Kammerspiele: Kulturkampf von oben

Eine der erfreulichsten Nachrichten 2013 war, dass Johan Simons seinen Vertrag als Intendant an den Münchner Kammerspielen nicht verlängert hat. Der Jünger Peter Sloterdijks wird voraussichtlich ab 2015 bei der Ruhrtriennale weiterwüten.


Eine kreativer Umgang mit dem Titel des Stückes von Jean Genet war offenbar nicht möglich

Um das Werk von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen kritisch würdigen zu können, ist es nicht nötig, sich jede Aufführung angetan zu haben. Es reicht aus, zwei kurze Texte des Intendanten nebeneinander zu legen, deren zentrale Aussagen sich wie ein roter Faden durch seine Interpretationen historischer Stücke ziehen: „Unser Planet, die Erde, ist weniger als ein Atom in dieser enormen, uralten Struktur von Licht und Energie. Und wir, Menschen, sind nichts“, schrieb Simon in seinem knappen „Brief für unser Publikum“ zur Spielzeit 13/14. „Alle Dinge, auch die Erde selbst, werden sich irgendwann in die unsichtbaren Teilchen auflösen, aus denen alles aufgebaut ist“, stellt er auch in seiner Rede zum „Theater der Nationen“ fest.

Nach dieser Relativierung von allem, was die Menschen angeht, folgt die Mahnung zur Ruhe: „Wir leben in Zeiten der Krise. Gerade in Zeiten der Krise soll man die Übersicht bewahren“, heißt es in Simons „Brief für unser Publikum“ ähnlich wie in der Rede zum „Theater der Nationen“: „Ich mag dagegen sehr die Strategie der Ruhe, der Unverstörbarkeit, als Medizin gegen der Krise … Keep calm and stay alive.“

Das wesentlichste Moment im Kanon des Intendanten der Kammerspiele ist die Aufforderung zur Selbstoptimierung. Simons bemüht hierzu Peter Sloterdijk: „Sloterdijk finde ich in diesem Sinne einen echten Renaissance-Menschen, indem er sagt: Man muss sein Leben verbessern. Der Mensch ist dazu programmiert, sich selber und seine Umstände dauernd zu verbessern.“ Mit dem Satz „Fange bei dir selber an, und du verbesserst die Welt!“ endet Simons‘ Rede zum „Theater der Nationen“. Selbstoptimierung ist dem Intendanten erste Bürgerpflicht, Interessenvertretung der von ökonomischen Krisen Betroffenen scheint Simons – ähnlich wie Sloterdijk – hingegen ein Tor zu sein, durch das das Totalitäre einfällt.

Feindbild Prolet
Überdeutlich wurde dies im „Schiff der Träume“. In dieses Stück Fellinis hat Simons Szenen aus „Der haarige Affe“ von Eugene O‘Neills integriert. Das Original von O‘Neills beschreibt den Kampf eines Heizers, der auf einem Luxusdampfer unter widrigen Verhältnissen arbeiten muss. Er legt sich mit der wohlhabenden Schicht an und scheitert. Simons inszenierte den Heizer im „Schiff der Träume“ aber als widerwärtige Dumpfbacke; man wünschte sich sehnlich, der Heizer zöge sich in den Heizraum zurück und halte seine Klappe. Weit mehr Identifikationsmöglichkeiten boten hingegen einzelne der feinen Gesellschaft auf Deck. Überdies hoppelten bei dieser Aufführung immer wieder Gestalten über die Bühne, die vom sogenannten „Blackfacing“ gezeichnet waren. Was in anderen Städten ein Rassismus-Skandal gewesen wäre, wurde in München nicht ein solcher genannt.

Im Stück „Datons Tod“ von Georg Büchner diffamierte Simons die Figur des französischen Revolutionärs Robespierre bis zur Unkenntlichkeit. Bei einer seiner Reden ließ der Intendant den Robespierre (Wolfgang Pregler), der eigentlich ein guter Redner war, hysterisch – mit unverwechselbaren Hitlergesten untermalt – herumschreien. Im Programmheft zum Stück Büchners kommentiert Simons, wenn man Büchners Gedanken weiterverfolge, komme man zu Sloterdijk. Das schreibt Simons ungeachtet der Tatsache, dass Büchner ein Sozialist war und Sloterdijk davon meilenweit entfernt ist. Büchner dürfte sich bei der Inszenierung Simons‘ im Grab umgedreht haben, genauso wie Lion Feuchtwanger. In Feuchtwangers Roman „Erfolg“ stehen der marxistische „Pröckl“ und der nationalsozialistische „Kutzner“ für die konkreten Personen Berthold Brecht und Adolf Hitler. Simons ließ die beiden allerdings vom selben Schauspieler (Nico Holonics) lesen. Wer nicht wie Simons die Ruhe als „Medizin gegen die Krise“ beschwört – wie beispielsweise Brecht –, landet schneller in einem Topf mit Hitler, als man braucht, um das Wort Klasse auszusprechen.

Und tschüss…
Es ist kein Verbrechen – sondern geboten – den Individualismus hochzuhalten. Aber wenn von der Französischen Revolution, über den Marxismus hinweg bis hin zum Nationalsozialismus alles zu einer Soße verrührt wird – weil das offenbar vom Weltraum aus nicht besser zu erkennen ist – und dem Peter Sloterdijk entgegengehalten wird, dann ist das nicht Eintreten für Individualismus. Daraus spricht vielmehr die „Allianz der Leistungsträger“ gegen die Schwachen (Winkert). Demnach ist kaum zu bedauern, dass Simons die Kammerspiele auf eigenen Wunsch hin verlässt. Möge er ab 2015 seinen Kulturkampf von oben im Pott weiterführen.