Tumult im Gasteig: Jüdische Studierende lassen sich den Mund nicht verbieten

Beim Auftritt der arabischen Knesset-Abgeordneten Haneen Zoabi im Münchner Gasteig kam es am Freitag zu tumultartigen Szenen. Der „Verband Jüdischer Studenten in Bayern“ hatte zuvor Proteste angekündigt. Ein parteiisches Protokoll des Abends:

„Wieso darf ich hier nicht fotografieren? Haben sie etwas zu verbergen?“, beschwert sich ein Fotograf, als er kurz vor Beginn der Veranstaltung Hausverbot erteilt bekommt. Das kenne er ansonsten nur von der NPD, kommentiert er seinen Rauswurf aus dem städtischen Kulturzentrum. Der große Saal im Münchner Gasteig ist ausverkauft, eine Journalistin des Bayerischen Rundfunks schneidet mit. Der „Verband Jüdischer Studenten in Bayern“ hatte im Vorfeld eine Pressemitteilung verfasst und Proteste gegen Zoabi angekündigt. Tatsächlich sind junge Menschen im Publikum, was für Veranstaltungen im Rahmen der „Palästina Tage“ ungewöhnlich ist. Fuad Hamdan vom „Palästina Komitee“ eröffnet den Abend mit Danksagungen an die Petra Kelly Stiftung und an das Münchner Kulturreferat für deren freundliche Unterstützung. Lange Zeit habe die andere (Anm.: jüdische) Seite in Deutschland ein „ziemliches Monopol auf Meinung“ gehabt, das ändere sich aber allmählich, so Hamdan einleitend.

Wie der Staat zum Heimatland kam und was er sodann sprach
Zoabi hält einen zirka einstündigen Vortrag, der sich um den Zustand der Demokratie in Israel rankt. Laut Zoabi geht ein jüdischer Staat und ein demokratischer Staat nicht zusammen, da eine jüdische Bevölkerungsmehrheit nur mit undemokratischen Mitteln durchgesetzt werden könne. Die arabischen Israelis seien die besten Indikatoren, an denen die Demokratie in Israel gemessen werden muss. Der jüdische Staat kenne aber nur zwei Gesetzmäßigkeiten: „Maximal Land mit minimal Palästinensern“. Die „Vertreibung der Palästinenser“ wird von Zoabi einerseits als ein kontinuierlicher Prozess beschrieben, der von 1948 bis heute andauere, andererseits versuche Israel, die israelischen Araberinnen und Araber vom „Palästinensischen Volk“ zu separieren, indem der Staat ihnen ihre „Identität als Palästinenser“ nehme. Sie schließt ihren Vortrag mit: „Israel ist ein rassistischer Staat per Definition, mit dem wir uns nicht versöhnen können. Es ist ein Staat, der zu meinem Heimatland kam und gesagt hat, das ist das Land der Juden.“ Das Publikum goutiert den Vortrag mit lautem Beifall.

Der „politische Terrorismus“ der jüdischen Studierenden
Die zirka ebenfalls einstündige Debatte ist vorerst geprägt von Fragen der jüdischen Studierenden im Publikum, die einer vorsichtigen Schätzung nach in etwa zu zwanzigst erschienen sind. Schon ihre ersten Fragen an die Referentin kommentiert das Publikum mit Gelächter und Zwischenrufen. Zoabi weigert sich, manche Fragen zu beantworten. Auf die Frage beispielsweise, wie sie über das gleichberechtigende Vorhaben denke, dass in Zukunft alle Israelis – also auch alle arabischen Israelis – Militärdienst leisten sollen, gibt die Referentin keine Antwort. Das Ignorieren der Fragen erregt den Unmut der Studierenden. Gleichsam steigert sich Zoabi, die mittlerweile Teile ihres Kostüms von sich geworfen hat, immer stärker in die Verbalradikalität: „Schritt für Schritt wird Israel weniger demokratisch, Schritt für Schritt wird Israel immer faschistischer!“ ruft sie und reagiert auf den folgenden kritischen Zwischenruf einer Studentin harsch mit: „Du bist auch eine faschistische Person!“ Die strafrechtlich relevante öffentliche Beleidigung führt nicht zu einer Zurechtweisung Zoabis. Es folgen Forderungen aus dem Publikum, die Studentin solle unverzüglich den Raum verlassen. „Das ist ein Indikator für politischen Terrorismus! Was sie hier machen, ist ein tägliches Beispiel in der Knesset“, wirft Zoabi den Studierenden an den Kopf.

Vom Haupt- und Nebenterrorismus
Der laute Applaus des Publikums treibt die Knesset-Abgeordnete weiter an: „Es ist so hässlich, Gaza zu bombardieren […] und zu behaupten, die Hamas sei eine terroristische Vereinigung. Der Hauptterrorismus in der Region ist die israelische Politik und die Besatzung“, sagt sie. Ihre Stimme hat sich mittlerweile schrill gefärbt, auf dem Stuhl hält es Zoabi schon länger nicht mehr. Den Zwischenrufen der Studierenden, die diese und ähnliche Aussagen nicht unkommentiert im Raum stehen lassen wollen, wird seitens des Publikums mit „Seien Sie ruhig da oben!“, „Halt die Klappe!“, „Ruhe!“, „Keiner will sie hören!“, „Raus!“ oder krachledern mit „Hoit amoi dei Mei!“ begegnet. Doch die Studierenden sind nicht still.

Zur deutschen demokratischen Pflicht
Zoabi weicht vielen der Fragen aus und berichtet stattdessen von einem Vorhaben. Israel möchte 800.000 Beduinen aus der Negev-Wüste „konfiszieren“, um sie zu „konzentrieren – erinnern sie sich – zu konzentrieren! In einem speziellen Gebiet.“ Nach der deutlichen Anspielung auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager wirf ein Besucher ein, Zoabi solle doch gleich aussprechen, dass sie die Israelis für die neuen Nazis halte. Zoabi: „Israel betreibt eine rassistische und faschistische Politik, das ist die richtige Beschreibung.“ Dann gibt sie dem Publikum noch einen Rat in Sachen Antisemitismus mit auf den Weg:

„Eure Pflicht als Europäer, als Deutsche, ist, nicht auf die politische Erpressung einzugehen. Wann immer ihr die Unterdrückung oder Besatzung der Israelis kritisiert, dann nennen sie euch antisemitisch. Genauso machen sie es in Israel auch. Das Wichtigste ist, nicht darauf einzugehen. Seid nicht empfindlich! Das ist eure Pflicht gegenüber der Demokratie!“

Der seltsame Apartheidstaat
Ein jüdischer Student steht auf, hält ein Plakat mit einer Abbildung von Salim Joubran hoch und sagt: „Ich nehme mir jetzt das Recht raus, hier zu sprechen. Sie bezeichnen Israel als rassistischen Staat? Das ist Salim Joubran. Er ist Richter am obersten Gericht in Israel!“ Eine weitere Studentin steht auf und zeigt ebenfalls ein Plakat: „Ich frage sie, kennen sie Nawaf Massalha? Er war stellvertretender Außenminister in Israel!“ Es folgen zirka acht weitere Plakate mit prominenten arabischen Persönlichkeiten aus israelischer Politik und Kultur. Es kommt zu tumultartigen Szenen. Das Publikum versucht, die Jüdinnen und Juden niederzubrüllen, einige springen auf und gestikulieren wild. Eine Frau singt immer wieder „Free, free Palestine!“ Zoabi filmt die Szene demonstrativ mit ihrem Smartphone ab. Die Protestierenden verlassen den Saal. Fuad Hamdan schickt ihnen hinterher: „Sie geben ein gutes Bild von ihrer Demokratie!“

Ein Resümee, das muss gesagt werden
Die Veranstaltung „Haneen Zoabi – eine Palästinenserin in der Knesset“ gab vor allem ein gutes Bild über den Zustand des Münchner Kulturreferats ab. Zur Münchner Kultur gehörte viele Jahrhunderte lang, nicht mit sondern über Jüdinnen und Juden zu sprechen und jede Dämonisierung jüdischer Gesellschaften gelten zu lassen. Die Förderung der „Palästina Tage“ durch die Stadt kann als Ausdruck eben dieser münchnerischen Kontinuität angesehen werden, die sich in den letzten Jahren wieder verstärkt Bahn bricht.

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