Eleganz und Verzic(h)t

Wilhelm von Humboldt hatte Glück, er musste dieses dumme Graffito in der Straße mit seinem Familiennamen nicht ertragen. Sein Tod rettete ihn vor einer erbärmlichen Subkultur, die ihre Kleingeistigkeit an jede Wand der Stadt in Majuskeln kotzt.

Verzicht sollen wir üben, erinnern uns große Lettern an einer Wand der Humboldtstraße in München. Der Wunsch nach Verzicht hat die Buchstabenmaler offenbar schon dermaßen ergriffen, dass sie bei „VERZICT“ auf das „H“ gleich mit verzichtet haben. Das dürfte dem Sprachphilosophen Humboldt gehörig aufgestoßen sein – was uns egal sein kann. Frappant ist, dass die über Jahrhunderte in die Untergebenen hineingeprügelte Anweisung, Verzicht zu üben nämlich, hier in vermeintlich aufständischer Form wieder erscheint.

Wir wollen euren Reichtum nicht, ätschibätsch
Nicht, dass das Verzicht-Paradigma zwischenzeitlich überwunden gewesen wäre. Beten, arbeiten, Fresse halten und den Krams der Nächsten nicht begehren, sind beständige Glaubenssätze. Sie stehen der Forderung nach einem besseren Leben heute wie gestern entgegen. Egal, ob sie von der Kanzel gepredigt oder vom Kanzler eingefordert werden. „Den Gürtel enger schnallen“, hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 gefordert und seine Forderung nochmals 1992 wiederholt. Danach traf es am härtesten die Flüchtlinge in Deutschland, obwohl sich viele keinen belastbaren Gürtel leisten konnten.

Dazugehören ohne Teilhabe
Deutlich zu entziffern ist auch das Wort „Eleganz“. Neben dem Schriftzug „Verzict“ wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, weil bei Verzicht beim Betrachtenden Bilder von Asketen, Nonnen oder Soldaten in Stalingrad aufscheinen dürften, während viele bei Eleganz an Mode, Könige oder schwungvollen Tanz denken. Die Collage ergibt dennoch Sinn, deutet man den Wunsch nach Eleganz hier als gespaltenes, affirmatives Verhältnis zu den Reichen und Schönen, deren äußerlichen Glanz man beneidet, aber deren Reichtum man keinesfalls zu teilen wünscht.

Und dagegen werden diese sicherlich nichts einzuwenden haben. Der Heinrich Mannsche Untertan trieft nahezu aus jeder Fuge der Wand, sodass wiederum das in Vergessenheit geratene „H“ fast wie eine Farbtupfer im angepassten Ganzen erscheint.