Archiv für November 2013

Manege Frei (Wild)

Die völkisch orientierte Band „Frei.Wild“ soll am 06. Dezember in München aufspielen. Sie will ihr soeben erschienenes Album „Still“ vorstellen. Brisant: Im früheren Agitationszentrum der NSDAP, dem wiedererrichten Bau des „Circus Krone“. Das Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft.

„Aufarbeitung der Vergangenheit“ direkt nach den Novemberpogromen 1938 im „Circus Krone“

Vor zwölf Jahren sang Philipp Burger noch in der Glatzkopf-Band „Kaiserjäger“ über „N-Wort und Jugos“, die in Südtirol nichts zu suchen hätten. Inzwischen hat er seine Strategie modifiziert. Sehr erfolgreich, denn während sich für die Band „Kaiserjäger“ kaum jemand interessierte, landen die Alben von „Frei.Wild“ regelmäßig in der deutschen Charts. In den Texten von „Frei.Wild“ beklagt Burger heute: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“ Wie in der neurechten „Identitären“-Bewegung üblich werden Begrifflichkeiten wie „Rasse“ und „Nation“ in „Frei.Wild“-Texten konsequent mit „Kultur“ und „Heimat“ ersetzt. Das ist das ganze Geheimnis des Erfolgs. Und die Band präsentiert sich zudem nicht als Jäger einer Minderheit, sondern als Opfer im Kreuzfeuer einer halluzinierten antideutschen Mehrheit – von Charterfolgen unberührt.

Die Selbstviktimisierung kennt offenbar keine Grenzen. Im Lied „Wir reiten in den Untergang“ legt die Band sogar nahe, dass Patrioten wie sie heute – ähnlich wie gestern Juden – verfolgt würden, nur „Stempel und Stern“ fehlten noch. Das Wort Jude wird dabei nicht ausgesprochen, aber durch die Phrase „Stempel und Stern“ lässt sich das im Text Angedachte leicht entschlüsseln. Einfach zu erraten ist auch, wer gemeint ist, wenn Burger singt: „Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen, nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen.“ Norman Finkelstein würde die Textstelle vormutlich begrüßen, was ein Ruhmesblatt nicht ist.

„Frei.Wild“ schaffen es mit ihren identitären Texten („Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier“) immer wieder in die deutschen Charts. Andererseits wird die Band auch ausgeladen. Mediale Aufmerksamkeit erlangte die Ausladung bei der Echo-Preisverleihung 2013. Erst diese Woche cancelte der „Media Markt“ einen Auftritt der Band in Jena.

Wirkungsstätte der nationalsozialistischen Bewegung


Der Auftritt im Münchner Kronebau hätte genug Potenzial, um sich zum Politikum auszuwachsen. Das wiedererrichtete Gebäude des „Circus Krone“ an der Marsstraße diente der NSDAP als zentraler Propaganda-Standort – den Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgesprochen lobend herausstellte. Dass Hitler dort schon am 30. Oktober 1923 zum Putsch aufrief, zählt zu den vergleichsweise unwichtigen Begebenheiten. Allein 1923 polterte er dort nämlich 16 seiner Reden. Es waren vor allem die antisemitischen Großveranstaltungen, die in die Manage am Marsfeld gelegt wurden. Zum Beispiel die Grundsatzrede Hitlers im Jahr 1920: „Politik und Rasse. Warum sind wir Antisemiten“. Diese Rede Hitlers endete ähnlich ums Volkswohl besorgt, wie es Burger zu sein scheint: „Wir wollen vermeiden, dass auch unser Deutschland den Kreuztod erleidet.“ (Hitler)

Auch die „Massenkundgebung“ am 19. März 1933 unter dem Motto „Hinaus mit den Juden aus sämtlichen öffentlichen Ämtern und aus der Anwaltschaft“ wurde im „Circus Krone“ abgehalten. Dieser Abend sollte „ein gewaltiger Auftakt für die deutsche Sache werden“ – versprach die Einladung und dieses Versprechen hielten die Nationalsozialisten auch. Bei der maßgeblichen NSDAP-Veranstaltung am Vorabend der Novemberpogrome von 1938 rief Gauleiter Adolf Wagner im „Circus Krone“ die Parteimitglieder dazu auf, eine „größere Aktivität in der Judenfrage“ zu entwickeln. Man müsse „dem Juden“, „klar und eindeutig erklären, dass wir ihn nicht mehr haben wollen“ und die „Kenntlichmachung der jüdischen Geschäfte“ durchführen, so Wagner. Und auch zur Nachbereitung der Novemberpogrome traf sich die antisemitische Bewegung selbstverständlich im Kronebau (siehe erstes Bild).

Der „Circus Krone“ spielte schon zur Kolonialzeit eine wichtig Rolle, als dort beispielsweise die „[N-Wort]-Truppe“ aufzutreten hatte oder man sich neben 20 Elefanten kurzerhand „Indianer“ oder „Chinesen“ nach München bestellte. Noch 1938 präsentierte der Zirkus in Deutschland eine „Kolonialschau“ mit Schwarzen aus Kamerun und dem Sudan, die in Fortführung des osmanischen Kolonialismus von Arabern gemaßregelt wurden, und dem deutschen Publikum die angeblichen „Originalsitten“ von Schwarzen im „Krone-Zoo“ vorführen sollten.

„Circus Krone“ – ein ewiger Pionier


Ob Kolonialismus oder Nationalsozialismus – der „Circus Krone“ war in Sachen menschenfeindlicher Barbarei unfraglich in exponierter Stellung. Insbesondere zwischen 1920 und 1933 rahmte der Zirkus in seinem Gebäude am Marsfeld den Aufstieg der NSDAP. Und am 06. Dezember 2013 soll im wiedererrichten Gebäude am Marsfeld die Band „Frei.Wild“ spielen, die eine ebenfalls wiedererrichtete Form der völkischen Bewegung wiederspiegelt. Das passt zusammen. Das Konzert am 06. Dezember ist damit ohne Zweifel ein Highlight für die rechtsidentitäre Szene im Jahre 2013 und es ist kein Wunder, dass es seit Monaten ausverkauft ist.

Das bestätigt den Verdacht, dass sich der Zirkus nie wirklich mit seiner menschenverachtenden Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Wichtiger als die Thematisierung des „Frei.Wild“-Auftritts wäre aber eigentlich genau das. Der Auftritt böte eine gute Gelegenheit, auf die Tradition dieser Manege hinzuweisen. Denn Bands wie „Frei.Wild“ kommen und gehen, der „Circus Krone“ wird voraussichtlich auch diese Gemeinheit präsentieren und dann geht es mit ihm weiter.

„Der Mensch ist nicht in erster Linie Weltbürger“

Wie schon 2012, als das Erdinger Moos gegen eine 3. Startbahn und die Amerikanische Goldrute verteidigt werden musste, mobilisiert aktuell eine Heimatfront gegen die Olympiabewerbung 2022. Ihre Ausrichtung ist im Kontext der Strategie der bayerischen Grünen zu betrachten, die Dorfgemeinschaft gegen CSU und Globalisierung in Stellung zu bringen.

„Oja! Zu Winterspielen mit Tradition“, heißt es auf Plakaten in Garmisch-Partenkirchen, obwohl die einzige olympische Tradition für die Garmisch-Partenkirchen bislang bekannt ist, die nationalsozialistischen Winterspiele von 1936 sind. Und nach der Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München wissen auch nur Eingeweihte, was für eine positive Olympia-Tradition man sich in der bayerischen Landeshauptstadt einbildet. Nationale Wettbewerbe sind in Deutschland dazu bestimmt, die mörderische Geschichte dieser Nation gemeinsam wegzujubeln. Besonders deutlich wird das beispielsweise beim Biathlon, wo Angehörige der Bundeswehr öffentlich Laufen und Schießen dürfen – und Fernsehdeutschland jeden Einschuss abfeiert. Die Gegenposition von „Nolympia“ – angeführt von den Grünen – fällt allerdings noch hinter die Olympia-Apologeten zurück.

Nolympia“ versucht hauptsächlich, sich als bessere Patriotin aufzumandeln. Dies hat strategische Gründe, die auf dem sogenannten „Heimatkongress“ der Grünen 2011 ausgeführt wurden. Die PR-Kampagne „Nolympia“ ist nach einem Blick auf den „Heimatkongress“ deutlich besser zu vertehen. „Wir Grünen [sind] der politische Kern einer neuen Heimatbewegung“, propagierte Sepp Dürr (MdL) damals in seiner Eröffnungsrede. Denn:

„Wir Grünen haben früh gemerkt, dass wir, wenn wir im Land und im Landtag einen Fuß auf den Boden bringen wollen, die von der CSU mit allen Mitteln betriebene Identifikation mit Bayern aufbrechen müssen. Ich habe mal dem ‚Spiegel‘ gegenüber erklärt, ‚Sepp ist mein Kampfname‘, um deutlich zu machen, dass wir unsere Heimatverbundenheit auch als politisches Mittel einsetzen.“

„Aus der Region, für die Region!“
Alles was Unfrieden im Dorfe stiften könnte, wurde im Laufe des Kongresses abgeräumt. Die Vertriebenenverbände hätten sich beispielsweise verändert, und man könne sie nicht alle über einen Kamm scheren, meinte Referentin Sarah Scholl-Schneider. Ausdrücklich lobte sie das geplante „Sudetendeutsche Museum“ in München. Auch die Volksmusik sei bislang missverstanden worden, legte Agnes Krumwiede (MdB) nach: „Sie gehört nicht mehr nur zum CSU-Infostand, sondern auch zu uns.“ Die neue Volksmusik ist laut Krumwiede Teil der Gegenbewegung zur Globalisierung. Das Loblied auf die „Dorfkultur“ wurde ausgiebig angestimmt sowie auf die Gefahren des urbanen Lebens hingewiesen. „Stadtluft macht frei, aber sie kann auch ersticken“, warnte die ehemalige Stadträtin Eva Leipprand:

„Der Mensch ist nicht in erster Linie Weltbürger. Er braucht auch sein kleines Zuhause. Er will sich irgendwo einrichten, etwas zum Festhalten haben. Er braucht das Unverwechselbare, weil er damit auch selber unverwechselbar bleibt und sich nicht in einer globalen Nivellierung verliert.“

Während die Nation mit dem uneinlösbaren Versprechen angetreten ist, die durch die Moderne angeschlage Dorfgemeinschaft auf nationaler Ebene wieder erlebbar zu machen, fordern die bayerischen Grünen – abgesehen von ihrer Jugendorganisation – die Wiederherstellung der Dorfgemeinschaft. Damit buhlen sie mit den Republikanern und der Bayernpartei um die reaktionärsten Teile der CSU-Anhängerschaft. Folgerichtig lautet der Dringlichkeitsantrag der Grünen im Bayerischen Landtag: „Ja zur Heimat, Nein zur Olympiabewerbung 2022“. Und wenn die neue Landtagsabgeordnete Gisela Sengl betont, „junge Sportler“ würden bei einer Olympiade dem „internationalen Sportgeschäft geopfert“, dann spricht sie in Marschrichtung.

Formation der Heimatfront
Die konservative Platte dazu legte kürzlich der grüne „Nolympia“-Sprecher Hartmann in der Sendung „Blickpunkt Sport“ auf. Er persönlich sei nicht „gegen den olympischen Geist, den Sport, der dahinter mal stand“, sagte er – nur sei er gegen dessen „Kommerzialisierung“. Darüber hinaus habe ein Imagegewinn für München auch „mehr Zuzug“ zufolge. In München aber könne man schon heute „Wohnungen sofort an den Mann“ bringen. In seiner Rede zum Thema im Landtag warnte Hartmann dann vor vermeintlichen „Immobilon-Spekulationen“. Er hielt allerdings geheim, von welchem Planet aus die „Immobilon“ auf die Erde einfallen werden.

Der Verband der „Naturfreunde“ bemängelt aktuell, dass die „hohen Ideale von Olympischen Spielen“ auf der Strecke blieben, sie längst „überwuchert“ seien von „Kommerz“. Überhaupt seien die Sponsoren der Olympischen Spiele unter anderem McDonalds und Coca-Cola. Die Jugend des Alpenvereins hat keine Mühe, sich in die Heimatfront einzureihen. Von allen Seiten wird immer wieder hysterisch auf die Grausamkeit von Schneekanonen hingeweisen, die hierzulande offenbar als eine weit größere Bedrohung wahrgenommen werden, als eine Atombombe in Händen des iranischen Regimes.

Olympische Spiele wurden in Deutschland schon immer – und umso früher, umso mehr – als Gegenstand einer nationalen Erhebung erlebt. Das spricht ohne Frage dagegen. Für die Olympischen Spiele spricht, dass ein Scheitern von „Nolympia“ auch als notwendige Reeducation-Maßnahme begriffen werden kann; eine Absage an die Idealisierung der Dorfgemeinschaft darstellt. Dafür spricht auch, dass die Spiele sicher an jedem anderen Ort der aktuellen Bewerberstädte mehr Schaden anrichten würde als in Bayern – wo die Infrastruktur überwiegend schon vorhanden ist. Es bleibt spanned, wie das Gerangel der heimatverbundenen Lager ausgeht. Wie so häufig gilt auch beim Bürgerentscheid am kommenden Sonntag: Richtig liegt, wer fernbleibt.