat sich allerdings geweigert, mir eine solche Genehmigung auszustellen. Er wies mich an, am darauffolgenden Montag wiederzukommen. Am Sonntag klopfte es um zwei Uhr nachts plötzlich an meiner Wohnungstür. Ich habe die Tür aufgemacht, und sofort haben sie mich gepackt, wie einen Verbrecher. Dann wurde ich in Unterhose und mit angelegten Handschellen aus meiner Wohnung rausgezogen. Sie brachten mich aufs Polizeirevier in Erlangen in eine Zelle im Keller. Ich bin dort gesessen, ohne Schuhe, ohne alles, nur in der Unterhose.

Und dann wurdest zu abgeschoben. Wie lief die Abschiebung ab?

Ich bin von Frankfurt am Main aus abgeschoben worden. Auch am Flughafen saß ich in einer Gefängniszelle. Ich habe die ganze Zeit geweint, ich war total sauer. Irgendwann kamen auch die Leute vom Flughafen-Sozialdienst. Sie sagten, sie kämen, um mich zutrösten. Ich sagte ihnen: „Wenn Sie mir nicht helfen können, bitte verschwinden Sie, ich will keinen Trost, ich werde bald abgeschoben.“ Insgesamt sind vier Beamte mit nach Moskau geflogen. Nach einer Nacht in Moskau wurde ich nach Aserbaidschan geflogen. Am Teheraner Flughafen inhaftierten mich gleich wieder Beamte. Sie haben mich in ein Büro mitgenommen. Sie schlugen mich, ohne Vorwarnung, mehrmals mit der geballten Faust auf den Hinterkopf. Nach zwei Wochen in Teheran haben sie mich in eine Stadt im Süden, am Persischen Golf, gebracht.

Wie lange warst du dort inhaftiert?

Da war ich dann insgesamt sechseinhalb Monate. Mein Bruder hat mich mehrmals besucht und immer wieder Sätze gesagt, wie „in drei, vier Tagen scheint die Sonne, du wirst deine Ruhe haben.“ Ich habe ihn nicht verstanden, denn es war Winter. Aber das war der Code für meine anstehende Befreiung.

…die zum Glück, in Teilen, offenbar gelang…

Auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht haben er und seine Helfer dann einen Unfall inszeniert und mich in ein bereitgestelltes Fluchtauto gesetzt. Mit dem wurde ich direkt zum Persischen Golf gefahren, von wo ich, untergebracht im Kellerraum eines Schiffes, nach Bahrain gelangte. Die Flucht hatte meinen Bruder 25.000 Euro gekostet. In Bahrain gab mir der Schlepper einen Anzug und Schuhe. Das war alles ganz neu, ganz elegant. Von Bahrain bin ich Anfang März 2008 direkt nach Frankfurt am Main geflogen.

Wie kommt Ali H. wieder in Erlangen an? Und wie reagiert „Sheriff Gnadenlos“? Das und mehr ist nachzulesen im aktuellen Hinterland-Magazin, Schwerpunkt Abschiebung.

Ostermarsch in München

Lesung des Grass-Gedichts „Was gesagt werden muss“ auf der Abschlusskundgebung (youtube), vorgetragen von Jürgen Jung.

Antizionismus auf Rezept

Die westliche „Israelkritik“ ist zunehmend gekennzeichnet von einer pathologisierenden Sprache. Jonathan Yudelman, Dozent für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jersualem, kommentierte diese Entwicklung in der Jerusalem Post vom 1. April 2012 – am Beispiel der britischen Wochenzeitschrift The Economist. Seine Kritik ließe sich aber ebenso gegen die Süddeutsche Zeitung wenden. Eine hoprige und leicht gekürzte Übersetzung aus dem Englischen von Schlamassel Muc


Freud hätte die Polizei gerufen: Graffito am Strand zwischen Jaffa und Tel Aviv

Der Hass auf den jüdischen Staat floriert so unendlich facettenreich, dass es die meisten Zionistinnen und Zionisten schon lange aufgegeben haben, nachzuvollziehen, was ihre Gegnerschaft wirklich antreibt. Wenngleich bei zeitgenössischen Antizionistinnen und Antizionisten eine Gemeinsamkeit auszumachen ist, die Annahme nämlich, Israel sei krank, hochgradig krank, nachgerade im Delirium, mit nur einer hauchdünnen Chance auf Genesung. Hinlänglich bekannt sind inzwischen die beharrlichen Auslassungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der Israel ein „Krebsgeschwür“ nannte, das von der Landkarte zu streichen sei. Die geistreichen Analysen der westlichen Antizionistinnen und Antizionisten sowie von ihren israelischen Gesinnungsgenossen aber bedienen sich nicht weniger einem Jargon aus der Pathologie.

In einer Lobeshymne auf David Grossman’s Novelle aus dem Jahre 2010 bemerkt das Magazin The Economist zustimmend, dass „Fieber nicht nur ein Symptom von physischer Erkrankung ist. Fieber ist die Beschreibung des bestehenden Staates Israel.“ Diese Auffassung teilt auch die kanadische Autorin Margaret Atwood, die nach einem Kurzbesuch in Israel befinden mochte, das Land lebe unter einem „Schatten“ der selbst verursachten Paranoia. „Umso schlechter die Palästinenserinnen und Palästinenser im Namen dieser Ängste behandelt werden, umso größer wächst der Schatten an, und die Ängste wachsen mit ihnen; und die Rechtfertigung für ihre Behandlung multipliziert sich“, diagnostizierte Atwood.

„Auschwitz-Komplex“
In zahlreichen Artikeln und Blogs über Israel war beim Economist in den letzten Jahren hauptsächlich von pathologischen Befunden die Rede – oftmals begründet mit psychoanalytischen Methoden. In einem Blogeintrag mit dem tatsächlichen Titel „Auschwitz-Komplex“ präsentierte ein Psychoanalytiker letzten Monat seine neueste Diagnose: „Nachdem sie sich in einen Todeskampf mit der palästinensischen Bevölkerung verstrickt haben – dessen sie sich nicht bewusst sind bzw. nicht daraus befreien können – projizieren die Israelis nun die Ursache ihrer Angst auf ein weiter entfernteres Ziel: den Iran.“ Den Verfassenden zufolge sei Benjamin Netanyahu und seiner Iran-Politik eine manifeste „Ghetto Mentalität“ anzumerken.

Während persische Doktoren harte Maßnahmen in Erwägung ziehen, pflegen ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen eine eher therapeutische Sprache. Die westlichen Doktorinnen und Doktoren geben vor, ihren Patienten retten zu wollen. Aber wenn das so ist, muss etwas furchtbar falsch gelaufen sein. Denn ihr Verhalten gegenüber ihrem Patienten deutet eher auf eine offene Feindschaft hin.

Diasporistischer Antizionismus
Im Jahre 2006 stellten persische Doktoren fest, dass das „zionistische Regime bald von der Bildfläche getilgt … und die Menschheit damit befreit sein wird.“ Dieser Idealismus – so bizarr und wahnsinnig er auch sein mag – sagt einiges über die Motivation des iranischen Antizionismus. Aber was treibt ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen an? Die Psychoanalyse ist offenbar nicht das Einzige, was westliche Antizionistinnen und Antizionisten aus jüdischen Quellen übernommen haben. Vor allem hängen sie am „Diasporismus“ – einem Ideal, das in religiöser und säkularer Form daher kommt. Es beinhaltet, dass das jüdische Volk einer ethischen Mission Folge zu leisten habe, die nur zu erfüllen sei, wenn es auf allerhand Nationen verteilt ist.

Und wenn es um die jüdische Diaspora geht, kann sich The Economist keinen Lobgesang verkneifen: Von einer „glanzvollen kosmopolitischen Welt der europäischen Vorkiegsjuden“ ist da die Rede, „jenen Schreibern, Denkern und Künstlern, die noch das heutige Europa prägen.“ Der Kontrast zwischen Israel und der Diaspora könnte nicht größer sein. „Es war der jüdischen Politik immer etwas innerlich… eine angsterfüllte Xenophobie und Bigotterie, aber das ist keine Eigenart, die bei den meisten Jüdinnen und Juden in der Diaspora auszumachen ist.“

Verharmlosung von Antisemitismus
Eine der Raisons d‘être des Zionismus ist es, verfolgten Jüdinnen und Juden eine Heimat zu bieten. Deshalb leugnen Autorinnen und Autoren vom Economist angestrengt, dass es wieder gefährlich werden könnte. Ein Blockeintrag trägt beispielsweise den lehrmeisterhaften Titel „Es gibt nur einen Holocaust.“ Ein anderer verharmlost einen etwas langatmigen Artikel vom Magazin Der Spiegel über den wiedererstarkenden Antisemitismus in Ungarn. Diasporistische Antizionistinnen und Antizionisten können sich nicht überwinden, Antisemitismus anzuprangern, weniger weil sie antisemitisch sind, sondern weil sie einfach nicht anders können. Und was nicht länger bestritten werden kann, wird dem Zionismus selbst angelastet: „viele Muslime hassen Israel, und seitdem Israel der jüdische Staats ist, weitet sich ihr Hass auf alle Jüdinnen und Juden aus.“

Diasporismus nimmt Israel notwendig als eine Fehlentwicklung an. In historischer Reinform behauptet dieser, dass die göttliche Mission der Jüdinnen und Juden nicht mit Eigenstaatlichkeit kompatibel sei. Es erscheint eigenartig, dass gerade viele westliche Intellektuelle von diesem Ideal so stark beseelt sind, wenngleich sie nicht einmal jüdisch sind. Es ist nicht auszuschließen, dass jüdische Diasporisten beim Economist und anderswo von Menschen benutzt werden, die eigentlich eine andere Agenda verfolgen.

Der eigentliche Therapiebedarf
Höchstwahrscheinlich ist es aber die unverwüstliche Überzeugung westlicher Liberaler, dass die Konfrontation mit islamistischen Kräften vermieden werden kann, wenn sie am Diasporismus festhalten. Dem Zionismus die weltweite Aggression von muslimischen Kräften anlastend, sind sie weiterhin der Überzeugung, dass das islamistische Kriegsgeschrei sie nie bedrohen wird. Ihr gesamtes Weltbild ist gefangen in derlei Verdrängung und Projektion. Die westlichen Antizionistinnen und Antizionisten hätten demnach einen Therapieplatz viel nötiger als Zionistinnen und Zionisten. Aber sie sollten von ihnen nicht die Art Hilfe erwarten, die sie selbst so freizügig anbieten. Anders als westliche Intellektuelle, interessieren sich Zionistinnen und Zionisten nicht so furchtbar viel für Psychoanalyse. Sie ziehen leben und leben lassen vor. Und wenn sich das als unmöglich herausstellen sollte, lehrte ihnen die Geschichte, sich für den Kampf zu rüsten.

Mit dem Bus nach Aarhus

Viele fanden sich nicht ein, beim ersten kryptofaschistischen „European Counter-Jihad-Meeting“ in Dänemark; gerade mal 150 sollen es gewesen sein. Ein Bus reiste eigens aus München an. Mit von der Partie: der PI-News Autor Michael Stürzenberger – mit Israelfahne. Dabei hat selbst die konservative Jerusalem Post nicht viel für die Rassisten übrig und kommentiert das Treffen in Dänemark mit Sorge.


Jerusalem Post: Treffen von Rassisten, bekannt u.a. durch gewaltätige Übergriffe

Ein Artikel zur Münchner Beteiligung beim „European Counter-Jihad-Meeting“ ist auf den Seiten der antifaschistischen informations- dokumentations- und archivstelle münchen erschienen.