Archiv für Juni 2014

Jutta Ditfurth: „Ich habe freie Auswahl unter allen Todesarten“

„Braune Esoterik“ füllt nicht nur zunehmend Bücherregale und Web-Müllhalden, sondern zeigt sich verschärft auch auf öffentlichen Plätzen. Eine Phalanx aus Spinnern, Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern trifft sich seit einigen Monaten regelmäßig am Montag zur Kundgebung in München und anderswo. In ihren Reihen: Neonazis.

Jutta Ditfurth kritisierte schon die Vorläufer dieser Bewegung. Zunehmend gerät die Sozialwissenschaftlerin jetzt ins Fadenkreuz von Kommentarspalten-Randaliereren. Jürgen Elsässer (COMPACT) strebte als Stichwortgeber der aktuellen Kleinsterhebung eine Unterlassungsklage an, nachdem Ditfurth ihn einen „glühenden Antisemiten“ genannt hat. Beim Prozess in München wird es wieder einmal darum gehen, ob ein Antisemit auch als ein solcher bezeichnet werden kann, ohne richterliche Sanktionen fürchten zu müssen. Ein Interview von Schlamassel Muc.

Frau Ditfurth, wie sind Ihre Erwartungen und Einschätzungen hinsichtlich des anstehenden Prozesses?

Sehr optimistisch. Je mehr Quellen ich recherchiere, desto weniger kann ich fassen, dass Elsässer so dumm war, mich zu verklagen. Seine Einstellung gegen Juden wird so mehr Aufmerksamkeit bekommen, als sie es sonst erhalten hätte. Er hätte einmal andere fragen sollen, die vergeblich gegen mich geklagt hatten: den Chemiekonzern Hoechst AG, diverse Institutionen der Polizei, den evangelikalen baden-württembergischen organisierten Abtreibungstreibungsgegner Siegfried Ernst z.B., den ich einen „Nazi“ nennen durfte, oder Dr. Max-Otto Bruker, der in Lahnstein sogenannte Gesundheitsberater ausbildete, der in den 1970er und 1980er Jahren engstens mit Nazis kooperierte und dessen SA-Akte ich dann auch noch fand.

Gibt es in Deutschland eine höhere Bereitschaft als in anderen Ländern, in Krisenzeiten mit Nationalismus, Antisemitismus und/oder Verschwörungstheorien zu reagieren?

Das hat wohl niemand je genau gemessen, aber ich vermute, dass es zutrifft. Dafür gibt es Ursachen. Zu denen gehören einmal der Untertanengeist und der autoritäre Charakter, nicht als genetischer Defekt der Deutschen, sondern als Resultat einer langen kulturhistorischen Deformation. Das führt z.B. dazu, dass Menschen, die sich irgendwie bedroht fühlen, von sozialer Krise oder einem Krieg, nicht die Auseinandersetzung mit den dafür Verantwortlichen suchen, sondern lieber nach unten treten. Sie suchen und konstruieren Schwächere; sie bevorzugen Erklärungen, die ganze Gruppen von Menschen entwerten: Juden, Menschen mit dunkler Hautfarbe, arme Menschen aller Hautfarben. Sie verweigern die Anstrengung von Kopfarbeit. Sie wollen nicht wirklich wissen, wie der Kapitalismus funktioniert. Manche von ihnen profitieren ja durchaus von ihm und wollen sich ihr Geschäft nicht vermasseln lassen. Da ist es doch viel bequemer — und für die eigenen Geschäfte nützlich —, wenn man Personen oder Menschengruppen „als Böse“ identifiziert und an Verschwörungsideologien glaubt. Der Hass auf die konstruierte „jüdische Weltverschwörung“ und auch auf die „jüdisch-bolschewistische Verschwörung“ hat in Deutschland eine lange, furchtbare Tradition.

Auf Ihrem Facebook-Profil tobt sich derzeit ein sehr wütender Mob aus. „Neurechte Kommentare einfach ignorieren, lohnt sich nicht, unterkomplex“, empfehlen Sie. Aber wäre nicht Löschen eine Alternative?

Vielleicht, ich habe ja auch schon hunderte Kommentare, wenn nicht Tausende gelöscht. Aber jetzt mache ich ein Experiment: Jede und jeder soll sehen, wie „friedlich“ die MontagsquerfrontlerInnen in Wirklichkeit sind. Ich habe ja inzwischen freie Auswahl unter allen möglichen Todesarten: „Schädel spalten“, „durchs Knie ins Augen schießen“, mich „nachts überfallen“ und so „bearbeiten“, dass mich „nie wieder einer erkennt“. Dazu kommen nicht mehr zählbare Vergewaltigungsdrohungen und Schmähungen. Aufschlussreich ist der Antifeminismus und der Frauenhass. Die sind neben dem Antisemitismus, dem Rassismus, dem völkischen Denken, der Homophobie und der Sehnsucht nach autoritären gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht zu unterschätzen.

Ihr kommender Vortrag findet im DGB-Gewerkschaftshaus statt. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften heute?

Kritisch-solidarisch. Ich bin seit rund 40 Jahren hauptsächlich außerparlamentarisch aktiv und zähle mich zur antiautoritären, undogmatischen Linken, seit 1978 bin ich außerdem Gewerkschaftsmitglied, Jahrzehnte in den IG Medien, sechs Jahre in Gremien, heute, als freie Publizistin, einfaches ver.di-Mitglied.

Jutta Ditfurth kommt am Mittwoch, dem 25.06, um 18.30 Uhr ins Münchner Gewerkschaftshaus, um die Neue Rechte und ihre in sich stimmige Gefühlslage zwischen Nationalismus, Antisemitismus und brauner Esoterik darzustellen.

München: Jüdische Organisationen fordern: „Bring Back Our Boys!“

Die Entführung der drei israelischen Teenager durch die Hamas entfachte eine weltweite Solidaritätsbewegung. Ob auf den Fidschi-Inseln, in Australien, auf dem Times Square oder in Russland – überall halten Menschen Plakate mit der gleichen Botschaft: #BringBackOurBoys. So auch in München.

Dutzende Unterstützterinnen und Unterstützer hatten sich am Dienstag in der Münchner Innenstadt versammelt, um ihre Solidarität mit den entführten Israelis Gilad (16), Naftali (16) und Eyal (19) zu bekräftigen. Unter anderem hatte die Europäische Janusz Korczak Akademie, die Zionistische Organisation München, der Verband jüdischer Studenten in Bayern sowie der Landesverband der Israelititschen Kultusgemeinden dazu aufgerufen.

„Wir möchten mit dieser Veranstaltung ein Zeichen der Solidarität mit den Familien von Gilad, Naftali und Eyal setzen“, erklärte am Abend der Direktor der in München ansässigen Europäischen Janusz Korczak Akademie, Stanislav Skibinski: „Kein Kind sollte mit der ständigen Angst vor Terrorismus leben müssen. Wir fordern daher jetzt die sofortige Freilassung der drei entführten Jugendlichen.“

Candy vom Killer
Am 12. Juni kehrten die drei Schüler nicht mehr zu ihren Familien zurück. Sie befanden sich auf dem Heimweg von ihrer jüdischen Schule in Kfar Etzion, 20 Kilometer südlich von Jerusalem, als sie verschleppt wurden. Seitdem fehlt jede Spur. Die radikalislamische Terrororganisation Hamas steht im Verdacht, hinter der Entführung zu stecken. Wie schon im Falle des entführten Soldaten Gilad Shalit wurde auch diese Entführung in den palästinensischen Gebieten wie ein Volksfest gefeiert. Angehörige palästinensischer Häftlinge verteilten nach der Entführung der drei israelischen Jugendlichen auf den Straßen von Gaza Süßigkeiten.

Fatah veröffentlicht zur Feier antisemitische Karikatur
Zusätzlich wird die Entführung mit Karikaturen und Bildern kommentiert. Auf der Facebook-Seite der Fatah erschien eine Karikatur, die drei Entführungsopfer waren darauf als Ratten an einer Angel baumelnd dargestellt – die Ratten durch Kippa und Davidsterne eindeutig als Juden gekennzeichnet. Die Bildüberschrift: „Meisterstück.“

Zum Abschluss der Plakataktion in der Theatinerstraße wurden noch Psalmen verlesen. Der amtierende Gemeinderabbiner Dr. Levinger sagte in einer bewegenden Ansprache: „Wir wollen Frieden. Und wir sollen Frieden haben. Und wir werden Frieden haben.“ Das wäre wirklich zu wünschen. Eine weitere Protestaktion gegen die Entführung ist am Freitag um 14 Uhr am Isartor geplant.