Archiv für August 2013

Internetprovider tatenlos: Israel-vergast-Kinder-Website weiterhin online

Eine Woche ist es her, als im bürgerlichen Münchner Lehel Visitenkarten auftauchten, die auf eine extrem antisemitische Seite verwiesen. „Israel vergast Kinder und Deutschland zahlt die Gasrechnung“ ist auf dieser Seite eine der noch weniger deutlichen Parolen. 1&1 weigert sich bislang, die Webpage vom Netz zu nehmen, obwohl sich der Provider anfangs selbst „schockiert“ zeigte.

Dass die Internetseite „Israel-vergast-Kinder“ extrem antisemitisch ist, darüber kann es keine Zweifel geben. „In Mausschwitz gab es kein KZ“, schreibt der Autor und lässt sich im Folgenden über Jüdinnen und Juden aus. „Es ist Zeit, Freunde – wer soll euch noch wählen gehen – wenn der Altjud Kinder vergast – lacht ihr und habt Spaß “, reimt er. Richter und Staatsanwälte seien nicht unabhängig, wird im Text behauptet, weil sie „Menschenvergaser und Ausländerkiller Altjuden unterstützen“, angeblich aus „machtgeilen, selbstherrlichen, hinterfotzigen, peversen“ Motiven. So wird dann munter weitergehetzt über „israelische Politiker – Militärs – die amerikanischen, gierigen Geyerjuden – die mitleiderregenden Holokostenausnützer (sic!)“ und andere. Der rechtlich hochbedenkliche Text endet mit: „Nie ist man sich so nah, wie beim Abschied ‚Sieg Heil‘“ und einem Aufruf.

Solche Seiten gibt es Tausende im Netz, allerdings werden sie in der Regel im Ausland gehostet. Angemeldet hat die deutsche 1&1-Webseite „Israel-vergast-Kinder.de“ laut DENIC ein Mann aus Wörthsee bei München. Als sie nach dem Fund der Visitenkarten vor einer Woche bekannt wurde, erstatteten zahlreiche Personen Anzeige. Beispielsweise über die Plattform Hagalil, die Onlineanzeigen anbietet, über das Portal „Internetwache Berlin“ und privat in Köln. Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft München schaltete sich ein. Der Provider 1&1 zeigte sich am 08. August auf Nachfragen noch „schockiert“, die Rechtsabteilung kündigte an, gegebenenfalls selbst Anzeige zu erstatten. Man könne sich nicht erklären, wie diese Domain durchgerutscht sei. Am darauf folgenden Tag äußerte man sich schon verhaltener. Erst solle dem Seiteninhaber die Chance eingeräumt werden, die Seite noch zu verändern, sagte der 1&1-Kundendienst. Am 10. August wurde die Seite laut Insiderinformation angeblich an den Staatsschutz weitergereicht. Heute – am 13. August – ist die antisemitische Seite immer noch online.

Der Autor scheint so unbelesen nicht. Er empfiehlt drei Bücher und einen Film. Das Buch „Holocaust Industrie“ von Norman G. Finkelstein, das Buch „Breaking the Silence“, übersetzt von Barbara Kurz, „Staatsräson? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet“ von Werner Sonne und den Film „Massaker“ von Monika Borgmann und Lokman Slim. Diese Kulturschaffenden müssen sich die ernste Frage gefallen lassen, wie sich ihr Werk so nahtlos in die wirren Gedanken eines Antisemiten einfügen lässt, weil in ihrem Werk offenbar so garnichts ist, das ihn von einer Empfehlung abrücken ließ – und womit er seine Hetzschrift sogar begründet.

Nachtrag: Indes erreichte uns am Nachmittag des 14.08 eine Nachricht von 1&1:

1&1 lehnt jede Form rechtswidriger Inhalte auf Webseiten unserer Kunden ab. Dies ist über die AGB Grundlage jeder Vertragsbeziehung, ob mit unseren direkten Kunden oder mit Resellern. Die erwähnte Seite ist mittlerweile offline. In Einzelfällen kann es vorkommen, dass wir Seiten mit strafrechtlich relevanten Inhalten nicht direkt offline nehmen können, um die Arbeit der Ermittlungsbehörden nicht zu behindern.

Mit freundlichen Grüßen
Alexander T., 1&1

Antisemitismus – hauptsächlich eine rechte Disziplin

Es gibt ihn freilich, den Antisemitismus von links. Das ist gefährlich, denn die Linke kaut damit der Mitte zunehmend erfolgreich die Argumente zur Begründung des Ressentiments vor. Dennoch belegen die Zahlen: Die antisemitischen Brutalos kommen hauptsächlich von rechts.

Dass Neonazis ausgesprochene Antisemiten sind, muss nicht belegt werden. Antisemitismus ist eines ihrer Kernanliegen. Sowie es Hitler beim Schreiben der Hetzschrift „Mein Kampf“ angeblich wie „Schuppen von den Augen“ fiel, dass der Kampf gegen die Juden das Wichtigste sei – und die Deutschen im Zweiten Weltkrieg vor allem die Vernichtung der Juden in Europa anstrebten – so ist das gleiche Ziel noch heute für Neonazis verbindlich. Das drückt sich einerseits in ihrer sogenannten Solidarität mit Palästina aus, aber auch in Zahlen.

Diese Zahlen, des der linken Umtriebe unverdächtigen Innenministeriums („Antisemitismus in Deutschland“), zeigen sehr deutlich, dass sich die Hauptfeinde der Jüdinnen und Juden in Deutschland als rechtsstehend verstehen – wenngleich in der Statistik die sogenannte Mitte offenbar ausgespart zu sein scheint.

Die angebliche Solidarität mit Israel von neurechten Organisationen wie „Pro Deutschland“ oder „Die Freiheit“ ist darüber hinaus sehr brüchig. Diese Organisationen schätzen Israel ausschließlich deshalb, weil sie Israel für einen westlichen Rammbock gegen den Islam halten. Dass für Menschen muslimischen Glaubens in Israel viel mehr religiöse Gestaltungsräume als in Deutschland selbstverständlich sind, ignorieren sie dabei. In München agitieren diese Organisationen gegen den Neubau einer einzigen Moschee – solche stehen in Israel an jeder Ecke.

Die Aggressionen der Neurechten können ebenso schnell in Aggression gegen Judinnen und Juden umschlagen, wenn diese ihrem Bild vom moslemfressenden Juden nicht entsprechen. Das muss der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, Marian Offman, in Stoßzeiten regelmäßig zur Kenntnis nehmen, wie dieses Interview in der Münchner Abendzeitung zeigt:

Wie oft bekommen Sie Hass- und Schmähmails?
Immer dann, wenn über mich und mein Engagement in einem rechtspopulistischen Internetforum oder der Presse berichtet wird, trudeln diese Mails über zwei bis drei Tage ein. Pro Tag sind es bis zu fünf. Danach ebbt es wieder ab.

Was steht da drin?
Einer hat geschrieben, dass er mir in die Fresse schlagen will, wenn es so weit kommt, dass seine Kinder einen muslimischen Religionsunterricht besuchen müssen. Andere nennen mich einen Verräter, benutzen NS-Terminologie und verdrehen meine Argumente. Gerade habe ich auch ein Paket zugeschickt bekommen, in dem Pralinen waren – und Hassbeiträge über den Islam und Koran.

Zum vollständigen Interview mit Marian Offman in der Münchner Abendzeitung.