Das ewige München zeigt wieder Filme

Ende dieses Monats findet im städtischen Kulturbetrieb Gasteig die sogenannte „Israel-Palästina Filmwoche“ statt. Diesmal soll es eine „Werkschau“ von Mohammad Bakri geben, der durch den in Israel zeitweise verbotenen Streifen „Jenin Jenin“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Faktisch stellt diese „Werkschau“ eine zeitlich überlappende Gegenveranstaltung zu den „Jüdischen Filmtagen“ der Israelitischen Kultusgemeinde dar. Dazu der Abdruck einer Rede von Hannes Bollmann, vorgetragen im stillen Kämmerlein.


Antisemitische Figuren auf dem Neuen Münchner Rathaus, gerichtet auf das ehemalige Judenviertel, Foto von 1919

Sehr geehrter Einrichtung, liebe Wand,

bevor ich auf die „Israel-Palästina Filmwoche“ komme, erlauben Sie mir bitte, einige historischen Fakten dieser Stadt ins Gedächtnis zu rufen. Seien Sie unbesorgt, wir werden uns dabei nicht mit dem Nationalsozialismus aufhalten, dessen Auswirkungen auf das Judentum Ihnen noch gut im Gedächtnis sein werden – mir geht es um den Umgang dieser Stadt mit Jüdischem darüber hinaus.

Ende des 12. Jahrhunderts wagte sich der Geschichtsschreibung nach erstmals ein Dutzend Jüdinnen und Juden nach München. Ich sage wagte, da München derzeit keineswegs von edlen Gemütern bevölkert war, sondern von Menschen, auf die der Begriff Elendsgestalten zutrifft. Es entstand ein kleines Judenviertel an der Stadtmauer, das sich heute in ausgezeichneter Lage befände. Direkt hinter dem Neuen Münchner Rathaus verlief die Judengasse, einen Steinwurf von den Touristen entfernt, die täglich das Glockenspiel am Rathaus filmisch einzufangen versuchen.

Nur wenige Jahrzehnte nach der jüdischen Einwanderung sprach sich unter den Münchner Elendsgestalten herum, dass eine alte Vettel unter Folter „gestanden“ haben soll, ein christliches Kind gestohlen und an Juden für einen angeblichen Ritualmord übergeben zu haben. Darauf zog ein aufgebrachter Mob am 12. Oktober 1285 los und drang in die Wohnungen des Judenviertels ein.

Sie plünderten die Habseligkeiten und trieben die Verängstigten zusammen. Die Mehrzahl der Jüdinnen und Juden flüchteten in den Gebetsraum, den die johlende Menge daraufhin von außen verriegelte und mitsamt der Menschen darin abfackelte. Zwischen 100 und 180 Menschen – fast die ganze jüdische Gemeinde – starben in den Flammen. 67 der Namen sind im Memorbuch in Nürnberg als „die Verbrannten von München“ aufgeführt.

Die Münchner Mörderbande und ihre Nachkommen dachten nicht daran, sich für die brutale und umfassende Auslöschung zu schämen. Noch 1902 wurden am Neuen Münchner Rathaus zwei Figuren angebracht, eine Karikatur von einem Juden mit einem Geldsack und seiner Frau mit einem Schmuckkästchen, die vertrottelt auf das ehemalige Judenviertel am Fuße der Nordseite des Rathauses blickten. Die Münchner Bürgerschaft zeigte sich empört über den Ausfall des Architekten Georg von Hauberrisser, aber nicht wegen der antisemitischen Gestalten und der Verhöhnung der Opfer, sondern wegen dem Esel, der sich direkt über den Figuren befand (siehe Bild). Die zionistischen Zeitschrift „Die Welt“ berichtete im September 1902 über die Figuren.

Erlauben Sie mir bitte, auf einen weiteren historischen Fall noch näher einzugehen, weil er so typisch auch für heutige Zeit ist. Ein Kinderleben war in München im Jahre 1345 nicht viel wert, ein uneheliches Kind konnte – wenn man sich geschickt anstellte – zusammen mit dem Hausmüll entsorgt werden und ein zusätzlich ungeplanter Esser kurzerhand in der Isar versenkt. Aber so wie heute der Antisemit beim Thema Schächten plötzlich seine Tierliebe entdeckt, und tote Kinder in Gaza offenbar unendlich empörender findet als tote Kinder in Syrien, hat dieses eine Kind die Münchner 1345 plötzlich irrsinnig gejuckt, als der Verdacht aufkam, der erstochene Findling könnte von Juden ermordet worden sein.

Die Ermordung des „Honorificus“ (der „Ehre Bringende“), dessen Namen man nicht wusste, der später einfachheitshalber aber „Heinrich“ genannt wurde, konnte zwar nie aufgeklärt werden, aber die Münchner teilten sogleich die Ansicht, dass es Juden gewesen sein müssen. Deshalb wurde das Kind mit einer großen Prozession beerdigt und am Fundort errichtete man eine Betkapelle, „zu der ein ungeheurer Zulauf geschah“, außerdem eilig Hütten mit Essen und Trinken. Bis auf weiteres nannte man den Platz „bei der Kindsmarter“, um an die grausame Tat der vermeintlichen Juden zu erinnern.

Nach der zögerlichen Wiederansiedlung von Jüdinnen und Juden im 18. und 19. Jahrhundert ging es mit dem Antisemitismus in München munter weiter. Die antisemitischen Blätter schossen wie Pilze aus dem Boden, insbesondere machte das „Deutsche Volksblatt – bayrische antisemitische Zeitschrift für Stadt und Land“ des Kartographen Ludwig Wengg von sich reden, aber nahezu alle Münchner Zeitungen glänzten immer wieder mit antisemitischen Ausfällen. Eine eigene Antisemitenliga wurde gegründet, der jüdische Friedhof und die Synagoge mehrmals verunstaltet, Antisemiten sprengten Veranstaltungen mit jüdischen Rednern.

In der Zeitschrift „Sturm! Zeitschrift für öffentliches Leben und Kunst“ (München) erschien im Jahre 1901 das kritische Gedicht „Der greise Jude“, das die Gesellschaft „zeitgemäß“ beschrieb. Ich will es Ihnen vorlesen, in vollem Bewusstsein darüber, bei Reimen nicht immer den rechten Ton zu treffen:

Schleicht dahin ein greiser Jude.
Winterliche Straßen.
Hinter ihm die munt‘re Jugend
Hat mit ihm ihr Spassen:
Bald am Kaftan wird gerissen,
Bald wird Schnee ihm nachgeschmissen;
Ohne Murren geht er weiter,
Scheint beinahe heiter. –

Ein besonders mut‘ger Bursche,
Stellt ein Bein dem Alten –
Plautz! hinfällt der alte Jude,
Kann sich nimmer halten. – –
Aufgestanden ist er wieder,
Kraftlos fällt er nochmals nieder. –
Nimmer kann er auf und weiter –
Scheint beinahe heiter.

Eine Frau die zugesehen
Dieser kleinen Szene,
naht dem Jungen schnellen Schrittes,
Im Auge eine Thräne –
Und der Knabe will sich flüchten,
Fürchtet hier ein strenges Richten.
Rasch hält ihn die Frau zurück,
Gibt ihm – ein Zehnhellerstück.

Sehr geehrter Einrichtung, liebe Wand,

ich habe, so kurz es mir möglich war, dargestellt, dass es ist überhaupt kein Zufall ist, dass die nationalsozialistische Bewegung, die vornehmlich eine antisemitische Bewegung war, in München fruchtbarsten Boden gefunden hat. München rang um seinen vorderen Platz als Ort der Judenfeindschaft aber auch nach 1945. Als nach dem Einmarsch der Alliierten 1945 jüdische displaced persons in der Möhlstraße eintrafen, ging die Polizei 1949 infolge Beschwerden wütender Bürger brutal gegen den Marktplatz der Jüdinnen und Juden vor.

1970 wurde ein tödlicher Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde verübt, bei der sieben Holocaustüberlebende starben. Das war zwar nicht so spektakulär wie der Brand 1285 im Gebetsraum, aber immerhin. Welche deutsche Stadt kann mit solch einer Nachkriegsbilanz aufwarten? Und sie ist nicht annähernd vollständig.

In vielen deutschen Städten haben die Nazis Straßen nach dem Antisemiten Heinrich von Treitschke benannt. Seine Note, „die Juden sind unser Unglück“, wurde zur Parole des nationalsozialistischen „Stürmer“. In München bedurfte es keiner Nazis, um eine Straße nach dem Antisemiten zu benennen. Die Treitschkestraße wurde von einem SPD-Bürgermeister 1960 eingeweiht. Und es bedarf auch heute keiner Neonazis, um weiter für die Treitschkestraße zu werben, dafür macht sich der amtierende Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) selbst stark. Denn dieser hält Treitschke auf einem Straßenschild als durchaus vertretbar, da er „der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gegeben“ habe, so Ude 2009.

Auch wenn der herkömmliche Antisemitismus aus München nicht verschwunden ist, haben die Münchner seit einigen Jahrzehnten eine zweite antisemitische Linie für sich entdeckt, den auf Israel bezogene Antisemitismus. Damit lässt sich wieder in allen Varianten „Kindermörder“ herausschreien, davor warnen, dass Israel nicht mehr nur die Brunnen, sondern nun die ganze Welt vergifte, sowie es den „brüchigen Weltfrieden“ gefährde. Die Münchner legen nicht mehr selbst Hand an Jüdinnen und Juden, das überlassen sie heute palästinensischen Radikalen, denen sie aber immer wieder ein Zehnhellerstück hinwerfen, indem sie die Anschläge in Israel als nachvollziehbare „Reaktion“ verklären und Antisemiten dafür bezahlen, auf Münchner Bühnen vorzutanzen.

So zum Beispiel am 19. Januar 2013, wenn sich Mohammad Bakri, zwar nicht in der Betkapelle „bei der Kindsmarter“ (1345), sondern in der säkularen Betkapelle Gasteig, an das erregte Münchner Bürgertum wenden wird. Bakri hat 2002 den Fatah-Propagandastreifen „Jenin Jenin“ gedreht, der nachgewiesene Lügen über Israel enthält und vor zwei Jahren bei der damaligen „Palästina-Israel Filmwoche“ im Gasteig gezeigt wurde. Davon war der Verein „Filmstadt München“, dem unter anderem die Stadt München vorsitzt, offenbar so begeistert, dass er dieses Jahr vom 19. – 27. Januar eine ganze „Werkschau Mohammad Bakri“ ins Leben ruft – mit anwesendem Künstler.

In München existiert mittlerweile wieder ein kleine jüdische Gemeinde, die recht wacker gegen Antisemitismus in München ankämpft, wozu auch die „Jüdischen Filmtage“ (15. – 23. Januar) einen wichtigen Beitrag leisten. Der Stadt fällt dazu aber nichts Besseres ein, als durch einen Verein, den sie mitbestimmt, eine faktische Gegenveranstaltung anzusetzen, bei der sich kein geringerer als Mohammad Bakri über die israelischen Juden ausschütten kann.

Sehr geehrter Einrichtung, liebe Wand,

gestatten Sie mir eine vielleicht gewagte Schlussfolgerung, die mir aber schon länger auf den Lippen liegt: Es fällt mir schwer, mich gegen den Eindruck zu erwehren, dass München das gleiche antisemitische Drecksnest geblieben ist, das es urkundlich seit mindestens 1285 war. Der Antisemitismus änderte offenbar häufig seine Erscheinungsformen, der Gegenstand der Obsession blieb aber der gleiche. Wird München mit dieser Tradition brechen können? Ich glaube nein. Auf dem Marienhof, den Trümmern des ehemaligen Judenviertels, findet eher noch eine Pro-Palästina-Demo statt, als eine Auseinandersetzung mit dem Anfang und der Aktualität der Münchner Judenfeindschaft. Es tut mir aufrichtig Leid, Ihnen auch zum Auftakt des „Wagnerjahres“ keine bessere Nachricht überbringen zu können.