Archiv für Oktober 2012

Eleganz und Verzic(h)t

Wilhelm von Humboldt hatte Glück, er musste dieses dumme Graffito in der Straße mit seinem Familiennamen nicht ertragen. Sein Tod rettete ihn vor einer erbärmlichen Subkultur, die ihre Kleingeistigkeit an jede Wand der Stadt in Majuskeln kotzt.

Verzicht sollen wir üben, erinnern uns große Lettern an einer Wand der Humboldtstraße in München. Der Wunsch nach Verzicht hat die Buchstabenmaler offenbar schon dermaßen ergriffen, dass sie bei „VERZICT“ auf das „H“ gleich mit verzichtet haben. Das dürfte dem Sprachphilosophen Humboldt gehörig aufgestoßen sein – was uns egal sein kann. Frappant ist, dass die über Jahrhunderte in die Untergebenen hineingeprügelte Anweisung, Verzicht zu üben nämlich, hier in vermeintlich aufständischer Form wieder erscheint.

Wir wollen euren Reichtum nicht, ätschibätsch
Nicht, dass das Verzicht-Paradigma zwischenzeitlich überwunden gewesen wäre. Beten, arbeiten, Fresse halten und den Krams der Nächsten nicht begehren, sind beständige Glaubenssätze. Sie stehen der Forderung nach einem besseren Leben heute wie gestern entgegen. Egal, ob sie von der Kanzel gepredigt oder vom Kanzler eingefordert werden. „Den Gürtel enger schnallen“, hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 gefordert und seine Forderung nochmals 1992 wiederholt. Danach traf es am härtesten die Flüchtlinge in Deutschland, obwohl sich viele keinen belastbaren Gürtel leisten konnten.

Dazugehören ohne Teilhabe
Deutlich zu entziffern ist auch das Wort „Eleganz“. Neben dem Schriftzug „Verzict“ wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, weil bei Verzicht beim Betrachtenden Bilder von Asketen, Nonnen oder Soldaten in Stalingrad aufscheinen dürften, während viele bei Eleganz an Mode, Könige oder schwungvollen Tanz denken. Die Collage ergibt dennoch Sinn, deutet man den Wunsch nach Eleganz hier als gespaltenes, affirmatives Verhältnis zu den Reichen und Schönen, deren äußerlichen Glanz man beneidet, aber deren Reichtum man keinesfalls zu teilen wünscht.

Und dagegen werden diese sicherlich nichts einzuwenden haben. Der Heinrich Mannsche Untertan trieft nahezu aus jeder Fuge der Wand, sodass wiederum das in Vergessenheit geratene „H“ fast wie eine Farbtupfer im angepassten Ganzen erscheint.

Veranstaltungshinweis: Chaim Noll in München

Am Dienstag, dem 16. Oktober, liest der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll im Jüdischen Gemeindezentrum München. Mit seinem jüngsten Werk „Kolja“ portraitiert Noll die heutige israelische Gesellschaft und erzählt dabei „mitreißend und in schöner Sprache kleine Begebenheiten und große Lebensgeschichten“.

Chaim Noll. Foto: Alexander Janetzko
Foto: Alexander Janetzko

Was bedeutet es für den aus Italien eingewanderten Alessandro, dass sich die jüdische Abstammung seiner Mutter nicht klären lässt? Warum ändert der Krieg Michaels Verhältnis zu Henry James grundlegend? Und warum ist in der Wüste mitten im Sommer Weihnachten? Und Kolja? Der stammt eigentlich aus Russland und fällt im Kampf für seine neue Heimat. Was passiert jetzt mit seinem Leichnam?

„Anna wusste fast nichts über Juden oder Israel. Dem Wort Jude haftete etwas eher Unangenehmes an, etwas Düsteres, Mahnendes. Die Juden, die sie von den Fotos in ihren Schulbüchern kannte, waren abgemagerte Leute in gestreiften Anzügen hinter Stacheldrahtzäunen. Oder sie waren tot. Oder sie lebten in Israel, dann wurden sie in das allgemeine Mitgefühl nicht mehr eingeschlossen.“

„Wann wurde je der deutsche Vergangenheitskult, der die Ignoranz gegenüber dem heutigen Israel mit einschließt, prägnanter dechiffriert?“, beurteilt Marko Martin die obige Passage aus „Kolja“ in seiner Rezension für Deutschlandradio Kultur. „Die Eltern der jungen Frau sind übrigens derart entsetzt, dass sie sogleich deren Bruder hinterher schicken – welcher sich dann in selbigem Tel Aviv bald in eine der inheimischen verliebt und ebenfalls im Lande bleibt. Kitsch? Jeder, der Israel nicht nur vom ablehnenden Hörensagen kennt, wird mit ähnlichen Geschichten aufwarten können“, schreibt Martin weiter. „Chaim Noll aber hat sie aufgeschrieben, in einem Chronik-Stil, dessen unprätentiöser Charakter Stringenz und Glaubwürdigkeit sichert.“

Wir sind gespannt.

Die Lesung beginnt um 19:30 und findet in deutscher Sprache statt.

Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro

Anmeldung erbeten unter Telefonnummer (089) 20 24 00-491 oder per Email karten@ikg-m.de .
Karten auch an der Abendkasse erhältlich.

Einige Texte Nolls können auf seiner Homepage heruntergeladen werden.