Was ist Deutschtum?

Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus zeigte sich über den erstarkenden Chauvinismus in Deutschland besorgt. Im August 1912 erinnerte ein Artikel an Zeiten, als selbst Konservativen noch ein antideutscher Ton auskam. Die gekürzte Abschrift der Artikels endet mittendrin, nicht zufällig.

In der antisemitischen Phraseologie spielt das Schlagwort: Erhaltung des reinen Deutschtums eine beträchtliche Rolle. In der Tat ist die Pflege echt deutscher Gesinnung zu würdigen. Es soll doch – nach dem Wort des Dichters – die Welt am deutschen Wesen genesen. Nur eine kleine aber nicht unwichtige Vorfrage ist noch ungelöst: Was ist Deutschtum? So oft man sich von berufener und noch mehr von unberufener Seite bemüht hat, das Wesen des Deutschtums zu ergründen – eine alle befriedigende Formel wurde noch nicht gefunden. So viel Köpfe, so viel Meinungen. Leider hat es der wachsende Chauvinismus zuwege gebracht, dass das objektive Urteil fast geschwunden ist. Auf dem Jahrmarkt der nationalen Eitelkeiten gilt nur die Stimme der glühenden Lobredner des eigenen Volksstammes; Schwarzseher und Nörgler sind verbannt.

Früher hielten es jedoch auch gut konservative Männer nicht für einen Raub, die Fehler der Volksgenossen zu tadeln. Herder hat das Wort geprägt: Der Nationalwahn ist ein furchtbarer Name und: „[Der Nationalruhm] ist ein täuschender Verführer. Zuerst lobt er und muntert auf; hat er eine gewisse Höhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde. Der Umschlossene sieht im Nebel nichts als sein eigenes Bild, keiner fremden, neuen Eindrücke mehr fähig. Behüte der Himmel uns vor solchem Nationalruhm.“

Wie hältst Du es mit Schopenhauer?
Heute würde Herder von den Fanatikern des Chauvinismus dafür wegen frevelhafter Gesinnung gesteinigt werden. Schopenhauer würde es nicht viel besser ergehen. Schopenhauer sagt in „Parerga und Paralipomena“: „Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausenmal mehr Berücksichtigung als diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Von einem derselben degoutiert, loben wir den anderen, bis es uns mit ihm ebenso ergangen ist. Jede Nation spottet über die andere und alle haben recht.“

Der Königsberger Philosoph des Pessismismus drückte mit diesem herben Urteil eine damals in gebildeten und patriotischen Kreisen weitverbreitete Stimmung aus. Auch Wilhelm von Humboldt äußerte sich ähnlich über die typischen Eigenschaften und Fehler der verschiedenen deutschen Nationalitäten: „In Deutschland liege der Verderb in der undeutschen Art der höchsten Klassen, in dem furchtbaren und elenden Wesen, das man Gesellschaft nennt, in der schlaffen, nicht einmal sich wahrhaft auf Genuss verstehenden Üppigkeit der Lebensart, in der grässlichen Leere des Kopfes und des Herzens.“

„Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“
Ein halbes Jahrhundert später goss Friedrich Nietzsche die volle Schale seines Zorns und Spotts über das Deutschtum aus. Rudolf Kutzmann trug vor wenigen Monaten einige Kraftstellen in der „Deutschen Welt“ zusammen: „‚Deutschland, Deutschland über alles‘ ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist.“ „Für das Deutsche Reich uns zu begeistern, sind wir nicht dumm genug.“ Die Deutschen zeigen „bäurische Gleichgültigkeit gegen Geschmack“. „Die Deutschen halten Schwitzen für den Beweis ihres Ernstes.“ In einer „deutschen Stadt“ ist „alles farblos, abgebraucht, schlecht kopiert“. „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen.“ (Nietzsche)

Kein objektiv Denkender, gleichwohl welcher Nationalität, wird sich das maßlos gehässige Urteil des verbitterten Philosophen über deutsches Wesen zu eigen machen wollen, wie auch niemand den hölderlinschen Schmähungen Deutschlands irgendwelche Bedeutung beigelegt hat. Vielleicht gibt aber unseren aufgeblasenen Renommisten des Deutschums zu denken, dass selbst Paul de Legarde seinen Tadel und seine Mahnungen eigentlich vielmehr gegen das undeutsche Wesen der Deutschen als gegen die Juden richtete: „Jeder uns lästige Jude ist ein schwerer Vorwurf gegen die Echtheit und Wahrhaftigkeit unserer Deutschtums.“ Wären wir Deutsche wirklich Deutsche, so würden wir die Juden hinwegschmelzen, wiederholt er in allen Tonarten!

„Was ist Deutschtum“, erschienen in: „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, 28. August 1912, Berlin, gekürzt.