Blonder Engel auf Talfahrt

Wie ein Pfarrer die Proteste von Flüchtlingen in der Bayernkaserne erstickte. Eine Nachschau von Caspar Schmidt, erschienen im aktuellen Hinterland-Magazin.


Häufig kaputt: Die „Kochgelegenheiten“ in der Bayernkaserne (ehemals General-Wever-Kaserne), errichtet 1938.

Die Regelung des Asyls obliegt heute im Wesentlichen dem Staat. Die Elendsverwaltung der aus den Ruinen der Weltmärkte Geflüchteten und in europäischen Lagern Kasernierten wird aber zu großen Teilen von kirchlichen Trägern besorgt – in München zum Beispiel von Pfarrer Herden. Dieser heuerte vom bayerischen Trostberg aus bei der Inneren Mission in München an. In Trostberg wurde er aus seiner Funktion als Seelsorger der Christusgemeinde noch mit dem üblichen Spektakel verabschiedet, das sich die bayerische Provinz gemeinhin leistet, wenn sich Würdenträger aus Kirche und Politik ein Stelldichein geben. Der Dekan lobte den scheidenden Pfarrer als einen, der sich eindeutig auf die Seite derer stelle, die zum Leben zu wenig haben. Der Bürgermeister Trostbergs beklagte, er vermisse Typen, wie es sie früher einmal gegeben habe; Herden sei aber ein solcher. Ein „blonder Engel“ sei er, bezeugte ein Pfarrerkollege.

Angekommen in München
Mit ihren „Migrationsdiensten“ ist die Innere Mission München 2011 hoffnungslos überfordert. Sie verwaltet das Zwischenlager für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Bayernkaserne und der Zustand vor Ort wird jeden Tag unerträglicher. Das Lager ist überfüllt, die Jugendlichen sind weitgehend auf sich allein gestellt. Es gibt kaum Betreuung tagsüber und nachts patrouilliert ausschließlich Security. Es fehlt an Kochgelegenheiten, Duschen und Waschmaschinen. Zwei Tage im Monat fließt kein Wasser. Das Essen ist schlecht und reicht zur Ernährung nicht aus. Am Samstag, den 7. Januar 2012, treten zirka dreißig minderjährige Flüchtlinge der Bayernkaserne in den Hungerstreik.

Pfarrer Herden taucht als Verantwortlicher der Inneren Mission auf und spielt den Fall vor der Presse herunter. Der Zustand in der Bayernkaserne sei gewiss „nicht ideal“, es gehe schon „eng zu“, aber von einer Katastrophe würde er nicht sprechen, so Herden. Man werde sich alsbald zusammensetzen, um über „ihre Probleme“ zu reden. Am Dienstag, den 10. Januar, findet das angekündigte Gespräch der Flüchtlinge mit dem Jugendamt der Vertretung der Regierung von Oberbayern und Pfarrer Herden statt. Direkt nach dem erwartungsgemäß erfolglosen Zusammensitzen schließen sich dreißig weitere Flüchtlinge dem Hungerstreik an. Herden versucht, einzelne Akteure unter Druck zu setzen, nimmt sich Sprecher der Afghanen zur Seite und suggeriert, es sei allein ihre Schuld, wenn beim Hungerstreik jemand stribt.

Die Chuzpe bayerischer Provinzfürsten
Am Mittwoch, den 11. Januar, lässt die Regierung von Oberbayern auf ärztlichen Rat hin etwa zwanzig Hungerstreikende in ein Krankenhaus einweisen. Diese waren dazu übergegangen, weder Nahrung noch Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Herden übernimmt die Pressearbeit und weiß just von „einigen Flüchtlingen“ zu berichten, die schon wieder Nahrung zu sich nehmen würden. Presse und Unterstützerorganisationen wird der Zugang zu den Flüchtlingen verweigert, den Minderjährigen das Verbot auferlegt, mit Journalistinnen und Journalisten zu sprechen. Ein offizieller Besuch des Münchner Ausländerbeirats wird auch nach mehreren schriftlichen Anfragen abgelehnt. Zur Begründung beruft sich die Regierung von Oberbayern auf die Einschätzung der Inneren Mission München, wonach die Jugendlichen „vor allem der Ruhe bedürfen“, was dem Wunsch der Flüchtlinge nach mehr Ruhe in der Bayernkaserne Rechnung trage. Ein Sprecher der Flüchtlinge dementiert, aber es hilft nichts.

Am 16. Januar erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Herden. Es pflanzt zwischen den Meldungen „Die letzte Nacht im Rausch“, „Küchenhelfer rammt Polizeiauto“ und einer Eigenwerbung der Süddeutschen mit dem Titel „Große Abenteuer für kleine Racker“. Herden meint in diesem Interview, „Wenn Gandhi in den Hungerstreik tritt, weiß er, was er tut“, die Forderungen der Minderjährigen seien hingegen zu „unspezifisch“. Und schlussendlich redet er Tacheles: „Durch den Umstand, dass die Betreuungsstellen in der Bayernkaserne zu hundert Prozent von der Landesregierung refinanziert werden, bin ich hier loyal und weisungsgebunden. Ich handele im Auftrag der Regierung von Oberbayern […].“

Wieder Ruhe im Karton
Am Abend des 16. Januar wird eine Delegation der minderjährigen Flüchtlinge in einem fünfstündigen Treffen mit Vertretungen des Sozial- und Kultusministeriums, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, des Jugendamts, der Regierung von Oberbayern sowie der Inneren Mission dann endgültig rund gemacht. Sie beenden ihren Hungerstreik, nur ein kleiner Bruchteil der Forderungen wird erflüllt. Am 7. März findet noch einmal ein „runder Tisch“ statt. Das Jugendamt stellt im Gespräch klar, dass die „Zeiten des Wunschkonzerts“ nun vorbei seien. Pfarrer Herden schließt die Sitzung mit dem Hinweis, dass Gespräche das einzig effektive Instrument seien: „Worte helfen, Fäuste und Messer nicht“, so Herden.

Die Täter-Opfer-Umkehr des Pfarrers Herden, der sich seiner Charaktermaske der Regierung von Oberbayern nicht schämt, und deren Zermürbungsstrategie er mit frommen Sprüchen garniert, ist das kuriose Ende des Trauerspiels. So als ob die Phalanx aus Kirche und Staat von den Jugendlichen mit Fäusten und Messern angegriffen worden sei und nicht umgekehrt, die Flüchtlinge mit Psychoterror, Stahlbeton, Enge, Mangelernährung, Security und im Widerstandsfall mit konkreter Polizeigewalt eine permanente und manifest gewalttätige Zumutung erfahren würden. Selbst ihre Stimmen wurden ihnen während des Hungerstreiks abgeschnürt. Pfarrer Herden übernahm für sie das Sprechen. Das Leben in der Bayernkaserne ist so trist als wie zuvor. Wer solche Fürsprecher hat, braucht keine Feinde mehr.

Erschienen im aktuellen Hinterland-Magazin „Ich weiß, was gut für dich ist“.
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