Manege Frei (Wild)

Die völkisch orientierte Band „Frei.Wild“ soll am 06. Dezember in München aufspielen. Sie will ihr soeben erschienenes Album „Still“ vorstellen. Brisant: Im früheren Agitationszentrum der NSDAP, dem wiedererrichten Bau des „Circus Krone“. Das Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft.

„Aufarbeitung der Vergangenheit“ direkt nach den Novemberpogromen 1938 im „Circus Krone“

Vor zwölf Jahren sang Philipp Burger noch in der Glatzkopf-Band „Kaiserjäger“ über „N-Wort und Jugos“, die in Südtirol nichts zu suchen hätten. Inzwischen hat er seine Strategie modifiziert. Sehr erfolgreich, denn während sich für die Band „Kaiserjäger“ kaum jemand interessierte, landen die Alben von „Frei.Wild“ regelmäßig in der deutschen Charts. In den Texten von „Frei.Wild“ beklagt Burger heute: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“ Wie in der neurechten „Identitären“-Bewegung üblich werden Begrifflichkeiten wie „Rasse“ und „Nation“ in „Frei.Wild“-Texten konsequent mit „Kultur“ und „Heimat“ ersetzt. Das ist das ganze Geheimnis des Erfolgs. Und die Band präsentiert sich zudem nicht als Jäger einer Minderheit, sondern als Opfer im Kreuzfeuer einer halluzinierten antideutschen Mehrheit – von Charterfolgen unberührt.

Die Selbstviktimisierung kennt offenbar keine Grenzen. Im Lied „Wir reiten in den Untergang“ legt die Band sogar nahe, dass Patrioten wie sie heute – ähnlich wie gestern Juden – verfolgt würden, nur „Stempel und Stern“ fehlten noch. Das Wort Jude wird dabei nicht ausgesprochen, aber durch die Phrase „Stempel und Stern“ lässt sich das im Text Angedachte leicht entschlüsseln. Einfach zu erraten ist auch, wer gemeint ist, wenn Burger singt: „Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen, nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen.“ Norman Finkelstein würde die Textstelle vormutlich begrüßen, was ein Ruhmesblatt nicht ist.

„Frei.Wild“ schaffen es mit ihren identitären Texten („Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier“) immer wieder in die deutschen Charts. Andererseits wird die Band auch ausgeladen. Mediale Aufmerksamkeit erlangte die Ausladung bei der Echo-Preisverleihung 2013. Erst diese Woche cancelte der „Media Markt“ einen Auftritt der Band in Jena.

Wirkungsstätte der nationalsozialistischen Bewegung


Der Auftritt im Münchner Kronebau hätte genug Potenzial, um sich zum Politikum auszuwachsen. Das wiedererrichtete Gebäude des „Circus Krone“ an der Marsstraße diente der NSDAP als zentraler Propaganda-Standort – den Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgesprochen lobend herausstellte. Dass Hitler dort schon am 30. Oktober 1923 zum Putsch aufrief, zählt zu den vergleichsweise unwichtigen Begebenheiten. Allein 1923 polterte er dort nämlich 16 seiner Reden. Es waren vor allem die antisemitischen Großveranstaltungen, die in die Manage am Marsfeld gelegt wurden. Zum Beispiel die Grundsatzrede Hitlers im Jahr 1920: „Politik und Rasse. Warum sind wir Antisemiten“. Diese Rede Hitlers endete ähnlich ums Volkswohl besorgt, wie es Burger zu sein scheint: „Wir wollen vermeiden, dass auch unser Deutschland den Kreuztod erleidet.“ (Hitler)

Auch die „Massenkundgebung“ am 19. März 1933 unter dem Motto „Hinaus mit den Juden aus sämtlichen öffentlichen Ämtern und aus der Anwaltschaft“ wurde im „Circus Krone“ abgehalten. Dieser Abend sollte „ein gewaltiger Auftakt für die deutsche Sache werden“ – versprach die Einladung und dieses Versprechen hielten die Nationalsozialisten auch. Bei der maßgeblichen NSDAP-Veranstaltung am Vorabend der Novemberpogrome von 1938 rief Gauleiter Adolf Wagner im „Circus Krone“ die Parteimitglieder dazu auf, eine „größere Aktivität in der Judenfrage“ zu entwickeln. Man müsse „dem Juden“, „klar und eindeutig erklären, dass wir ihn nicht mehr haben wollen“ und die „Kenntlichmachung der jüdischen Geschäfte“ durchführen, so Wagner. Und auch zur Nachbereitung der Novemberpogrome traf sich die antisemitische Bewegung selbstverständlich im Kronebau (siehe erstes Bild).

Der „Circus Krone“ spielte schon zur Kolonialzeit eine wichtig Rolle, als dort beispielsweise die „[N-Wort]-Truppe“ aufzutreten hatte oder man sich neben 20 Elefanten kurzerhand „Indianer“ oder „Chinesen“ nach München bestellte. Noch 1938 präsentierte der Zirkus in Deutschland eine „Kolonialschau“ mit Schwarzen aus Kamerun und dem Sudan, die in Fortführung des osmanischen Kolonialismus von Arabern gemaßregelt wurden, und dem deutschen Publikum die angeblichen „Originalsitten“ von Schwarzen im „Krone-Zoo“ vorführen sollten.

„Circus Krone“ – ein ewiger Pionier


Ob Kolonialismus oder Nationalsozialismus – der „Circus Krone“ war in Sachen menschenfeindlicher Barbarei unfraglich in exponierter Stellung. Insbesondere zwischen 1920 und 1933 rahmte der Zirkus in seinem Gebäude am Marsfeld den Aufstieg der NSDAP. Und am 06. Dezember 2013 soll im wiedererrichten Gebäude am Marsfeld die Band „Frei.Wild“ spielen, die eine ebenfalls wiedererrichtete Form der völkischen Bewegung wiederspiegelt. Das passt zusammen. Das Konzert am 06. Dezember ist damit ohne Zweifel ein Highlight für die rechtsidentitäre Szene im Jahre 2013 und es ist kein Wunder, dass es seit Monaten ausverkauft ist.

Das bestätigt den Verdacht, dass sich der Zirkus nie wirklich mit seiner menschenverachtenden Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Wichtiger als die Thematisierung des „Frei.Wild“-Auftritts wäre aber eigentlich genau das. Der Auftritt böte eine gute Gelegenheit, auf die Tradition dieser Manege hinzuweisen. Denn Bands wie „Frei.Wild“ kommen und gehen, der „Circus Krone“ wird voraussichtlich auch diese Gemeinheit präsentieren und dann geht es mit ihm weiter.