Der schmerzvolle Abschied der bayerischen Linksjugend vom Antisemitismus

Zweifel am „Aktionsbündnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz“ werden unter den Mitgliedern der Linksjugend immer deutlicher. Viele Basisgruppen halten sich von den Protesten fern. Eisern dabei blieb aber der bayerische Landesverband. Dann stand dieser nicht mehr auf der Unterstützerliste. Jetzt ist er doch dabei – und begründet das mit einem selten dämlichen Schreiben.


Vereint im Stumpfsinn bei den Sikoprotesten 2012

Eine „zunehmende Verengung und Verschiebung der thematischen Schwerpunkte der Proteste“ habe sich „ereignet“, flimmert es seit gestern dummdeutsch auf der Website der bayerischen Linksjugend. Eine „spezifische Kritik“, „nämlich die an einem westlichen Imperialismus“ „dominiere“ die Sikoproteste zunehmend, worüber man sich hiermit „im Rahmen einer kritischen Solidarität“ beklagen wolle.

Auch wird die Sicherheitskonferenz stark vereinfacht und zum Teil auch sachlich falsch dargestellt. Sie erscheint als verschwörerisches Treffen der Reichen und Mächtigen der Welt, die dort ihre nächsten Angriffskriege planen würden. Diese Argumentation öffnet Verschwörungstheoretikern und der Verherrlichung von autoritären, nationalistischen und militaristischen, aber „anti-westlichen“ Regimes Tür und Tor.

Wenn sich eine Verschiebung „ereignet“, eine Kritik „dominiert“ und eine Argumentation höchstpersönlich Tür und Tor „öffnet“, dann ist das nicht nur Wortmüll, sondern da fehlen auch die handelnden Subjekte – die Teilnehmenden. Konkret: Die Protestierenden sind es, die bei den Sikoprotesten mehrheitlich keinen Hehl aus ihrer autoritären Gesinnung machen. Ihre Verbundenheit mit der Islamischen Republik Iran zelebrieren sie in antisemitischer Eintracht jedes Jahr. Das Mäntelchen über ihrer „Globalisierungskritik“ ist viel zu kurz, um den völkischen Nationalismus und den Ethnopluralismus darunter noch zu kaschieren. Von der europäischen Abschottungspolitik gegen Flüchtende – direkt oder indirekt immer ein zentrales Thema der Sicherheitskonferenz – ist im Aufruf zur Gegendemonstration keine Rede. Sie sprechen stattdessen vom „Terror der Finanzmärkte“ und erwarten als Hauptredner diesen Februar Norman Paech, von dem selbst Jakob Augstein noch allerhand „Israelkritik“ lernen könnte, wollte er sein Ranking nach oben hin noch optimieren.

Alle Gruppen, die eine bessere Welt im Sinn haben, verabschiedeten sich in den letzten Jahren von den Sikoprotesten oder haben sich dort nie blicken lassen. „Unmissverständlich“ wolle jetzt auch die bayerische Linksjugend zwar „zum Ausdruck bringen, dass ein ‚Weiter-wie-gehabt‘ perspektivisch nicht mehr möglich sein“ werde, aber sie möchte offenbar den antisemitischen Mob nicht missen, sondern wenigstens einmal noch zum Marsch aufrufen und mittendrin sein. Die Fahne hoch! Die Reihen dicht! – Genossen!